Uwe Timm: Rot

 „Ich schwebe. Von hier oben habe ich einen guten Überblick, kann die ganze Kreuzung sehen, die Straße, die Bürgersteige. Unten liege ich.“ Ein genialer Beginn dieses Romans. Das hat mich in der Buchhandlung gleich so gefesselt, dass ich mir das Buch gekauft habe, obwohl ich von dem Autor bisher noch nicht gekannt habe. Man ist gleich mitten drin in der Geschichte. Offensichtlich endet die Geschichte mit dem Tod des Erzählers und alles was folgt ist im Rückblick erzählt.

Auch mit seiner Hauptfigur hat mich der Autor sofort gehabt: Der Alt-68er Thomas Linde ist Jazzkritiker und Beerdigungsredner. Eine interessante Kombination. Für mich als Pastor, der ja auch auf Beerdigungen zu reden hat, war es spannend zu lesen, wie Thomas Linde diese Aufgabe angeht. Jemand der Trauerreden hält muss sich ernsthaft mit dem Thema Tod auseinander setzen. Wie sieht das bei jemand aus, der ohne den Horizont des christlichen Glaubens über den Tod spricht?

Aus der Hauptfigur ergeben sich auch die weiteren Themen des Romans: was ist aus den gesellschaftlichen und politischen Träumen der 68er-Generation geworden? Mussten sie all diese Träume beerdigen und haben nur noch ihr kleines privates Glück (z.B. gute Jazzmusik zu hören)? Was ist aus der sexuellen Revolution und dem Traum von der freien Liebe geworden? Thomas Linde wird mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, als er eine Ansprache für einen verstorbenen Weggefährten aus der gemeinsamen politisch linken Zeit halten soll.

Auch die Idee den ganzen Roman als Trauerrede für die verstorbene Hauptperson zu verfassen, finde ich gelungen. Der Erzähler hält also praktische seine eigene Beerdigungsansprache. Die Leser werden immer wieder als Trauergemeinde angesprochen. Das bietet zum einen eine gewisse Distanz zu dem Erzählten und zugleich ist man als Leser mittendrin, weil Thomas Linde ja seine eigene Lebensgeschichte berichtet.

Aber leider ist bei mir als Leser der Funke, der am Anfang übersprang, im Lauf des Buches immer mehr verloschen. Die Geschichte zieht sich hin, ohne echte Höhepunkte. Die Wechsel der Erzählperspektive werden immer konfuser – an mancher Stelle wusste ich nicht mehr von was oder wem der Autor gerade schreibt. Das ist sicher beabsichtigt, denn seine Hauptfigur Thomas Linde sagt gegen Ende immer öfters: „Ich verliere mich.“ Ja das stimmt – aber mit diesem stilistischen Kniff hat er auch mich als Leser verloren. Schade!

Noch ein geniales Zitat zum Thema Tod und Ewigkeit: „In dieser Gesellschaft ist der Tod allgegenwärtig. Wo immer du hinblickst. Leute, die sich schminken lassen, liften, falsche Zähne einsetzen, kaufen, edelkaufen, ein unbeschreibliche Lebensgier, eine sich in Verdoppelung ausbreitende Sucht der Selbstverwirklichung, die nach einer Zweitwohnung, nach dem Zweitauto, Zweitfernseher, der Zweitfrau verlangt, denn man weiß, auch der Papst ahnt es, nicht, nichts kommt danach. Wir leben in der transzendentalen Obdachlosigkeit. Dies bißchen Erde. Das ist alles. Hier, hier, hier. Jetzt, jetzt, jetzt. Sonst nichts. Es ist nur die Frage, wie man damit umgeht, also auf Schnäppchenjagd geht oder etwas anderes sucht.“ (S.132) Ja, sehr gut beobachtet: das ist das Lebensgefühl Vieler – diese transzendentale Obdachlosigkeit. Für mich setzt die Frage allerdings schon vorher an: gibt’s wirklich nichts als das Hier und Jetzt?

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