Tomáš Halík: Geduld mit Gott

Halik: Geduld mit GottDer tschechische Psychotherapeut und Priester Tomáš Halík beschäftigt sich in diesem Buch mit atheistischer Kritik, Zweifel und Ablehnung des christlichen Glaubens. Er bedient sich als Analogie zu solchen Menschen der Geschichte von Zachäus. Zachäus war auch ein skeptischer Zeitgenosse, der kein Anhänger Jesu war, sondern sich Jesus aus sicherem Abstand und hinter den Feigenblätter seiner Zweifel anschauen wollte.

Seine Grundaussage ist folgende: „Glaube und Atheismus sind zwei Sichtweisen eben dieser Tatsache, der Verborgenheit Gottes, der Transzendenz, der Undurchdinglichkeit seines Geheimnisses.“ (S.72) Gott ist ein Geheimnis, er ist selbst in Jesus Christus noch quasi inkognito unterwegs, weil man auch die Selbstoffenbarung in Christus unterschiedlich deuten kann. Gott zeigt sich in unserer Welt nicht eindeutig und unzweifelhaft – sonst wäre ja auch kein Glaube nötig. Sowohl der leidenschaftliche Atheist als auch der leidenschaftlich Glaubende nehmen diese Abwesenheit Gottes wahr, ziehen allerdings unterschiedliche Schlüsse: der leidenschaftliche Atheismus ist letztendlich Glaube, dem die Geduld mit Gott fehlt, Glaube, der zu schnell aufgibt.

An vielen Stellen setzt sich Halík mit einem der größten Kritiker des Glaubens auseinander: Friedrich Nietzsche. Er sieht Nietzsche deutlich differenzierter als viele Christen, die von vornherein alle seine Gedanken ignorieren und ablehnen. Halík sieht in Nietzsche nicht so sehr einen Denker, der Gott abschaffen möchte oder ihn leugnen möchte, sondern als einen Beobachter seiner Zeit, der nüchtern und vielleicht auch erschrocken feststellt, dass die wir Menschen schon längst ohne Gott leben. Der Nietzsche-Satz „Gott ist tot!“ ist keine Forderung, sondern eine Feststellung: auch wenn es viele Menschen noch gar nicht gemerkt haben – in philosophischer und alltäglich praktischer Sicht haben wir Gott abgeschafft. Wir haben den Horizont weggewischt. Es gibt keine Sonne als Orientierungspunkt mehr. Es gibt kein oben und unten. Die Menschheit befindet sich im freien Fall.

Diese Diagnose teilt Halík durchaus. Sie deckt sich mit seiner Einschätzung der Verborgenheit Gottes. Gott ist nicht die für alle offensichtliche Sonne am Himmel. In einer Welt, mit einer „verborgenen Narbe im Herzen des Daseins“ (S.204; damit ist auf den Schöpfungsfall angespielt) ist die ursprünglich gute Schöpfungsordnung zerstört und Gottes Antlitz für uns nicht mehr direkt sichtbar. Die Frage ist, welche Konsequenzen man aus dieser Verborgenheit Gottes zieht. Für Nietzsche war die Konsequenz, dass der Mensch ohne Gott leben muss und sich selbst an die leer gewordene Stelle setzen muss. Für Halík ist die Konsequenz, dass wir Geduld haben müssen.

Für Halík ist der leidenschaftliche Atheismus eines Nietzsche sehr viel näher mit unserem Glauben verwandt als ein leidenschaftsloser und oberflächlicher Glaube. Oder als ein fundamentalistischer Glaube, der die Verborgenheit Gottes einfach leugnet und sich mit einfachen Antworten zufrieden gibt. Oder als eine säkulare Gleichgültigkeit gegenüber allem Göttlichen.

Die Frage ist, wie wir Christen mit solchen Zachäus-Menschen umgehen sollen, welche mit Fragen und Zweifeln auf den Bäumen sitzen. Wie gehen wir mit Menschen um, die unsere Art zu glauben nicht teilen, die sich aber trotzdem mit Gott – auch kritisch – auseinander setzen? Jesus selbst hat Zachäus beim Namen gerufen. Es ist also wichtig, das Gegenüber zu kennen, ernst zu nehmen in seinen Fragen. Halík geht es hier um mehr als ein taktisches Einfühlen zum Zweck der Missionierung. Von den Fragen und der Gottsuche der Menschen am Rand der Kirche können wir auch selbst etwas lernen. Ein weiteres Stichwort ist bei Halík die Liebe. Weil Gott durch den Heiligen Geist in uns wohnt, können andere Menschen in unserer Liebe das Antlitz Gottes erkennen.

Einen sehr spannenden Gedankengang fand ich in einem Kapitel, in dem sich Halík mit Terrorismus auseinandersetzt. Nicht nur auf der individuellen Ebene sollten wir Christen Friedensstifter und Versöhner sein, sondern auch auf gesellschaftlicher und weltpolitischer Ebene. Halík sieht das Hauptziel von Terroristen nicht darin, möglichst viele Menschen einer bestimmten Gruppe zu töten, sondern darin, Angst zu erzeugen. Das geschieht in unserer heutigen Welt vor allem durch die Bilder, die in den Medien transportiert werden. Im Vergleich zu manch anderen Kriegen und Massakern der Weltgeschichte, sind am 11. September relativ wenig Menschen gestorben. Aber die Bilder der einstürzenden Zwillingstürme haben sich durch die Medien innerhalb kürzester Zeit ins kollektive Bewusstsein der westlichen Welt eingebrannt und erzeugen dort Angst. Das ist genau das Ziel der Terroristen. Ob bei den Anschlägen nun Christen, Hindus oder Moslems starben ist zweitrangig. Wichtig ist die Angst, die erzeugt wurde. Halík bezeichnet in diesem Zusammenhang die Medien „als die Religion der gegenwärtigen westlichen Welt“ (S.185) Denn sie übernehmen die Rolle, die früher die Religion inne hatte: sie prägen unseren Denk- und Lebensstil und sie interpretieren für uns die Welt.

Darüber hinaus sind die bildgewordenen Alpträume von Horror- und Actionfilmen „eine Art Antimeditation“ (S.188). In der Meditation geht es eigentlich darum, von angstmachenden Bildern frei zu werden. Die Unterhaltungsindustrie füttert uns dagegen mit dem Nervenkitzel von faszinierenden Bildern, die uns wie eine Droge beherrschen. Wir meinen das Spiel mit diesen Bildern zu beherrschen und damit auch die Angst zu beherrschen, aber es ist wie bei einer Droge: am Anfang schenkt uns die Droge Ablenkung und Erleichterung, aber mit der Zeit nimmt sie uns gefangen. Und wenn wir dann im Fernsehen immer wieder sehen, wie am 11. September durch die einstürzenden Zwillingstürme ein Katastrophenfilm Wirklichkeit geworden ist, dann ist die Angst nur um so größer. Für mich als Leser stellt sich da die Frage, von welchen Bildern ich mein Bewusstsein bestimmen lasse…

Viele gute Gedanken und Gedankenanstöße nehme ich aus diesem Buch mit. Nicht mit allen Aussagen bin ich einverstanden. Manches ist mir zu weitgehend. Manches ist mir zu fremd, vor allem Halíks pointiert katholischer Position und der konkreten Einordnung seiner Gedanken in seinem tschechischen Hintergrund.

Am stärksten finde ich – auch sprachlich – seine Kritik an all zu bequemen und eindimensionalen frommen Aussagen, aber auch seine Abgrenzung gegen eine unhinterfragte atheistische Position. Wie so oft ist es leichter, bei anderen zu kritisieren, als selbst etwas positiv zu formulieren. Aber dieser Weg ist auch nicht einfach zu beschreiben. Halík formuliert es so: „Ich bin überzeugt, dass es in unserer Welt nichts Wichtigeres gibt, als den Weg zwischen der Skylla eines religiösen Fundamentalismus und der Charybdis eines fanatischen Säkularismus zu finden.“ (S.193) 

(Amazon-Link: Halík: Geduld mit Gott)

Bewerte diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.