Titus Müller: Nachtauge

Müller: NachtaugeEin gelungener historischer Roman, der in der Zeit des 2. Weltkrieges spielt. Ausgehend von wahren Begebenheiten erzählt Titus Müller in zwei Erzählsträngen eine Spionagegeschichte, die in England spielt und eine Liebesgeschichte, die in Deutschland spielt. Durch verschiedene Personen und verschiedene Perspektiven gibt er dem Leser einen guten Einblick in die verworrene Zeit des Nationalsozialismus.

Hauptpersonen sind im einen Erzählstrang der britische Agent Eric Knowlden, der eine deutsche Spionin mit Codenamen Nachtauge jagt. Nachtauge versucht durch Sabotageakte die englische Kriegsführung zu stören und geht dabei gerissen und kaltblütig vor. Sie versteht es, unerkannt zu bleiben und andere Menschen zu täuschen. Bei Männern kommt ihr dabei ihr attraktives Aussehen zugute. Sie steht kurz davor einen möglicherweise kriegsentscheidenden Flugangriff auf die deutsch Möhntalsperre aufzudecken. Eric Knowlden versucht sie daran zu hindern.

Im anderen Erzählstrang wird die Geschichte von Georg Hartmann, eines deutschen Lagerleiters von Zwangsarbeiterinnen erzählt. Er ist eigentlich Lehrer und hat nur mit Hilfe seines Schwagers, der bei der Gestapo arbeitet, die Stelle als Lagerleiter bekommen. Ansonsten hätte er an die Front müssen. Doch Georg identifiziert sich nicht mit der nationalsozialistischen Sichtweise und gerät in immer größere innere und äußere Konflikte. Völlig unmöglich wird seine Situation, als er sich in die ukrainische Lagerarbeiterin Nadjeschka verliebt.

Interessant fand ich den historischen Hintergrund. Die Möhntalsperre wurde im 2. Weltkrieg tatsächlich von den Briten durch eine neuartige Bombentechnik und waghalsige Flugmanöver bombardiert und beschädigt. Auch das Lager von Zwangsarbeiterinnen unterhalb der Möhntalsperre gab es wirklich und sogar dass sich der Lagerleiter in eine Arbeiterin verliebt hat und sie nach dem Krieg geheiratet hat beruht auf echten Ereignissen. Titus Müller hat Geschichtswissenschaft, Literatur und Publizistik studiert und von daher den Stoff gut recherchiert und spannend aufbereitet.

Gelungen fand ich auch, dass nicht nur die kritische Sichtweise gegenüber dem nationalsozialistischen Staat zur Sprache kommt, sondern auch aus der Sicht von Personen erzählt wird, die sich aus unterschiedlichen Gründen mit diesem Staat arrangiert haben oder ihn sogar vehement unterstützen. Titus Müller macht uns Leser eindrücklich deutlich, dass es in dieser Mischung von Bespitzelung, Verleumdung und Gewalt gegenüber Andersdenkenden gar nicht so leicht war, Widerstand zu leisten.

Der Autor erzählt seine Geschichte flüssig, spannend und klar strukturiert. Die zwei Erzählstränge haben zwar nur entfernt etwas miteinander zu tun, aber sie sind geschickt miteinander verbunden. Vom Stil her ist das Buch sehr gut zu lesen. Mir ging es allerdings so, dass ich es angesichts des Themas manches mal als zu glatt und gefällig empfand. Die Abgründe dieser Zeit spiegeln sich in der Sprache und Erzählstil nur wenig wieder. Aber das ist auch schwierig: wie will man diese Abgründe in Sprache fassen und dabei auch noch einen unterhaltsamen und spannenden Roman schreiben (und das muss ja heute sein – ansonsten wird das Buch nicht gelesen und gekauft).

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