Thomas Glavinic: Das größere Wunder

Glavinic: Das größere WunderEndlich mal wieder ein Roman, der mich gefesselt hat und den ich regelrecht verschlungen habe. Nicht alles fand ich gelungen und so manche Fragen bleiben offen, aber wie sagt schon ein Protagonist des Buches: „Antworten werden überschätzt.“

Die Hauptperson des Buches ist Jonas. Er hat zu Beginn eine deprimierenden Kindheit. Seine alleinerziehende Mutter ist alkoholabhängig, hat ständig wechselnde Freunde und kümmert sich kaum um Jonas und seinen behinderten Zwillingsbruder Mike. Doch auf märchenhafte Weise ändert sich das Leben der beiden schlagartig. Sie werden gewissermaßen adoptiert von Picco, einem unermesslich reichen älteren Mann, der mafiöse Züge zeigt, aber als Pate fortan über die Jonas und seinen Bruder wacht. Bei Picco wachsen die beiden zusammen mit Werner, dem Enkel von Picco auf.

Die drei Jungs wachsen außerhalb der normalen Welt auf. Sie bekommen Privatunterricht und Picco erlaubt ihnen so gut wie alles. Jonas und Werner sind beide hoch begabt und können sich aufgrund des Reichtums und des Schutzes von Picco so ziemlich alle Kleinjungenträume erfüllen. Sie verstehen sich nicht nur sehr gut, sondern es besteht eine Art Seelenverwandtschaft zwischen den beiden. Sie können sich sogar telepathisch verständigen.

Die nächste Wende erlebt Jonas, als innerhalb kurzer Zeit alle wichtigen Bezugspersonen sterben: sein Bruder Mike, sein Adoptivbruder Werner und sein Ersatzgroßvater Picco. Da er ein riesiges Vermögen erbt, muss er sich um Geld keine Sorgen machen. Aber gerade deswegen erlebt er den Schmerz und die Suche nach Sinn umso intensiver. Er wird zu einem rastlosen Sucher, der durch die Welt jetet, von einer absurden Extremsituation in die nächste gerät und dabei gar nicht richtig weiß, was er eigentlich sucht.

Seine Suche scheint zu Ende zu kommen, als er Maria kennenlernt – die Frau, von der er schon vorher wusste, dass sie irgendwo existiert und für ihn bestimmt ist. Er erlebt zunächst das große Glück, doch Maria sucht irgendwann wieder Abstand von ihm und er fällt in das nächste große Loch.

Daraufhin entschließt sich Jonas zu seinem extremsten Abenteuer: Er will den Mount Everest besteigen. Auf dem Weg dorthin erlebt er dramatisches und am Ende begegnet er auch wieder seiner großen Liebe.

Die ganze Geschichte wird in zwei parallelen Erzählsträngen entfaltet. Immer abwechselnd wird der Aufstieg zum Mount Everst beschrieben und die dahinter liegende Lebensgeschichte von Jonas – bis schließlich am Ende beide Stränge zusammengeführt werden.

Das ganze trägt märchenhafte Züge und an vielen Stelle trägt der Autor etwas dick auf. Wer solche fantastische Elemente nicht mag, sollte nicht nach diesem Buch greifen. Aber ich glaube, es geht dem Autor gerade um diese märchenhafte Zuspitzung. Was wäre, wenn wir unendlich viel Geld hätten, alles tun könnten, was wir uns wünschten und dazu noch sehr intelligent wären? Wären wir dann glücklich? Jeder normale Mensch wird hier schnell sagen: Natürlich geschieht das nicht automatisch. Glavinic treibt dieses Gedankenexperiment auf die Spitze. Auf über fünfhundert Seiten treibt er seinen ruhelosen Helden durch die Welt und am Ende bleibt nicht viel mehr übrig als die Liebe zu einem Menschen.

Von so manchen Kritikern wird Galvinics Buch zerrissen. Und so manche Kritik ist für mich auch nachvollziehbar. Aber trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen. Ich finde es fesselnd geschrieben. Die Geschichte am Mount Everest klingt glaubwürdig und ist dramatisch erzählt. Die rastlose Lebenssuche des Jonas ist natürlich übertrieben und unrealistisch dargestellt. Aber gerade darin macht sie die rastlose Suche von uns modernen Menschen in der ersten Welt deutlich. Wir haben doch eigentlich alles, was wir brauchen – und dennoch kommen wir nur so schwer zur Ruhe, dennoch fällt es uns so schwer, wirklich Frieden zu finden. Wir hetzen durchs Leben und nur wer mutig genug ist, traut sich die großen Fragen nach dem Warum und Wozu wirklich existentiell zu stellen.

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