Hebräer 12, 12-24 Anspruch und Zuspruch

Auch in diesem Abschnitt begegnet uns wieder ein In- und Miteinander von Anspruch und Zuspruch. Auf der einen Seite werden die Leser eindringlich vor einem laschen Glauben gewarnt. Sie sollen sich zusammenreißen und anstrengen, sonst werden sie Gott nicht begegnen: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“ (V.14) Wer das nicht tut, dem wird es wie Esau gehen, der sein Erstgeburtsrecht verkaufte und damit den Segen verspielt hatte – obwohl er später unter Tränen Buße suchte (V.17). Das heißt: Wer nicht ernsthaft nach einem heiligen Leben strebt, der kann seinen Platz bei Gott verspielen. Das klingt für mich nicht sehr ermutigend, sondern macht mir einfach nur Angst. Aber ist Angst ein gutes Motiv, um am Glauben zu bleiben?

Auf der anderen Seite wird den Lesern zugesprochen (V.22), dass sie schon zum himmlischen Jerusalem gekommen sind (Vergangenheitsform!) und dass sie gekommen sind zu der „Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind“ (V.23). Das heißt: Es ist alles schon passiert, es ist alles schon klar. Wer Jesus vertraut, der gehört schon zum himmlischen Jerusalem, sein Name ist schon im Himmel aufgeschrieben. Das klingt für mich sehr tröstlich und weckt bei mir eher Vertrauen in Gott als die angstmachende Ermahnung.

Aber offensichtlich ist der Hebräerbrief der Meinung, dass wir beides brauchen: Den Anspruch, nicht im Glauben nachzulassen und den Zuspruch, dass Jesus schon alles für uns getan hat. Auch wenn sich rein logisch beide Pole schwer miteinander verbinden lassen, haben wir wohl rein praktisch beide Pole nötig.

| Bibeltext |

1. Johannes 3, 18-24 Anspruch und Zuspruch

Johannes betont im ganzen Kapitel sehr stark unser konkretes Handeln: wir sollen nicht nur mit Worten lieben, sondern auch und vor allem mit Taten (V.18). Er weiß aber auch um die Grenzen unseres Handelns. In unserem Herzen (das entspricht nach heutigem Sprachgebrauch unserem Gewissen) werden wir immer wieder feststellen, dass wir in unserem Bemühen um Liebe Fehler machen. Gegen diese menschliche Schwäche und Gewissensnot betont Johannes die Größe Gottes, denn es gilt, dass „wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ (V.20)

Das soll aber keine billige Entschuldigung sein– nach dem Motto: „Ich schaff das eh nicht, weil ich halt nicht perfekt bin. Dann kann ich’s ja auch gleich bleiben lassen und auf die Gnade Gottes vertrauen.“ Nein, es ist Trost für denjenigen, der sich wirklich bemüht und dabei immer wieder an seine Grenzen stößt. Auch hier wird der Anspruch (ein Leben der Liebe zu führen) nicht durch den Zuspruch (Gott vergibt unser Versagen) aufgehoben.

| Bibeltext |

1. Petrus 1, 1-2 – Fremdlinge

Nach den Psalmen jetzt wieder was neutestamentliches (und nicht ganz so langes… 😉 ): Die Petrusbriefe. Der erste Brief geht gleich spannend los: Petrus spricht die Empfänger nicht als „liebe Brüder und Schwestern“ an oder als „liebe Gemeinde“, sondern als Fremdlinge. Das erinnert zum einen an die Glaubensväter Israels, die als Fremdlinge im Land Kanaan gelebt haben (1. Mo. 23,41; 26,3). Zum anderen macht es deutlich, dass wir Christen hier auf dieser Welt nicht unser eigentliches zu Hause haben. Wir sind Fremdlinge. Wir sind nur zu Gast. Wir sind nur auf der Durchreise.

Natürlich darf und soll man sich auch als Fremdling in seinem Gastland wohl fühlen und es sich gemütlich einrichten. Aber der Fremdling weiß doch immer im Hinterkopf: „Meine eigentliche Heimat ist woanders. So richtig zu Hause fühlen werd ich mich hier nie. Ich werde immer ein Stück weit fremd bleiben. Dieses seltsame Gefühl im Herzen, dass da noch was fehlt, das wird erst anders wenn ich zu Hause beim Vater bin.“ Ich kenn dieses Gefühl irgendwie. Ich lebe gerne hier. Und es geht mir eigentlich richtig gut: Ich hab einen Job, der mir Freude macht, eine tolle Familie und bin gesund. Und doch fühl ich mich so manches mal fremd auf dieser Welt. Irgendwas fehlt noch…

Noch eine andere Formulierung hat mich in diesen zwei Versen angesprochen (erstaunlich, wie viel Inhalt Petrus in diese paar Begrüßungsworte legt!): Gott hat die Empfänger durch die Heiligung des Geistes ausersehen „zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi“ (V.2) Wozu sind wir Christen bestimmt? Zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu. Mit der Blutbesprengung ist gemeint, dass wir Anteil haben an Jesu Tod am Kreuz. Sein vergossenes Blut erwirkt Vergebung. Sehr eindrücklich, wie hier auf engstem Raum Zuspruch und Anspruch des Evangeliums verknüpft sind: Es wird uns die Vergebung zugesprochen, wir sind durch Jesus frei von Sünde, haben Frieden mit Gott. Zugleich hat Gott den Anspruch, dass wir ihm gehorsam sind, dass wir nicht einfach tun und lassen was wir wollen, sondern dass wir nach seinem Willen fragen und unser Leben nach diesem guten Willen Gottes gestalten.
Bibeltext