Sprüche 25, 11-28 Das süße Leben

Wer Honig findet, der hat Glück (V.16). Für jemand im Alten Orient, der keinen Industriezucker und bergeweise Süßigkeiten im Küchenschrank hat, ist gefundener Honig eine seltene Köstlichkeit. Honig ist süß und macht glücklich. Aber in unserer Überflussgesellschaft merken wir das ganz genau: Dass sich das Glück mit der Menge des Honigs proportional erhöht ist ein Trugschluss. Wenn wir zu viel Gutes in uns hinein stopfen, dann schmeckt es uns am Ende nicht mehr und es wird uns schlecht davon. Weniger ist mehr – das ist wahre Lebenskunst.

„Ein Mann, der seinen Zorn nicht zurückhalten kann, ist wie eine offene Stadt ohne Mauern.“ (V.28) Aber ist nicht ein Mann, der dauernd seinen Zorn unterdrückt wie ein explosives Pulverfass? Was ist die richtige Balance, um mit unserem Zorn nicht entweder andere oder uns selbst zu schaden? Wie können wir mit Zorn konstruktiv umgehen?

| Bibeltext |

Hesekiel 16 Der verlassene Liebhaber

Was für ein Kapitel! Da spricht ein verlassener Liebhaber. Er ist enttäuscht, zornig,eifernd und doch immer noch voller Liebe. Jerusalem wird als Frau geschildert, die von Gott aus der Gosse gerettet wurde. Er hat sie liebevoll großgezogen und sie schließlich zu seiner Frau genommen. Unter seiner Fürsorge ist sie zu einer Schönheit herangewachsen und durch die Verbindung mit ihm zu Ansehen gelangt. Und trotzdem hat sie ihren Mann einfach sitzen gelassen und hat sich mit anderen Männern vergnügt. Ausführlich werden die Verirrungen auf religiösem und politischen Gebiet geschildert.

Das erstaunlichste aber ist das Ende des Kapitels. Obwohl die Frau bewusst, willentlich und wiederholt den Bund gebrochen hat, verspricht dieser betrogene Ehemann sich weiter an seinen Bund zu halten – ja, er will sogar einen ewigen Bund aufrichten (V.60). Trotz allem was geschehen ist, will er vergeben (V.63). Obwohl der zornige und enttäuschte Liebhaber davon spricht, sein Frau zu richten und sie zu bestrafen, wie man Ehebrecherinnen bestraft (V.38), siegt am Ende doch seine Liebe und sein Erbarmen. Was für ein Wunder ist diese Liebe Gottes!

| Bibeltext |

Exodus 34, 1-10 Ein Gott der zweiten Chancen

Erstaunliches hin und her. Gott befreit sein Volk aus Ägypten und schließt einen Bund mit ihm (Ex. 24,1-8). Kurz darauf bricht das Volk diesen Bund und macht sich mit dem goldenen Kalb einen eigenen Gott (Ex. 32,1-6). Und wiederum kurz darauf schließt Gott schon wieder einen neuen Bund mit seinem Volk (Ex. 34,10). Das ist so als ob ein Mann eine Frau heiratet, sie dann kurz nach der Hochzeit mit einem fremden Mann erwischt, sich scheiden lässt und dieselbe Frau dann kurz darauf wieder heiratet.

Zurecht bezeichnet Mose Gott als „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ (V.6). Natürlich ist er zornig und frustriert über sein untreues Volk, aber seine Liebe ist stärker. Er gibt nicht auf. Er versucht es noch einmal. Er schließt einen neuen Bund.

| Bibeltext |

Epheser 4, 25-32 Vom Umgang mit Zorn

Jetzt kommen konkrete ethische Anweisungen, wie das Leben als von Gott erneuerter Mensch aussehen sollte. Interessant fand ich den Umgang mit dem Zorn. Grundsätzlich soll aller Zorn fern von uns sein (V.31). Aber der Epheserbrief weiß doch auch feine Unterscheidungen zu machen: Es gibt Affekte, die wir nicht so einfach kontrollieren können. Dazu zählt der Zorn. Darum schreibt er: „Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonnen nicht über eurem Zorn untergehen.“ (V.26)

Wir sind als Christen und auch als erneuerte Menschen keine Roboter, die ständig ihre Gefühle im Griff haben. Auch wir können vom Zorn überwältigt werden. Die Frage ist dann, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen. Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen! Das heißt doch, dass wir den Zorn an sich nicht verhindern können, dass wir aber verhindern können, dass er sich fest setzt. Wie man das konkret macht, ist allerdings noch mal eine andere Frage. Unterdrücken, ignorieren, rauslassen, mit einem Seelsorger darüber reden, beten,…???

Genial an diesem Abschnitt finde ich, dass hier nicht nur dazu aufgefordert wird, das Negative zu lassen, sondern auch dazu, das Positive zu tun. Das geht über das „du sollst nicht“ der zehn Gebote hinaus. Es geht nicht nur darum das Böse nicht zu tun, sondern gleichzeitig auch darum, das Gute einzuüben.

| Bibeltext |

Martin Walser: Seelenarbeit

Ein gut geschriebener, ja ein brillant geschriebener Roman, aber – zumindest für mich – nicht besonders vergnüglich zu lesen. Walser nimmt den Leser mit hinein in die verquere Gedankenwelt des Chauffeurs Xaver Zürn. Schon der Name drückt etwas von seinem Charakter aus: Xaver steht für eine gewisse bäuerlich-ländliche Engstirnigkeit und Verschwiegenheit (über Gefühle redet man nicht, schon gar nicht über seine eigenen) und Zürn deutet den tief sitzenden Zorn auf sich selbst und auch das Leben an, der immer wieder an die Oberfläche hinauf brodeln will.

Was mir gefällt ist, dass Walser sich ganz auf diesen einen Charakter konzentriert. Es tauchen auch noch andere Personen auf – seine Frau, die zwei jugendliche Töchter, verschiedene Verwandte und vor allem sein Arbeitgeber – aber Walser fokussiert seinen Roman auf eine Charakterstudie dieses einen Menschen. Für mich sind solche Romane besser lesbar, als welche in denen unzählige Personen beschrieben werden, in denen sich tausende von Geschehnissen ereignen und in denen womöglich noch unterschiedlich Zeitebenen und Perspektivenwechsel vorkommen.

Walser gelingt es erstaunlich und erschreckend gut, den Leser in die Gedankenwelt dieses Xaver Zürn mit hinein zu nehmen. Ich hab mehrere Male beim Lesen gedacht: Wann kommt endlich die Wende? Wann kommt dieser arme, in seinen abgründigen, manchmal größenwahnsinnigen und manchmal selbstzerstörerischen Gedanken gefangene Mensch endlich zur Vernunft? Aber erst ganz am Ende taucht ein kleiner Lichtschimmer auf. Von daher ist das kein „Feel-good“-Roman, sondern ein Buch, durch das man sich auf gewisse Weise durch quälen muss – aber das ist gerade die große Kunst, die Walser hier gelingt: Dass der Leser mit der Hauptfigur mitleidet, dass der Leser miterlebt, wie sich dieser Xaver Zürn durch’s Leben quält.

Mir wurde durch diesen Roman deutlich, wie sehr man sich selbst das Leben schwer machen kann, wenn man alles nur auf sich bezieht und wenn man immer mit dem Schlimmsten rechnet. Ich bin ja wahrlich kein Freund von positivem Denken, das alleine greift zu kurz. Aber eine positive Einstellung zum Leben und zu sich selbst erleichtert doch vieles.

Psalm 38 – Festklammern

Wär das nicht ein Grund, sich von Gott loszusagen? Ein schwerkranker Mensch mit stinkenden und eiternden Wunden begegnet uns in diesem Psalm. Er sieht sich von Gott gestraft und sieht seine Situation als Folge seiner Sünde. Wär es nicht einfacher, sich von diesem zornigen Gott abzuwenden? Vor allem wenn man sieht, dass es den Gottlosen oft besser geht, als den Gläubigen (vgl. Ps. 37)! „Aber ich harre, Herr, auf dich.“ (V.16) „Eile, mir beizustehen, Herr, du meine Hilfe!“ (V.23) Trotz allem klammert er sich an Gott fest. Trotz allem weiß er: Wenn jemand helfen kann, dann Gott.

Ich sollte auch mehr festklammern, mehr von IHM erwarten. Auch dann, wenn ich scheinbar nichts von Gott sehe.
Bibeltext

Psalm 4 – In Frieden schlafen

Zwei Verse sind mir bei diesem Vers besonders ins Auge gefallen. Der eine ist V.5: „Sündigt nicht, wenn ihr zornig seid. Nehmt euch eine Nacht Zeit, um darüber nachzudenken und verhaltet euch ruhig.“ (Neues Leben Übersetzung). Wie viel Leid würde uns erspart bleiben, wenn wir das auch nur halbwegs praktizieren würden!!! Klasse, wie nüchtern und pragmatisch die Bibel auch mit solchen „alltäglichen“ Problemen umgeht. Zu beachten ist: Der Zorn an sich ist noch keine Sünde. Der Zorn kommt ganz einfach, ohne dass wir das groß verhindern können. Der kommt bei jedem von uns. Ob aus dem Zorn dann aber Sünde wird, entscheidet sich erst an meinem Umgang mit dem Zorn.

Die andere Stelle ist V. 9: „Ich liege und schlafe, ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ Ich erinnere mich dabei an ein Gespräch mit jemandem, der erzählt hat, dass er schon lange Zeit nicht mehr richtig schlafen kann. Dieser Mensch wird von vielen Ängsten und viel Misstrauen bestimmt. Inwieweit diese Ängste berechtigt sind, kann ich nicht so recht beurteilen.

Aber eins ist mir deutlich geworden: Es ist ein echtes Geschenk und nicht hoch genug einzuschätzen wenn man wie der Psalmbeter, wirklich in Frieden schlafen kann und sich bei Gott geborgen weiß. Natürlich gibt es für Schlaflosigkeit jede Menge unterschiedlicher Ursachen und man darf sich das nicht zu einfach machen (Nach dem Motto: Glaube nur – und alle deine Probleme werden gelöst sein). Und doch glaube ich, dass ein tiefes Vertrauen auf Gott hier manches bewirken kann. Wer diesen Frieden Gottes wirklich in sich hat, hat zumindest bessere Chancen auch im Schlaf Frieden zu finden.

Matthäus 5, 21-26 – Mord- und Totschlag

Also ich tu‘ mich mit den sogenannten Antithesen in der Bergpredigt schwer. Jesus spricht alttestamentliche Gebote an (in diesem Abschnitt: „Du sollst nicht töten“) und verschärft sie bzw. deutet sie auf neue, tiefere Weise. Ich bin völlig damit einig, dass das Töten schon viel früher anfängt: Mit den Gedanken und mit den Worten anderen gegenüber. Deswegen ist es gut schon vorher einzuschreiten, schon vorher versuchen, Konflikte zu lösen und zu bereinigen.

Das ist ja das Problem bei vielen Geboten und Gesetzen: Sie setzen lediglich klare Grenzlinie, aber sie setzen eben nur diese Linie und beachten nicht den Weg bis zu dieser Linie. In diesem Fall heißt die Grenzlinie: Du sollst nicht töten. Das ist absolut tabu. Aber auf dem Weg zum Mord gibt es viele Stationen, die man eigentlich auch verhindern sollte. Jesus sagt zurecht: Die Probleme beginnen schon vorher, schon bevor man diese Grenzlinie erreicht.

So weit so gut. Womit ich ein echtes Problem habe, ist die Verbindung mit dem ewigen Gericht (Jesus spricht ausdrücklich vom Höllenfeuer!). Wer seinen Bruder (oder Schwester) beleidigt oder zürnt, der ist des Gerichts schuldig, der ist genauso schuldig wie jemand, der einen umgebracht hat… Also wenn wir anfangen so zu messen, dann ist Mord- und Totschlag in unseren Gemeinden gang und gäbe. Und dann landen wir alle im Höllenfeuer. Warum verknüpft Jesus hier moralisches Handeln mit dem Bestehen im Gericht?

Die einzige Möglichkeit, die ich sehe um das aufzulösen ist, dass man sagt: Ja, gerade weil alle schuldig sind (auch wenn sie nicht tatsächlich jemand umgebracht haben) und weil alle vor Gottes Gericht nicht bestehen können, gerade deswegen musste Jesus für uns ans Kreuz und die Strafe auf sich nehmen. Die Antithesen machen also vor allem unsere Sündhaftigkeit vor Gott deutlich. Allerdings konnten den Aspekt von Jesu Sterben für uns die damalige Zuhörer nicht im Blick haben. Die Bergpredigt war ja bekanntlich vor Tod und Auferstehung Jesus… Und außerdem ist man dann schnell dabei, den moralischen Anspruch Jesu wieder zu relativieren: „Naja, so leben wie Jesus das in der Bergpredigt fordert, kann eh niemand. Darum lasst uns fröhlich sündigen und Gottes Vergebung dankbar in Anspruch nehmen.“

Was will Jesus also: Will er nur provozieren und überdeutlich machen, dass niemand vor dem Heiligen Gott bestehen kann – außer durch Gnade? Oder rechnet er ernsthaft damit, dass jemand tatsächlich ohne Zorn auf andere leben kann (und wer’s nicht kann: ab ins Höllenfeuer)?