Josua 7 Schuld und Versagen

Auf brutale Weise muss Israel lernen, dass sie allein im Vertrauen auf Gott das gelobte Land erobern können. Nur eine Person hat versagt und ganz Israel muss dafür büßen: der Israelit Achan hat aus der eroberten Stadt Jericho einige Wertgegenstände für sich mitgehen lassen, anstatt sie Gott zu überlassen. Beim nächsten Kriegszug gegen die Stadt Ai hatten die Israeliten dann keine Chance. Rein menschlich gesehen hätte das im Vergleich zur Eroberung Jerichos ein Kinderspiel sein müssen (v.3) – aber Gott war nicht bei ihnen und so scheiterten sie kläglich und 36 Israeliten kamen ums Leben (V.5). Erst danach kam die Verfehlung Achans ans Licht. Daraufhin wurden er und seine Familie gesteinigt. Erst dann kehrte sich Gott von dem „Grimm seines Zornes“ ab (V.26).

In Jesus Christus geht Gott einen neuen Weg, um mit Versagen, Schuld und Sünde umzugehen: Sünde verdient auch im Neuen Testament noch den Tod (vgl. Röm.6,23), Trennung von Gott bedeutet auch im Neuen Testament noch die Trennung vom Leben, aber Gott selbst nimmt in seinem Sohn den Tod auf sich. Er durchbricht damit die Macht der Sünde und des Todes.

Danke Gott, dass du diesen ewigen Kreislauf von Sünde, Schuld und Tod durchbrochen hast. Auch ich bin nicht besser als Achan, auch mir fehlt viel zu oft das Vertrauen in dich, auch ich suche viel zu oft meinen eigenen Vorteil, anstatt deiner Ehre. Und trotzdem schenkst du Leben, anstatt Tod. Danke!“

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Hesekiel 7 Gott wendet sich ab

Ein Kapitel voller Gerichtsdrohungen und Zorn Gottes. Wohlgemerkt geht es hier nicht um ein letztes endzeitliches Gericht, sondern um ein irdisches und begrenztes Gericht. Konkret haben sich diese Prophezeiungen erfüllt als die Babylonier 587 v. Chr. Jerusalem eroberten und den Tempel zerstörten.

Aufgefallen ist mir vor allem eine Formulierung: „Ich will mein Angesicht von ihnen abwenden.“ (V. 22) Das ist Gericht, das ist Zorn Gottes: dass er sein Angesicht abwendet. Gericht ist nicht, dass Gott Menschen Böses zufügt, sondern dass er sich abwendet und den Menschen sich selbst überlässt. Gericht ist, dass Gott seinen liebevollen Blick abwendet, dass er seine schützende Hand abzieht. Zorn Gottes ist Abwesenheit Gottes.

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Hesekiel 5 Der zornige Liebhaber

Wie so viele alttestamentliche Propheten spricht auch Hesekiel unverblümt vom Zorn Gottes. Aus heutiger Sicht ist das theologisch daneben und passt so gar nicht in unser Gottesbild. Darf man so von Gott reden? „So soll mein Zorn vollendet werden und mein Grimm über sie zum Ziel kommen, daß ich meinen Mut kühle, und sie sollen erfahren, daß ich, der HERR, es in meinem Eifern geredet habe, wenn ich meinen Grimm an ihnen vollende.“ (V.12) Mir kommt der Gott, der in diesem Kapitel beschrieben wird, vor wie ein kleines Kind, das mit seinen Spielzeugen, die es in seinem Zimmer zu einer Spielzeugstadt aufgebaut hat, nicht mehr zufrieden ist. Die Spielzeuge machen nicht das, was sich das Kind wünscht. Und jetzt wird es zornig, weil das Ganze nicht so funktioniert, wie sich das Kind das vorgestellt hat.

Hesekiel beschreibt Gottes Zorn hier sehr menschlich. Gott ist im hebräischen Denken kein unbewegliches philosophisches Prinzip, sondern ein persönliches und dynamisches Gegenüber. Durch die Zeilen schimmert die Enttäuschung eines verlassenen Liebhabers, es schimmert die zornige Eifersucht von jemand durch, der sitzen gelassen wurde.

Was mir aufgefallen ist: Wenn wir von Gottes überfließender Liebe reden, dann haben wir keine Probleme mit menschlichen Bildern und Vergleichen, dann kann Gott der liebevolle Vater, der verständnisvolle Freunde, die bergende Mutter sein – aber wenn wir von Gottes Zorn reden, dann erscheinen uns die Vergleiche und Bilder aus dem menschlichen Bereich nicht angebracht.

Aber wir können von Gott nur in Vergleichen und Bildern reden. Wir können keinen absoluten, neutralen Blick auf Gott werfen. Wir können durch irdische und menschliche Vergleiche immer nur eine Ahnung von ihm bekommen. Wo Gottes Wesen am deutlichsten wird, in seiner Liebe und seinem Zorn, ist Jesus Christus – aber auch da nicht auf absolute und allumfassende Weise, sondern verborgen in der Schwachheit eines menschlichen Leibes.he

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Exodus 33, 1-6 Gottes Ringen mit sich selbst

Spannend! Im letzten Kapitel hat noch Mose mit dem zornigen Gott gerungen und ihm seine Verheißungen vor Augen gestellt (Ex. 32,7-14) und jetzt geht es noch mal eine Stufe weiter, bzw. tiefer: Gott selbst ringt mit sich und seinem Zorn. Einerseits will er seine Verheißungen erfüllen: Er will Israel in das verheißene Land führen. Andererseits will er nicht mehr mit dem Volk ziehen, weil er sich über das ungehorsame Volk ärgert: „Ich selbst will nicht mit dir hinaufziehen, denn du bist ein halsstarriges Volk; ich würde dich unterwegs vertilgen.“ (V.3)

Gott fällt sich selbst in den Arm! Hier bittet nicht das Volk um Vergebung oder Mose tritt als Kämpfer für einen gnädigen Gott auf, sondern Gott selbst ringt mit sich. Der gnädige Gott ringt dem zornigen Gott das Einhalten seiner Verheißungen ab! Das klingt schizophren, es macht aber deutlich, dass Gottes gnädige Vergebung und Zuwendung nicht von vornherein selbstverständlich sind. Wie leichtfertig und selbstverständlich gehen wir heute dagegen davon aus, dass Gott gnädig ist und auch die schlimmsten Sünden verzeiht!

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Exodus 32, 7-14 Mit Gott gegen Gott

Martin Luther hat einmal davon gesprochen, dass es Situationen geben kann, in denen man zu Gott gegen Gott fliehen muss („ad deum contra deum confugere“, WA 5, 204, 26f). Damit ist gemeint, dass eine Gotteserfahrung gegen eine andere spricht. Dann kann es sein, dass man mit Gott gegen Gott kämpfen muss.

Diese Stelle bei Mose ist ein gutes Beispiel für solch eine Situation. Weil sich das Volk so schnell von ihm abgewendet hat, will Gott es vernichten (V.10). Aber Mose „überredet“ Gott, anders zu handeln. Er ringt mit Gott und hält Gott seine eigene Aussagen vor Augen. Er argumentiert einerseits mit der Außenwirkung: da befreit Gott sein Volk aus Ägypten und wenig später lässt er sie alle in der Wüste umkommen? Was gibt denn das für ein Bild von Gott ab? (V.12) Zum anderen hält er Gott seine eigene Verheißung vor Augen, dass er Abrahams Nachkommen zu einem großen Volk machen will (V.13).

Mose flieht vor dem Zorn Gottes zum gnädigen Gott, wie er sich in der Geschichte und in seinen Verheißungen offenbart hat. Er argumentiert mit Gott gegen Gott. Auch heute noch machen wir manchmal unterschiedliche Gotteserfahrungen, die wir nicht unter einen Hut bringen. Dann dürfen wir fliehen zum gnädigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Wir dürfen Gott (und uns selbst) an Gottes Verheißungen erinnern.

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Jeremia 25, 15-38 Gericht über die Anderen

Jeremia droht Gericht an – und zwar über alle Völker. Auffallend ist, dass die Aufzählung der Völker mit Jerusalem beginnt, der Stadt, die nach Gott Namen genannt ist (V.26). Wenn ein Israelit damals gehört hat, dass Gott über die Völker richten wird, dann wird er sofort zugestimmt haben und dabei an alle anderen Völker gedachte haben – außer an Israel, das ja Gottes auserwähltes Volk ist. Gott sagt: „Nein, eure Erwählung schützt euch nicht vor meinem Zorn. Im Gegenteil, als Gottes Volk steht ihr besonders in der Verpflichtung, als Gottes Volk werdet ihr als erstes gerichtet!“

Was muss das für ein Schock gewesen sein, als die Israeliten erkannt haben, dass diese Worte keine erfundenen Worte eines depressiven und enttäuschten Propheten waren, sondern wirklich Gottes Wort. Der Gott, der uns in Liebe erwählt hat, wendet sich mit seinem Zorn als erstes gegen uns?!

Auch heute noch ist die Botschaft von Gottes Gericht und seinem Zorn über die Sünde sehr viel erträglicher und einfacher, wenn es die anderen betrifft. Damit kann man leben. Aber es betrifft auch mich – und ohne Jesus Christus habe ich keine Chance dem Zorn Gottes zu entgehen.
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Psalm 95 – Zwischen Jubel und Demut

Eine spannende Zusammenstellung findet sich in diesem Psalm. In der ersten Hälfte voll die Lobpreis-Schiene: Kommt lasst uns Gott loben und preisen, weil er so mega-cool und klasse ist. Je lauter und fröhlicher, desto besser. Und dann in der zweiten Hälfte kommt der totale Themenwechsel: Passt auf, dass es euch nicht geht wie euren Vorfahren, die so stur und bockig waren. Sie wollten einfach nicht auf Gott hören und deswegen hat Gott sie in seinem Zorn zur Schnecke gemacht.

Schon gewöhnungsbedürftig, dass hier beides so unvermittelt nebeneinander steht. Wir finden ähnliche Einstellungen heute noch – aber normalerweise nicht so unvermittelt nebeneinander. Da sind auf der einen Seite eher diejenigen, die im Glauben immer gut drauf sein wollen und ständig hinausposaunen wie großartig Gott ist. Glaube heißt dann vor allem: Keep smiling, denn Gott ist gut! Und dann gibt es die anderen, die sich mehr darauf spezialisiert haben, wie schlecht wir Menschen doch sind und wie zornig Gott über unsere Unfähigkeit ist. Glaube heißt dann vor allem: Demütig auf dem Boden zu kriechen, sich seiner Schuld bewusst sein und verzweifelt versuchen, besser zu werden.

Dem Psalm nach zu urteilen scheint ja beides irgendwie zusammen zu gehören und beides wichtig zu sein…
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Psalm 82 – Sich Gott in die Arme werfen

Die letzten vier Psalmen machen auf mich den Eindruck, als ob sie alle mehr oder weniger um dieselbe Frage kreisen: Warum geht es dem Volk Gottes so schlecht? Warum lässt Gott sein Volk leiden? Die Psalmen sind Gebete und sie sind nicht theologische Lehrbücher. Aber doch wird in diesen Gebeten auch ein Stück weit die Theologie deutlich, die beim jeweiligen Beter im Hintergrund steht. In den Psalmen 79-82 werden grundsätzliche Antwortmöglichkeiten für diese Frage „durchgebetet“:

1. Gottes Zorn führt zum Leid: „Herr, wie lange willst du so sehr zürnen und deinen Eifer brennen lassen wie Feuer?“ (Ps.79,5) Oder: „Herr, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen, während dein Volk zu dir betet?“ (Ps. 80,5) Wobei hier im Hintergrund auch die Schuld der Väter (Ps.79,8) und die eigenen Sünden (Ps. 79,9) als Ursache für diesen Zorn Gottes gesehen werden.

2. Die Gottlosigkeit und Schuld der Menschen führt zum Leid: „Aber mein Volk gehorcht nicht meiner Stimme, und Israel will mich nicht.“ (Ps. 81,12) Das Volk ist selbst Schuld am Leid: Es hat sich von Gott abgewendet und muss die Folgen dafür tragen. Wenn es treu geblieben wäre, hätte Gott schon längst eingegriffen („Wenn doch mein Volk mir gehorsam wäre… Dann wollte ich seine Feinde bald demütigen“ Ps. 81,14-15).

3. Widergöttliche Mächte führen die Menschen ins Leid: Diese Denkmöglichkeit wird in Psalm 82 nur vorsichtig angedeutet. In einer Vision wird Gott als oberster Richter unter den Göttern dargestellt. Nach dieser Vorstellung gibt es eine Art „Götterrat“, in welchem Gott der Chef ist und er seine Macht an andere, ihm untergebene Götter delegiert hat. Das Leid kommt zustande, weil diese Untergötter ihre Arbeit nicht richtig erledigen. Wenn wir diese Linien weiter ziehen kommen wir zur Vorstellung des Satans als ein gefallener Engel, der seine Macht missbraucht und sich gegen Gott stellt.

Spannend, dass hier in den Psalmen all diese Möglichkeiten durchgedacht und durchgebetet werden. Rein logisch betrachtet sind das wohl die drei Richtungen, in die man die Frage nach dem Leid versuchen kann zu beantworten: Gott selbst steckt dahinter, der Mensch selbst ist schuld oder der Satan ist verantwortlich.

Wichtig bei all diesen Psalmen ist aber letztendlich nicht woher das Leid kommt, sondern an wen ich mich im Leid wende. Die Psalmen versuchen nicht die Ursache des Leids zu erklären, sondern sie schreien und beten mitten im Leid zu Gott. All diesen Betern ist klar: Es ist wichtig, dass wir uns Gott zuwenden, dass wir seine Nähe suchen, dass wir uns ihm in die Arme werfen. Und es ist ihnen klar: Der einzige der wirklich die Macht hat etwas zu verändern ist Gott selbst. Die Antwort auf die Frage nach dem Leid ist nicht die eine oder andere theologische Denkmöglichkeit, sondern das Gebet.
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Psalm 79 – „Wo ist nun ihr Gott?“

Der Hintergrund dieses Psalmes ist offensichtlich, dass Jerusalem von Feinden angegriffen und zerstört wurde. Es könnte sich wahrscheinlich um die große Katastrophe von 587 v. Chr. handeln, bei der Jerusalem und auch der Tempel von den Babyloniern zerstört wurde.

Erstaunlich finde ich bei diesem Psalm (und auch bei vielen anderen), dass diese Katastrophe ganz selbstverständlich mit Gott selbst in Verbindung gebracht wird. In V. 5 wird über Gottes Zorn gesprochen und seinen Eifer, der wie Feuer brennt. Als letztendliche Ursache für die erlebte Zerstörung werden nicht die bösen Feinde gesehen oder eine widergöttliche Macht oder ein blindes Schicksal, das halt zufällig Israel trifft… Nein, Gott selbst und sein Zorn sind letztendlich verantwortlich (dabei steht aber auch im Hintergrund, dass die Schuld der Väter (V.8) und die eigenen Sünden (V.9) diesen Zorn heraus gefordert haben).

In dem Psalm geht es auch um die Theodizee-Frage: Wie kann Gott dieses Leid zulassen? Wie kann Gott zulassen, dass die Heiden lästern können: „Wo ist nun ihr Gott?“ (V.10) Der Psalm beantwortet diese Frage sicher nicht umfassend, aber er betont sehr stark Gottes Macht und seine Zuständigkeit in der Frage des Leides. Mir ist als Gegensatz dazu das Buch „Die Hütte“ von W.P. Young eingefallen, das ja zur Zeit in der Diskussion steht. In dem Buch wird mehr die menschliche Freiheit als Ursache von Leid angeführt: Gott würde ja gern anders handeln, aber er lässt uns Menschen viel Freiheit und dadurch machen wir auch manch schmerzliche Erfahrung. Gott schränkt seine Allmacht ein und dadurch kommt es zu Leiderfahrungen.

Es gibt keine einfache Antwort auf die Theodizee-Frage. Aber dieser Psalm macht deutlich, dass wir die Frage nach dem Leid nicht einfach nur in die Schuhe des Satans schieben können oder sie nur als Folge der menschlichen Freiheit zum Bösen sehen können. Ich merke bei mir selbst, dass ich gefühlsmäßig Gott gerne aus der Verantwortung für das Leid heraus nehmen möchte: „Der Gott der Liebe kann doch für all das Böse und Schreckliche in unserer Welt nicht verantwortlich gemacht werden.“ Und solch eine ähnliche Tendenz hat ja auch das Buch „Die Hütte“.

Für uns moderne Menschen scheint es schwierig zu sein, sowohl an Gottes Allmacht (auch was das Leid anbetrifft) auf der einen Seite und Gottes Liebe auf der anderen Seite fest zu halten. Wir denken da eher in der griechisch-römischen Logik: „Entweder – Oder“. Der Hebräer und die Psalmbeter können eher ein „Sowohl – als auch“ denken: Gott ist sowohl allmächtig (und somit auch irgendwie für das Leid verantwortlich) als auch ein Gott der Liebe, der zu preisen und zu loben ist. „Wir aber, dein Volk, die Schafe deiner Weide, danken dir ewiglich und verkünden deinen Ruhm für und für.“ (V.13)

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Psalm 39 – Lass mich in Ruhe, Gott!

Ein Psalm mit einem verstörenden Ende: „Lass ab von mir, dass ich mich erquicke, ehe ich dahinfahre und nicht mehr bin.“ (V.14) Auch in moderner Übersetzung hört sich das nicht viel besser an: Wende deinen strafenden Blick von mir ab, damit ich noch einmal aufatmen kann, bevor ich gehen muss und nicht mehr bin!“ (Gute Nachricht Bibel) Oder frei formuliert: „Lass mich in Ruhe, Gott. Dann kann ich mein Leben, das sowieso bald zu Ende ist, wenigstens noch ein bisschen genießen. Hör auf mich fertig zu machen, ich kann nicht mehr!“

Mutig, so ein Gebet! Und noch mutiger, dass so ein Gebet in die Bibel aufgenommen wurde!
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