Lukas 20, 20-26 Eine ausweichende Politikerantwort?

Noch stärker als Markus betont Lukas, dass die Fragesteller Jesus reinlegen wollten. Im Hintergrund der Frage steht, wie man sich als frommer Jude gegenüber der römischen Besetzungsmacht verhalten sollte. Soll man dem römischen Kaiser Steuern bezahlen oder nicht? Wenn man keine Steuern bezahlt, dann bedeutet das Aufstand gegen Rom. So manche Juden (die sogenannten Zeloten) forderten das damals. Sagt Jesus nun ja, so kriegt er Ärger mit den Zeloten. Sagt er nein, dann können ihn seine Gegner an die Römer verpfeifen.

Jesus antwortet: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Er lässt sich nicht auf diese Alternative ein, sondern gibt eine schlaue Antwort, mit der er den Kopf aus der Schlinge zieht. Aber ist das jetzt nur eine taktische Antwort, um ungeschoren davon zu kommen? Eine typische Politikerantwort, um der Frage auszuweichen und im Grunde um den heißen Brei herum zu reden?

Nein, es ist eine Antwort, die Jesus auch so meint. Unabhängig von der fiesen Fragestellung. Jesus macht damit deutlich, was für ihn im Zentrum steht. Es geht um Gottes Anspruch auf unser ganzes Leben. Wenn unser Leben ganz Gott gehört, dann kann der Kaiser ruhig unsere Steuern haben. Das heißt nicht, dass alle politischen Fragen unwichtig sind – aber sie betreffen nicht den Kern meines Gottesverhältnisses. Wie ich mein Leben aus diesem Kern heraus dann gestalte, das kann und muss durchaus auch politische Folgen haben.

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1. Johannes 4, 1-6 Unterscheidung der Geister

Johannes gibt zwei Kriterien an, um zu unterscheiden, ob jemand aus dem Geist Gottes spricht oder ob er ein falsche Prophet ist. Das eine ist ein inhaltliches Kriterium, das andere ein formales. Das inhaltliche Kriterium: „Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott.“ (V.2) Das formale Kriterium: „Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht.“ (V.6)

Nun ja, das ist ja auf den ersten Blick nicht gerade hilfreich. Das inhaltliche Kriterium spricht in die damalige Zeit mit einer speziellen theologischen Auseinandersetzung hinein. Wir leben heute in einer anderen Zeit mit anderen Auseinandersetzungen und Fragestellungen. Das formale Kriterium ist die Frage nach der Autorität, aber das kann jeder für sich in Anspruch nehmen – und das tut ja bei Auseinandersetzungen auch jeder: „Wer mit mir ist, der hat Recht und wer nicht mit mir ist, der hat unrecht.“

Aber auch wenn beide Kriterien nicht eins zu eins auf heute übertragbar sind, so zeigen sie uns doch wichtige Grundstrukturen zur Bewertung auf: Auf der inhaltlichen Seite geht es um das Zentrum – um Jesus Christus selbst. Es geht nicht um irgendwelche theologischen Spitzfindigkeiten oder moralische Fragen, sondern um Jesus selbst. Ich denke, das gilt von der Grundstruktur bis heute: So manches kann in Frage gestellt werden, aber wo Jesus selbst in Frage gestellt wird, da wird es gefährlich.

Auf der formalen Seite geht es auch bis heute nicht nur um inhaltlich Fragen, sondern darum, wer denn eine Aussage macht. Lebt die Person ein überzeugendes Leben als Christ oder nicht? Das „wir“ in diesem Abschnitt nimmt das „wir“ von 1.Joh.1,1-4 auf. Dort beschreibt sich Johannes als Zeugen, der von Anfang an Jesus gehört, gesehen und betastet hat. Das ist bis heute ein wichtiges Kriterium: Unterstreicht das Leben und die bisherige Geschichte einer Person mit Jesus ihr Zeugnis oder nicht?

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Galater 6, 11-18 Sterben und Auferstehen

Am Schluss des Briefes greift Paulus selbst zum Stift (d.h. dass er vorher einem Schreiber diktiert hatte). Dadurch macht er deutlich, dass er in diesem Schlussabschnitt noch einmal betont das für ihn Wichtigste zusammenfasst. Er wendet sich gegen diejenigen, welche die Beschneidung fordern. Von seiner eigenen Botschaft hebt er zwei Dinge hervor: das Kreuz und die neue Kreatur (V.14f). Das ist für ihn das Zentrum des Evangeliums. Der Tod und die Auferstehung von Jesu Christi. Aber nicht als Ereignisse unabhängig von mir, sondern als Ereignisse, die jeden Christen unmittelbar angehen. Mit und in Christus sind wir der Welt gestorben und mit und in Christus sind wir eine neue Kreatur.

Das Entscheidende sind nicht irgendwelche äußere Riten (wie die Beschneidung), sondern das Sterben und Auferstehen mit Christus. Das bequeme bei allen äußerlichen Handlungen ist ja, dass sie sichtbar und überprüfbar sind. Man lässt sich beschneiden und damit ist für einen selbst und für andere klar, dass man die Forderung erfüllt hat. Aber wie sieht konkret das Sterben und Auferstehen mit Christus aus? Was heißt es konkret, dass ich der Welt gekreuzigt bin, obwohl ich doch jede Sekunde noch die Luft dieser Welt ein- und ausatme? Was heißt es, eine neue Kreatur zu sein, obwohl ich doch genauso aus Fleisch und Blut bestehe, wie die „alte Kreatur“?

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Bonhoeffer: Nachfolge (1) Vorwort

„Es stellt sich in Zeiten der kirchlichen Erneuerung von selbst ein, daß uns die Heilige Schrift reicher wird. Hinter den notwendigen Tages- und Kampfparolen der kirchlichen Auseinandersetzung regt sich ein stärkeres Suchen und Fragen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus selbst.“ (S.21; die Seitenangaben beziehen sich auf meine Ausgabe: 2. Aufl. der Taschenbuchausgabe, 2005; Werke, Bd. 4) Das sind die ersten zwei Sätze des Buches. Darum geht es allein: Jesus selbst. Und wer nach Jesus selbst sucht, bei dem stellt sich von allein ein, dass ihm die Heilige Schrift reicher wird, kostbarer, zentraler, wichtiger, lebendig, lebenspendend,…

Kirchliche Auseinandersetzungen gab es immer und wird es immer geben, sei es zwischen unterschiedlichen Kirchen, sei es innerhalb unserer Kirchen, sei es auf Gemeindeebene. Aber das Eine bleibt: Jesus selbst. Auch heute wird diskutiert und gestritten über richtige Kirchenpolitik, über Frömmigkeitsstile, über Theologie, über Formen der Gemeindearbeit, über kirchliche Institutionen, über Gemeindeaufbauprogramme, über Kirche in der Postmoderne, über Evangelisationsstile, über Taufe und Abendmahl… Wer aber wirklich Erneuerung will, der muss „Suchen und Fragen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus Christus.“

Das zeichnet Bonhoeffer und dieses Buch aus: Die Konzentration auf das Zentrum. Er will keine kirchliche Tagespolitik betreiben, sondern er will dem Zentralen und Ewigen näher kommen (und Bonhoeffer hat gerade dadurch kirchenpolitisch mehr bewirkt als hunderte von gewitzten Kirchenpolitiker!).

In seinem Vorwort beschreibt Bonhoeffer sein Vorhaben: Er sucht danach, was Nachfolge heute für den ganz normalen Menschen im Alltag bedeutet. Wie lebt man Nachfolge? Keine Theorie der Nachfolge, sondern die praktische Frage, wie der Arbeiter, der Geschäftsmann, der Landwirt, der Soldat die Nachfolge leben kann (S.23)

Bei dieser Suche will er nicht eigene Meinung predigen, sondern „Jesus Christus selbst“ (S.22) „Wenn die Heilige Schrift von der Nachfolge Jesu spricht, so verkündigt sie damit die Befreiung des Menschen von allen Menschensatzungen, von allem, was drückt, was belastet, was Sorge und Gewissensqual macht. In der Nachfolge kommen die Menschen aus dem harten Joch ihrer eigenen Gesetze unter das sanfte Joch Jesu Christi.“ (S.23) Nachfolge orientiert sich alleine an Christus, nicht an menschlichen Geboten und Satzungen.

Das Gebot Jesu erscheint uns manchmal „hart, unmenschlich hart“ (S.23) – und Bonhoeffer wird diese Härte in seinen Auslegungen herausarbeiten und nicht schmälern – aber wer sich ganz auf Jesus einlässt, für den ist es Freude: „Wir aber wissen, daß es ganz gewiß ein über alles Maßen barmherziger Weg sein wird. Nachfolge ist Freude.“ Da geht es nicht um ein Wohlfühlchristentum oder christliche Lebensweisheiten a la Anselm Grün, da geht es um unbequeme Forderungen und Wahrheiten. Aber eben auch um die Erfahrung, dass der unbequeme und fordernde Weg der Nachfolge Christi in die Freude führt – keine oberflächliche, weltliche Freude, sondern tiefe, himmlische Freude.