Lukas 20, 20-26 Eine ausweichende Politikerantwort?

Noch stärker als Markus betont Lukas, dass die Fragesteller Jesus reinlegen wollten. Im Hintergrund der Frage steht, wie man sich als frommer Jude gegenüber der römischen Besetzungsmacht verhalten sollte. Soll man dem römischen Kaiser Steuern bezahlen oder nicht? Wenn man keine Steuern bezahlt, dann bedeutet das Aufstand gegen Rom. So manche Juden (die sogenannten Zeloten) forderten das damals. Sagt Jesus nun ja, so kriegt er Ärger mit den Zeloten. Sagt er nein, dann können ihn seine Gegner an die Römer verpfeifen.

Jesus antwortet: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Er lässt sich nicht auf diese Alternative ein, sondern gibt eine schlaue Antwort, mit der er den Kopf aus der Schlinge zieht. Aber ist das jetzt nur eine taktische Antwort, um ungeschoren davon zu kommen? Eine typische Politikerantwort, um der Frage auszuweichen und im Grunde um den heißen Brei herum zu reden?

Nein, es ist eine Antwort, die Jesus auch so meint. Unabhängig von der fiesen Fragestellung. Jesus macht damit deutlich, was für ihn im Zentrum steht. Es geht um Gottes Anspruch auf unser ganzes Leben. Wenn unser Leben ganz Gott gehört, dann kann der Kaiser ruhig unsere Steuern haben. Das heißt nicht, dass alle politischen Fragen unwichtig sind – aber sie betreffen nicht den Kern meines Gottesverhältnisses. Wie ich mein Leben aus diesem Kern heraus dann gestalte, das kann und muss durchaus auch politische Folgen haben.

| Bibeltext |

Matthäus 22, 23-33 – Der Anecker

Nach dem vorherigen Abschnitt nun noch so eine vorgeschobene, scheinbar fromme Diskussion, bei der es nur darum geht Jesus lächerlich zu machen. Dieses mal von einer anderen theologischen Richtung, von den Sadduzäern. Während die Pharisäer mehr die einfachen Frommen aus dem Volk waren, waren die Sadduzäer die etablierten Leiter der Volksgemeinde, die aus der gehobenen Gesellschaftsschicht stammten. Als Konservative waren sie vor allem am Erhalt des religiösen und politischen Status quo interessiert. So jemand wie Jesus kommt da natürlich ungelegen.

Schon interessant, dass keine der damaligen religiösen Richtungen mit Jesus zurecht kam. Weder die frommen Pharisäer, noch die konservativen Sadduzäer und auch nicht die radikalen Zeloten. Jesus passt in kein kirchenpolitisches Lager. Er eckt überall an.

Wie das wohl heute wäre? Natürlich berufen sich alle christlichen Gruppierungen und Richtungen auf Jesus, aber wenn er heute kommen würde, würden wir mit diesem aneckenden Jesus zurecht kommen? Was für Probleme hätten wohl die Evangelikalen, die Charismatiker oder die Liberalen mit Jesus? Und welche Probleme hätte ich mit ihm? Würde ich es akzeptieren, dass er so manche meiner theologischen Überzeugungen in Frage stellen würde? Würde ich erkennen, wo ich mir falsche Vorstellungen und Erwartung von Gott gemacht habe? Würde ich es akzeptieren, dass sich Jesus eben nicht meiner theologischen und kirchenpolitischen Richtung anschließt, sondern dass er noch einmal ganz anders ist?

Matthäus 22, 15-22 – Die Neunmalklugen

So, nach sechs Wochen „Expedition zum Ich“ mach ich jetzt da weiter, wo ich davor aufgehört habe: bei Matthäus. Er erzählt von der scheinheiligen Frage der Pharisäer, ob man dem Kaiser Steuern zahlen soll oder nicht. Sagt Jesus ja, dann hat der die jüdischen Freiheitskämpfer (die Zeloten) gegen sich, sagt er nein, dann haben die Pharisäer einen guten Grund, ihn bei den Römern anzuschwärzen.

Ach ja [seufz], die gibt’s heut auch noch, diese neunmalklugen Pharisäer, die immer ganz genau wissen, was Gott will und was die anderen falsch machen. Denen selbst der Sohn Gottes nicht biblisch und rechtgläubig genug ist. Und bis heute steigen diese Pharisäer dann gern in Diskussionen ein, die scheinbar fromm klingen, in denen es aber nur um Macht und Rechthaberei geht.

Ich wünschte mir, dass solche Leute keine Chance haben, die Gemeinde zu polarisieren, sondern dass wir auf ähnlich schlaue und geniale Weise wie Jesus reagieren könnten. Er lies sich auf das Entweder-Oder gar nicht ein, sondern eröffnet mit seiner Antwort einen ganz anderen, einen dritten Weg. Er gibt beiden Richtungen ihr Recht, setzt sie aber ins richtige Verhältnis zueinander: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser ist, und Gott, was Gottes ist.“

1. Korinther 14 – Zeloten des Geistes

In den restlichen Versen von Kapitel 14 führt Paulus seine grundsätzlichen Aussagen von 1. Kor. 14,1-5 noch weiter aus und begründet sie. Neben dem Interesse dass die Gaben des Geistes uns gegenseitig erbauen und helfen sollen, tritt ein missionarisches Interesse. Im Zusammenhang des gemeinsamen Gottesdienstes bewertet Paulus die verständliche prophetische Rede, die konkret in eine Lebenssituation hinein spricht und die Menschen dadurch weiter helfen kann, höher als das Sprachengebet, das vor allem der persönlichen Erbauung dient. Drastisch bringt er das in V. 19 auf den Punkt: „Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.“ Um andere zu erbauen, um ihnen zu dienen brachen wir verständliche und verstehbare Worte – sonst bringt es ihnen gar nichts.

Was mir darüber hinaus ganz allgemein bei diesem Themenkomplex aufgefallen ist, sind die wiederholten Aufforderungen des Paulus, nach den Geistesgaben zu „streben“ bzw. „sich darum zu bemühen“ (1. Kor. 12,31; 14,1; 14,39). Auch wenn Paulus manch konkrete Kritik am Umgang mit den Geistesgaben hat, so ist es für ihn doch klar, dass sie wichtig und erstrebenswert sind. Von meinem lutherisch-pietistisch-evangelikalen Hintergrund her tu ich mich eher schwer mit den Geistesgaben. Ich kenn eher die Einstellung: „Na klar gibt’s Geistesgaben. Und manche haben halt diese Gaben und andere jene. Da sollte man nicht immer neidisch auf andere schauen.“ Gerade gegenüber den „spektakulären“ Gaben gibt es eine gewisse Scheu.

„Bemüht euch um die Gaben des Geistes“ (1. Kor. 14,1). Den Satz und vor allem das Wort „bemühen“ hab ich mir mal genauer angeschaut. In verschiedenen Übersetzungen (eifern, sich bemühen, danach streben) und dann auch im Griechischen: Ich war überrascht welches Wort da im Original steht: „zäloo“ (meist mit „eifern“ übersetzt). Auch die Zeloten haben ihre Bezeichnung von diesem Wort: Die Zeloten das war eine Gruppe von religiösen Eiferern zur Zeit Jesu, sie sich durchaus auch gewalttätig für ihren Glauben und gegen die Römer eingesetzt haben. Auf ähnliche Weise sollen wir also auch nach den Geistesgaben streben. Sich bemühen meint also nicht nur: ab und zu dafür beten, sondern da steckt mehr dahinter: Herzblut, Leidenschaft, Zielstrebigkeit, Kampf… Bleibt nur die Frage, wie man das denn konkret macht: Sich voller Eifer und Leidenschaft um Geistesgaben zu bemühen. Was kann ich dafür tun, außer beten?