Faix/Weißenborn: Zeitgeist. Kultur und Evangelium in der Postmoderne

BuchcoverAuf jeden Fall lohnenswert! Wer sich für Postmoderne, Emerging Church und die Frage, wie wir heute unseren Glauben leben und weitergeben können interessiert, der sollte sich das Buch anschauen. Es ist eine Sammlung von kurzen Aufsätzen von über 20 unterschiedlichen deutschen Autoren zu der Frage „inwieweit Kultur und Evangelium voneinander abhängig sind, sich beeinflussen und sich doch auch wieder unterscheiden müssen.“ (S.7)

Passend zur postmodernen Vielstimmigkeit in der Wahrnehmung der Welt, sind auch die Artikel aus recht unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweise geschrieben. Das ist gerade die Stärke des Buches: Es will keine systematische Einführung zur Emerging Church sein, sondern einen Einblick und Eindruck der Vielgestaltigkeit dieser Bewegung vermitteln. Und natürlich soll das Buch auch zum weiterdenken anregen. Klar ist, dass hier keine neutrale Darstellung erfolgt, sondern dass Befürworter der Emerging Church zur Sprache kommen. Kritische Töne liest man auch, aber nur vereinzelt. Ein gemeinsames Anliegen ist, dass wir auf dem Hintergrund der Postmoderne ganz neu überlegen müssen, wie sich die Wahrheit des Evangeliums in unserer Zeit erfassen und leben lässt.

Das Buch (und die Emerging Church Bewegung insgesamt) stößt aber nicht nur auf ungeteilte Zustimmung. Ron Kubsch hat sich in einer Rezension recht kritisch mit dem Buch auseinandergesetzt (v.a. der Stil der Rezension zog dann seinerseits wieder Kritik von Tobias Faix, einem der Herausgeber des Buches nach sich). Ein Kritikpunkt ist z.B. dass die Herausgeber mit einem Zitat zu Beginn des Buches auch Karl Barth für sich in Anspruch nehmen. Ich kann verstehen, dass Ron Kubsch das mit Befremden wahrnimmt, da doch gerade Karl Barth dafür eingetreten ist, dass wir das Evangelium eben nicht im Wechselspiel mit menschlicher Kultur verändern. Er war gegen jede Kontextualisierung und sprach sich dafür aus, dass Gott ganz anders ist und dass Gott „senkrecht von oben“ in unsere Welt kommt.

Kubsch kritisiert, dass die Emerging Church generell zu sehr auf den Zeitgeist eingeht und zu wenig betont, dass das Evangelium eben eine Gegenkultur zur menschlichen Kultur setzt (egal ob das jetzt moderne oder postmoderen Kultur ist). Damit hat er ja auch recht. Wir brauchen beides: Die Kontextualisierung aber auch die Erkenntnis, dass Gott noch einmal ganz anders ist, als wir das je erkennen können. Aber Kubsch übersieht in seiner Kritik, dass das Buch eben keinen systematischen Entwurf bieten möchte, sondern (wie vielleicht die gesamte Emerging Church) eine Gegenbewegung gegen eine zu starke Betonung des Barthschen „Ganz anders“ ist. Um das Pendel von einem Extrem wieder mehr in die Mitte zu bringen muss man nun mal das andere Extrem betonen. Wichtig ist, und da gebe ich Kubsch recht, dass man sich dabei nicht zu naiv und undifferenziert dem postmodernen Zeitgeist anpasst.

Karl Barth hat sich zurecht gegen eine Verwässerung des Evangeliums durch den Kulturprotestantismus gewehrt. Er die Gottheit Gottes wieder neu entdeckt. In gewisser Weise entdeckt die Emerging Church Wahrheitselemente des Kulturprotestantismus bzw. einer liberalen Theologie wieder. Man könnte sagen, sie entdeckt die Menschlichkeit Gottes wieder. In Jesus Christus war Gott eben nicht der ganz Andere, sondern er war der Gott zum anfassen, der Gott, der sich ganz auf die menschliche Kultur eingelassen hat, der sich radikal kontextualisiert hat, um die Menschen mit seiner Botschaft zu erreichen.