Apostelgeschichte 22, 22-30 Rom sei Dank?!

Das Werben und die Argumente des Paulus überzeugen seine Zuhörer nicht. Im Gegenteil, sie sind umso fester entschlossen, Paulus aus dem Weg zu räumen. In dieser brenzligen Situation rettet Paulus ausgerechnet sein römisches Bürgerrecht. Wie wir an dem römischen Oberste sehen, war das damals ein ziemliches Privileg und hat einem so manche Vorteile verschafft. Auf dem Hintergrund von solchen Erfahrungen ist es verständlich, wenn Paulus im Römerbrief (13,1-7) dazu auffordert, sich der stattlichen Obrigkeit unterzuordnen, weil sie von Gott eingesetzt sei.

Andere biblische Schreiber haben nicht so positive Erfahrungen mit dem römischen Reich gemacht. Johannes, der Schreiber der Offenbarung z.B., lebt in einer Zeit, in welcher der römische Kaiser versucht, seine göttliche Verehrung durch zu setzen. Die Christen, die ihm das verweigerten, mussten mit Verfolgung rechnen. Für ihn ist Rom die große Hure Babylon (Offb.17), welche sich schwer gegen Gott versündigt und einmal gerichtet wird.

Wir sehen hier, wie schon in der Bibel Theologie auch von persönlicher Erfahrung geprägt ist. Das kann auch gar nicht anders sein. Wir nehmen Gottes Reden immer nur gefärbt durch unser persönliches Erleben war. So ist es auch schon in der Bibel. Es gibt keine neutrale und unpersönliche Offenbarung Gottes, sondern er redet zu bestimmten Personen in bestimmten Zeiten. Wir sehen auch, wie sich Gottes Urteil über eine Weltmacht wie Rom im Lauf der Zeit ändern kann. Offenbarung ist immer auch geschichtlich. Sie ist in eine bestimmte Situation hinein gesprochen. Von daher ist es beim Bibellesen immer wichtig zu überlegen, in welche Zeit und zu welchen Personen Gott damals gesprochen hat, wie unsere Zeit heute aussieht und was Gottes Reden dann für uns heute und für mich persönlich zu bedeuten hat.

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Apostelgeschichte 2, 14-21 Teilweise erfüllt

Hier tut Petrus etwas, was im Neuen Testament ständig geschieht: die Gläubigen deuten ihre Erfahrung mit Jesus oder hier mit dem Heiligen Geist vom Alten Testament her. Die Glaubenserfahrung spricht nicht für sich selbst, sondern muss auf dem Hintergrunde der Schrift gedeutet werden. Aufgefallen ist mir, dass in diesem Zitat aus Joel nur ein Teil im Pfingstgeschehen erfüllt wird. Gott gießt seinen Geist aus und die Empfänger „weissagen“ (oder wie die Gute Nachricht übersetzt: „werden zu Propheten“).

Joel spricht darüber hinaus davon, dass Zeichen an Himmel und Erde geschehen, dass die Sonne sich verfinstert und der Mond in Blut verwandelt werden soll. An Pfingsten haben zwar die Jünger wie Propheten geredet, aber Zeichen am Himmel, an der Sonne und am Mond geschahen nicht. Für Petrus bestand darin offenbar kein Widerspruch. Mit der Ausgießung des Geistes hat die Zeit begonnen, in der sich diese Prophezeiung des Joel erfüllt. Wie wir heute wissen, ist die Zeitspanne zwischen dieser ersten Ausgießung des Geistes und dem großen Tag der Offenbarung des Herrn (V.20, damit ist der Tag des Gerichts gemeint) doch recht lange. Aber auch das ist typisch für die Bibel: Prophetische Zusagen erfüllen sich meist nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach. Gott hat seinen eigenen Zeitplan.

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Daniel 9, 20-27 Unsere Zeit in Gottes Hand

An diesem Text merken wir, dass der Umgang mit prophetischen Texten gar nicht so einfach ist. Vor allem, wenn wir anfangen wollen, genau zu rechnen. Eigentlich bekommt Daniel hier eine Deutung für eine Vision, die er nicht genau versteht. Aber auch diese Deutung ist schwierig zu verstehen. Nach Dan. 9,2 hat sich Daniel Gedanken darüber gemacht, wie die Prophezeiung von Jeremia, dass die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel 70 Jahre dauern soll (Jer.25,11f), genau zu verstehen ist. Er wollte mit den Zahlen des Jeremia rechnen und hat gemerkt, dass das nicht so einfach ist.

Der Engel Gabriel erklärt ihm nun, dass 70 „Wochen“ über das Volk Israel verhängt sind. Die meisten Ausleger deuten das so, dass Daniel zu der Erkenntnis kommt, dass es bei Jeremia nicht um 70 Jahre geht, sondern um 70 „Jahrwochen“ – also 70 mal 7 Jahre. Das wären dann 490 Jahre. Aber wenn wir aus heutiger Perspektive anfangen, mit diesen 490 Jahren zu rechnen, wird es auch kompliziert. Es gibt die unterschiedlichsten Auslegungsversuche, ab wann diese 490 Jahre gerechnet werden könnten und wie die zusätzlichen Angaben im Text verstanden werden könnten.

Wenn man vom Beginn des Exils um 600 v. Chr. (nach Dan. 1,1 wurden Daniel und seine Freunde im Jahr 605 v.Chr. nach Babylonien gebracht; endgültig zerstört wurde Jerusalem dann 587 v.Chr.) 490 Jahre rechnet dann landet man ca. 100 Jahre vor Christi Geburt. Um diese Zeit ist nichts besonderes passiert. Einige Jahrzehnte davor gab es den Aufstand der Makkabäer, von dem sich viele Juden Freiheit und den Anbruch der Heilszeit erhofft hatten – aber dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. Hundert Jahre später wurde Jesus von Nazareth geboren. Man kann bestimmt dennoch irgendwelche Rechenexperimente anstellen, um die Zahl 490 mit einem bedeutenden Ereignis zu verknüpfen. Aber ist das sinnvoll?

Im hebräischen Denken haben Zahlen nicht nur einen rechnerischen Zahlenwert, sondern auch einen Symbolwert. Mit der Zahl Sieben verbindet sich in der Bibel die Vorstellung der Vollkommenheit und Vollendung. Sieben mal Siebzig könnte dann ein Symbol für die Vollendung der Zeit sein, ohne einen genauen Zeitpunkt angeben zu wollen. Das Neue Testament warnt uns auf jeden Fall davor, dass wir versuchen, das Ende der Zeit berechnen zu wollen (Mk.13,32f; 2.Petr.3,8).

Ich nehme für mich mit: Gott ist der Herr der Zeit. All unsere menschlichen Berechnungsversuche sind müssig – selbst wenn sie sich auf göttliche Offenbarungen zu gründen versuchen. Meine Zeit steht in Gottes Hand. Und auch die Zeit seiner Schöpfung steht in seiner Hand. Er weiß, wann die Zeit der Vollendung und Vollkommenheit gekommen ist. Wenn das Ewige da ist, dann hört sowieso alles Rechnen auf.

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Epheser 6, 18-24 Der Kairos des Gebets

Beim Lesen dieser Verse bin ich in V.18 an den zwei Wörtern „allezeit“ und „wacht“ hängen geblieben. Wie soll man das verstehen? Allezeit beten und wachen?! Wortwörtlich kann es ja nicht so gemeint sein, denn wer dauernd wacht, der überlebt das nicht lange. Schlafentzug ist eine Foltermethode! Aber wie ist es dann zu verstehen?

Ich hab mir das Griechische angeschaut und interessantes herausgefunden. Die Zeit von der Paulus hier spricht ist der Kairos. Im Griechischen gibt es zwei unterschiedliche Bezeichnungen für Zeit: Chronos ist der regelmäßige, gleichmäßige Ablauf der Zeit (also eher linear) und Kairos ist der richtige, günstige Zeitpunkt (also eher punktuell). Paulus spricht also davon, zu jedem Zeitpunkt zu beten. Das meint nicht das ständige unaufhörliche Gebet, sondern das Gebet zu jedem günstigen Zeitpunkt.

„Wachen“ kann einerseits ganz wörtlich das wach bleiben meinen. Es kann im Griechischen aber auch übertragen verwendet werden: auf etwas achten. Diese übertragene Bedeutung macht an dieser Stelle mehr Sinn: Wir sollen nicht achtlos vor uns hin beten, sondern dabei „wach sein“. Wir sollten gerade im beharrlichen Gebet auf das achten, was wir beten und nicht nur vor uns hin plappern. In diesem Sinne: Verpasst nicht den Kairos zum Gebet und betet achtsam!

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Kohelet 3, 1-8 Alles hat seine Zeit

Der wohl bekannteste Abschnitt aus Kohelet. Ein Text, der nicht nur Christen anspricht, sondern auch andere Menschen. Denn es geht um eine menschliche Grunderfahrung: Wir haben die Zeit nicht in unseren Händen. Trotz aller Terminplanung und allem Zeit-Management – wir machen immer wieder die Erfahrung, dass wir nicht Herr über die Zeit sind. Das Wesentliche im Leben können wir nicht bestimmen, herbeiführen und zeitlich einplangen, sondern es widerfährt uns.

Für mich ist klar, dass Gott derjenige ist, der alles zur rechten Zeit geschehen lässt. Auch wenn ich das nicht immer verstehe, ist mir das viel lieber als davon auszugehen, dass alles nur Zufall und blindes Schicksal ist. Alles hat seine Zeit und meine Zeit steht in Gottes Hand…

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Jeremia 21, 1-10 Zehn Jahre nichts passiert

Im Jeremiabuch kommt an dieser Stelle ein großer zeitlicher Sprung. Jeremia kündigt Gericht an, er warnt seine Landsleute vor dem Eingreifen Gottes und er ruft zur Umkehr auf. Und dann? Dann geschieht erst mal lange Zeit gar nichts. Das Leben geht seinen gewohnten Gang und wir erfahren aus dem Jeremiabuch nichts über die nächsten Jahre. Der Text heute ist zeitlich ungefähr zehn Jahre nach den Ereignissen des letzten Kapitels einzuordnen. Inzwischen ist die Ankündigung Jeremias eingetroffen: Jerusalem wird von den Babyloniern belagert und die Führer des Volkes kommen zu Jeremia und fordern  ihn auf, dass er vor Gott eintreten soll und um ein Wunder beten soll (was natürlich nicht geschieht – die Leute haben lange genug Zeit gehabt umzukehren).

Zehn Jahre! Zehn Jahre nichts passiert! Zehn Jahre lang stand Gottes Wort ohne offensichtliche Erfüllung im Raum! Wir wissen nicht, ob Jeremia in diesen zehn Jahren weiter gepredigt hat oder ob er enttäuscht, frustriert und wütend den Mund gehalten hat. Aber offensichtlich hat seine Umkehrpredigt in diesen zehn Jahren keine großen Früchte gebracht. Die Menschen wollten nach wie vor nicht wirklich zu Gott umkehren.

Gottes Zeitpläne und seine Vorstellungen, wann was passieren muss, sind offensichtlich ganz anders als unsere oft kurzfristige Sicht der Welt und des Glaubens. Wenn ich mir das vorstelle: Zehn Jahre als Pastor in einer Gemeinde und es passiert nichts – das ist ganz schön frustrierend. Für den Pastor und die Gemeinde. Ich kann mir denken, dass in diesen zehn Jahren der Pastor oder der Gemeindevorstand mit zunehmender Verzweiflung irgendwelche Programme und Aktionen ausprobiert, um Veränderung zu bewirken. Ich kann mir vorstellen, dass sie ins Gebet gehen und Gott, um Hilfe anflehen. Ich kann mir denken, dass der eine oder andere auf den Gedanken kommt, dass der Pastor oder die Gemeindeleitung entweder ungeeignet sind oder zu wenig Glauben haben. Wie schwer ist es geduldig zu sein, wenn Gott nicht sofort und offensichtlich eingreift!
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Psalm 62 – Damals wie heute

Tausende von Jahren ist dieser Psalm schon alt. Erstaunlich, wie wenig sich die Schwächen und Eigenheiten von uns Menschen seitdem geändert haben. Z.B. V.5: „Mit dem Mund segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.“ Diese Heuchelei und Falschheit gab es damals genau so wie heute.

Es werden in der Bibel so manches mal Vorstellungen deutlich, die sich heute völlig gewandelt haben. Wir haben heute z.B. ein völlig anderes Weltbild, wir wissen dass die Erde eine Kugel ist und wir in einem riesigen Weltraum umherschwirren. Aber die grundsätzlichen menschlichen Gefühle und Erfahrungen sind heute dieselben wie damals.

Das Schöne ist: So wie Menschen damals bei Gott Trost und Hoffnung finden durften, geht das heute noch genau so. Auch unsere Seele darf bei Gott still werden und bei ihm Hilfe finden.
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Matthäus 12, 15-21 – weglaufen

Interessant: Jesus erfährt, dass man ihn umbringen will und was macht er? Lässt er es auf eine Konfrontation ankommen? Bringt er das Volk auf seine Seite, um diese Mordpläne zu vereiteln? Holt er die himmlischen Heerscharen, um ihn zu schützen? Keins von all dem: er macht sich ganz einfach aus dem Staub. Begründet wird dies von Matthäus mit einem Jesaja-Zitat über den Gottesknecht: „Er wird nicht streiten noch schreien…“

Das restliche Evanglium zeigt, dass Jesus sich nicht grundsätzlich vor dieser Konfrontation mit den Pharisäern gescheut hat. Er ging am Ende ganz bewusst nach Jerusalem und wusste, dass man ihm dort nach dem Leben trachtet. Aber seine Zeit war wohl noch nicht gekommen. Manchmal kann weglaufen auch die richtige Antwort sein! Aber wenn Jesus immer nur weggelaufen wäre, dann gäbe es heute keine Christen, denn dann wäre er nicht am Kreuz für uns gestorben.