Psalm 137 – Hass, Wut, Aggression

Diesen Psalm würd ich am liebsten auslassen. Es tauchen ja in den Psalmen immer wieder Rachewünsche gegen die Feinde auf. Dieser Psalm schließt mit einer besonders heftigen Aussage: Die Beter wünschen, dass die jungen Kinder der Babylonier (welche Jerusalem zerstört haben und unzählige Gefangene nach Babylonien verschleppt haben) am Felsen zerschmettert werden. Grausig!

Man kann solche extremen Aussagen vom zeitgeschichtlichen Hintergrund vielleicht etwas relativieren: In der altorientalischen Kriegsführung war so etwas wohl nicht außergewöhnlich (vgl. z.B. 2. Kön. 8,12; Hos. 10,14). Und auch die psychologischen Hintergründe von solchen Rachewünschen sind durchaus verständlich. Ich lese zur Zeit ein Buch von einem ehemaligen Kindersoldaten in einem afrikanischen Bürgerkrieg. Ein Faktor der diese Kinder zu gnadenlosen Kampfmaschienen gemacht hat, war der Hass auf die Leute, die ihr Leben und ihre Familie zerstört haben. Bei all dem was sie erlebt haben ist es logisch, dass Hass, Wut und Aggression hoch kommt und dass das alles irgendwie raus muss. Zusätzlich muss man hinzufügen, dass die Beter sich nicht selbst rächen wollen, sondern dass es ein Gebet ist: Gott soll für Rache und für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen.

Trotzdem finde ich es schwierig, dass solche Aussagen und Rachewünsche in der Bibel stehen. Sie sind für mich dadurch nicht gerechtfertigt, sondern sie drücken eher unsere menschliche Unzulänglichkeit aus, mit unserer Wut und Aggression umzugehen. Vielleicht sind sie ja auch ein ähnliches Ventil um Aggression abzubauen, wie heute so mancher vor dem PC sitzt und virtuelle Feinde umlegt?
Bibeltext

Psalm 11 – Wut-Gebet

Wieder mal ein Wut-Gebet gegen Gottlose. Das Gute ist ja zumindest, dass der Beter sich mit seiner Wut nicht selbst gegen seine Feinde richtet, sondern mit dieser Wut zu Gott kommt. Der Beter ist sich sicher, dass Gott die Gottlosen gerecht bestrafen wird. Da tauchen dann so nette Sachen auf wie „Feuer und Schwefel“, der vom Himmel regnet…

Wir betonen dann natürlich immer gleich aus neutestamentlicher Perspektive, dass Jesus das anders gesehen habe und dass wir heute nicht mehr so beten sollten. Jesus hat uns geboten unsere Feinde zu lieben – und da macht sich Feuer und Schwefel nicht ganz so gut. 😉

Aber wie ist das denn? Ist das Neue Testament wirklich so ganz anders? Was sagt z.B. Jesus selbst zu denjenigen, die sich den Armen und Elenden gegenüber nicht barmherzig gezeigt haben? „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!“ (Mt. 25,41) Da ist Jesus zu den Gottlosen auch nicht gerade netter als der Beter in Psalm 11. Im Gegenteil: Im Neuen Testament wird von einer ewigen Verdammnis gesprochen. Die Psalmbeter hatten vor allem die dieseitige Welt im Blick.

Sind solche Wut-Gebete also doch okay? Ich weiß nicht – ich möchte eigentlich nicht so beten. Aber vielleicht wäre manchmal ein bisschen mehr Wut gegen Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit gar nicht schlecht. Wichtig ist auf jeden Fall, dass wir nicht meinen, dass wir die gerechte Bestrafung selbst übernehmen können. Auch der Psalmbeter überlässt Gott die Strafe. Er vertraut darauf, dass Gott irgendwann Gerechtigkeit herstellen wird. Und wer weiß, vielleicht hat er auch noch andere Möglichkeiten, mit denen wir gar nicht rechnen…