Johannes 20, 19-23 Erstaunlich nüchtern

Beim Lesen habe ich mich darüber gewundert, wie nüchtern und distanziert Johannes von diesen Ereignissen berichtet. Da ist das größte Wunder geschehen: Jesus ist von den Toten auferstanden und begegnet seinen Jüngern. Die einzige Reaktion, die beschrieben wird: „Da wurden seine Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.“ (V.20) Was muss da nicht alles in den Köpfen und Herzen der Jünger vorgegangen sein? Das ist doch ein Ereignis, das einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterlässt! Was könnte man da nicht alles schreiben über die Gefühle und Gedanken der Jünger! Stattdessen nur diese kurze und nüchterne Darstellung, die nur eine Andeutung von der Freude wiedergibt, welche die Jünger gefühlt haben müssen.

Andererseits finde ich diese Nüchternheit auch wohltuend. In unserer heutigen religiösen Welt wird viel mit Gefühl, Stimmung und Begeisterung gearbeitet. Das Spektakuläre und Außergewöhnliche wird gepuscht. Je mehr Emotionen geweckt werden, desto besser. Die Bibel ist da viel zurückhaltender. Es geht nicht in erster Linie um unsere menschlichen Gefühle, sondern um Jesus Christus, das Wunder seiner Auferstehung und die Gabe des Heiligen Geistes. Das müssen wir nicht künstlich hochpuschen, sondern das hat in aller Nüchternheit eine tiefe innere Kraft, die mehr Veränderung schafft, als eine kurzfristige Begeisterung.

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Johannes 14, 12-24 Größere Werke

Was für eine Verheißung: Wer an Jesus glaubt, der wird noch größere Werke tun als er (V.12)! Gigantisch! Aber in der Praxis kann das oft zu mehr Frust als Freude führen. Johannes berichtet ja von so manchen Zeichen und Wundern, die Jesus getan hat. Wenn ich im Vergleich dazu mein Glaubensleben anschaue, dann sieht das ernüchternd aus: Ich hab noch nie Wasser in Wein verwandelt, ich habe noch nie Brot vermehrt, ich habe noch nie Blinde sehend gemacht, ich habe noch nie Tote auferweckt… Was mache ich falsch? Habe ich nicht genug Glauben? Das scheint die einzig logische Erklärung zu sein – denn sonst müsste sich ja Jesus mit seiner Verheißung getäuscht haben. Und schon ist aus dieser wundervollen Verheißung ein Text geworden, der mich belastet, bedrückt und entmutigt.

Wie meint Jesus das? Um was geht es ihm? Was sind die größeren Werke, die seine Jünger tun werden? Ich glaube nicht, dass es Jesus darum geht, uns unseren fehlenden Glauben unter die Nase zu reiben. Vielleicht sind mit den größeren Werken nicht Wunder und Zeichen gemeint, welche Menschen auf äußerliche Weise beeindrucken. Vielleicht geht es in erster Linie um das große Wunder, dass Menschen zum Glauben finden. Wenn wir das Johannesevangelium lesen, dann stellen wir fest, dass durch Jesus selbst nur wenige Menschen zu einem echten und tiefen Glauben gefunden haben. Die meisten seiner Zeitgenossen haben am Ende geschrien: „Kreuzige ihn!“ – Auch wenn sie vielleicht davor kurzfristig über seine Wunder und Zeichen begeistert waren.

Aus dieser kleinen jüdischen Bewegung um Jesus von Nazareth herum ist heute eine weltumspannende Gemeinschaft geworden. Auch heute noch finden Menschen durch uns Christen zum Glauben. Vielleicht ist das eines der größeren Werke, die Gott durch uns auch heute noch tut.

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Johannes 11, 28-44 Ewiges Leben

Da erzählt Johannes nun 44 Verse lang von der Auferweckung des Lazarus – aber um Lazarus selbst geht es nur am Rande. Erst in den letzten zwei Versen wird das eigentliche Wunder kurz und ohne Ausschmückung beschrieben. Davor geht es um Jesu Jünger, das bewusste Zögern Jesu, um Marta und Maria und um das grundsätzliche Thema der Auferstehung. Auch die heftigen Gefühle Jesu (V.33.35.38) beziehen sich weniger auf Lazarus, als auf den Unglauben der Menschen.

Das erscheint uns heute seltsam. Wenn so etwas heute passieren würde, dann stände ganz selbstverständlich – auch in frommen Kreisen – das Wunder selbst im Mittelpunkt. Jesus hat einen Toten wieder lebendig gemacht! Was für ein großartiger Beweis für die Macht Gottes! Was für ein Anreiz, um Jesu nachzufolgen! Johannes macht dagegen durch seine Darstellung deutlich: Es geht letztendlich nicht darum, ob Lazarus noch einmal ein paar Jahre länger leben durfte (und dann doch irgendwann gestorben ist). Nein, es geht darum, dem Leben und der Auferstehung in Person zu vertrauen. Es geht nicht um das hinauszögern des vergänglichen Lebens, sondern um das Erlangen des ewigen Lebens. Der höchste Wert ist nicht ein möglichst langes irdisches Leben, sondern der ewige Friede mit Gott.

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Johannes 6, 60-71 Der Mut des Glaubens

So manches mal denkt man ja, dass Glaube einfacher wäre, wenn Jesus tatsächlich leibhaftig vor einem stehen würde, wenn man tatsächlich die Worte aus seinem Mund hören könnte, wenn man die Zeichen und Wunder sehen könnte, die er getan hat. Aber die Textstelle heute zeigt, dass Glaube für die Jünger damals nicht einfacher gewesen ist als für uns heute. Ich vermute eher das Gegenteil: es war schwieriger. Vieles von dem was Jesus tat und sagte, konnten sie noch gar nicht richtig einordnen und verstehen. Wir heute können auf Jesu gesamtes irdisches Leben zurückblicken. Wir wissen um Kreuz und Auferstehung. Wir können die Andeutungen Jesu zum Abendmahl und damit zu seinem Kreuzestod besser einordnen.

Für die Jünger damals muss das alles ziemlich fremd und unverständlich gewesen sein. Ich kann gut nachvollziehen, dass sich viele von Jesus abgewandt haben (V.66). Wer weiß auf welcher Seite ich damals gestanden hätte? Glaube ist nie ein einfaches Wissen, sondern es ist immer Vertrauen. Es kostet heute wie damals Mut, sich auf diesen Jesus einzulassen.

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Johannes 6, 22-34 Was tust du für ein Zeichen?

In ähnlicher Weise wie die Frau am Jakobsbrunnen (Joh.4) zunächst nicht so richtig versteht, was Jesus meint, wenn er von lebendigem Wasser spricht, so verstehen auch hier die Zuhörer zunächst nicht richtig, was Jesus meint, wenn er von eine Speise spricht, die nicht vergänglich ist. Die Menschen haben ganz handfest erlebt, wie Jesus sie mit irdischem Brot satt gemacht hat. Jetzt sagt Jesus, dass sie eine andere Speise brauchen, eine Speise die zum ewigen Leben führt.

Die logische Frage ist dann: Was sollen wir denn tun? (V.28) Jesus sagt: An mich glauben! (V.29) Daraufhin fordern die Leute Zeichen. Sie wollen eine Grundlage für ihren Glauben, für ihr Vertrauen. Dabei haben sie doch kurz zuvor das Zeichen der wunderbaren Brotvermehrung miterlebt. Vielleicht ist gerade das eine Gefahr von Zeichen: man möchte immer wieder neu ein Zeichen, am besten noch ein deutlicheres und eindrucksvolleres.

Allerdings kann ich die Frage nach einem deutlichen Zeichen auch ganz gut verstehen. Es gab ja auch in der Bibel Menschen, die von Gott ein deutliches Zeichen wollten, ob ein bestimmter Weg der von Gott gewollte Weg ist. Glaube muss doch immer wieder auch konkret erfahren und erlebt werden – auch wenn es nur zeichenhaft ist. Ansonsten wäre es ja nur eine Vertröstung auf eine ferne Zukunft. Insofern macht die Spannung im Johannesevanglium durchaus Sinn: auf der einen Seite tut Jesus Zeichen und Wunder, auf der anderen Seite kritisiert er eine reine Zeichengläubigkeit. Denn letztendlich kommt es nicht darauf an, auf Zeichen zu vertrauen, sondern auf Gott.

Johannes 4, 43-54 Wunderglauben

Das Verhältnis von Glaube und Wundern scheint schon für Jesus nicht ganz einfach gewesen zu sein. Er beklagt sich über seine Zeitgenossen: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ (V.48) Hier wird deutlich, dass das Entscheidende nicht die Zeichen und Wunder sind, sondern der Glaube. Wenn ein Mensch körperlich gesund wird, dann ist das schön. Es ist ein Zeichen für Gottes heilschaffende Macht. Aber wenn ein Mensch zum Glauben kommt, dann ist das das Entscheidende um das es Jesus geht.

Aber trotz seiner Klage über Wundergläubigkeit tut er ein weiteres Wunder und heilt den Sohn des Mannes aus der Ferne. Und Johannes bestätigt ausdrücklich, dass dies dann positive Auswirkungen auch für den Glauben der Beteiligten hat: „Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.“ (V.53) Also ist es doch gut, dass dieses Wunder zum Glauben führte?! Zu beachten ist allerdings, dass der Glaube des Mannes schon vorher da war: „Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.“ (V.50) Schon bevor er das Wunder sieht, vertraut er auf das Wort Jesu. Das ist echter Glaube: Vertrauen, schon bevor ich etwas sehe.

Außerdem bezeichnet Johannes dieses Wunder ausdrücklich als Zeichen. Ein Zeichen ist immer etwas, das auf etwas anderes verweist. Ein Zeichen ist nicht das Eigentliche, sondern ein Hinweis auf das Eigentliche. Wunder sind nicht das Eigentliche, sondern sie verweisen auf Gott und seine heilschaffende Macht. Wenn es nur um das Zeichen geht und nur das Zeichen Glauben weckt, dann ist etwas schief. Der Glaube bezieht sich nämlich auf Gott, bzw. Jesus und sein Wort, nicht auf das Zeichen.

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Apostelgeschichte 20, 1-16 Alltägliche Glaubenskämpfe

Ob diese Geschichte wohl auch in der Bibel gelandet wäre, wenn der eingeschlafene Zuhörer bei diesem Unfall nicht gestorben und von Paulus wieder auferweckt worden wäre? Wahrscheinlich nicht, denn das ist ja gerade das besondere an diesem Ereignis: dass Gott durch Paulus dieses Wunder einer Totenauferweckung bewirkt hat.

Mir selbst geht es allerdings so, dass ich mit dem eingeschlafenen Predigthörer sehr viel mehr anfangen kann, als mit einer Totenauferweckung. Solch ein dramatisches Wunder habe ich noch nie erlebt. Das liest man nur in der Bibel oder hört es aus verschiedenen Quellen, bei denen man nie genau weiß, wie zuverlässig diese Berichte sind. Müde Predigthörer hab ich dagegen schon öfters erlebt (allerdings noch keinen, der dabei vom Stuhl gekippt ist…). Diese ganz normale menschliche Schwäche, die aufgrund einer überlangen Predigt bis um Mitternacht ja auch verständlich ist, ist mir viel vertrauter als irgendwelche besonderen Glaubensereignisse. Das finde ich in der Bibel gerade schön, dass nicht nur die Erfolgsgeschichten erzählt werden, sondern auch die Schwierigkeiten. Ich finde es tröstlich, wenn man in dieser Geschichte so nebenbei erfährt, dass die Christen damals auch nur ganz normale Menschen waren, die mit ihrer Müdigkeit zu kämpfen hatten…

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Apostelgeschichte 16, 23-40 Wenn Träume wahr werden

Was für eine traumhafte Geschichte! Ich wünsche mir das auch, dass Gott auf wunderbare Weise eingreift. Dass er meine inneren Ketten und meine Gefängnisse öffnet und mich befreit. Dass Menschen von sich aus fragen, was sie tun müssen, um gerettet zu werden. Dass Menschen ohne große evangelistische Events oder jahrelange mühevolle Kontaktarbeit zum Glauben kommen. Dass ganze Hausgemeinschaften sich auf den Glauben einlassen und sich taufen lassen. Dabei haben Paulus und Silas gar nicht mal um Befreiung gebetet, sie saßen im Gefängnis und haben Gott gelobt! Diese Fähigkeit, weg von mir und auf Gott zu schauen wünsche ich mir auch…

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Apostelgeschichte 14, 1-20 Ablehnung und Missverständnisse

In den Berichten über ihre Missionstätigkeit in Ikonion und Lystra wird deutlich, mit welchen Schwierigkeiten Barnabas und Paulus zu kämpfen hatten. Bei dem Großteil der Juden stoßen sie auf harte Ablehnung, weil sie die Botschaft von Jesus Christus als gotteslästerlich empfinden. Diese Juden wollen die Missionare „misshandeln und steinigen“ (V.5). Trotzdem kommen eine große Menge Juden zum Glauben (V.1: Unter „Griechen“ sind griechisch sprechende Menschen zu verstehen, die nicht im Judentum aufgewachsen sind, sondern dazu konvertiert sind).

Bei den heidnischen Zuhörern in Lystra stoßen sie zunächst auf Begeisterung, weil sie einen lahmen Mann heilen. Eindrucksvolle Zeichen und Wunder kommen immer an… Aber es wird deutlich, dass die Zuhörer ihre Botschaft gar nicht verstanden haben, denn sie wollen Paulus und Barnabas als Götter verehren, was natürlich ein völliges missverstehen des Evangeliums ist. Bei heidnischen Zuhörern können die Missionare nicht an den Glauben Israels anknüpfen, sondern müssen von Gottes Schöpfung her argumentieren (V.15-17). Aber das scheint dann in Lystra nicht groß anzukommen, denn als Paulus kurz darauf gesteinigt wird, ist von der begeisterten Masse niemand mehr zu sehen, der ihn verteidigt.

Mission war schon im 1. Jh. n. Chr. nicht einfach. Das Evangelium stieß auf Ablehnung, Missverständnis und Gleichgültigkeit. Das ist heute nicht anders. Aber trotz aller Schwierigkeiten kamen Menschen zum Glauben. Das wünsche ich mir auch für heute.

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Apostelgeschichte 12, 1-25 Gottes Hand hält uns

Petrus wird auf wunderbare Weise aus dem Gefängnis errettet. Die Gemeinde bittet intensiv und ausdauernd für ihn und Gott erhört dieses Gebet. Er greift ein und rettet Petrus aus der Hand des Feindes. Die Beter können es selbst kaum glauben als Petrus an der Tür klopft. Es erscheint ihnen plausibler, dass ein Engel vor der Tür steht, als dass tatsächlich Petrus aus dem Gefängnis frei kam. Was für ein Wunder!

Aber bei dem Text sind mir auch die ersten zwei Verse aufgefallen. Hier wird nur kurz und ohne ausführliche Beschreibung erzählt, wie einer der zwölf Apostel – Jakobus, der Bruder von Johannes – von Herodes Agrippa (dem Enkel des Herodes, welcher für den Tod von Jesus mitverantwortlich war) getötet wurde. Das ist aus unserer Sicht ganz und gar nicht wunderbar. Warum hat Gott hier nicht eingegriffen und Rettung geschenkt?

Dieses Gegenüber beschäftigt mich: Einerseits kann Gott auf wunderbare Weise eingreifen und vom Tod bewahren. Andererseits kann er es zulassen, dass seine Nachfolger um des Glaubens willen getötet werden. Wir haben als Christen keine Garantie dafür, dass alles glatt läuft. Wir dürfen mit all unseren Anliegen zu Gott kommen. Sicher wurde auch für Jakobus und für andere Märtyrer gebetet. Aber Gott kann auf unterschiedliche Weise auf Gebet antworten. Er kann unser Leben auf unterschiedliche Weise führen. Er kann uns aus der Hand des Feindes erretten. Es kann aber auch sein, dass wir als Nachfolger in der Hand des Feindes sterben. Was in beiden Fällen sicher ist: wir sind von einer noch stärkeren und größeren Hand gehalten.

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