Exodus 16, 1-16 Fleischtöpfe oder Himmelsbrot

Die Israeliten sehnen sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Das, was sie jetzt endlich hinter sich gelassen haben, wünschen sie sich zurück. Je länger sie in der Wüste wandern, desto verlockender erscheinen ihnen diese Fleischtöpfe (die in Wirklichkeit gar nicht so toll waren).

Aber Gott gibt in der Wüste das Himmelsbrot. Blöd nur, dass man dieses Brot erst empfangen kann, wenn man die bequemen Fleischtöpfe der Unfreiheit hinter sich gelassen hat und in der Wüste ganz allein auf Gott angewiesen ist…

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Exodus 13, 17-22 Wegweisung

Ein spannender kleiner Abschnitt. Gott lässt die Israeliten nicht den schnellsten Weg ins verheißene Land gehen, sondern er führt sie einen Umweg durch die Wüste. Entlang der Mittelmeerküste wäre eigentlich der direkte Weg von Ägypten nach Kanaan. Aber dieses Gebiet ist dicht besiedelt, Kämpfe wären da wohl vorprogrammiert (V.17). Deshalb der weitere und wenig einladend klingende Weg durch die Wüste.

Schön ist, wie Gott führt: Er zieht vor ihnen her – am Tag in einer Wolkensäule, in der Nacht in einer Feuersäule. Er ist nicht sichtbar und greifbar dar, er verbirgt sich hinter Wolken und Feuer. Und doch macht er sich bemerkbar und gibt die Richtung vor. Ich wünsche mir, dass ich die Wolken und das Feuer in meinem Leben nicht übersehe, sondern dass ich Gottes Wegweisung darin erkennen kann. Ich wünsche mir, dass ich nicht immer gleich den schnellsten und scheinbar bequemsten Weg gehe, sondern auf Gottes Wegweisung höre.

| Bibeltext |

Jeremia 2, 1-3 Die Zeit der ersten Liebe

Komisch: An dieser Stelle wird die Zeit der Wanderung Israels durch die Wüste sehr positiv und vorbildhaft dargestellt. Gott spricht hier von der Treue von Israels Jugend und von der Liebe seiner Brautzeit. Ich hab das irgendwie anders im Kopf: Wenn man das 4. Buch Mose liest, dann wird da immer wieder von neuer Unzufriedenheit und Klage des Volkes berichtet. Immer wieder meckert es vor Mose und Gott und wünscht sich die Fleischtöpfe Ägyptens zurück (vgl. z.B. 4. Mo. 11,1-15). Auch Hesekiel bewertet die Wüstenzeit eher negativ: Hes. 20,13.

Ist das hier eine Übertreibung und Idealisierung der Vergangenheit? Aber die Worte kommen ja von Gott selbst – der müsste es doch eigentlich besser wissen! Für mich wird aus dem Vergleich der Texte deutlich, dass auch in der Zeit der ersten Liebe nicht alles perfekt war. Das Volk hat auch damals versagt und viel zu oft das Vertrauen in Gott verloren. Aber es war in der Wüstenzeit zumindest immer wieder so, dass das Volk zu Gott umgekehrt ist und sich Gott wieder neu zugewandt hat. Es war auch in seiner „Liebe der Brautzeit“ alles andere als fehlerlos. Aber letztendlich folgte Israel in der Wüste seinem Gott. Das war wohl zur Zeit des Jeremia anders.

Mir wird dabei mal wieder deutlich, dass das Scheitern und Versagen zur Liebe mit dazu gehört. Die Liebe zu Gott zeichnet gerade aus, dass ich trotz Scheitern und Versagen immer wieder in die Arme Gottes zurück laufe. Die Zeit der ersten Liebe zu Gott ist etwas besonderes. Aber nicht deswegen weil diese Liebe reiner, heiliger und fehlerloser ist als das spätere. Sondern deswegen, weil die Bindung an Gott stärker ist, als alles Versagen.

Ich sehne mich auch so manches mal zurück nach dieser ersten Liebe zu Gott. Damals schien ich mit sehr viel mehr Herzblut und Hingabe dabei zu sein. Aber realistisch betrachtet, war auch diese Zeit voll von Fehlern und Versagen. Wichtig ist, dass ich auch heute, auch ohne die Hochgefühle der ersten Liebe, mich immer wieder Gott in die Arme werfe.
Bibeltext

Le Clezio: Wüste

Die zwei letzten Bücher, die ich gelesen habe (Barbal: Wie ein Stein im Geröll und Le Clezio: Wüste) sind in gewisser Weise sehr ähnlich. Beides mal geht es um das Lebensschicksal einer einfachen Frau. Beides mal sind es keine leichten Wege und beide Frauen finden so manches kleine Glück in ihrem harten Alltag. Doch wie diese Geschichten erzählt werden ist total unterschiedlich. Barbal beschränkt sich auf eine ganz einfach Sprache und erzählt auf unter 160 Seiten das ganze Leben der Hauptperson. Sie braucht ganz wenige Worte, um sehr viel zu beschreiben. Le Clezio ist genau das Gegenteil: Er beschreibt mit ganz vielen Worten relativ wenig (aber das macht er sehr gut!). Er erzählt auf über 400 Seiten nur einen Ausschnitt von wenigen Jahren aus dem Leben der Hauptperson.

Zum Inhalt: Das Buch hat zwei Erzählstränge, die einander ohne direkte Verknüpfung abwechseln. Zum einen geht es um den Nomadenjungen Nour. Er ist Anfang des 20. Jh. mit seinem Clan auf der Flucht vor den Franzosen, die in Afrika ihre Kolonien aufbauen wollen. Der andere Erzählstrang ist intensiver. Es geht um Lalla, die an der marokkanischen Küste in einem Elendsviertel bei ihrer Tante aufwächst. Sie liebt das Meer, die Wüste und die Einsamkeit. Mit 17 soll sie mit einem Mann verheiratet werden, aber sie will nicht und flieht in die Großstadt Marseille. Dort arbeitet sie in einem heruntergekommenen Hotel als Putzfrau. Sie wird dann einem Fotografen entdeckt und kommt als Fotomodell groß raus. Allerdings macht sie sich nichts aus Geld und Ruhm. Sie kehrt wieder in die Wüste zurück und bringt dort ihr Kind zur Welt, welches vor ihrer Flucht nach Marseille mit einem einfachen Hirtenjungen gezeugt wurde.

Ich hab das Buch gerne gelesen. Le Clezio schreibt gut. Er hat eine poetische Sprache. Er vermittelt die karge Schönheit und Faszination der Wüste mit wunderschönen Bildern. Er nimmt einen mit hinein in ein fremde Welt. Trotzdem sind es nicht nur schöne Dinge, die er beschreibt. Im Gegenteil: Hinter der schönen Sprache wird viel Elend und Leid sichtbar. Vor allem bei der Flucht der Nomaden vor den Franzosen und bei der Episode in der Stadt Marseille.

Die Vergabe des Literatur-Nobelpreises für Le Clezio war ja nicht auf uneingeschränkte Zustimmung gestoßen. Manche finden seinen Stil zu ausschweifend und langweilig. Ich denke auch dass er nicht unbedingt Bestseller-geeignet ist (wobei der Nobelpreis wohl auch das möglich macht…). Das Buch „Wüste“ ist schon an vielen Stellen eher Adrenalin senkend. Große dramaturgische Spannung darf man nicht erwarten. Aber auch wenn nicht viel passiert: Le Clezio beschreibt es mit eindrücklicher Sprache und lebendigen Bildern.

Schön an dem Buch fand ich die spirtuelle Dimension. Eine Aussage des Buches ist ja, dass Geld und Erfolg nicht alles ist, sondern dass andere Dinge das Leben sinnvoll und schön machen. Lalla zieht das einfache Leben in der Wüste dem Erfolg in der Großstadt vor. Und sie hat in der Wüste auch spirituelle Erfahrungen, die sie tief berühren (vgl. dazu „Das Reden des Geheimnisvollen„). Das hat alles nichts direkt mit dem christlichen Glauben zu tun, aber es mach deutlich, dass es auch etwas anderes gibt, als der Materialismus unserer modernen Konsum- und Mediengesellschaft.

Le Clezio: Wüste – Das Reden des Geheimnisvollen

Lese gerade das Buch „Wüste“ von J.M.G. Le Clezio (dem Literatur-Nobelpreisträger von 2008). Wenn ich damit fertig bin dazu mehr. Doch jetzt schon mal eine Stelle, die mir sehr gefallen hat. Die Hauptperson, das Mädchen Lalla, lebt in einer Armensiedlung am Rand der Wüste. Oft geht sie allein in die Wüste und hat dort manchmal eine mystische Begegnung mit einer menschenähnlichen Gestalt. Sie nennt ihn „Es Ser“, den Geheimnisvollen. Das hat, soweit ich das beurteilen kann, nichts mit unserem christlichen Gott zu tun, aber die Beschreibung dieses geheimnisvollen Wesens ist wundervoll und erinnert mich in manchem an den Gott der Bibel, der auch geheimnisvoll ist und der auch auf recht seltsame Weise zu uns Menschen spricht. Manchmal in Träumen, manchmal als innere Stimme, manchmal in einer Sprache, die wir nicht verstehen und doch verstehen, manchmal in einem brennenden Dornbusch und manchmal im Windhauch, der nach dem Sturm leise und sanft säuselt.

Er spricht nicht. Das heißt, er spricht nicht dieselbe Sprache wie die Menschen. Aber Lalla hört seine Stimme in sich, und er sagt in seiner Sprache sehr schöne Dinge, die sie tief in ihrem Innern verwirren und sie erschauern lassen. Vielleicht spricht er mit dem leichten Geräusch des Windes, der aus den Tiefen des Alls kommt, oder mit der Stille nach dem Windhauch. Vielleicht spricht er mit den Worten des Lichts, mit den Worten, die in Funkengarben auf den Steinklingen explodieren, den Worten des Sandes, den Worten der Steine, die in harte Körner zerfallen, spricht auch mit den Worten der Skorpione und der Schlangen, die ihre feinen Spuren im Staub hinterlassen. Er versteht es, mit all diesen Worten zu sprechen, und sein Blick hüpft von einem Stein zum anderen, flink wie ein Tier, springt mit einem Satz bis zum Horizont, steigt geradewegs in den Himmel und schwebt höher als die Vögel.“ (S.92)

Matthäus 4, 1-11 – Wüstenerfahrungen

Immer wieder, wenn ich die Versuchungsgeschichte Jesu lese, stolpere ich darüber, dass Jesus „vom Geist in die Wüste geführt [wurde], damit er von dem Teufel versucht würde“. Nicht der Teufel lockt Jesus an den Ort der Versuchung, sondern der Geist schickt ihn dorthin! Und er schickt ihn nicht nur zum meditieren und fasten in die Wüste, sondern DAMIT er versucht wird! Gott schützt ihn nicht vor dem Teufel, sondern er stellt ihn durch den Teufel auf die Probe. Erst mal wird die Kraft Jesu durch Fasten geschwächt und dann darf der Teufel zuschlagen…

Wenn ich mich selbst so anschaue, dann hab ich ganz und gar keine Lust mich vom Teufel in die Wüste führen zu lassen. Ich möchte lieber ins gelobte Land geführt werden, in ein Land in dem Milch und Honig fließt. Ich möchte lieber ein Leben in Fülle, als mich in der Einöde halb zu Tode zu fasten und dann auch noch vom Teufel umsäuselt zu werden. Vielleicht hat es Gott deswegen manchmal so schwer, an mit zu arbeiten und mich zu verändern: Weil ich Angst vor den Bedrohungen und den Schmerzen der Veränderung habe. Denn bei Jesus war es ja so, dass diese Wüstenerfahrung ihn bereit gemacht hat für seinen Weg und seine Aufgabe. Wenn Gott uns für etwas besonderes bereit machen will, dann kann das auch durch solche Wüstenerfahrungen geschehen.

Und übrigens: Auch Israel hat das gelobte Land auch erst nach einer (ziemlich langen und zermürbenden) Wüstenerfahrung erreicht. Und selbst dann war nicht alles so rosarot, wie sie sich das erträumt hatten… 😉