Exodus 9 Gottes eingeschränkte Allmacht

„Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen“. So fängt das apostolische Glaubensbekenntnis an. Wir Christen sind davon überzeugt, dass Gott alle Macht im Himmel und auf Erden hat, nichts ist ihm unmöglich. Warum kann er dann nicht das Herz des Pharaos verändern? Wenn er es verhärten kann, dann kann er es doch auch weich machen und empfänglich machen für die Botschaft des Mose und des Aaron.

Bei der siebten Plage (Hagel) wird deutlich, dass Gott das ganze Volk der Ägypter vernichten könnte, er könnte sie alle mit Pest schlagen und sein Volk hätte Frieden (V.15). Ich glaube Gott hätte auch die Macht, den Pharao vom Glauben zu überzeugen, aber er tut es nicht. Warum? In V.20f stellt Gott die Ägypter vor die Wahl: Wer dem Wort Gottes und damit Gott selbst vertraut, der lässt sein Vieh und seine Knechte nicht hinaus aufs Feld. Wer ihm nicht vertraut, der lässt sie aufs Feld (und setzt sie somit dem von Gott angekündigten Hagel aus).

Gott stellt vor die Wahl: „Vertraut ihr meinem Wort, glaubt ihr mir? Oder nicht? Ich zwinge euch nicht dazu. Es ist eure Entscheidung. Wer mir vertraut, der hört auf mein Wort und wer mir nicht vertraut, der hört nicht und muss dann aber auch mit den Folgen klar kommen.“ Der Hagel kam und alles auf dem Feld wurde erschlagen. Gott ist allmächtig, aber er schränkt seine Allmacht ein, um dem Menschen die Wahl zu lassen, sich für oder gegen ihn zu entscheiden.

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Kohelet 9, 1-10 Christus gegen die Schrift

Die Bibel ist Wort Gottes. Hier reden nicht Menschen, sondern Gott. Auch das Buch Kohelet ist ein Teil dieses Wortes Gottes… Wir müssen aber alle Aussagen der Bibel auch in ihrem Gesamtzusammenhang der Schrift lesen. Und manchmal müssen wir feststellen, dass die Bibel sich auch selbst korrigiert. Martin Luther hat davon gesprochen, dass es eine Mitte der Schrift gibt: Christus selbst. Von dieser Mitte aus kann man auch einzelne Schriftstellen kritisch lesen. „Denn wenn die Gegner die Schrift gegen Christus ins Feld führen, führen wir Christus gegen die Schrift ins Feld.“ (WA 39 I,47,19ff)

Nun ist Kohelet kein „Gegner“, aber er hat eine sehr radikale und nüchterne Sicht der Welt und er kennt die neutestamentliche Auferstehungshoffnung nicht. In diesem Abschnitt schreibt er, dass letztendlich alle das gleiche Ende haben, der Gerechte wie der Ungerechte: den Tod. Für den Prediger ist mit dem Tod alles aus und er zieht die Konsequenz, dass das einzige was wir tun können ist, das irdische Leben zu genießen. Diese Konsequenz ist ja nicht an sich falsch, aber im Licht Christi sehen wir weiter: Mit dem Tod ist nicht alles aus!

In diesem Sinn müssen wir hier Schriftkritik üben und den Ansichten des Kohelet widersprechen, oder milder ausgedrückt: sie ergänzen. Ich weiß, dass manchen Christen das Sorge macht, wenn man die Schrift kritisch liest und wenn man einzelnen biblischen Aussagen widerspricht, aber es führt letztendlich kein Weg daran vorbei. Entweder hat Kohelet recht und es ist mit dem Tod alles aus, oder Christus hat Recht und er führt uns nach dem irdischen Tod in Gottes ewige Welt. In diesem Fall werden sich auch die härtesten Verfechter einer bibeltreuen Auslegung mit Christus gegen Kohelet entscheiden müssen (oder sie lassen sich irgendwelche raffinierten exegetischen Tricks einfallen, um beide Aussagen stehen lassen zu können… 😉 ).

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Jeremia 43 Ich höre nur auf das was mir passt!

Nicht zu fassen: Da warten sie zehn lange Tage auf die Antwort Gottes und als sie dann kommt, wollen sie nicht darauf hören. Selbst der kleine israelitische Rest hat noch immer kein Vertrauen in Jeremia – obwohl doch seine Worte bis dahin genau so eingetroffen sind, wie er gesagt hat. Anstatt auf Jeremia zu hören und nicht nach Ägypten zu fliehen sagen sie: „Du lügst!“ (V.2) Es wird deutlich, dass sie nur gehorsam sein wollen, wenn ihnen die Antwort Gottes in den Kram passt.

Es ist zum verzweifeln. Der Frust bei Jeremia muss grenzenlos sein: „Warum denn überhaupt predigen, wenn sowieso niemand darauf hört?! Ein ganzes Leben lang gebe ich das Wort Gottes weiter – und selbst jetzt, nachdem alle gesehen haben, dass ich Recht hatte, selbst jetzt wollen sie nicht hören!“ Aber es nützt nichts. Die restlichen Israeliten wollen nach Ägypten fliehen. Übrigens fiel nur wenige Jahre später (568 v. Chr.) der babylonische König Nebukadnezar in Ägypten ein… Bibeltext

Jeremia 36 Die Erniedrigung des Wortes Gottes

Von vielen biblischen Büchern (vor allem aus dem Alten Testament) wissen wir nicht so genau, wer sie geschrieben hat. Normalerweise treten die Boten ganz hinter ihre Botschaft zurück. In diesem Kapitel bekommen wir zumindest beim Jeremiabuch einen kleinen Einblick in seine Entstehungsgeschichte. Nicht Jeremia selbst hat seine Botschaft und Lebensgeschichte aufgeschrieben, sondern der Schreiber Baruch. Er hat sich die prophetische Botschaft des Jeremias diktieren lassen und im Lauf der Zeit „noch viele ähnliche Worte hinzugetan“. Wahrscheinlich sind viele biblische Bücher nicht aus einem Guß am Schreibtisch entstanden, sondern im Lauf der Jahre zu den Büchern herangewachsen, wie wir sie heute vorliegen haben.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Gott sich in seinem Wort erniedrigt. Er greift nicht einen Propheten heraus und diktiert ihm buchstäblich, was er zu schreiben hat, sondern er redet mit vielen verschiedenen Menschen und durch viele verschiedene Ereignisse und lässt das alles dann über Jahrhunderte zur Heiligen Schrift heranwachsen.

Es ist immer wider erstaunlich, wie Gott sich in seinem Wort demütigt und den Menschen ausliefert. In Jeremia 36 wird beschrieben, wie der König die Worte Gottes vorlesen lässt und sie dann verbrennt! Gott liefert sich in seinem Wort den Menschen aus und lässt sich verbrennen und vernichten. Das erinnert an das eine Wort Gottes, an Jesus Christus (welcher in Joh. 1 mit dem Wort Gottes gleichgesetzt wird): Auch er erniedrigt sich und liefert sich den Menschen aus. Aber wer diesem Wort Gottes vertraut wird merken, dass Gott gerade durch die Erniedrigung hindurch mit seinem Wort zum Ziel kommt, dass gerade in diesem erniedrigten Wort eine ungeheure Kraft steckt.
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Jeremia 23, 9-32 Wie erkennt man falsche Propheten?

An diesem Abschnitt gegen falsche Propheten wird deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, einen echten Propheten (wie Jeremia) von falschen Propheten zu unterscheiden. Es scheint keine eindeutigen inhaltlichen oder formalen Kriterien zu geben. Es ist natürlich klar, dass eine Botschaft, die offensichtlich der Bibel widerspricht, keine Botschaft von Gott sein kann. Aber auch die falschen Propheten zur Zeit Jeremias haben eine durchaus biblische Botschaft: Sie verkündigen Heil und die Nähe Gottes. Genau das sagt uns Gott an vielen Stellen der Bibel immer wieder zu, das ist prinzipiell nicht falsch.

Aber in der damaligen Situation war dies eben nicht das Wort Gottes. „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“ (V.23)  Gott kann sich auch verbergen, um uns zu Besinnung zu bringen. Er sagt nicht zu allem Ja und Amen, sondern er möchte, dass wir Menschen immer wieder ernsthaft nach ihm suchen und nach seinem Willen fragen. Seine Botschaft lautet nicht immer nur eintönig: „Du bist okay und ich liebe dich“ (was ja an sich inhaltlich nicht falsch ist), sondern es ist manchmal nötig dass er uns sagt: „Du bist nicht okay und du musst dich verändern, du hast Umkehr nötig!“

Auch formal gibt uns Jeremia kein eindeutiges Kriterium an die Hand. Er sagt nur, dass die falschen Propheten eben nicht von Gott gesandt sind. Sie verkündigen z.B. Worte, die ihnen in Träumen deutlich wurden. Es gibt genügend Beispiele in der Bibel, dass Gott durch Träume reden kann, aber die Art und Weise wie wir Offenbarung empfangen, ist nicht automatisch ein Zeichen für die Echtheit dieser Botschaft.

Das einzige was Jeremia andeutet ist, dass wir das Leben der Propheten anschauen sollen. Stimmt es mit ihrer Botschaft überein? Oder zeigt sich darin Ehebruch (hier im religiösen Sinn: anderen Göttern nachlaufen), Lüge und Bosheit (V.14). Wobei wir auch hier ehrlich zugeben müssen: Wenn man nur lang genug sucht, findet man auch bei dem besten und ernsthaftesten Christen so manche Lüge und Bosheit…

Die Echtheit von Jeremias Botschaft hat sich erst eindeutig nach vielen Jahrzehnten gezeigt – als er selbst schon nicht mehr am Leben war. Da kam dann die Heimsuchung (V.14), der Untergang Jerusalems und die babylonische Gefangenschaft.
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Jeremia 6, 1-15 Friede! Friede!

Man kann auch mit der richtigen und biblischen Botschaft völlig an Gott vorbeireden. Zur Zeit des Jeremia gab es wohl viele andere Propheten, die gesagt haben: „Friede, Friede!“ (V.14) Und natürlich haben sie damit recht: Gott ist ein Gott des Friedens. Er will Schalom für sein Volk: umfassenden Frieden für Leib, Seele und Geist.

Allerdings hätte das Volk zur Zeit Jeremias erst einmal umkehren müssen. Sie haben sich abgewandt vom Gott des Friedens. Und so diente die richtige Botschaft zu einer falschen Beruhigung: „Es ist alles okay, ihr könnt ruhig so weiter machen. Gott liebt euch und schenkt euch Frieden.“ Jeremia sagt dagegen: „Es ist eben nicht alles okay! Ihr müsst euch verändern! Ihr müsst zu Gott zurück kehren! Ihr habt Gott verlassen und damit auch seinen Schalom verlassen!“
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1. Petrus 2, 1-3 – Die Freundlichkeit Gottes auf der Zunge zergehen lassen

Bin erstaunt und fasziniert wie kraftvoll und anschaulich Petrus formuliert. In diesem kurzen Abschnitt sind mir zwei Sprachbilder besonders aufgefallen: Zum einen die Aufforderung, dass wir alle Bosheit und überhaupt alles sündige Verhalten „ablegen“ sollen. So wie man alte Kleider ablegt, so soll man die Bosheit ablegen. Mein erster Gedanke: Wenn’s nur so einfach wäre. Eine Jacke auszuziehen ist kein Problem, aber schlechte Gewohnheiten, die einem über die Jahre zu einer zweiten Haut geworden sind einfach abzulegen – das ist schwieriger, das geht unter die Haut…

Faszinierend auch die andere Formulierung: Ihr habt ja „geschmeckt“, wie freundlich der Herr ist. Petrus verwendet auch hier keine geistlich abgehobenen, abstrakten Begriffe, sondern ganz handfeste Bilder. Es ist als ob auch in seinen Worten der Glaube Fleisch wird und ganz in diese irdische Welt inkarniert. Erstaunlich, dass er keine Hemmungen davor hat zu sagen, dass wir die Freundlichkeit Gottes geschmeckt haben. Und damit ist wirklich das Essen und Schmecken mit Mund und Zunge gemeint. Ihr habt euch doch die Freundlichkeit Gottes schon auf der Zunge zergehen lassen! Ihr wisst doch wie köstlich und lecker Gott schmeckt!

Darum sollt ihr Gottes Wort so selbstverständlich und begierig aufnehmen, wie ein Baby die Muttermilch. Man traut sich ja kaum dieses Bild auszumalen: Wer Bibel liest, der liegt wie ein Kind an Gottes Mutterbrust! Die Muttermilch ist das, wonach sich ein Baby ganz instinktiv verlangt. Es das was ein Baby gesund und kräftig werden lässt, das was es wachsen lässt. Und darüber hinaus ist es der Ort, an dem es ganz enge und intime Gemeinschaft mit der Mutter erlebt. Es schmeckt die Freundlichkeit und Zuwendung der Mutter.
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Psalm 53 – Wiederholung im Spätprogramm

Und ich hab immer gedacht: Wiederholungen im Spätprogramm gibt’s nur im Fernsehen. Aber das gibt’s wohl auch in den Psalmen. Zumindest ist dieser Psalm 53 eine ziemlich genaue Wiederholung (bis auf V.6) von Psalm 14. Seltsam, oder? Warum taucht dieser Psalm zweimal auf?

Wahrscheinlich ist diese Doppelung ein Indiz dafür, dass die Sammlung der Psalmen eine längere Entwicklungsgeschichte hat. Da wurden nicht auf einen Schlag 150 Psalmen rausgesucht und als Heilige Schrift deklariert, sondern es wurden verschiedene Psalmsammlungen von verschiedenen Sängergruppen zusammengestellt. Diese wurden miteinander verbunden, im Lauf der Zeit ergänzt und immer wieder überarbeitet.

Man kann das durchaus mit der Entstehung eines modernen Kirchengesangbuchs vergleichen. Da gibt es auch immer wieder eine Überarbeitung. Manche Lieder, die nicht mehr so bekannt und beliebt sind fallen raus, andere Lieder werden neu aufgenommen. Und von manchen Liedern gibt es auch unterschiedliche Text- und Melodiefassungen: Auch in unserem methodistischen Gesangbuch haben wir manche Lieder in unterschiedlichen Textfassungen. Den Herausgebern war dann wohl wichtig, beide Fassungen weiter zu geben und nicht nur eine zu bevorzugen. Ähnlich war es wohl bei den Psalmen.

Ich find’s immer wieder faszinierend zu sehen, dass die Bibel nicht einfach fertig vom Himmel gefallen ist, sondern dass Gott auf scheinbar ganz irdische Weise sein Wort von Menschen formen und gestalten lies.
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Psalm 41 – Was heißt hier Feinde?

Sehr oft sprechen die Psalmen von den Feinden der Beter. Ich frag mich: Warum hatten die Leute damals so viele Feinde? Das muss ja ganz schön abgegangen sein damals: Ständig tauchen irgendwelche Feinde auf, die dem Beter Böses wollen oder ihm sogar nach dem Leben trachten. Ich mein, ich komme auch nicht mit jedem gleich gut aus, aber ich könnte deswegen niemand als meinen Feind bezeichnen.

In Psalm 41 wird aber deutlich, wie relativ weit dieser Begriff damals gefasst wurde. Der Beter spricht von Leuten, die über ihn reden, tuscheln und darüber spekulieren, dass er wohl bald sterben wird. Sie besuchen ihn am Krankenbett, aber nicht aus Mitgefühl, sondern damit sie nachher was zu traschten haben. Sie beurteilen seine schwere Krankheit als Strafe Gottes. Nach dieser Auffassung gibt’s das heute noch genau so: Menschen, die über andere tratschen und schlecht von ihnen reden. Das gibt’s sogar in christlichen Gemeinden viel zu oft.

Wie gehen wir dann mit solchen Feinden um? An diesem Psalm wird für mich deutlich, wie eng in der Bibel Menschenwort und Gotteswort verbunden ist. Auch die Psalmen stehen in der Bibel und sind Wort Gottes. Aber z.B. in V.11 schimmert ganz deutlich Menschenwort hindurch: Der Beter bittet Gott um Heilung, damit er sich an seinen Feinden rächen kann. Diese Rachegefühle sind verständlich, auch die Psalmbeter sind nur Menschen. Und es ist toll, dass solche Gefühle auch in der Bibel stehen dürfen und nicht einfach rauskorrigiert wurden . Aber wir können daraus sicher keine theologische Lehre machen: Gott heilt kranke Menschen, damit sie wieder gesund und stark werden und sich selbst ordentlich an ihren Feinden rächen können. Ich denke Stellen wie z.B. Röm. 12,19 (sich nicht selbst rächen, sondern Gott die Rache überlassen) sind da näher an Gott dran und können eher in biblische Lehre umgemünzt werden.

Das heißt nicht, dass dieser Psalm kein gültiges Wort Gottes ist. Ist er natürlich trotzdem. Aber es heißt, dass wir den Zusammenhang beachten müssen und dass wir dementsprechend unterschiedliche Aussagen auch unterschiedlich gewichten und unterschiedlich in’s biblische Gesamtzeugnis einordnen müssen.
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