Römer 8, 31-39: Gott schenkt uns alles?

Das klingt zunächst einmal nach einer sehr triumphalen Theologie und auch ein bisschen nach Wohlstandsevangelium: Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein? Wer kann uns noch widerstehen? Gott schenkt uns in Christus alles – nicht nur ein wenig Trost, sondern alles! Das schließt dann doch auch materielle Dinge und leibliche Wohlergehen mit ein, oder?

Aber der weitere Text macht dann doch deutlich, dass es nach wie vor viele Dinge gibt, die gegen uns sein können und die uns bedrängen können: Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr, Schwert (V.35). Das klingt nicht gerade nach einem bequemen Wohlstandsevangelium. Denn Paulus sagt ja nicht, dass diese Dinge uns nicht mehr treffen können, sondern sein entscheidender Punkt ist, dass sie uns nicht mehr scheiden können von der Liebe Christi. Das heißt im Klartext: Sie werden kommen, sie werden wider uns sein, aber sie werden uns nicht von der Liebe Christi trennen können.

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Philipper 4, 10-13 Mangel und Überfluss

Paulus hat gelernt mit Mangel umzugehen. Er hat gelernt, dass Christsein nicht immer automatisch bedeutet satt, reich und zufrieden zu sein. Er lehrt also kein Wohlstandsevangelium. Aber das Gute ist, dass er auch nicht ins andere Extrem verfällt und ein asketisches Christentum lehrt, bei dem man nur wahrer Christ ist, wenn man alles den Armen gibt und selbst kaum überleben kann. Er sagt, dass ihm beides vertraut ist: satt sein und hungern, Überfluss haben und Mangel haben. Beides kann vorkommen, mit beidem muss man als Christ rechnen  und beides ist nicht an sich falsch.

Paulus kann mit beidem zurecht kommen durch den, der ihn mächtig macht: Jesus Christus. Es ist nicht leicht mit Mangel zurecht zu kommen, es ist aber auch nicht leicht mit Überfluss zurecht zu kommen. In beiden Situationen haben wir Jesus nötig. Es kann sein, dass ich als Christ Mangel leiden muss, nicht jeder wird von Gott mit materiellem Segen und irdischen Glück überschüttet. Aber es kann auch sein, dass Gott uns Überfluss schenkt, und dann dürfen wir uns auch darüber ohne schlechtes Gewissen freuen.
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1. Petrus 4, 12-19 – Juhu, es geht mir schlecht!

Das sind schon fremdartige Gedanken, die hier formuliert werden: „Freut euch, dass ihr mit Christus leidet“ (V.12). Normalerweise freuen wir uns doch, wenn Gott unser Leben leichter und angenehmer macht, wenn er uns hilft, uns heilt, uns Segen schenkt. Petrus aber sagt: „Freut euch, wenn ihr mit Christus leidet. Lasst euch von diesem Leiden nicht befremden, auch wenn euch darin Gottes Handeln fremd erscheint. Gerade wenn ihr leidet, seid ihr Christus besonders nahe.“

Heißt das im Umkehrschluss auch, dass wir Leiden suchen sollten, dass wir eigentlich traurig sein sollten, wenn es uns so gut geht, wenn unser Bauch immer dicker wird, wenn wir ganz ohne Hindernisse und Anfeindung unseren Glauben leben können? Ich denke mit solchen Umkehrschlüssen muss man vorsichtig sein. Nicht jede Aussage ist dafür geeignet. Petrus schreibt an Christen, die in dieser Verfolgungs- und Anfeindungssituation drin stecken. Er ermutigt sie dazu, im Leiden die besondere Nähe Gottes zu suchen. Daraus kann ich aber nicht automatisch den Umkehrschluss ziehen, dass wir diese Situationen von uns aus suchen und herbeiwünschen sollten.

Aber auch ohne solche Umkehrschlüsse stellen diese Verse so manche Bequemlichkeit meines Wohlstandschristentums gehörig in Frage. Wie ist das wenn ich down bin, wenn ich erschöpft und müde bin, wenn ich gefrustet bin von Gott und der Welt, wenn mein Glaube so wenig zu bewegen scheint, wenn in unserer Welt einfach kein Hunger nach Gott da ist…? Kann ich mich dann freuen, dass ich mit Christus leide?
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Psalm 112 – Reich gesegnet?

Warum steht so was in der Bibel? „Die Kinder der Frommen werden gesegnet sein. Reichtum und Fülle wird in ihrem Haus sein.“ (V.2-3) Natürlich glaube ich, dass Gott die segnet, die ihm vertrauen. Aber warum wird dieser Segen hier so undifferenziert mit Reichtum in Verbindung gebracht? Jeder der Augen im Kopf hat, sieht doch, dass das nicht stimmt. Es ist eben nicht automatisch so, dass jeder fromme Christ auch mit einem fetten Bankkonto gesegnet ist.

Auch Jesus spricht davon, dass er gekommen ist, um uns „das Leben in ganzer Fülle zu schenken.“ (Joh.10,10; Neues Leben) Aber bei Jesus ist es ganz klar, dass es eben nicht um materiellen Reichtum geht, sondern um eine Fülle in einem umfassenderen Sinn. Für Jesus ist Reichtum nicht unbedingt ein Segen Gottes, sondern er warnt sehr scharf vor den Gefahren des Reichtums: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt.6,24) „Es ist leichter dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ (Mt.19,24) Es geht nicht darum, reich in dieser Welt zu sein, sondern „reich bei Gott“ (Lk. 12,21).
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Psalm 49 – „Ich krieg euch alle!“

Tja, das mit dem „Wohlstandsevangelium“ hat schon damals nicht immer funktioniert ;)! Schon zu alttestamentlichen Zeiten gab es die Auffassung und Erwartung, dass Gott mein Leben – auch materiell und gesundheitlich – segnet, wenn ich ihm vertraue. Bekannt ist das auch unter dem Stichwort „Tun-Ergehen-Zusammenhang“: Wer Gutes tut, der wird von Gott auch Gutes empfangen. Gerade in den Psalmen wird aber immer wieder deutlich, dass dieser Zusammenhang nicht immer da ist. Gerade in den Psalmen klagen die Beter über Krankheiten und darüber, dass so mancher Gottlose reicher und materiell „gesegneter“ ist, als sie selbst. Ähnliche Erfahrungen machen uns ja bis heute zu schaffen.

Auch Ps. 49 versucht, auf diesen manchmal ausbleibenden Segen eine Antwort zu finden oder zumindest irgendwie damit klar zu kommen. Er tut das, indem er den „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ in eine neue Perspektive stellt. Angesichts des Todes relativieren sich die irdischen Unterschiede. Jeder, egal ob reich oder arm, gottlos oder gläubig wird mal sterben müssen. Und dann nützt aller Reichtum nichts mehr, dann gibt es keine Unterschiede mehr, dann stehen wir alle nackt und hilflos vor dem Tod. Den Tod kann niemand bestechen, auch nicht so manche Manager und Bänker mit ihren Millionen Boni. Der Tod nimmt unterschiedslos alle zu sich, den einen in ein paar Jahrzehnten, den anderen vielleicht schon in den nächsten Minuten. „Gestatten, ich bin der Tod! Und ich krieg euch alle!“

Oder doch nicht alle?!? Der entscheidende Punkt ist, dass der Beter folgende Gewissheit hat: „Aber Gott wird mich erlösen aus des Todes Gewalt; denn er nimmt mich auf.“
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