Apostelgeschichte 6, 1-7 Keine heile Welt

Die ach so heile Welt der Urgemeinde in Jerusalem ist gar nicht so heil… Wie in jeder irdischen Gemeinde, in welcher Menschen zusammenleben, gibt es auch hier Konflikte und Spannungen. In der Gemeinde gab es einheimische Juden, die zu Christus gefunden haben. Witwen von dieser Gruppe wurden von ihren ortsansässigen Familien versorgt. Das war damals so üblich, weil es keine staatliche Altersvorsorge gab. Daneben gab es in der Gemeinde griechisch sprechende Christen, die von außerhalb nach Jerusalem gezogen waren. Diese hatten dann oft keine Familie in der Nähe. Wenn von ihnen eine Frau Witwe wurde, dann hatte sie niemand, der sie versorgte.

Eigentlich müsste man denken, dass diese Witwen ganz selbstverständlich von der Gemeinde mitversorgt wurden. Zumal Lukas zweimal ausdrücklich betont, dass die Christen alles gemeinsam hatten und es niemand unter ihnen gab, der Mangel hatte (2,44f; 4,34). Aber ganz so problemlos war es dann doch nicht… Schon die ersten Christen hatten sich mit ganz profanen Organisationsfragen zu beschäftigen. Das was uns heute in der Gemeindearbeit oft so lästig und nervenaufreibend vorkommt, gab es damals schon. Die alltäglichen Konflikte, die im Miteinander entstehen waren damals schon genauso da wie heute. Die Urgemeinde war keine perfekte Übergemeinde, sondern eine ganz normale Gemeinde.

Die Frage damals wie heute ist, wie man mit Konflikten und Problemen umgeht. Folgt auf den Konflikt Trennung und Unversöhnlichkeit – oder sucht man gemeinsam nach einer Lösung? Interessant finde ich, wie nüchtern und sachlich die Sache damals geklärt wurde. Da gab es kein göttliches Eingreifen oder eine göttliche Offenbarung durch den Heiligen Geist. Nein, die Apostel haben ihren gesunden Menschenverstand benutzt und eine vernünftige Lösung vorgeschlagen. Die Diakone wurden dann nicht auf göttlichen Fingerzeig hin eingesetzt, sondern demokratisch gewählt.

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Lukas 21, 1-4 Reichtum, mitten in der Armut

Die arme Witwe gibt trotz ihrem Mangel großzügig. Wir tun uns trotz unserem Reichtum schwer mit dem abgeben. Wie reich wir hier in Deutschland sind, wurde mir gestern Abend wieder deutlich. Im Fernsehen kam eine Reportage über einen englischen Taxifahrer, der für einige Monate in Mumbai, der größten Stadt Indien, arbeitete. Er wurde eingewiesen von einem indischen Taxifahrer, der ihm auch in seinen eigenen Alltag und in sein Leben Einblick gegeben hat.

Es ist für uns unvorstellbar, in welcher Armut ein Großteil der Weltbevölkerung lebt. Der indische Taxifahrer war noch recht gut dran: er hat eine Arbeit, er kann für sich und seine Familie sorgen (und sorgt sogar für die verwitwete Schwester seiner Frau und ihre vier Kinder). Sie wohnen zu neunt in einer winzigen Wohnung. Der Taxifahrer ist täglich stundenlang im Verkehrschaos von Mumbai unterwegs und verdient doch lächerlich wenig. Wie gesagt: ihm geht es noch relativ gut, in der Reportage tauchten auch andere Personen auf, die buchstäblich jeden Tag ums überleben kämpfen müssen.

Die bewegendste Szene fand ich, als der indische Taxifahrer dem Engländer sein Miettaxi präsentierte: Der Inder hatte, um ihm eine Freude zu machen, auf der Rückscheibe den Namen des Engländers aufgeklebt. Dem reichen Westeuropäer kamen die Tränen. Er wusste, dass sein neuer Freund um jeden Cent zu kämpfen hat. Und trotzdem hat er Geld für Klebebuchstaben ausgegeben…

Was für ein Reichtum, mitten in der Armut. Ähnlich ist es bei der Witwe aus Lukas 21: Was für ein Reichtum, mitten in der Armut.

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1. Timotheus 5, 1-16 Hauptamtliche Beterinnen

Anscheinend gab es in der Gemeinde des Timotheus so etwas wie einen von der Gemeinde offiziell anerkannten Witwenstand, der wohl mit gewissen Rechten und Pflichten verbunden war. Zu diesem Stand – oder kann man schon sagen, dass es ein Amt war? – musste man auserwählt werden (V.9) und hatte bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen: die Witwen mussten über 60 Jahre alt sein, sie durften nur die Frau eines einzigen Mannes gewesen sein und sie mussten ein vorbildliches christliches Leben führen. Jüngere Witwen sollten besser wieder heiraten (V.14). Es ist anzunehmen, dass die anerkannten Witwen von der Gemeinde versorgt wurden und dafür dann Zeit hatten zum Gebet (V.5). Also so etwas wie hauptamtliche Beterinnen!

Ich finde das für die damalige Zeit eine tolle Regelung. Witwen standen am Rand der Gesellschaft, sie mussten oft um das Überleben kämpfen, weil sie keinen Mann hatten, der sie versorgt. Dieses Witwenamt gab ihnen die Möglichkeit, nicht mehr am Rand stehen bleiben zu müssen, sondern sich selbst sinnvoll in die Gemeinschaft einzubringen. Das ist doch genial: auch die scheinbar Schwachen dürfen und sollen sich mit ihren Gaben in die Gemeinschaft einbringen! Die Witwen sind nicht wertlos und unwichtig, sie sind nicht eine soziale Laste, welche die Gemeinschaft zu tragen hat, sondern sie sind als Beterinnen das verborgene Herzstück der Gemeinde.

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