1. Johannes 2, 12-17 Die zwei Gesichter der Welt

„Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist.“ (V.15) Seltsam, wieso sollen wir die Welt nicht lieben, die doch von Gott so sehr geliebt ist, dass er seinen Sohn für sie gab (Joh.3,16)? Warum liebt Gott diese Welt so sehr, dass er bereit ist das kostbarste für sie hinzugeben und zugleich verbietet er uns die Welt zu lieben? An beiden Stellen steht das griechische Wort „kosmos“. Es geht also um ein und dieselbe Welt.

Die beiden Verse machen in ihrer Zusammenstellung die Gespaltenheit unserer Welt deutlich. Sie ist zum einen immer noch Gottes gute Schöpfung, für die Gott bereit ist alles zu geben. Aber sie ist zugleich eine Welt, die sich von Gott abgewandt hat und ihren eigenen Maßstäben folgt. So ist auch unser Verhältnis zu Welt ein doppeltes: wir sollen sie – wie Gott – von Herzen lieben und für sie kämpfen. Aber wir sollen uns nicht an ihren verdrehten Maßstäben orientieren, welche nichts mehr mit Gott zu tun haben.

Ich finde das ziemlich schwierig und auch anstrengend hier die richtige Balance zu finden. Fromme Weltflucht wäre einfacher und auch eindeutiger. Aber wir dürfen es uns auch nicht einfacher machen als Christus selbst. Er hat sich der Gespaltenheit dieser Welt ausgesetzt. Er ist mitten hinein gekommen. Er hat mit den Zöllnern und Sündern die Güte Gottes gefeiert und hat zugleich an der Verlorenheit dieser Welt gelitten, gelitten bis ans äußerste.

| Bibeltext |

1. Timotheus 4, 1-5 Ein heiliges Leben

An dieser Stelle werden die Auffassungen der Irrlehrer am deutlichsten: Sie gebieten nicht zu heiraten und bestimmte Speisen zu meiden. Sie wollen also durch enge Grenzziehungen für ein heiliges Leben sorgen. Der geistliche Mensch soll sich nicht durch irdische Dinge „beschmutzen“. Die Antwort darauf ist deutlich: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ (V.4)

Welche Einstellung habe ich zur Welt? Habe ich Angst mich zu beschmutzen? Oder sehe ich sie als gutes Geschenk Gottes? Natürlich kennt auch die Bibel klare Grenzziehungen, z.B. die zehn Gebote. Das werden klare Grenzen aufgezeigt und gesagt: es ist nicht gut für deinen Nächsten, für dich selbst und für deine Beziehung zu Gott, wenn du diese Grenzen überschreitest.

Aber der eigentliche Kern biblischer Ethik sind nicht die negativen Grenzziehungen, sondern die positive Ausrichtung auf Gott. Wenn ich mich auf Gott ausrichte und auf ihn schaue, dann bin ich auf dem richtigen Weg. Gott ähnlicher werde ich nicht dadurch, dass ich das Negative, das Böse meide, sondern dadurch, dass ich mich am Positiven, am Göttlichen ausrichte. Das ist eine unterschiedliche Lebens- und Glaubensausrichtung: geht es vor allem darum keine Fehler zu machen, um es sich mit Gott nicht zu verderben oder geht es darum voller Freude und Dankbarkeit auf Gottes Güte zu schauen?

| Bibeltext |

Bonhoeffer: Nachfolge (21) – Die sichtbare Gemeinde

„Der Leib Christi nimmt Raum ein auf Erden.“ (S.241) Dieser erste Satz in dem Kapitel hört sich reichlich seltsam und ungewohnt an. Was meint Bonhoeffer damit? Zuerst einmal ist deutlich, dass dieses Kapitel an das vorherige anschließt: „Der Leib Christi“. Es geht also darum, wie dieser Leib Christi heute in der Gemeinde sichtbar wird. Mit dem „Raum einnehmen“ meint Bonhoeffer offensichtlich, dass Nachfolge und Gemeinde keine leiblose und nichtmaterielle Idee ist, sondern dass Gemeinde ihren sichtbaren und wahrnehmbaren Platz und Raum in dieser irdischen Welt braucht: „Eine Wahrheit, eine Lehre, eine Religion braucht keinen eigenen Raum. Sie ist leiblos.“ (S. 241) Aber der Leib Christi muss sichtbar sein – nicht nur damals beim irdischen Leib Christi, sondern auch heute bei der Gemeinde als Leib Christi.

Bonhoeffer spricht nun verschiedene Punkte an, auf welche Weise die Gemeinde sichtbar wird. Der erste Punkt ist der Gottesdienst und hier speziell die Predigt und die Sakramente. Die Predigt soll apostolische Predigt sein, sie soll nichts anderes sein als „der gegenwärtige Christus im Heiligen Geist. Christus in seiner Gemeinde, das ist die ‚Lehre der Apostel‘, die apostolische Predigt.“ (S.244) Auch in Taufe und Abendmahl begegnet uns Christus selbst: „In beiden begegnet er uns leibhaftig und macht uns der Gemeinschaft seines Leibes teilhaftig.“ (S. 244) Wie so oft geht es bei Bonhoeffer um Jesus Christus selbst. Die sichtbare Gemeinde ist sein Leib und er wird selbst leibhaftig sichtbar in der Gemeinde.

Ein weiterer Punkt der sichtbaren Gemeinde ist die Gemeindeordnung. Darunter versteht Bonhoeffer die Ämter der Gemeinde. Sie sind keine Herrschaftsämter, sondern Dienste. Es gibt für ihn keine feste Liste von Ämtern oder die eine Gemeindeordnung der christlichen Kirche, sondern es muss „in verschiedenen Gemeinden verschiedenen Ämter […] geben. (S. 246) Die Gewähr für die rechte Ordnung einer Gemeinde muss die „gesunde heilsame Lehre“ (S. 246) sein. Bonhoeffer gibt zu, dass die Trennung zwischen erlaubter Schulmeinung und Irrlehre nicht immer leicht ist, aber er betont auch, dass da wo Irrlehre offenbar ist, dann auch eine sichtbare Trennung geschehen muss.

Ein dritter Punkt der sichtbaren Gemeinde ist der „Lebensraum“. Das klingt für heutige Ohren sehr seltsam und erinnert mich an die nationalsozialistische Ideologie, welche für Deutschland „Lebensraum“ im Osten gefordert hatte. Ich weiß nicht, ob dieser Begriff schon zur Entstehungszeit des Buches im Umlauf war und ob das eine bewusste Anspielung Bonhoeffers darauf ist. Er meint damit natürlich etwas völlig anderes als die Nazis. Es geht ihm darum, dass der Lebensraum der Gemeinde, der Raum in welchem die Nachfolge sichtbar wird, nicht abgetrennt ist von der restlichen Welt. Unser Lebensraum ist mitten drin in der vergänglichen Welt – wir sollen uns nicht abtrennen von dieser Welt und auf eine Insel der Seligen zurück ziehen, sondern wir sollen unseren Glauben mitten in der Welt leben.

Glaube betrifft das ganze Leben der Christen, es gibt hier kein Lebensbereich der ausgeklammert werden kann. Nachfolge spielt sich nicht nur am Sonntag im Gottesdienst ab, sondern auch an den restlichen Tagen der Woche. Das betrifft auch Miteinander in der Gemeinde. Hier setzt Bonhoeffer eine Spitze gegen Naziideologie: das gemeinschaftliche Leben der Glieder des Leibes Christi ist unabhängig von der Stimme des Blutes, der Natur, der Sympathien oder Antipathien. (S. 250) „So greift die Gemeinde mitten hinein in das Leben der Welt und erobert Raum für Christus.“ (S. 253)

Schließlich kommt Bonhoeffer noch explizit auf die Beziehung zur Obrigkeit zu sprechen. Er bezieht sich dabei auf Röm. 13,1ff. Dabei betont er, dass dieser Text nicht der Obrigkeit gilt, sondern den Christen. „Keine Obrigkeit kann diesen Worten eine göttliche Rechtfertigung ihrer Existenz entnehmen.“ (S. 257) Bonhoeffer fasst das Anliegen von Paulus so zusammen: „Nicht über die Aufgaben der Obrigkeit will er die Christenheit belehren, sondern von den Aufgaben der Christenheit gegenüber der Obrigkeit allein spricht er.“ (S. 258) Die Aufgabe der Christen ist es, unabhängig von guter oder bösen Obrigkeit, das Böse mit Gutem zu überwinden (S. 259) Den Christen soll es nicht um das Reich dieser Welt gehen, sondern um Gottes Reich.

Nun hat aber das Leben in der Welt und unter der weltlichen Obrigkeit auch seine Grenzen: „Wo der vom Leib Christi in dieser Welt beanspruchte Raum des Gottesdienstes, der kirchlichen Ämter und des bürgerlichen Lebens mit dem Raumanspruch der Welt kollidiert, dort ist die Grenze erreicht.“ (S. 261) Man könnte hier anstatt von Raumanspruch auch von Machtanspruch sprechen: Wenn Machtansprüche des Glaubens und der Welt in Konflikt geraten, dann ist es keine Frage, welcher Anspruch für Christen mehr zählt.

Insgesamt ist also die Beziehung der sichtbaren Gemeinde zur Welt eine dialektische: „So greift zwar der Leib Christi tief hinein in die weltlichen Lebensbereiche, und doch bleibt an anderer Stelle die völlige Trennung sichtbar, und sie muß immer sichtbar werden.“ In der Welt aber nicht von der Welt.

Mir sind die Begriffe mit denen Bonhoeffer hier argumentiert teilweise ziemlich fremd, ich kann damit oft nichts konkretes verbinden. Aber von der Sache her finde ich seine Argumentation gut. Besonders gefällt mir seine Dialektik: er versucht in diesem Kapitel nicht schwierige Sachverhalte in die eine oder andere Richtung aufzulösen, sondern er belässt sie in einer Spannung. Eine Spannung, die bleiben wird, solange wir als Christen in dieser vergänglichen Welt leben.

Epheser 5, 15-20 Wein oder nicht Wein?

Am Sonntag hab ich über einen Text aus Prediger 9 gepredigt. Darin hieß es unter anderem: „So geh hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ Heute heißt es im Epheserbrief: „Sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“ (V.18) Das muss kein Gegensatz sein und das kann man auch wunderbar harmonisieren: Der Prediger ruft nicht dazu auf sich zu betrinken, sondern den Wein mit gutem Mut zu genießen und der Epheserbrief warnt vor zu viel des Guten (die Neue Genfer Übersetzung schreibt hier: „Und trinkt euch keinen Rausch an“). Also: Wein ja – aber nicht zuviel!

Trotzdem wird an diesen beiden Stellen ein unterschiedlicher Blickwinkel deutlich. Für beide ist klar, dass unsere irdische Welt und Zeit vergeht. Der Prediger sagt, dass alles nichtig und vergänglich ist (Pred. 1,2; was Luther mit „eitel“ übersetzt kann man auch mit „Nichtigkeit, Vergänglichkeit oder Windhauch“ übersetzten). Paulus schreibt im Epheser: „Kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit.“ (V.16) Aber was ist die Konsequenz dieser Vergänglichkeit? Der Prediger meint: Genieße dein Leben und freu dich an den guten Seiten dieser vergänglichen Welt. Paulus meint: Nutzte die Zeit aus und lass dich nicht von den bösen Seiten dieser vergänglichen Welt vereinnahmen.

Natürlich brauchen wir beide Blickwinkel. Aber ganz ehrlich: Der Akzent des Predigers ist mir sehr viel sympathischer…

| Bibeltext |

1. Petrus 4, 1-6 – Befremden

Petrus schreibt in diesem Abschnitt, dass unser Verhalten als Christen bei anderen Befremden auslöst. Und zwar deswegen, weil wir nicht mehr mit dem Strom schwimmen. Wir machen nicht mehr jedes selbstsüchtige und vergnügungsverrückte Treiben dieser Welt mit. Die Elberfelder Bibel übersetzt sehr treffend, dass wir nicht mehr mitlaufen in „demselben Strom der Heillosigkeit“.

Ich find die Darstellung des Petrus der Begierden der Menschen ja etwas sehr pauschal. Ich kenn so manchen Nichtchristen, der auf der moralischen Ebene ein sehr viel besseres Leben führt als manche Christen. Was mir aber sehr gefällt ist, dass wir Christen nicht einfach mit dem Strom schwimmen sollten und dass dieses andere Verhalten bei anderen „Befremden“ auslöst. Das wünsch ich mir für mein eigenes Verhalten und für uns Christen. Dass andere uns anschauen und erst mal befremdet sind, weil unser Leben irgendwie „fremd“ wirkt in dieser Welt.

Das heißt ja nicht, dass wir Christen altbacken und engstirnig sein sollten. Aber es sollte in unserem Leben deutlich werden, dass wir andere Maßstäbe haben. Es ist okay und gut, wenn man über uns die Stirn runzelt und wir manchmal etwas schief angeschaut werden. Lasst uns ruhig ein bisschen befremden auslösen!
Bibeltext

Matthäus 13, 18-23 – Göttliche Agrarlehre

Was für ein Ackerfeld bin ich für Gottes Wort? Hat seine Botschaft bei mir Auswirkungen, bringt sie Frucht? Bin ich wie ein hart getretener Weg, an dem Gottes Wort wirkungslos abprallt? Bin ich innerlich verhärtet und lasse Gottes Wort gar nicht an mein Herz kommen, so dass ich es nicht wirklich verstehen kann (verstehen in einem tieferen Sinn, als nur das verstandesmäßige Verstehen)?

Oder bin ich wie der Felsboden, der manchmal begeistert ist und mit Freude dabei ist. Wenn aber schwierige Zeiten kommen – wie sieht es dann aus? Würde ich bei Verfolgung treu sein können? Ist mir Jesus wichtiger als alles andere? Wichtiger als mein Besitz, mein Ruf, mein Leben, meine Familie? Bin ich mehr als ein Schönwetterchrist?

Oder bin ich wie der Ackerboden unter den Dornen? Das Wort wird aufgenommen und wächst, aber die Dornen dieser Welt ersticken es. Wird mein Glaube und meine Begeisterung für Gott von den Sorgen dieser Welt und der „immer mehr haben wollen Mentalität“ die mich umgibt erdrückt?

Vielleicht bin ich aber auch wie der gute Ackerboden, auf dem das Wort guten Boden finden? Wo es wachsen und gedeihen kann. Wo es viel Frucht bringt. Wer bin ich?

Ich bin von allem etwas! Es gibt so vieles in Gottes Wort, das ich nicht wirklich verstehe und das ich nicht an mich ranlasse. Vielleicht auch vieles, vor dem ich Angst habe und bei dem ich mein Herz hart und unzugänglich mache. Ich habe auch etwas von den wetterwendischen „Schönwetterchristen“. Ich habe im Moment nicht das Gefühl dass ich bei echter Verfolgung Jesus über alles andere stellen könnte. Ganz sicher hab ich auch etwas von den „Sorgenchristen“, deren Gedanken und Sorgen sich viel zu oft um Nichtigkeiten drehen. Aber ich hoffe, dass ich auch ein klein wenig der gute Ackerboden bin, bei dem Gott wirklich Frucht bringen kann…

Matthäus 5, 13-16 – Natürlich salzt Salz

Ach, das klingt so einfach, so schön und so überzeugend: „Ihr seid das Salz der Erde… Ihr seid das Licht der Welt.“ Und natürlich ist Salz salzig und Licht leuchtet. Dafür muss das Salz gar nichts besonders tun. Und auch das Licht leuchtet von selbst. Aber in der Praxis ist gerade das so unendlich schwierig: Anderen das Evangelium schmackhaft machen, anderen den Weg zu Gott leuchten. Liegt es wirklich nur daran, dass das Salz kraftlos geworden ist, oder dass wir unser Licht unter den Scheffel stellen? Oder gibt es so viel andere Gewürze und so viele andere bunte Lichter, dass die Leute unser bisschen Salz und unser kleines Licht nicht interessiert?

Ein krasses Schwimmbad-Gespräch

Hab heute ein Gespräch im Schwimmbad mit angehört (lies sich leider nicht vermeiden – es wurde so laut gesprochen, dass man nicht einfach weghören konnte…): Ein ca. 14 jähriger Junge prallt vor zwei ca. 10 Jährigen mit allem möglichen. Sein Vater ist LKW-Vater und verdient 8.000 Euro im Monat; er war schon mit seinem Vater in Moskau; zu Hause steht ein Plasma-Fernseher und er hat natürlich eine Play-Station 3; er selbst legt sich zu Hause auf den Balkon und seine Mutter bedient ihn; sein Onkel ist stinkreich und hat einen schwarzen BMW; dann war da noch die Rede von Porsche; und die Jungs, die ihn gerade so komisch angemacht haben, die würde sein Kumpel aus der Klasse zu Kleinholz machen, weil er der stärkste Kerl der Schule ist; und sein reicher Onkel der würde den besten Anwalt den man sich kaufen kann engagieren und der würde jeden in den Knast bringen; … und so ging es endlos weiter; natürlich mit dem passenden Macho-Gehabe und einer Sprache die mit Kraftausdrücken nicht spart…

Ich sass da und hab nur gedacht: Krass!!! Das ist so weit weg von meiner „christlichen“ Welt, dass ich innerlich nur den Kopf schütteln konnte. Dieses Denken und das ganz Gehabe drum herum ist mir total fremd. Eine totale Fixierung auf Geld und Ansehen. Eine totale Oberflächlichkeit. Kein Wunder dass sich solche Leute irgendwann gegenseitig wegen irgendwelchen Nichtigkeiten gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Mir hat das auf der einen Seite Angst gemacht: Wie wird es sein, wenn immer mehr Menschen so denken und handeln? Und zugleich hab ich mir gedacht: Solche Menschen erreichen wir mit unseren normalen, gut-bürgerlichen Gemeinden und Gottesdiensten nie im Leben! Die Worte einer ganz normalen Sonntagspredigt (und ich behaupte mal: auch eine gute Predigt bei einem Jugendgottesdienst) würde bei diesem Jungen wahrscheinlich nur ein Stirnrunzeln und totales Unverständnis hervor rufen. Wie würde Jesus wohl mit so jemand umgehen???