Römer 8, 18-25: Schon jetzt und noch nicht

Paulus scheint in diesem Abschnitt klar geworden sein, dass er nicht nur triumphalistisch das „schon jetzt“ der Kinder Gottes betonen kann, sondern dass auch das „noch nicht“ zur Sprache kommen muss. Wer als Kind Gottes lebt, bei dem hat etwas grundsätzlich Neues angefangen. Aber zugleich stellen wir fest, dass wir noch nicht am Ziel angekommen sind. „Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung“ (V.24). Wir leben noch immer in einem vergänglichen Leib und nicht in der Vollendung der Herrlichkeit. Wir seufzen und ängstigen uns noch mit der restlichen Schöpfung, weil wir noch nicht endgültig am Ziel sind.

Mir hilft dieser Abschnitt, weil er deutlich macht, dass auch ein Leben als Christ noch ein Leben in Spannungen ist und ein Leben in der Vorläufigkeit. Nicht weil ich mir dieses spannungsvolle Leben so wünsche, sondern weil es ganz einfach meiner erlebten Realität entspricht. Da ist auf der einen Seite die Freude über das was Jesus für mich getan hat und was sich durch den Glauben in meinem Leben schon verändert hat. Da ist aber auf der anderen Seite auch das Seufzen über Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und Vorläufigkeit. Beides gehört zu meinem Christsein dazu.

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2. Thessalonicher 2, 1-12 Alle Klarheiten beseitigt

Schon im ersten Thessalonicherbrief hat Paulus Endzeitspekulationen angesprochen, die wohl in der Gemeinde umgegangen sind. Er hat klar gesagt, dass niemand sagen kann, wann der Tag des Herrn kommt – er wird kommen wie ein Dieb in der Nacht (1.Thess.5,2). Das ist nicht voraussehbar und nicht berechenbar. Damit hatte sich aber offensichtlich das Thema in Thessalonich nicht erledigt. Auch im zweiten Brief muss Paulus den Empfängern deutlich machen, dass der Tag des Herrn noch nicht da ist (V.2). Es gab wohl Leute, die das Gegenteil behauptet haben! Paulus argumentiert, dass sich vorher noch einmal deutlich die Mächte des Bösen zeigen und der „Widersacher“ (V.4) Gottes auftreten wird. Erst dann wird Christus kommen und die Macht des Bösen endgültig besiegen (V.8).

Ob Paulus damit die Endzeitspekulationen der Thessalonicher beendet hat? Ich zweifle daran. Da brauchen wir nur die Kirchengeschichte anschauen: bis heute gab und gibt es Christen und christliche Gruppierungen, die sich mit ähnlichen Endzeitspekulationen und den damit verbundenen Ängsten beschäftigen und davon fasziniert sind. Außerdem geht es zumindest mir so, dass die Erklärungsversuche des Paulus gerade neuen Spielraum für Spekulationen eröffnen: Wer könnte dieser Widersacher sein? Könnte es ein irdischer Mensch sein oder wird es eine übersinnliche Erscheinung sein? Was könnten die „lügenhaften Zeichen und Wunder“ (V.9) sein, von denen Paulus spricht? Von wem und wie wird der Widersacher aufgehalten (V.7)? Der ganze Abschnitt ist so geheimnisvoll und apokalyptisch formuliert, dass er bei mir mehr Fragen aufwirft, als dass er zur Klärung beiträgt.

Ich denke das ist ein grundsätzliches Problem bei solchen Aussagen über die Zukunft und Vollendung unserer Welt. Da müssen ganz einfach Fragen offen bleiben, weil wir das jetzt noch gar nicht alles verstehen und wissen können, was auf uns zukommt. Nicht einmal der Sohn Gottes kennt den Tag der Wiederkunft (Mt.24,36) – wie sollten wir dann darüber mehr wissen? Mit kommt es so vor, dass es hier um Fragen geht, die auch ein Paulus nicht klären kann. Mit jeder Frage, die er zu beantworten versucht, entstehen aber zehn neue Fragen. Die Grundrichtung ist klar: Jesus Christus wird wiederkommen und das bzw. den Bösen besiegen. Bei allen weiteren Detailfragen ist es gut, wenn wir das offen lassen.

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Hebräer 8, 1-13 Ganz schön optimistischh

Ganz schön optimistisch, wie der Hebräerbrief den christlichen Glauben den müde gewordenen Gläubigen darstellt. Der bisherige jüdische Glaube mit seinen irdischen Priestern und Opfern sei nur ein „Abbild und Schatten des Himmlischen“ (V.5) gewesen – das Eigentliche, Richtige und Himmlische sei jetzt in Jesus Christus geschehen. Der von Jeremia angekündigte neue Bund, in welchem Gott uns Menschen sein Gesetz in Herz und Sinn schreibt und alle Gott kennen werden (V.10f) sieht er nun als angebrochen an. Wie bringt er diese großartige Vision eines neuen Bundes, in welchem die Menschen von Herzen Gottes Gebote erfüllen und alle Gläubigen Gott erkennen, mit der doch eher ernüchternden Realität der adressierten Gläubigen in Einklang? Es ist ihm doch selbst klar, dass die Adressaten rein empirisch gesehen weit entfernt sind von diesem Idealbild eines neuen Bundes?!

Mir selbst geht es jedenfalls so, wenn ich mich selbst, unsere Gemeinden und all die verschiedenen christlichen Konfessionen anschaue: Diese großartige Verheißung von Jeremia hat sich nur ansatzweise erfüllt. Wenn wirklich alle Christen Gott erkennen würden (und nicht nur oberflächlich eine Ahnung von ihm hätten) und Gottes Wille in unser Herz geschrieben wäre (so dass wir ihn auch gerne und ohne Kompromisse tun würden), dann würde unsere Welt anders aussehen.

Ich denke, dass auch der Hebräerbrief davon ausgeht, dass in Jesus Christus zwar etwas völlig neues begonnen hat, dass aber die Vollendung dieses Neuen noch aussteht. Vergebung geschieht nicht mehr durch Opfer der Priester im Tempel, sondern aufgrund von Jesu Tat am Kreuz. Es ist ein neuer Bund angebrochen, aber auch dieser Bund ist noch längst nicht am Ziel angekommen.

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Hebräer 4, 1-13 Himmlische Ruhe

Der Hebräerbrief hat ein ganz eigenes Bild für Gottes Vollendung der Schöpfung. Er spricht nicht vom Reich Gottes, vom ewigen Leben oder vom Himmel, sondern er verwendet den Begriff „Ruhe“. So wie Gott am siebten Schöpfungstag geruht hat, so wird am Ende seine ganze Schöpfung zu einer göttlichen Ruhe finden.

Mir gefällt dieses Bild. Unsere Welt ist so unruhig und ich sehne mich so manches mal nach einer endgültigen himmlischen Ruhe. Mir fällt dazu das bekannte Zitat von Augustinus ein: „Unser Herz ist unruhig in uns, bis es Ruhe findet in dir.“ Ja, so ist es. Mir fällt dazu auch die Liedzeile ein: „Herr, ich suche deine Ruhe, fern vom Getöse dieser Welt.“ Ja, es gibt so viel Getöse in unserer Welt – auch in unserer frommen Welt.

Beim Bild der Ruhe gefällt mir auch, dass es kein rein zukünftiges Bild ist. Wenn wir Gott nahe sind, dann können wir jetzt schon eine Ahnung dieser endgültigen Ruhe und dieses endgültigen Friedens haben. Das ist ähnlich wie mit dem gegenwärtigen und zukünftigen Reich Gottes. In Jesus Christus hat dieses Reich Gottes schon angefangen. Wir gehören jetzt schon zum Herrschaftsbereich Gottes. Aber die endgültige Vollendung steht noch aus. So auch die himmlische Ruhe: sie fängt jetzt schon in unseren Herzen an, aber die Vollendung steht noch aus. Ich freu mich schon darauf.

Apostelgeschichte 1, 1-14 Nicht nach oben schauen

Der auferstandene Jesus muss bei seinen Jüngern noch einiges klar stellen, bevor er weg geht. Nachdem Jesus von den Toten auferstanden ist und er seinen Jüngern den Heiligen Geist verheißt, ist für die Jünger die logische Schlussfolgerung, dass Gott jetzt sein Reich aufrichten wird. Aus ihrer immer noch jüdischen Perspektive sprechen sie dabei nicht vom Reich Gottes, sondern vom Reich für Israel (V.6). Jesus betont dagegen, dass die Zeit der endgültigen Vollendung offen ist (V.7). Er betont weiterhin, dass die Jünger seine Zeugen sein sollen – nicht nur in Israel, sondern bis an die Enden der Welt. Das Reich Gottes hat also andere zeitliche und örtliche Dimensionen, als die Jünger das erwarten.

Mir gefällt besonders der Ausspruch der Engel nach Jesu Himmelfahrt: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ (V.11) Die Reaktion der Jünger ist doch völlig normal und verständlich: Gerade eben war der Auferstandene noch da und dann wird er auf geheimnisvolle Weise „zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.“ (V.9) Man spürt noch förmlich, wie Lukas mit der Formulierung kämpft, um dieses außergewöhnliche Ereignis zu beschreiben. Wie sollte man da nicht stehen bleiben uns nach oben schauen?!

Aber genau das ist nicht die Aufgabe von uns Christen: Stehen zu bleiben und nach oben zu schauen. Nein, wir sollen uns auf den Weg machen und Zeugen sein – bis an die Enden der Welt – und übrigens auch bis zum Nachbarn ;). Wir sollen nicht nach oben schauen und uns schon in der himmlischen Welt wähnen. Nein, wir stehen immer noch mit beiden Beinen auf dieser Erde und lassen uns vom Heiligen Geist in diesem irdischen Leben leiten.

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Daniel 9, 20-27 Unsere Zeit in Gottes Hand

An diesem Text merken wir, dass der Umgang mit prophetischen Texten gar nicht so einfach ist. Vor allem, wenn wir anfangen wollen, genau zu rechnen. Eigentlich bekommt Daniel hier eine Deutung für eine Vision, die er nicht genau versteht. Aber auch diese Deutung ist schwierig zu verstehen. Nach Dan. 9,2 hat sich Daniel Gedanken darüber gemacht, wie die Prophezeiung von Jeremia, dass die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel 70 Jahre dauern soll (Jer.25,11f), genau zu verstehen ist. Er wollte mit den Zahlen des Jeremia rechnen und hat gemerkt, dass das nicht so einfach ist.

Der Engel Gabriel erklärt ihm nun, dass 70 „Wochen“ über das Volk Israel verhängt sind. Die meisten Ausleger deuten das so, dass Daniel zu der Erkenntnis kommt, dass es bei Jeremia nicht um 70 Jahre geht, sondern um 70 „Jahrwochen“ – also 70 mal 7 Jahre. Das wären dann 490 Jahre. Aber wenn wir aus heutiger Perspektive anfangen, mit diesen 490 Jahren zu rechnen, wird es auch kompliziert. Es gibt die unterschiedlichsten Auslegungsversuche, ab wann diese 490 Jahre gerechnet werden könnten und wie die zusätzlichen Angaben im Text verstanden werden könnten.

Wenn man vom Beginn des Exils um 600 v. Chr. (nach Dan. 1,1 wurden Daniel und seine Freunde im Jahr 605 v.Chr. nach Babylonien gebracht; endgültig zerstört wurde Jerusalem dann 587 v.Chr.) 490 Jahre rechnet dann landet man ca. 100 Jahre vor Christi Geburt. Um diese Zeit ist nichts besonderes passiert. Einige Jahrzehnte davor gab es den Aufstand der Makkabäer, von dem sich viele Juden Freiheit und den Anbruch der Heilszeit erhofft hatten – aber dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. Hundert Jahre später wurde Jesus von Nazareth geboren. Man kann bestimmt dennoch irgendwelche Rechenexperimente anstellen, um die Zahl 490 mit einem bedeutenden Ereignis zu verknüpfen. Aber ist das sinnvoll?

Im hebräischen Denken haben Zahlen nicht nur einen rechnerischen Zahlenwert, sondern auch einen Symbolwert. Mit der Zahl Sieben verbindet sich in der Bibel die Vorstellung der Vollkommenheit und Vollendung. Sieben mal Siebzig könnte dann ein Symbol für die Vollendung der Zeit sein, ohne einen genauen Zeitpunkt angeben zu wollen. Das Neue Testament warnt uns auf jeden Fall davor, dass wir versuchen, das Ende der Zeit berechnen zu wollen (Mk.13,32f; 2.Petr.3,8).

Ich nehme für mich mit: Gott ist der Herr der Zeit. All unsere menschlichen Berechnungsversuche sind müssig – selbst wenn sie sich auf göttliche Offenbarungen zu gründen versuchen. Meine Zeit steht in Gottes Hand. Und auch die Zeit seiner Schöpfung steht in seiner Hand. Er weiß, wann die Zeit der Vollendung und Vollkommenheit gekommen ist. Wenn das Ewige da ist, dann hört sowieso alles Rechnen auf.

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Kolosser 3, 1-4 Die verborgene Vollendung

Zwei Kapitel lang wird im Kolosserbrief Jesus Christus und seine Tat für uns Menschen so groß gemacht, wie es nur geht. Man hat den Eindruck, dass Jesus Christus schon alles getan hat: in ihm wohnt alle Fülle, er hat alles mit Gott versöhnt, er hat Frieden gemacht durch sein Blut (1,19f), durch ihn sind wir den Mächten der Welt gestorben (2,20) und durch ihn sind wir auferstanden in der Kraft Gottes (2,12). Was soll da noch kommen? Es ist doch schon alles geschehen? Wer könnte sich anmaßen, diesem Heilswerk Jesu Christi noch etwas hinzufügen zu wollen?

Aber trotzdem folgen auch im Kolosserbrief nun Ermahnungen an die Leser. Auch wenn Christus eigentlich schon alles erledigt hat, haben wir es nötig, uns ermahnen zu lassen. Gerade weil Christus alles für uns getan hat, sollen wir uns an ihm allein ausrichten und orientieren. Sein allumfassendes Werk soll uns nicht in die Gleichgültigkeit führen, sondern anspornen, dass wir das was wir in Christus schon sind, auch zu leben.

Zusammenfassend formuliert: „Trachtet nach dem, droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.“ (V.3) Denn Jesus Christus hat zwar alles schon getan, aber noch ist unser neues Leben „verborgen mit Christus in Gott“ (V.3). Es ist alles schon vollbracht, aber es ist noch nicht offenbar. In der Zwischenzeit müssen auch wir uns immer wieder neu an diesem verborgenen neuen Leben ausrichten. Wir müssen immer wieder neu nach dem, was droben ist, trachten und uns nicht wieder gefangen nehmen lassen von irdischen Dingen.

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Hermann Hesse: Siddhartha

Siddhartha ist für mich persönlich ein wichtiges Buch. Das erste mal habe ich es als Jugendlicher gelesen und damals war es eine wichtige Stufe auf meinem persönlichen Lebensweg. Wie so viele Jugendliche war ich auf der Suche – auf der Suche nach Halt, nach Sinn, nach Leben. Hesses Buch hat mich deswegen so bewegt, weil man in diesem Buch spürt, dass auch der Autor auf der Suche ist und er sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt. Hermann Hesse: Siddhartha weiterlesen

1. Johannes 3, 1-2 IHN sehen!

Wir werden „ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (V.2) Ich lebe gerne. Ich hab nicht den Wunsch, diese Welt so schnell wie möglich zu verlassen. Gott hat mir viel Gutes und Schönes geschenkt. Aber ich freue mich trotzdem auf diesen Augenblick: Ihm gegenüberstehen und ihn sehen, wie er ist. Das wird fantastisch werden!

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Hesekiel 38 Wer ist Gog aus Magog?

Eine Weissagung gegen Gog aus Magog. „Am Ende der Zeiten“ (V.8.16) wird dieser Fürst mit einer riesigen Vielvölkerstreitmacht gegen Israel anrücken und von Gott besiegt werden. Auch in Offb. 20,8f tauchen die Namen Gog und Magog auf: dort sind sie die Streitmacht des Satans, welche die Heiligen und die Stadt Jerusalem angreifen werden. Manche führen das Volk Magog auf einen Nachkommen Noahs zurück (1. Mo. 10,2) und identifizieren Magog mit den Skythen, welche in den Steppen im Norden Israels gelebt haben. Andere sehen Gog und Magog als symbolische Namen für die endzeitlichen Angriffe des Bösen auf Gottes Volk.

Wir wissen leider nicht, was die damaligen Hörer mit diesen Namen verbunden haben. Vielleicht waren sie genauso verwirrt, wie wir heute. Was meint Hesekiel damit? Dass Hesekiel vom Ende der Zeiten spricht, deutet für mich eher auf einen Kampf in ferner Zukunft hin und nicht auf eine damals konkret bekannte Person. Hesekiel macht auf jeden Fall deutlich: Auch wenn ihr wieder zurück im Land seid und dort in Frieden leben könnt, wird die Bedrohung durch Feinde aus dem Norden bleiben. Aber am Ende der Zeiten wird Gott die Feinde endgültig besiegen. Letztendlich ist Gottes Macht größer als die Macht aller Feinde.

Das nehme ich auch für mich aus diesem Text mit: Gott kann uns jetzt schon, in der Gegenwart, Frieden und Segen schenken – aber dieser Friede bleibt immer auch ein bedrohter Frieden. Erst „am Ende der Zeiten“ wird Gott alle Feinde endgültig besiegen. So hat ja auch Jesus immer wieder deutlich gemacht, dass Gottes Reiche jetzt schon mitten unter uns ist, dass aber die Vollendung noch aussteht. Auch wenn ich jetzt schon viel Schönes und Gutes mit Gott erleben darf – irgendwo lauert immer noch Gog aus Magog, der diesen Frieden bedroht. Aber ich darf sicher sein: auch dieser Feind wird von Gott besiegt werden.

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