Römer 9, 6-13: Rätselhafte Gnadenwahl

Manchmal sind Gottes Wege mit uns Menschen schwer nachzuvollziehen. So geht es mir auch bei diesem Text. Ausgangspunkt ist für Paulus die Frage nach Israel: Wenn Israel das erwählte Volk Gottes ist, warum verschließt sich die Mehrheit dem Sohn Gottes? Sein Argument in Kurzform ist: Schon früher hat Gott nicht einfach die leibliche Abstammung allein für die Träger der Verheißung gelten lassen, sondern er hat in seiner freien Wahl den Träger der Verheißung erwählt (V.11f). Besonders deutlich wird das bei Jakob und Esau. Noch vor der Geburt, noch bevor beide irgendwelche Dinge richtig oder falsch machen konnten, hat Gott schon entschieden, wenn er sich erwählt.

Nach heutigem Empfinden ist das nur schwer nachvollziehbar. Warum bekommt einer ohne jeden Grund einfach den Vorzug gegenüber einem anderen? Das lässt sich nicht logisch begründen. Hier wird Gott für mich rätselhaft. Aber vielleicht ist das genau der Punkt des Paulus: Auch er kann es sich nicht logisch erklären, warum sein Volk Jesus als den Messias ablehnt.

| Bibeltext |

Römer 3, 1-8: Berechtigte Anfragen

Auch wenn der Römerbrief ein eher allgemeines Vorstellungsschreiben des Paulus ist, in welchem er seine Theologie darlegt, geht er doch in dialogischer Form auf Anfragen an seine Verkündigung ein. Wenn Paulus hier schon direkt auf mögliche Anfragen eingeht, dann kann man davon ausgehen, dass seine Botschaft regelmäßig auf Kritik und Ablehnung gestoßen ist. Die Theologie des Paulus ist pointiert und zugespitzt und reizt geradezu zur Auseinandersetzung.

Die Anfragen, auf die  er hier kurz eingeht betreffen die Vorzugsstellung des jüdischen Volkes (gilt das dann nicht mehr, wenn sie genauso wie die Heiden vor Gott schuldig sind?) und die Frage, ob die Betonung von Gottes Gnade nicht zu einem bequemen Verharren in der Sünde führt, weil Gott ja sowieso vergibt und durch diese Vergebung Gottes Gnade sogar noch mehr verherrlicht wird. Beides weist Paulus scharf zurück. Auf die Frage nach dem Volk Gottes geht er später in den Kapiteln 9-11 ausführlich ein. Auf die Frage nach dem neuen Leben in der Gnade geht er in Kapitel 6 ein.

Gerade den zweiten Einwand kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich trotz aller religiösen und moralischen Anstrengungen vor Gott sowieso schuldig bin und Gott trotzdem treu und gnädig ist, warum sollte ich mich dann überhaupt noch um ein gutes Leben bemühen? Ja, rein logisch gesehen bringt mir das nichts. Aber wer diesem gnädigen Gott vertraut, der will trotzdem versuchen, seinem Willen zu gehorchen. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Liebe zu Gott und unseren Nächsten.

| Bibeltext |

Lukas 6, 12-16 Das erneuerte Gottesvolk

Ganz schön provozierend: Jesus wählt sich 12 Jünger für die engere Nachfolge aus. Da denkt natürlich damals jeder gleich an das von Gott auserwählte Volk, das aus 12 Brüdervölkern bestand. Da ist es durchaus verständlich, dass die Frommen damals mit diesem Jesus so ihre Schwierigkeiten hatten. Er nimmt für sich in Anspruch, das von Gott erwählte Volk zu erneuern. Was für eine Anmaßung!

Auf der anderen Seite: Was für eine Auszeichnung für die 12 Jünger! Jesus hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: Er hat die ganze Nacht im Gebet verbracht! Er wollte sicher sein, dass er die Richtigen auswählt. Und als Nachfolger Jesu darf auch ich zu diesem neuen Gottesvolk mit dazu gehören. Wow!

| Bibeltext |

Hesekiel 48 Hier ist der Herr

Das letzte Kapitel des Hesekielbuches (geschafft!!! 😉 ) und der Abschluss der großen Heilsvision des Propheten. Hesekiel schließt mit der Verheißung einer neuen Landverteilung an die zwölf Stämme Israels. Für die damaligen Hörer war das wohl eine zentrale und wichtige Hoffnung. Viele Israeliten waren (wie Hesekiel selbst) im Exil in Babylonien, der Tempel und die Hauptstadt Jerusalem waren zerstört, das ganze Land stand unter der Oberherrschaft der Babylonier. All das, was Gott den Israeliten in ihrer Geschichte zunächst versprochen und dann auch gegeben hatte, war verloren.

Hesekiels Vision macht deutlich, dass Gott mit seinem Volk neu anfangen will, dass er es nicht aufgibt. Dass der Prophet von den zwölf Stämmen spricht, macht deutlich, dass Gott das ganze Volk wiederherstellen will, nicht nur einen Teil. Die Landverteilung geschieht in gleich große Gebiete: Gott bevorzugt keinen Stamm vor dem anderen. Das Heiligtum und die Stadt Jerusalem bekommt ein extra Gebiet, d.h. alle Stämme haben gleiches Anrecht und Zugang. Für ein Volk, das alles verloren hat, müssen diese Zukunftsbilder sehr wichtig gewesen sein.

Für mich bleibt die Frage, ob diese Zukunftsvisionen des Hesekiel wörtlich verstanden werden wollen. Sie haben sich zumindest bis jetzt nicht wörtlich erfüllt. Ich denke aus neutestamentlicher Perspektive können wir sehen, dass Gott seine Verheißungen auf andere Weise erfüllt hat. Auf einer tieferen und sehr viel grundsätzlicheren Ebene. In Jesus Christus hat er den Opferdienst überboten, wir brauchen Gott keine Opfer mehr bringen, sondern er hat uns durch seinen Sohn mit uns versöhnt. Die Gemeinde ist der Leib Christi und der Tempel des Heiligen Geistes, wir brauchen kein zentrales Heiligtum aus Steinen. Wer Christus vertraut, ist Teil des Volkes Gottes und jeder hat unmittelbaren und gleichberechtigten Zugang zum Thron Gottes. In Christus können wir sagen, was Hesekiel am Schluss seiner Vision als Verheißung sagt: „Hier ist der Herr.“ (V.35)

| Bibeltext |