Sacharja 6, 1-8 Der Herrscher aller Lande

Die achte und abschließende Vision des Sacharja. Wie immer bei Visionen ist sie bis zu einem gewissen Grad offen für verschiedene Deutungen. Bei allen Auslegungen, die bis ins kleinste Detail hinein vorgeben zu wissen was gemeint ist, wäre ich vorsichtig. Das haben nun mal Bilder, Visionen und auch Gleichnisse an sich: es sind keine exakten Definitionen, sondern Vergleiche, die zwar eine Aussageabsicht haben, aber auch offen sind für verschiedene Interpretationen.

Deutlich bei dieser Vision ist, dass die vier Wagen mit den vier Pferden von Gott her kommen (V.5). Es sind also Boten Gottes, die nun in alle Welt ziehen. Vier steht in der hebräischen Bibel normalerweise für etwas umfassendes, so wie die vier Himmelsrichtungen. Die vier Wagen und Rosse werden auch als „Winde“ bezeichnet (V.5). „Wind“ ist im Hebräischen dasselbe Wort wie Geist. Besonders erwähnt wird der Wagen, der nach Norden zieht (V.8) und dort wird auch ausdrücklich gesagt, dass Gottes Geist im Lande des Nordens ruhen wird. Es geht also um die Gegenwart von Gottes Geist in allen vier Himmelsrichtungen (nicht nur in Jerusalem). Der Norden wird besonders erwähnt, weil von Norden her die Babylonier (und davor die Assyrer und danach die Perser) nach Jerusalem kamen.

Was Gottes Geist aber im Land des Nordens näher für eine Aufgabe hat, bleibt offen. Manche vermuten, er soll die noch in Babylonien zurück gebliebenen Juden zu Rückkehr bewegen (dann wären die Wagen Transportwagen für die Rückkehr), andere deuten die Wagen eher als militärische Herrschaftswagen und die Aufgabe des Geistes wäre dann eher eine richterliche. Wie auch immer: in allen Wirrnissen der damaligen und auch unserer heutigen Zeit bleibt Gott der Herrscher über alles.

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Sacharja 5, 1-11 Die Frau in der Tonne

Auch wenn Gott dem Hohenpriester seine Sünde vergibt (3,4) und er dem Serubbabel verheißt, dass er den angefangenen Tempelbau auch vollenden wird, so ist doch noch lange nicht alles in schönster Ordnung. Die Sünde bleibt eine Gefahr. Das wird in diesen beiden Visionen deutlich. Gott sieht nicht einfach über die Sünden und Verfehlungen seines Volkes hinweg, sondern spricht sie an. Aber er will seinem Volk helfen die Sünde los zu werden. Das wird in der Vision von der Frau in der Tonne deutlich: Die Tonne steht für die „Sünde im ganzen Land“ (V.6) und die Frau in der Tonne für die Gottlosigkeit (V.8), welche die Wurzel aller Sünde ist.Gott lässt die Tonne wegbringen – er will sein Volk befreien.

Das blöde ist, dass die Tonne immer wieder auftaucht. Selbst wenn Gott vergibt, selbst wenn Gott uns hilft von der Sünde frei zu werden – solange wir hier auf Erden sind, bleibt die Sünde eine ständige Bedrohung und Verlockung. Wir leben als Christen in der bleibenden Spannung: wir sind einerseits befreit von der Sünde und andererseits bedroht sie uns immer wieder neu.

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Sacharja 4, 1-14 Die beiden Ölsöhne und der eine Gesalbte

In dieser Vision tauchen zwei Gesalbte (wörtlich: „Ölsöhne“) auf. Sie stehen wohl für politische und religiöse Führungspersönlichkeiten, also für König und Priester. Die Vision scheint von den damaligen Erwartungen beeinflusst zu sein. Denn man erwartete die Wiederherstellung Israels unter dem Hohenpriester Jeschua (vgl. Kap. 3) und durch den in messianischen Farben geschilderten Serubbabel, der damals Statthalter von Juda war (vgl. 4,9f und Haggai 2,21-23). Allerdings lesen wir danach nichts mehr von Serubbabel – die Erwartungen haben sich wohl so nicht erfüllt.

Im Neuen Testament wird Jesus Christus als der eine wahre König und Hohepriester gesehen. In ihm vereinen sich als dem einen Gesalbten alle Erwartungen. Wir sehen wieder einmal, dass nicht alle Prophetien einfach eins zu eins aufgehen. Es sind Zukunfts- und Hoffnungsbilder, die etwas andeuten, aber nicht exakt voraussagen. In der damaligen Zeit haben sich die Erwartungen im Hohepriester Jeschua und dem Statthalter Serubbabel ansatzweise erfüllt. Die beiden sorgten für den Wiederaufbau des Tempels, trotz mancher Widerstände. In Jesus Christus ist diese Prophezeiung der „Ölsöhne“ auf veränderte Weise fortgeführt worden. Die endgültige Aufrichtung der Herrschaft des Messias steht noch aus und wird wohl auch etwas anders aussehen, als wir uns das jetzt noch vorstellen können.

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Sacharja 2, 1-9 Das Eigentliche

Erstaunlich wie nüchtern und knapp Sacharja von diesen himmlichen Visionen berichtet. Als ob es das selbstverständlichste der Welt sei, dass Engel mit ihm reden. Er beschreibt gar nicht genauer, wie wir uns die Engel ausgesehen haben und wie wir uns seine Vision vorzustellen haben. Wenn so etwas heute passieren würde, dann würde wahrscheinlich ein riesiger Hype daraus entstehen. Sacharja berichtet von acht Visionen. Eine einzige davon würde heute ausreichen, um das ganze auch kommerziell gut auszuschlachten.

Sacharja könnte in christlichen Fernsehshows auftreten und davon erzählen, wie die Engel aussehen und wie es im Himmel ist. Er könnte ein Buch über seine Erfahrungen schreiben, welches dann sicher zum Bestseller würde. Dann könnte er nach einiger Zeit ein zweites Buch nachschieben, um die Erfolgswelle weiter auszunützen. Er könnte Vorträge halten und Seminare geben: „Sieben Schritte auf dem Weg zum Propheten“.

Aber Sacharja geht es nicht um das Drumherum. Das ist für ihn völlig nebensächlich. Wichtig ist nur, was Gott zu sagen hat. Ich fürchte bei uns heute, geht es oft sehr viel mehr um das spektakuläre Drumherum, als um das Eigentliche…

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Juli Zeh: Corpus delicti

Zeh: Corpus delictiSchade! Eine gute Schriftstellerin und eine gute Romanidee – und doch hat mich ihr Buch nicht so richtig überzeugt. Es geht um eine Zukunftsvision von einer Welt in der Mitte des 21. Jh., in welcher Gesundheitsfanatiker den Staat und alles öffentliche Leben bestimmen. Eine schöne neue, saubere und gesunde Welt. Das höchste Gut für den Einzelnen und für die Gesellschaft wird in einem gesunden Körper gesehen. Juli Zeh: Corpus delicti weiterlesen

Daniel 9, 20-27 Unsere Zeit in Gottes Hand

An diesem Text merken wir, dass der Umgang mit prophetischen Texten gar nicht so einfach ist. Vor allem, wenn wir anfangen wollen, genau zu rechnen. Eigentlich bekommt Daniel hier eine Deutung für eine Vision, die er nicht genau versteht. Aber auch diese Deutung ist schwierig zu verstehen. Nach Dan. 9,2 hat sich Daniel Gedanken darüber gemacht, wie die Prophezeiung von Jeremia, dass die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel 70 Jahre dauern soll (Jer.25,11f), genau zu verstehen ist. Er wollte mit den Zahlen des Jeremia rechnen und hat gemerkt, dass das nicht so einfach ist.

Der Engel Gabriel erklärt ihm nun, dass 70 „Wochen“ über das Volk Israel verhängt sind. Die meisten Ausleger deuten das so, dass Daniel zu der Erkenntnis kommt, dass es bei Jeremia nicht um 70 Jahre geht, sondern um 70 „Jahrwochen“ – also 70 mal 7 Jahre. Das wären dann 490 Jahre. Aber wenn wir aus heutiger Perspektive anfangen, mit diesen 490 Jahren zu rechnen, wird es auch kompliziert. Es gibt die unterschiedlichsten Auslegungsversuche, ab wann diese 490 Jahre gerechnet werden könnten und wie die zusätzlichen Angaben im Text verstanden werden könnten.

Wenn man vom Beginn des Exils um 600 v. Chr. (nach Dan. 1,1 wurden Daniel und seine Freunde im Jahr 605 v.Chr. nach Babylonien gebracht; endgültig zerstört wurde Jerusalem dann 587 v.Chr.) 490 Jahre rechnet dann landet man ca. 100 Jahre vor Christi Geburt. Um diese Zeit ist nichts besonderes passiert. Einige Jahrzehnte davor gab es den Aufstand der Makkabäer, von dem sich viele Juden Freiheit und den Anbruch der Heilszeit erhofft hatten – aber dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. Hundert Jahre später wurde Jesus von Nazareth geboren. Man kann bestimmt dennoch irgendwelche Rechenexperimente anstellen, um die Zahl 490 mit einem bedeutenden Ereignis zu verknüpfen. Aber ist das sinnvoll?

Im hebräischen Denken haben Zahlen nicht nur einen rechnerischen Zahlenwert, sondern auch einen Symbolwert. Mit der Zahl Sieben verbindet sich in der Bibel die Vorstellung der Vollkommenheit und Vollendung. Sieben mal Siebzig könnte dann ein Symbol für die Vollendung der Zeit sein, ohne einen genauen Zeitpunkt angeben zu wollen. Das Neue Testament warnt uns auf jeden Fall davor, dass wir versuchen, das Ende der Zeit berechnen zu wollen (Mk.13,32f; 2.Petr.3,8).

Ich nehme für mich mit: Gott ist der Herr der Zeit. All unsere menschlichen Berechnungsversuche sind müssig – selbst wenn sie sich auf göttliche Offenbarungen zu gründen versuchen. Meine Zeit steht in Gottes Hand. Und auch die Zeit seiner Schöpfung steht in seiner Hand. Er weiß, wann die Zeit der Vollendung und Vollkommenheit gekommen ist. Wenn das Ewige da ist, dann hört sowieso alles Rechnen auf.

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Daniel 7, 16-28 Das letzte Wort

Daniel lässt sich von einem Engel noch während seiner Vision, die Bedeutung seiner Vision erklären. Aber auch diese Deutung lässt noch vieles offen. Das ist wohl bewusst so, denn solche göttlichen Visionen sollen keinen Zukunfstfahrplan festlegen, sondern sie sind offen genug, um die eigenen Erfahrungen und die eigene Zeit im Licht dieser Vision zu deuten.

Was immer wieder auffällig bei solch apokalyptischen Texten ist: Gott lässt zu, dass das Böse eine Zeit lang die Überhand behält. Hier wird in V.7 gesagt, dass ein widergöttlicher Herrscher gegen die Heiligen kämpfen wird und den Sieg über sie behält! Aber in V.25 wird diese Zeit der Unterdrückung begrenzt. Danach wird Gott eingreifen und seine Heiligen, also die, die auf ihn vertrauen, erretten. Danach wird es ein Reich geben, das Gott schenkt und das nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt ist, sondern ewig ist.

Für mich entscheidend in diesem Text ist nicht die genaue zeitliche Abfolge und der Versuch, einzelne Ereignisse in unserer Weltgeschichte wieder zu entdecken. Dazu ist der Text zu offen und vieldeutig. Was mir wichtig ist, ist die Gewichtung der Zeitverhältnisse: Das Böse wird von Gott begrenzt, aber Gottes Herrschaft wird unbegrenzt sein. Auch wir machen Leiderfahrungen in unserem Leben. Aber wir dürfen wissen: das Böse wird nicht das letzte Wort haben. Und das dürfen wir nicht erst am Ende der Zeiten erfahren, sondern auch jetzt schon immer wieder: Gott hilft durch schwere Zeiten hindurch, er lässt uns nicht fallen. Er lässt uns auch jetzt schon immer wieder einen Hauch von seinem ewigen Reich schmecken.

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Daniel 7, 1-15 Der Menschensohn

In dieser Vision geht es wohl um die vier Königreiche, welche auch in Nebukanezars Traum in Dan.2 auftauchen. Im Gegensatz zu diesen tierischen Mächten, die aus der widergöttlichen Chaosmacht des Meeres heraufsteigen und immer grausamer werden, wird ein Herrscher vom Himmel kommen, der die Gestalt eines Menschensohns hat. Nach dem Gericht über die Tiere wird er in einem ewigen Reich über alle Völker herrschen. Nach Dan.7,18.27 ist dabei an das personifizierte Volk Israel zu denken.

Vom Neuen Testament her drängt sich unmittelbar der Vergleich mit Jesus Christus auf. Jesus selbst hat sich bevorzugt als „Menschensohn“ bezeichnet. Diesen Titel hat er von sich selbst weit häufiger als alle anderen Selbstbezeichnungen gebraucht. Menschensohn kann zunächst einfach „Mensch“ bedeuten. Ein Sohn des Menschen gehört (im Unterschied zu den Tieren oder himmlischen Mächten) zu der Gattung der Menschen. Auf dem Hintergrund von Dan.7 konnte diese Bezeichnung ab auch als messianischer Hoheitstitel verstanden werden.

Jesus verstand sich selbst also vor allem vor dem Hintergrund dieses Textes aus Dan.7. Als „Menschensohn“ gehört er zu der Gattung Mensch und doch hat er himmlischen Ursprung (so wie der Menschensohn in Dan.7 vom Himmel her kommt). Er richtet kein neues irdisches und vergängliches Reich auf, sondern herrscht über alle Völker in Ewigkeit. Nüchtern betrachtet, scheint er an diesem Anspruch gescheitert zu sein. Er wurde vom römischen Weltreich hingerichtet und bis heute kommen und gehen die irdischen Reiche. Aber der Glaubende erkennt, dass im Gekreuzigten und Auferstandenen ein ganz anderes, ewiges Reich begonnen hat, welches dieser „Menschensohn“ einmal vollenden wird.

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Hesekiel 48 Hier ist der Herr

Das letzte Kapitel des Hesekielbuches (geschafft!!! 😉 ) und der Abschluss der großen Heilsvision des Propheten. Hesekiel schließt mit der Verheißung einer neuen Landverteilung an die zwölf Stämme Israels. Für die damaligen Hörer war das wohl eine zentrale und wichtige Hoffnung. Viele Israeliten waren (wie Hesekiel selbst) im Exil in Babylonien, der Tempel und die Hauptstadt Jerusalem waren zerstört, das ganze Land stand unter der Oberherrschaft der Babylonier. All das, was Gott den Israeliten in ihrer Geschichte zunächst versprochen und dann auch gegeben hatte, war verloren.

Hesekiels Vision macht deutlich, dass Gott mit seinem Volk neu anfangen will, dass er es nicht aufgibt. Dass der Prophet von den zwölf Stämmen spricht, macht deutlich, dass Gott das ganze Volk wiederherstellen will, nicht nur einen Teil. Die Landverteilung geschieht in gleich große Gebiete: Gott bevorzugt keinen Stamm vor dem anderen. Das Heiligtum und die Stadt Jerusalem bekommt ein extra Gebiet, d.h. alle Stämme haben gleiches Anrecht und Zugang. Für ein Volk, das alles verloren hat, müssen diese Zukunftsbilder sehr wichtig gewesen sein.

Für mich bleibt die Frage, ob diese Zukunftsvisionen des Hesekiel wörtlich verstanden werden wollen. Sie haben sich zumindest bis jetzt nicht wörtlich erfüllt. Ich denke aus neutestamentlicher Perspektive können wir sehen, dass Gott seine Verheißungen auf andere Weise erfüllt hat. Auf einer tieferen und sehr viel grundsätzlicheren Ebene. In Jesus Christus hat er den Opferdienst überboten, wir brauchen Gott keine Opfer mehr bringen, sondern er hat uns durch seinen Sohn mit uns versöhnt. Die Gemeinde ist der Leib Christi und der Tempel des Heiligen Geistes, wir brauchen kein zentrales Heiligtum aus Steinen. Wer Christus vertraut, ist Teil des Volkes Gottes und jeder hat unmittelbaren und gleichberechtigten Zugang zum Thron Gottes. In Christus können wir sagen, was Hesekiel am Schluss seiner Vision als Verheißung sagt: „Hier ist der Herr.“ (V.35)

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Hesekiel 47 Strom des Lebens

Nein, es geht nicht um einen neuen Energieversorger oder um Öko-Strom, sondern es geht um Hesekiels große Hoffnungs- und Zukunftsvision. Nach den ganzen Ausführungen zum Tempel und Opferdienst, kommt jetzt ein Bild, das auch mich heute noch ganz unmittelbar anspricht: Hesekiel sieht aus dem Tempel einen Wasserstrom fließen, der ständig größer und tiefer wird. Am den Flussufern stehen viele Bäume, mit immergrünen Blättern und Früchten ohne Ende. Der Fluss fließt ins Tote Meer und sein Wasser hat so viel Lebenskraft, dass selbst das Tote Meer wieder „gesund“ wird und es dort viel Fische gibt.

Was für ein herrliches Bild: aus dem Tempel, dem Ort von Gottes Gegenwart, fließt lebendiges Wasser ins Land. Es macht das Land fruchtbar und lebendig. Ich möchte auch so ein Baum sein, der am Ufer dieses lebendigen Flusses steht, grünt und Früchte im Überfluss hervorbringt. Ich will nicht menschlich-fromme Früchte erzwingen, sondern das Wasser des Lebens aufnehmen und in mir wirken lassen. Ich will mich nach Gott ausstrecken und seine Kraft in mir Früchte hervor bringen lassen.

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