Hesekiel 37, 15-28 Typisch Hesekiel

Wieder einmal eine Zeichenhandlung von Hesekiel: Er nimmt zwei Hölzer und hält sie jeweils am Ende in einer Hand fest, so dass sie aussehen wie ein Holz. Das steht dann als Symbol dafür, dass Gott sein Volk in seiner Hand wieder zusammen führen wird (vor allem die zwei ehemaligen Königreiche Juda und Israel). Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie Gott durch unterschiedliche Propheten auf ganz eigene Weise redet. Ich glaube kein anderer Prophet spricht so oft durch Zeichenhandlungen, wie Hesekiel.

Passt sich da Gott mit seinem Reden der Eigenart und dem Charakter des Boten an? Oder hört der Bote Gottes Wort schon durch seinen Charakter hindurch und drückt es dann dementsprechend aus? Keine Ahnung. Auf jeden Fall wird immer wieder deutlich, dass Gottes Wort nicht einfach abstrakt vom Himmel fällt, sondern dass Gott durch Menschen hindurch spricht.

Und das entsprechende geschieht ja dann auch beim Hören: es ist oft erstaunlich, wie unterschiedlich Bibeltexte verstanden und gedeutet werden. Selbst bei Christen mit denselben theologischen Standpunkten. Auch unser Hören ist durch unsere Person, unsere Eigenarten, unsere Erfahrungen hindurch geprägt.

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Kohelet 12, 9-14 Zu provozierend und skeptisch?

In diesem Abschnitt wird deutlich, dass das Buch (zumindest in der Form in der wir es vorliegen haben) von einem Schüler des Predigers herausgegeben wurde (es wird hier in der dritten Person über den Prediger beschrieben). In der Auslegungsgeschichte gab es unzählige Meinungen, wer denn jetzt der „Prediger“ war und wann dieser Schüler das Buch geschrieben hat. Das ist meiner Meinung nach für das Verständnis nicht von zentraler Bedeutung. Das Buch Kohelet beruft sich auf jeden Fall auf die Autorität des Salomo – egal zu welcher Zeit es geschrieben wurde und wer der Schüler war.

Interessant finde ich allerdings die Zusammenfassung, die der Schüler von der Weisheit Kohelet gibt. Wenn ich selbst den Inhalt zusammenfassen sollte, dann würde ich sagen: Alles ist vergänglich, alles ist ein Haschen nach Wind – darum genieße dein Leben so gut es geht! Der Herausgeber sagt dagegen: „Lasst uns die Hauptsumme aller Lehre hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für alle Menschen.“ (V.13) Offensichtlich hatte da jemand etwas kalte Füße bekommen bei den pointierten und provozierenden Aussagen des Prediger. Denn mit dieser Zusammenfassung möchte der Schüler das Buch ein bisschen in Richtung traditioneller theologischer Aussagen der Bibel rücken und von den harten Spitzen des Predigers ablenken.

Im Judentum war es lange Zeit umstritten, ob das Buch überhaupt in die Bibel mit aufgenommen werden sollten. Für viele waren die Aussagen Kohelets zu extrem und zu skeptisch. Letztendlich wurde es doch aufgenommen (wahrscheinlich auch weil man davon ausging, dass Salomo als Autorität dahinter stand). Das ist gut so! Es ist gut, dass in der Bibel auch unterschiedliche Meinungen nebeneinander stehen bleiben können. Es ist gut, dass sich in der Bibel die Vielfalt des Lebens spiegelt. Es ist gut, dass in der Bibel auch kritische und skeptische Stimmen zu Wort kommen dürfen.

Kohelet 1, 1-11 Alles ist Windhauch!

Ich liebe die Vielfalt der Bibel. Sie ist kein durch systematisiertes dogmatisches Lehrbuch, sondern sie ist in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit ein „Lebensbuch“, das der Vielfalt und Unterschiedlichkeit des Lebens entspricht. Das Buch Kohelet unterscheidet sich deutlich von vielen anderen biblischen Büchern  (Kohelet ist die hebräische Bezeichnung, sie wird im Deutschen üblicherweise mit „Prediger“ wieder gegeben; vom Wortstamm her [versammeln] meint es jemand, der eine Versammlung einberuft oder leitet).

Das Buch hat eine sehr skeptische und nüchterne Grundhaltung. Da ist nichts zu spüren vom Optimismus der Propheten, die damit rechnen, dass Gott einmal alles erneuern wird. Da ist nichts zu spüren von der üblichen Zuversicht der weisheitlichen Schriften der Bibel, dass Gott gutes Handeln auch mit einem guten Leben belohnen wird. Erst recht nicht taucht die neutestamentliche Hoffnung auf, dass Gott über den Tod hinaus Leben schenkt.

Gleich zu Beginn lesen wir das Fazit des Predigers: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ Hinter dem Wort „eitel“ steckt das hebräische Wort „häbäl“. Man kann es übersetzen mit: vergänglicher Hauch/Windhauch(!!!)/Nichtigkeit. Man könnte sagen: Wenn man die Welt anschaut, dann bleibt am Ende nichts Bleibendes, kein tieferer Sinn. Es vergeht alles wie ein Windhauch und am Ende bleibt nichts Greifbares. Auf die Spitze getrieben: Es ist sowieso alles egal!

Erstaunlich, dass es ein Buch mit solchen Aussagen geschafft hat, in den Kanon der Bibel zu kommen. Diese Einstellung klingt geradezu neuzeitlich und modern. Erstaunlich, dass man mit dieser Einstellung trotzdem noch an Gott festhalten kann. Wie das geht werden wir im Verlauf des Buches noch sehen.
Bibeltext

Psalm 128 – Schlafen und arbeiten

Das mag ich einfach an der Bibel: Dass vieles immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird. Die Bibel ist kein kühles Lehrbuch, sondern ein Lebensbuch. Und so wie das Leben manchmal verwirrend kompliziert ist, so gibt uns auch die Bibel manchmal eine scheinbar verwirrende Vielfalt von Hilfestellungen für dieses Leben.

Gestern noch (bei Psalm 127) hab ich gelesen, dass Gott es den Seinen im Schlaf schenkt und heute: “Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast’s gut.” (V.2) “Ja wat denn nun??? Schlafen oder arbeiten?” Logischerweise beides! Beides gehört zum Leben dazu! Und wir vertrauen darauf, dass Gott beides segnet. Für einen Workaholic ist wichtig zu hören, dass nicht alles nur an ihm hängt und dass Gott das entscheidende Gelingen ohne sein Zutun schenken kann. Für einen müden Faulpelz ist es wichtig, dass Gott gerade seine eigenen Bemühungen segnen und stärken will. Dumm läuft’s dann nur, wenn die Workaholics nur die Stellen mit dem “Arbeite!” hören und die Faulpelze sich auch Psalm 127,2 ausruhen… ;)
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