Johannes 11, 17-27 Bei Jesus im Leben und Sterben

Was für ein Anspruch! Jesus sieht sich als die Auferstehung und das Leben in Person! Das ist wohl das provozierendste und weitgehendste Ich-bin-Wort des Johannesevangeliums. Jesu ist mehr als ein Wegweiser oder eine Hilfe zum Heil, er ist das Heil selbst. Er vermittelt nicht nur Leben, sondern ist das Leben in Person. Es ist verständlich, dass die junge Christenheit bei solchen Ansprüchen in Konflikt mit der jüdischen Gemeinde geraten ist. Diese Aussagen sind noch einmal von einer anderen Qualität, wie wenn ein Prophet von sich sagt, im Namen Gottes zu reden.

Ist die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod aber wirklich ein Trost angesichts des Verlustes eines irdischen Menschenlebens? Manche tun das als billige Jenseitsvertröstung ab. Mit selbst kommt es auch manchmal so vor. Der Schmerz und die Verzweiflung über Leid und Tod in dieser Welt ist trotzdem noch da. Aber dann gibt es auch Zeiten, in denen mich solche Hoffnungsaussagen tragen, halten und trösten. Wer in der Gewissheit leben und sterben kann, dass Jesus das Leben und die Auferstehung ist, und wer diesem Jesus vertrauen kann, der lebt und stirbt leichter.

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Jeremia 20 Biblischer Realismus

Ähnlich wie in Jer. 15,10-21 wird in diesem Kapitel das Leiden und die Verzweiflung des Jeremia deutlich. Er leidet an seiner schweren Aufgabe, er leidet darunter, dass er Gericht ankündigt, dass keiner ihn hören will und dass Gott das, was Jeremia immer wieder androht, scheinbar nicht vollzieht. Er leidet körperliche Schmerzen, die ihm andere zufügen, aber viel schlimmer sind die psychischen Schmerzen: Er wird wie ein Ausgestoßener und Volksfeind behandelt. Er ist so verzweifelt, dass er sich wünscht, nie geboren worden zu sein, dass er den Tag seiner Geburt verflucht.

Nun gibt es in der Bibel genügend Aussagen, die uns zur Freude, Dankbarkeit, Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen in Gott auffordern. Es gibt genügend Verheißungen in dieser Art: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jes. 40,1) Und es gibt genügend Christen, die anderen in Notzeiten mit einem seligen Lächeln im Gesicht sagen: „Freue dich in dem Herrn allezeit und sei dankbar für alles!“

Das ist ja alles gut und richtig. Aber selbst bei einem solch großen Propheten wie Jeremia, der ein Leben voller Hingabe an Gott und voller Hingabe an seinen Auftrag lebt, gibt es Situationen, in denen auch ihm das Vertrauen und die Hoffnung schwindet.

Mir tut es gut, dass die Bibel hier nicht verschämt schweigt über diese dunkle Stunde des Jeremia. Ich erlebe es zur Zeit nicht so. Ich weiß mich getragen, bin voller Hoffnung und Vertrauen auf Gott. Aber diese Stelle zeigt mir, dass dieses Vertrauen ein großes Geschenk ist. Ich weiß: Es kann auch anders kommen. Es können auch bei mir Zeiten der Verzweiflung und Dunkelheit kommen.

Aber Jeremia macht mir auch deutlich: Selbst da lässt Gott nicht los. Selbst da fängt Gott einen auf – auch wenn wir das nicht merken. Wichtig ist bei Jeremia, dass er sich in seiner Verzweiflung nicht von Gott abwendet, sondern dass er weiß: er darf mit seiner Verzweiflung zu Gott kommen, er muss vor Gott nicht so tun als ob alles in Ordnung wäre, als ob er voller Freude und Zuversicht sei. Er darf ganz realistisch und nüchtern mit seiner Verzweiflung zu Gott kommen.
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Jeremia 15, 10-21 Leiden an Gott

Dieser Realismus und diese Ehrlichkeit tun mir gut. Jeremia kämpft mit Gott. Er klagt und jammert. Er ist frustriert und deprimiert. Er leidet unter einem massiven Burn-out und wäre am liebsten nie geboren worden. Ein heutiger Psychiater würde ihn wahrscheinlich mit Anti-Depressiva voll pumpen. Die Bibel schweigt darüber nicht. Sie versucht nicht, diese schweren Erfahrungen schön zu reden.

So ist das Leben nun mal – auch als Christ. Es läuft nicht alles glatt. Gott schickt nicht immer ein Wunder vom Himmel, so dass man glücklich, zufrieden und ohne Probleme vor sich hin leben kann. Jeremia erlebt im Gegenteil Gott als denjenigen, der ihn einsam macht und der ihn nieder beugt (V.17). Daneben darf er immer wieder auch die Erfahrung machen, dass Gott ihn stärkt, dass er ihm Freude und Trost schenkt. Beides steht nebeneinander: Die Klage über einen Gott, der „ein trügerischer Born“ geworden ist, „der nicht mehr quellen will“ (V.18) und die Freude über den Gott, der durch sein Wort satt macht (V.16). In diesem Spannungsfeld spielt sich auch mein Leben als Christ ab.

Gott löst die Verzweiflung des Jeremia nicht einfach auf, indem er ein Wunder zelebriert, das endlich die störrischen Israeliten überzeugt und das Leiden des Jeremia beendet. Er gibt ihm einfach nur die Zusage, dass er sich zu Jeremia halten will (V.19). Wenn Jeremia weiterhin ein treuer Prediger Gottes bleibt, dann wird er ihn beschützen, ihm helfen, ihn erretten.
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Psalm 130 – Aus der Tiefe

Dieser Psalm wird in der Tradition als der sechste Bußpsalm gesehen. Es geht um Buße, Umkehr und Vergebung. Mich beschäftigt bei diesem Psalm im Moment v.a. der Anfang: “Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.” Der Beter ist irgendwo ganz unten, in der Tiefe, in der Dunkelheit, in der Verzweiflung. Im AT ist damit auch oft die Todesnähe ausgedrückt. Es belasten ihn wohl nicht nur irgendwelche äußeren Nöte und Feinde, sondern v.a. seine eigene Sünde. In V.3 und 4 spricht er von Sünde und Vergebung. In V.5 und 6 verdeutlicht er seine Situation mit dem Bild eines Wächters, der auf den Morgen wartet. Seine Seele befindet sich wie in einer dunklen Nacht und sie wartet sehnsüchtig darauf, dass die Sonne (der Gnade und der Erlösung von den Sünden; V.7.8) aufgeht.

Ich frage mich, ob ich nicht manchmal dieser Tiefe und Dunkelheit von vornherein ausweiche. Erlebe ich es, dass mich meine Sünde in die Tiefe drückt und nehme ich die Finsternis meiner Sünde überhaupt noch wahr? Oder brauch ich mich von der Sünde gar nicht runter ziehen lassen, weil in Jesus ja doch alles vergeben ist? Wie ist das mit der Sünde: Bin ich als Christ nicht grundsätzlich davon befreit und brauch mich davon gar nicht mehr in die Tiefe führen lassen? Oder muss ich auch als Christ immer wieder schmerzhaft feststellen, dass noch so vieles im Argen liegt und dass ich immer wieder neu auf Gottes Vergebung angewiesen bin?

In unsrem Umgang mit Sünde gibt es wohl zwei Gefahren: Die Verharmlosung (”halb so schlimm, Jesus vergibt doch gern!”) und die Übertreibung (”ich bin so ein böser, verlorener Mensch, dass selbst Gottes Vergebung nicht wirklich rein machen kann”). Das eine führt zur Oberflächlichkeit und Kraftlosigkeit, das andere zur Depression und Mutlosigkeit. Ich bemerke bei mir selbst eine seltsame Mixtur aus beidem: Einerseits weiche ich meiner Sünde ganz gerne aus, will sie gar nicht richtig wahrnehmen, mich ihr gar nicht richtig stellen und habe Angst vor dieser “Tiefe”. Und auf der anderen Seite lasse ich mich manchmal resignierend in die “Tiefe” fallen und rechne gar nicht wirklich damit, dass Gott mich da wieder raus ziehen kann.
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Psalm 88 – In der Finsternis

Was für ein Psalm! Ein einziger Schrei der Klage und Verzweiflung. Normalerweise leuchtet auch in den bittersten Klagepsalmen ein Funken Hoffnung auf, oder die Gewissheit, dass Gott hört und irgendwie eingreift. In diesem Psalm bleibt alles dunkel. Es gibt nur die Klage und die Erfahrung der Ferne Gottes. Im hebräischen Original endet der Psalm mit dem Wort „Finsternis“ (welches auch für das Grab stehen kann).

Der Psalm ist – Gott sei Dank! – recht weit von meinem Leben entfernt. Und bei seinen verzweifelten Fragen „Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken?“ (V.11) möchte ich dazwischen schreien: Ja! Ja! Ja! Er tut Wunder an den Toten und durch Christus werden die Verstorbenen aufstehen und Gott danken!

Aber wer schon mal in depressiven Phasen steckte und von dunklen Gefühlen gefangen war, der ist dankbar, dass auch solche Psalmen ihren Platz in der Heiligen Schrift haben. Der Psalm drückt genau die Gefühle aus, wie es einem geht, wenn man sich von Gott verlassen fühlt. Es ist gut zu wissen, dass auch diese Gefühle ihren Platz vor Gott haben dürfen und dass wir nicht jedes Gebet einfach aus Prinzip mit Halleluja abschließen müssen.
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Psalm 77 – Starke Worte

Wow! Ganz schön provozierend dieser Psalm! Mit ziemlich starken Worten klagt der Beter Gott an. Aber mit starken Worten findet er dann zum Lob Gottes. Das klingt auf der einen Seite ganz schön vorwurfsvoll und verbittert: „Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen? Ich sprach: Darunter leide ich, daß die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.“ (V.10f)

Auf der anderen Seite preist der Beter dann recht unvermittelt Gott: „Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist? Du bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern.“ (V.14f) Und auch in V.17-21 wird Gottes einmalige und wunderbare Größe und Macht beschrieben.

Das ist doch sehr interessant: Der Beter sieht nichts von Gottes Macht und Eingreifen. Er verzweifelt, weil Gott scheinbar vergessen hat, gnädig zu sein. Und was tut er dann? Er preist Gottes Macht. Er lobt Gott genau für das, was er selbst gerade an ihm vermisst, was er nicht an ihm sieht. Starke Sache, wie er da mit seinen Problemen umgeht: Von starken Worten der Klage hin zu starken Worten des Lobes.
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Psalm 28 – Zu Gott schreien

SchreiImmer wieder kommt es in den Psalmen vor, dass die Beter zu Gott schreien (V.2). Ich frag mich, wie das wohl zu verstehen ist: Metaphorisch oder Wörtlich? Schreien die Psalmbeter innerlich zu Gott, oder wurde es da beim Beten tatsächlich etwas lauter? Ich kann mir vorstellen, dass es im damaligen Kulturkreis durchaus möglich war, dass man im wörtlichen Sinn zu Gott geschrieen hat. Psalm 28 zeichnet das Bild eines Beters, der im Vorhof des Tempel betet, seine Hände aufhebt in Richtung Tempel (welcher damals als Ort der Gegenwart Gottes gesehen wurde) und der in seiner Verzweiflung zu Gott schreit. So wie damals die Totenklage laut und deutlich hinaus geschrieen wurde (vgl. dazu: Dem Tod ins Angesicht schreien), so schreit der Beter seine Not vor Gott heraus .

Ich muss zugeben, das ist mir fremd. Dazu bin ich zu zurückhaltend, zu introvertiert, zu westeuropäisch, zu kontrolliert. Das wär mir peinlich. Selbst wenn ich das wollte, würde aus mir nie im Leben ein orientalischer Christ um die Zeitenwende, der seine Gefühle und seine Klage einfach laut in die Welt hinaus posaunt. Aber vielleicht kann ich lernen ehrlicher zu sein, ehrlicher mit meinen Gefühlen umzugehen – sei es mit meinem Schmerz und meiner Klage, sei es mit meiner Freude. Warum müssen wir so tun, als ob bei uns Christen immer alles glatt läuft und wir in einer ständigen Zufriedenheit und Freude leben? Warum müssen wir ständig so tun, als ob wir alles im Griff haben und einen echten Christen nichts aus der Bahn werfen kann?Bibeltext

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Bildquelle: aboutpixel.de / cry © Sven Brentrup

Psalm 22, 1-22 – Ein fragender und zweifelnder Glaube

Was ich bei den Psalmen wundervoll und wichtig finde ist unter anderem, dass auch der wartende, fragende und zweifelnde Glaube zur Sprache kommen darf. So auch in diesem Psalm. Der Beter schreit Gott an: Wo bist du? Warum hast du mich verlassen? Ich lieg dir Tag und Nacht mit meinem verzweifelten Geschrei in den Ohren und du reagierst überhaupt nicht! Was ist denn los?! Du hast mich gemacht, du kennst mich von klein auf, du siehst meine Angst, meine Verzweiflung, du siehst, wie es mein Herz vom Schmerz zerrissen wird – aber du greifst nicht ein. Es ist keine Hilfe von dir zu sehen.

Die Psalmen waren und sind öffentliche Gebete. Würde wir es wagen auf solche Weise im Gottesdienst zu beten? Als Psalmzitat geht das natürlich, aber würden wir es wagen mit eigenen Worten und eigener Betroffenheit denselben Inhalt zu beten? Gott unser lieber Vater ist doch immer da und er gibt uns was wir brauchen. Wir müssen ihm nur vertrauen und daran glauben, dass er uns in Jesus schon längst den Sieg geschenkt hat… Mit solch einem erschütternden Klagegebet können wir doch unser Vertrauen in Gott nicht ausdrücken, oder?! Das geht doch nicht! Das ist doch auch theologisch nicht richtig – Gott kann uns doch nicht verlassen! Er ist doch immer da!

Zum Glück hat Jesus selbst so gebetet. Damals, am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Zum Glück hat er selbst solche Klagegebete der Psalmen in den Mund genommen, sonst hätten vielleicht manche Christen berauscht vom Sieg der Auferstehung solche alttestamentlichen und altertümlichen Gebete aus der Bibel gestrichen. Sonst wären vielleicht manche auf den Gedanken gekommen, dass solche Niedergeschlagenheit und Verzweiflung mit einem siegreichen Glauben nichts zu tun haben kann. Kann es doch! Wenn Jesus so beten darf, dann können wir das auch!Bibeltext

Psalm 13 – Echter und ehrlicher Glaube

Dieser Psalm ist für mich einer der eindrücklichsten überhaupt. Da spricht einer, der mit seiner Kraft am Ende ist. Viermal klagt er vor Gott: „Wie lange noch“. Er kann nicht mehr! Er fragt sich, warum Gott nicht eingreift! Anscheinend hat er keine Zweifel daran, dass Gott eingreifen kann. Die Frage ist nicht ob, sondern: „Wie lange dauert es, bis er es endlich tut?“ Er bittet und fleht Gott an: Schau doch! Hör doch auf mich! Hilf doch endlich!

Das erstaunlichste bei biblischen Klagepsalmen ist dann der meist sehr plötzliche und abrupte Stimmungswechsel. Im letzten Vers spricht der Beter plötzlich von Vertrauen, Freude und Singen. Ich staune immer wieder darüber, wie die biblischen Beter die Verzweiflung und Klage auf der einen Seite und das tiefe Vertrauen auf der anderen Seite zusammen bringen.

Aber irgendwie gehört wohl beides zum Glauben dazu, auch wenn es scheinbar im Widerspruch zueinander steht: Sowohl die verzweifelte Klage als auch das jubelnde Vertrauen. Das heißt für mich: Wenn ich nur am Klagen und Jammern bin, dann läuft was schief. Wenn ich aber manche Christen sehe, die (scheinbar) immer nur jubeln und fröhlich sind, dann frage ich mich auch misstrauisch: Da kann doch was nicht stimmen, oder?!

Matthäus 27, 57-61 – Gott ist tot

Zwei Frauen beobachten, wie Jesus begraben wird. Der Lärm ist vergangen. Das hasserfüllte Schreien hat aufgehört. Die Spötter haben sich in ihre eigene kleine Welt zurück gezogen. Die meisten von Jesu Anhänger haben sich ängstlich in ihren Verstecken verbarikadiert. Nur die zwei Frauen sehen, wie man das leblose Stück Fleisch, das früher einmal ihre ganze Hoffnung war, in das in den Fels gehauene Grab schleppte. Nur sie hörten das dumpfe Geräusch, als der schwere Stein in seine Position vor den Grabeingang gewälzt wurde.

Bei diesem Geräusch zuckte ihre Herz noch einmal zusammen: „Jetzt ist es endgültig! Es ist vorbei! Der Sohn Gottes – tot! Kein Leben mehr, sondern nur noch toter Stein! Wie konnte Gott das zulassen? Warum hat er es nicht verhindert? War alles nur eine große Lüge? Wer war dieser Jesus dann wirklich? Was sollte das alles?“ Es fühlte sich an, als ob nicht nur ein Mensch gestorben ist, sondern als ob Gott selbst da im Grab lag. „Welchen Sinn macht das Leben jetzt noch? Es wird dunkel! So dunkel! Und der Schmerz bohrt sich tiefer und tiefer! Warum nur?!? Warum das alles?“