Römer 5, 12-21: Die Universalität der Rechtfertigung

Ganz schön gewagt diese Gegenüberstellung, die Paulus hier macht. Adam ist der Repräsentant der gefallenen Menschheit, die in Sünde und Tod gefangen ist. Auch das Gesetz kann uns Menschen nicht davon befreien. Christus ist so etwas wie der Beginn einer neuen Schöpfung, die von der Gnade und der Rechtfertigung bestimmt ist. Gewagt ist vor allem die Universalität von Paulus Aussagen: „so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt.“ (V.18) Das hört sich so an, als ob durch Christus alle automatisch am Rechtfertigungsgeschehen teilhaben. So wie die Sünde universal die Menschen bestimmt hat, so bestimmt nun die Rechtfertigung universal die Menschen.

Allerdings muss man aufpassen, aus dieser Stelle all zu schnell eine Allversöhnung herauslesen zu wollen. Paulus geht es hier um die ganz große Linie und er will die Universalität des Christusgeschehen betonen. Christus kam nicht nur für ein paar besonders Auserwählte, sondern für alle. Die Frage nach der Aneignung des Heils behandelt Paulus hier nicht. An anderen Stellen betont Paulus ja ganz klar, dass es wichtig ist, dass wir auf Christus vertrauen, an ihn glauben, um auch Anteil an der Rechtfertigung zu haben. Trotz aller Universalität des Heils bleibt die Antwort des Einzelnen wichtig.

Aber trotz dieser Einschränkungen bleiben das gewaltige Aussagen. Paulus macht die Dimensionen der Rechtfertigung deutlich. So wie Adam für eine gefallene Schöpfung steht, so steht Christus für einen Neubeginn Gottes mit seiner gesamten Schöpfung. Mit Christus hat sich grundsätzlich etwas verändert zwischen Gott und der Welt. Über den einzelnen Glaubenden hinaus hat das Christusgeschehen Bedeutung für die ganze Schöpfung.

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Apostelgeschichte 23, 1-11 Die andere Backe hinhalten?

Bei diesem Abschnitt musste ich an die Bergpredigt denken. Jesus sagt dort: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Mt.5,39) Paulus hat das offensichtlich nicht so verstanden, dass man sich als Christ gar nicht wehren darf und alles nur geduldig über sich ergehen lassen muss. Er hat zwar nicht zurückgeschlagen – was in seiner Situation auch gar nicht möglich war – aber er hat zumindest verbal zurückgeschlagen. Und er berief sich auf Vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes, welche auch von seinem Gegenüber akzeptiert wurden (V.3). Außerdem versucht er geschickt, unterschiedliche Meinungen im Hohen Rat auszunutzen, um sie untereinander zu spalten (V.6). Das war ein kluger und raffinierter Schachzug, mit dem er sich selbst aus der Schusslinie genommen hat.

Als Christ braucht man sich nicht alles gefallen lassen, man darf sich wehren. Als Christ muss man nicht alle Anfeindungen als gottgegebenes Schicksal erdulden. Als Christ darf man auch klug und raffiniert handeln, um für die eigene Situation Vorteile zu erzielen. Aber als Christ stehen wir auch vor der Herausforderung, Gleiches nicht mit Gleichem heimzuzahlen, sondern wo es möglich ist, Wege zur Versöhnung zu finden. Als Christ muss ich mir gut überlegen, mit welchen Mitteln ich mich wehre.

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Kolosser 1, 15-23 Es muss doch noch mehr geben

In diesem Text kommt eine der wichtigsten Stellen vor, die auf eine Allversöhnung hindeuten könnte. Ja, hier taucht der Begriff selbst sogar auf. In diesem Christushymnus mit ganz grundsätzlichen und universalen Aussagen taucht die Aussage auf, dass Gott „durch ihn [Christus] alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (V.20) Hier ist die Erlösungstat Jesu am Kreuz konsequent und radikal zu Ende gedacht. Wenn in Christus alles erschaffen ist, dann ist es nur logisch, dass durch ihn auch alles erlöst wird.

Zugleich wird im Vers nach diesem gigantischen Hymnus auch deutlich, dass es trotz dieser universalen Erlösungstat Menschen geben kann, die Gott „fremd und feindlich gesinnt“ sind (V.21). Es ist also durch den Kreuzestod noch nicht alles so wie es sein sollte. Die große Frage ist nun, wie Gott das am Ende sehen wird: Werden einfach alle gerettet – auch wenn sie bis zum Tod Gott fremd und feindlich gesinnt waren? Oder bekommen sie ihren eigenen Willen und bleiben auch nach dem Tod Gott fremd und feindlich gesinnt?

Ich gebe hier keine Antwort, weil das erstens vermessen wäre und zweitens vor allem auch die Bibel selbst keine eindeutige Antwort gibt. Aber – so sehe ich es zumindest – sie hält trotz allen Gerichtsankündigungen auch einen kleinen Hoffnungsschimmer aufrecht, dass Gott es letztendlich doch schafft, alles mit sich zu versöhnen und so die ganze Schöpfung zu ihrem Ziel führt. Ob und wie das geschieht, darf ich getrost Gott überlassen.

Aber mich persönlich hat in diesem Text etwas ganz anderes tief angesprochen: „Es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ (V.16) Das spüre ich immer wieder bei mir selbst und bei anderen: dass tief drin in uns ein Sehen nach etwas ist, das größer ist als unsere irdische Welt. Wir sind alle zu ihm hin geschaffen. Diese Sehnsucht nach mehr ist jedem Geschöpf eingepflanzt. Oder wie Augustinus es sagt: „Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

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Richter 20 Zum Glück sind wir anders…

Anstatt die eigenen Fehler einzusehen und gemeinsam gegen das Böse zu kämpfen, fängt der Stamm Benjamin an gegen die anderen Stämme des Volkes Gottes zu kämpfen. Das führt zu hohen Verlusten auf beiden Seiten.

Zum Glück ist das eine alte Geschichte aus längst vergangenen Zeitenund wir Christen heute handeln natürlich völlig anders! Wenn wir Fehler gemacht haben, sehen wir sofort ein, dass wir im Unrecht sind. Wenn wir andere verletzt haben, dann tut es uns natürlich von Herzen leid, wir entschuldigen uns, sind zur Vergebung und Versöhnung bereit und sind schnell wieder ein Herz und eine Seele. Wir kämpfen nicht gegen Glaubensgeschwister, sondern wir dienen ihnen in Demut und oft unter großer Selbstverleugnung. Bei Streitigkeiten fragen wir uns zuerst, was wir selbst falsch gemacht haben und haben großes Verständnis für die Unzulänglichkeiten des Anderen. Ja, zum Glück hat dieser Text absolut nichts mit uns zu tun…

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Richter 12 Bruderkämpfe

Unglaublich! Vor allem: unglaublich traurig! Haben die nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen? Da hat Jeftah gerade mit seinen Leuten die Ammoniter besiegt – durch Gottes Hilfe (Ri.11,29.32) – und dann kommen die Ephraimiten an und beklagen sich, dass sie nicht mitkämpfen durften. Sie beklagen sich nicht nur, sondern sie rücken gleich zum Kampf an (V.1.4)! Offensichtlich beanspruchten sie eine Führungsrolle unter den Stämmen und waren bitter enttäuscht, dass dieser Führungsanspruch von anderen übergangen wurde. Machtansprüche, Überempfindlichkeit, Egoismus, Unversöhnlichkeit, fehlende Vergebung, …

Jeftah und seine Männer besiegen die Ephraimiten mit der Folge, dass diese später überhaupt keine wichtige Rolle mehr in der Geschichte Israels spielten. Wenn die Feinde es nicht schaffen Israel zu besiegen, dann machen sie sich eben gegenseitig fertig!?! Das ist bis heute unendlich traurig, wenn sich die Kinder Gottes gegenseitig die Köpfe einschlagen. Und leider geschieht das bis heute auf den unterschiedlichsten Ebenen, dass sich Christen gegenseitig fertig machen. Machtansprüche, Überempfindlichkeit, Egoismus, Unversöhnlichkeit, fehlende Vergebung, …

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Hesekiel 35 Bruderzwist durch Jahrhunderte hindurch

Überraschenderweise folgt hier noch einmal ein Gerichtswort über ein Nachbarvolk der Israeliten: und zwar über die Edomiter. Gerichtsworte über andere Völker wurden eigentlich schon in den Kap. 25.32 zusammengefasst. Das hat wohl zum einen kompositorische Gründe: dieses Kapitel dient als negative Folie für die folgenden Verheißungen an Israel (Kap. 36).

Es hat wohl auch damit zu tun, dass Israel Edom als Brudervolk sah und durch seinen Spott und Hass nach dem Untergang Jerusalems besonders betroffen war. Die Edomiter galten als Nachkommen Esaus, dem Bruder Jakobs. Jakob war der Stammvater der Israeliten. Durch die Jahrhunderte hindurch gab es immer eine besondere Konkurrenzsituation zwischen diesen beiden Völkern.

Nachdem Juda von Babylonien erobert wurde, hofften die Edomiter selbst daraus Kapital schlagen zu können und ihre Macht auszubauen. Daraus wurde allerdings nichts. Sie sind selbst abhängig von anderen Großmächten geblieben (zunächst von den Neubabyloniern und dann von den Persern) und schließlich im 4. Jh. v. Chr. von den Nabatäern verdrängt worden.

Wenn es wirklich so ist, dass die Edomiter Nachkommen von Esau waren, dann ist es erstaunlich und erschreckend, wie sich die Probleme zwischen den Brüdern Jakob und Esau durch die Jahrhunderte hindurch fortsetzen. Wer weiß, wie die Geschichte weiter gegangen wäre, wenn sich Jakob und Esau wirklich versöhnt hätten und nicht nur aus dem Weg gegangen wären…

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