Johannes 18, 12-27 Zu Jesus stehen

Mir sind an dem Text einige Dinge aufgefallen. Zum ersten dieser „andere Jünger“, der nicht mit Namen genannt wird. Wer verbirgt sich dahinter. Wir wissen es nicht und können nur spekulieren. Weil sich im restlichen Evangelium der Schreiber auch nie selbst beim Namen nennt, vermuten manche, dass es sich um den Autor des Evangeliums handeln könnte. Aber das bleibt reine Vermutung. Interessant ist auf jeden Fall, dass ein Jünger Jesu guten Kontakt mit dem Hohenpriester hatte, so dass er ohne Probleme in den Hof des Hohenpriesters mitgehen konnte (V.15). Jesus scheint wirklich Anhänger aus allen Gesellschaftsschichten und allen religiösen Lagern gehabt zu haben. Da waren einfache Leute wie Fischer dabei, da gab es Zöllner (die mit den römischen Machthabern zusammenarbeiteten), da gab es gesellschaftlich geächtete Gruppen wie Dirnen oder Aussätzige, und da gab es eben auch Pharisäer (Nikodemus) oder Leute, die gute Kontakte zur jüdischen Aristokratie hatten.

Das zweite was mir auffiel, ist der Umgang Jesu mit dem Hohepriester. Jesus ist hier nicht schweigsam und duldend, sondern er verteidigt sich mit starken Worten. Er weiß, dass dies nichts an seiner Situation ändert, aber es wird deutlich, dass er sich nicht alles gefallen lässt. Liebe deine Feinde bedeutet nicht, dass wir alles (auch ungerechte Anschuldigungen) einfach nur still und duldsam runterschlucken sollen.

Zum dritten fällt in diesem Abschnitt natürlich das Verhalten des Petrus auf. Wir sind schnell dabei mit dem Finger auf ihn zu zeigen und zu fragen, wie dieses Großmaul nur so versagen konnte. War er nicht kurz vorher noch bereit, mit Jesus sogar in den Tod zu gehen? Und jetzt so kleinlaut und ängstlich?! Aber ich weiß nicht, wie ich in dieser Situation gehandelt hätte. Wenn ich so überlege, wie ich mein Leben mit Jesus lebe, gibt es da nicht auch genügend Situationen, in denen ich so handle, als ob es Jesus Christus nicht geben würde? Ist mein so oft fehlendes Vertrauen in Jesus nicht genauso eine Leugnung?

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Daniel 9, 1-19 Unsere große Schuld und Gottes große Barmherzigkeit

Ein beeindruckendes Bußgebet. Bekannt aus diesem Gebet ist vor allem V.18b: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“. Ein toller Vers! Mir hat es allerdings zu denken gegeben, dass gerade dieser Vers bekannt ist und ich stelle bei meinem Beten fest, dass ich mich nicht lange mit dem Thema Buße beschäftige, sondern sehr schnell bei der Barmherzigkeit Gottes lande.

Natürlich ist die Barmherzigkeit Gottes das Entscheidende, auch in diesem Bußgebet des Daniel. Ohne Gottes Barmherzigkeit bringt alles nichts. Aber bei Daniel dauert es eine Weile, bis er im Gebet dazu kommt. Zunächst steht das eigene Versagen und die eigene Schuld im Mittelpunkt. Er lässt sich nicht gleich von Gottes Liebe und Barmherzigkeit auffangen, sondern stellt sich zunächst ehrlich der Schuld. Um Gottes Barmherzigkeit wirklich ernst zu nehmen und sie ermessen zu können, ist es nötig, dass ich mich auch dem eigenen Versagen stelle.

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Lukas 22, 54-62 Felsenfest

Zu der Verleugnung des Petrus habe ich am letzten Sonntag gepredigt. Ein wichtiger Gedanke für mich war, dass gerade das Versagen der Verleugnung und die spätere Erfahrung, dass Jesus Christus ihn dennoch annimmt, den Petrus zum Fels der Gemeinde gemacht haben. Jesus hat dem Simon ja den neuen Namen Petrus (griechisch für „Fels“) gegeben und verheißen, dass er auf diesen Fels seine Gemeinde bauen will. Petrus hat durch sein Versagen in der Verleugnung nun ganz deutlich gemerkt und bitter lernen müssen, dass er dieser Fels der Gemeinde nicht aus eigener Kraft sein kann. Dieser Fels kann er nur als begnadigter Sünder sein.

Das gilt auch für andere Christen: Stark im Glauben macht uns nicht unsere eigene Kraft und Glaubensstärke, sondern die bittere Erfahrung unseres Scheiterns und die Erfahrung von Gottes vergebender Liebe. Felsenfest auf Jesus stehen wir nur, wenn unsere eigene Selbstsicherheit gründlich erschüttert wurde und wir ganz existentiell merken, wie tief wir von Gottes Gnade und Kraft abhängig sind.

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1. Johannes 3, 18-24 Anspruch und Zuspruch

Johannes betont im ganzen Kapitel sehr stark unser konkretes Handeln: wir sollen nicht nur mit Worten lieben, sondern auch und vor allem mit Taten (V.18). Er weiß aber auch um die Grenzen unseres Handelns. In unserem Herzen (das entspricht nach heutigem Sprachgebrauch unserem Gewissen) werden wir immer wieder feststellen, dass wir in unserem Bemühen um Liebe Fehler machen. Gegen diese menschliche Schwäche und Gewissensnot betont Johannes die Größe Gottes, denn es gilt, dass „wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ (V.20)

Das soll aber keine billige Entschuldigung sein– nach dem Motto: „Ich schaff das eh nicht, weil ich halt nicht perfekt bin. Dann kann ich’s ja auch gleich bleiben lassen und auf die Gnade Gottes vertrauen.“ Nein, es ist Trost für denjenigen, der sich wirklich bemüht und dabei immer wieder an seine Grenzen stößt. Auch hier wird der Anspruch (ein Leben der Liebe zu führen) nicht durch den Zuspruch (Gott vergibt unser Versagen) aufgehoben.

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1. Johannes 1, 5-10 Leben im Licht

Christ sein heißt Leben im Licht Gottes. Das hört sich schön und positiv an, aber es ist gar nicht so einfach. Wer sich ins Licht stellt, der erkennt auch umso deutlicher seine Schattenseiten. Johannes sagt es hier ganz deutlich: Wer denkt, er gehört als Christ auf die Seite des Lichts und damit sind alle Schattenseiten automatisch verschwunden, der irrt sich gewaltig! „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ (V.8)

Wenn Christen immer nur vom Licht Gottes, von seiner Schönheit, Reinheit und Herrlichkeit schwärmen und dabei ihr eigenes Versagen und ihre eigenen Fehler nicht entdecken – dann läuft etwas schief! Wenn Christen genau zu wissen meinen, wer im Licht steht (sie selbst) und wer nicht (die anderen) – dann macht mich das misstrauisch. Auch als Christ mache ich Fehler und lebe aus der Vergebung Gottes. Gerade als Christ versuche ich nicht hochmütig zu werden, sondern im Angesicht meiner Schattenseiten werde ich demütig.

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Richter 1 Nüchterne Bilanz

Das Buch über die Richter schließt an das Buch über Josua an. Im ersten Kapitel wird eine nüchterne Bestandsaufnahme gegeben. Die charismatische Leiterperson des Josua ist tot. Die Stämme sind zwar im verheißenen Land, aber es ist ihnen nicht gelungen, die Kanaaniter völlig zu vertreiben. Immer wieder heißt es in diesem Kapitel, dass die Kanaaniter noch mitten unter ihnen waren und auch auf lange Sicht nicht vertrieben werden konnten, sondern später fronpflichtig wurden. Es wird schonungslos offen festgestellt: es ist nicht so gekommen, wie wir uns das erhofft hatten.

Auch in unsrem Leben brauchen wir immer wieder eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wie sieht es in unserem Leben aus? Haben wir das erreicht, was Gott von uns wollte? Haben sich Gottes Verheißungen erfüllt? Verheißungen sind keine Automatismen, die sich unabhängig von unserer Einstellung und den Umständen erfüllen. Es hilft nichts, sein Leben zu beschönigen und schwierige Situationen mit frommem Geschwätz schön zu reden. Das mag in an der Bibel, dass auch das Scheitern erwähnt wird, dass es nicht schamhaft verschwiegen wird. Wichtig ist, das Scheitern im Angesicht Gottes zu verarbeiten.

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Joseph Conrad: Lord Jim

Eine nicht ganz einfach zu lesende und vielschichtige Charakterstudie über Träume, Ideale, Versagen und Schuld eines Menschen. Hauptperson ist Jim, ein junger britischer Seemann. Er träumt von Anerkennung und Ruhm. Er hat einen hohen Anspruch an sich selbst und seine Ideale. Aber durch eine folgenschwere Fehlentscheidung werden diese Ideale und Träume in Frage gestellt und sein weiteres Leben unter dem Vorzeichen dieser Enttäuschung.

Jim war erster Offizier auf dem vollbesetzten Pilgerschiff Patna. Nach einer unerklärlichen Kollision flieht er – entgegen seiner Ideale von Ruhm und Heldenmut – mit der restlichen Schiffsbesatzung von dem vermeintlich verlorenen Schiff. Die Patna geht doch nicht unter und Jim wird vor Gericht gestellt. Er verliert seine nautischen Patente, erhält danach jedoch Hilfe von Marlow, der sich mit ihm anfreundet. Bei allen neuen Anstellungen die ihm Marlow besorgt, fällt jedoch der Schatten seiner Vergangenheit auf ihn zurück.

Ein wirklicher Neuanfang gelingt ihm erst in einem abgelegenen Eingeborenendorf in Afrika. Dort gewinnt er die Achtung und Liebe der Einwohner – sie nennen ihn „Lord Jim“. Er wird zu ihrem Anführer, der ein friedliches Miteinander verschiedener Stammesgruppen garantiert. Er findet eine Frau, welche ihn von Herzen liebt – auch wenn sie im Innersten eine Ahnung davon hat, dass es einen dunklen Fleck in Jims Vergangenheit gibt.

Doch letztendlich bleibt Jim ein tragischer Held. Die Vergangenheit holt ihn wieder ein. Ein heruntergekommener Freibeuter greift mit seiner Bande die Stadt an. Anstatt die chancenlosen Angreifer im Kampf zu vernichten, entscheidet sich Jim die Freibeuter ziehen zu lassen. Er will damit seine Großmut zeigen, trifft damit aber wieder eine tragische Fehlentscheidung. Auf ihrer Flucht ermorden die Räuber den Sohn eines Eingeborenenfürsten. Jim nimmt die Schuld dafür auf sich, indem er sich dem Fürsten stellt. Dieser macht Jim für den Tod seines Sohnes verantwortlich und tötet ihn.

Zu lesen ist der Roman nicht so einfach. Conrad erzählt recht weitschweifig und detailliert – dadurch wird der Roman insgesamt recht lang und die Handlung zieht sich recht zäh durch das Buch. Für den Leser anstrengend sind auch die unterschiedlichen Erzählperspektiven. Die Geschichte wird nicht von einem allwissenden Erzähler ausgebreitet oder aus der Perspektive der Hauptperson. Der Großteil der Handlung ist die Wiedergabe einer Erzählung von Marlow, des guten Freundes von Jim. Diese Erzählung wird wiederum vom Ich-Erzähler gehört und wiedergegeben. Das führt dann manches mal zu mehrfach gebrochenen Schilderungen der Handlung: der Ich-Erzähler gibt wieder, was Marlow erzählt und Marlow seinerseits gibt an vielen Stellen wieder, was dritte über Jim erzählt haben. Da verliert man leicht den Überblick…

Diese komplizierte Erzählweise ist aber bewusst gewählt und ermöglicht es Conrad die Hauptfigur aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dem Leser bleibt es selbst überlassen, den Charakter und die inneren Vorgänge in der Hauptperson Jim zu deuten. Für einen im Jahr 1900 geschriebenen Roman ist diese Herangehensweise erstaunlich modern.

Lord Jim ist viel mehr als ein Seefahrer- und Abenteuerroman. Er ist ein zutiefst existentieller Roman. Große Lebensfragen werden in der Geschichte angedeutet. Wie gehen wir mit Scheitern und Versagen um? Wie kann Schuld gesühnt werden, wie kann Erlösung geschehen? Lohnt es sich von großen Idealen zu träumen, oder ist es nicht sinnvoller sein Leben pragmatisch zu sehen?

(Amazon-Link: Conrad: Lord Jim)

2. Timotheus 2, 8-13 Treue

Sind wir untreu, so bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ (V.13) Der Kontext macht deutlich, dass es hier nicht um eine billige Entschuldigung für menschliche Leichtfertigkeit geht – im Zusammenhang geht um Christen, die um ihres Glaubens willen leiden, dulden, kämpfen, ja sogar sterben. Es geht um echten Trost, wenn wir trotz allem guten Willen Gott doch untreu werden: Gott hält uns trotzdem fest.

Ja, wir können immer nur Stückwerk vollbringen. Wir fallen viel zu oft auf die Nase. Wir versagen. Wir sind untreu. Wenn wir nur auf uns und unsere schwache Kraft schauen würden, dann müssten wir verzweifeln. Wie gut, dass wir auf Gottes Kraft und seine Treue schauen dürfen.

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Josua 7 Schuld und Versagen

Auf brutale Weise muss Israel lernen, dass sie allein im Vertrauen auf Gott das gelobte Land erobern können. Nur eine Person hat versagt und ganz Israel muss dafür büßen: der Israelit Achan hat aus der eroberten Stadt Jericho einige Wertgegenstände für sich mitgehen lassen, anstatt sie Gott zu überlassen. Beim nächsten Kriegszug gegen die Stadt Ai hatten die Israeliten dann keine Chance. Rein menschlich gesehen hätte das im Vergleich zur Eroberung Jerichos ein Kinderspiel sein müssen (v.3) – aber Gott war nicht bei ihnen und so scheiterten sie kläglich und 36 Israeliten kamen ums Leben (V.5). Erst danach kam die Verfehlung Achans ans Licht. Daraufhin wurden er und seine Familie gesteinigt. Erst dann kehrte sich Gott von dem „Grimm seines Zornes“ ab (V.26).

In Jesus Christus geht Gott einen neuen Weg, um mit Versagen, Schuld und Sünde umzugehen: Sünde verdient auch im Neuen Testament noch den Tod (vgl. Röm.6,23), Trennung von Gott bedeutet auch im Neuen Testament noch die Trennung vom Leben, aber Gott selbst nimmt in seinem Sohn den Tod auf sich. Er durchbricht damit die Macht der Sünde und des Todes.

Danke Gott, dass du diesen ewigen Kreislauf von Sünde, Schuld und Tod durchbrochen hast. Auch ich bin nicht besser als Achan, auch mir fehlt viel zu oft das Vertrauen in dich, auch ich suche viel zu oft meinen eigenen Vorteil, anstatt deiner Ehre. Und trotzdem schenkst du Leben, anstatt Tod. Danke!“

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Galater 6, 1-5 Lasten tragen statt vergrößern

Immer und immer wieder ist es dasselbe: bei anderen sehen wir die Fehler und ihr Versagen sehr viel schneller als bei uns. Immer und immer wieder ist es dasselbe: anstatt dem anderen die Wunden zu verbinden, legen wir unseren Finger in seine Wunden und stochern darin herum. Und wenn ich das so schreibe, dann muss ich mit dieser Feststellung bei mir selbst anfangen: auch ich bin einer, der immer und immer wieder die Fehler beim anderen sucht…

Paulus sagt uns, dass wir zuerst mal uns selbst anschauen sollen: „Ein jeder prüfe sein eigenes Werk“ (V.4). Schau zuerst mal dich selbst an, schau auf das was du tust und denkst. Dieses Schauen auf sich selbst hilft zur nötigen Demut, Nachsicht und Sanftmut. Wenn du dann beim anderen eine „Verfehlung“ entdeckst, dann hilft „ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist“ (V.1). Vergrößere die Last des anderen nicht durch Vorwürfe und selbstgerechte Besserwisserei, sondern hilf dem anderen mit dem Tragen seiner Last (V.2).

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