Richter 1 Nüchterne Bilanz

Das Buch über die Richter schließt an das Buch über Josua an. Im ersten Kapitel wird eine nüchterne Bestandsaufnahme gegeben. Die charismatische Leiterperson des Josua ist tot. Die Stämme sind zwar im verheißenen Land, aber es ist ihnen nicht gelungen, die Kanaaniter völlig zu vertreiben. Immer wieder heißt es in diesem Kapitel, dass die Kanaaniter noch mitten unter ihnen waren und auch auf lange Sicht nicht vertrieben werden konnten, sondern später fronpflichtig wurden. Es wird schonungslos offen festgestellt: es ist nicht so gekommen, wie wir uns das erhofft hatten.

Auch in unsrem Leben brauchen wir immer wieder eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wie sieht es in unserem Leben aus? Haben wir das erreicht, was Gott von uns wollte? Haben sich Gottes Verheißungen erfüllt? Verheißungen sind keine Automatismen, die sich unabhängig von unserer Einstellung und den Umständen erfüllen. Es hilft nichts, sein Leben zu beschönigen und schwierige Situationen mit frommem Geschwätz schön zu reden. Das mag in an der Bibel, dass auch das Scheitern erwähnt wird, dass es nicht schamhaft verschwiegen wird. Wichtig ist, das Scheitern im Angesicht Gottes zu verarbeiten.

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Josua 1,7-18 Getrost und unverzagt

Drei mal kommt in diesem Abschnitt die Kombination „getrost und unverzagt“ vor. Anscheinend hatte es Josua nötig, auf diese Weise von Gott ermutigt zu werden. Es war ihm also auch klar, dass da kein Spaziergang auf ihn wartet. Obwohl Gott den Israeliten verheißen hat, obwohl es tolle Zusagen gab, dass Gott ihn begleiten wird. Er wusste: auch mit diesen Verheißungen ist es ein Wagnis, es wird etwas kosten, es wird nicht einfach werden. Deswegen diese Ermutigung von Gott her.

Ich lerne für mich daraus: Gottes Verheißungen sind kein Selbstläufer. Es ist nicht so, dass Gott etwas verheißt und ich dann nur dasitze und darauf warte, dass mir dieses Etwas in den Schoss fällt. Gott verheißt nicht, dass alles problemlos und wie von selbst läuft, sondern er verheißt seinem Volk das Land und er verheißt, dass er auf dem Weg dabei ist. Aber den Weg gehen, den muss Josua mit dem Volk selbst. Und Josua weiß, dass es trotz Gottes Verheißungen und seiner Begleitung kein einfacher Weg wird.

| Bibeltext |

Josua 1,1-6 Sind Verheißungen realistisch oder utopisch?

Ich weiß nicht: irgendwie tue ich mich gerade schwer mit all den tollen Verheißungen, die Gott in der Bibel gibt und die sich dann im Nachhinein nicht so überwältigend und problemlos erfüllen, wie sie sich anhören (das ging mir schon bei Hesekiel so und jetzt geht es hier bei Josua genau so weiter). Gott verheißt Josua das Land jenseits des Jordans. Er spricht sogar in der Vergangenheitsform von dem Land, „das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe“ (V.2). Er verspricht, dass jeden Flecken Erden, den ihre Fußsohlen berühren werden ihnen gehört und dass dem Josua niemand widerstehen wird – sein Leben lang. Es werden auch konkrete Grenzen des verheißenen Landes genannt.

Wenn man dann die spätere Realität anschaut, dann sieht das Ganze etwas nüchterner aus: Die angegebene Ausdehnung des Landes wurde nur sehr viel später für kurze Zeit unter David und Salomo tatsächlich erreicht. Davor und danach war das Gebiet Israels wesentlich kleiner. Josua selbst konnte diese kurze Erfüllung nie so erleben. Und auch die Landnahme erwies sich schwieriger als gedacht, sie war mit vielen Kämpfen verbunden. Es war bei weitem nicht so, dass die Israeliten sich nur noch in dem von Gott gegebenen Land ansiedeln mussten.

Ist das das Wesen von Verheißungen, dass sie über das Ziel hinaus schießen, dass sie immer größer und utopischer sind, als sie sich dann tatsächlich erfüllen? Brauchen wir dieses „Mehr“ an Hoffnung und Zuversicht, um es überhaupt zu wagen, über den Jordan zu gehen? Setzt Gott bewusst größere Anreize, damit wir unseren faulen Arsch hochheben und überhaupt mal in die richtige Richtung gehen? Oder sind am Ende wir selbst schuld, weil wir diesen großartigen Verheißungen nicht genug Vertrauen schenken und sie sich dann zur Strafe auch nicht vollständig erfüllen? Bei Josua war es zumindest so, dass die Israeliten das verheißene Land nicht einfach von Gott in den Schoss gelegt bekamen, sondern dass sie es blutig erkämpfen mussten. Aber was bringt mir dann eine Verheißung, die ich erst selbst hart erkämpfen muss?

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