Römer 8, 18-25: Schon jetzt und noch nicht

Paulus scheint in diesem Abschnitt klar geworden sein, dass er nicht nur triumphalistisch das „schon jetzt“ der Kinder Gottes betonen kann, sondern dass auch das „noch nicht“ zur Sprache kommen muss. Wer als Kind Gottes lebt, bei dem hat etwas grundsätzlich Neues angefangen. Aber zugleich stellen wir fest, dass wir noch nicht am Ziel angekommen sind. „Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung“ (V.24). Wir leben noch immer in einem vergänglichen Leib und nicht in der Vollendung der Herrlichkeit. Wir seufzen und ängstigen uns noch mit der restlichen Schöpfung, weil wir noch nicht endgültig am Ziel sind.

Mir hilft dieser Abschnitt, weil er deutlich macht, dass auch ein Leben als Christ noch ein Leben in Spannungen ist und ein Leben in der Vorläufigkeit. Nicht weil ich mir dieses spannungsvolle Leben so wünsche, sondern weil es ganz einfach meiner erlebten Realität entspricht. Da ist auf der einen Seite die Freude über das was Jesus für mich getan hat und was sich durch den Glauben in meinem Leben schon verändert hat. Da ist aber auf der anderen Seite auch das Seufzen über Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und Vorläufigkeit. Beides gehört zu meinem Christsein dazu.

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Johannes 11, 28-44 Ewiges Leben

Da erzählt Johannes nun 44 Verse lang von der Auferweckung des Lazarus – aber um Lazarus selbst geht es nur am Rande. Erst in den letzten zwei Versen wird das eigentliche Wunder kurz und ohne Ausschmückung beschrieben. Davor geht es um Jesu Jünger, das bewusste Zögern Jesu, um Marta und Maria und um das grundsätzliche Thema der Auferstehung. Auch die heftigen Gefühle Jesu (V.33.35.38) beziehen sich weniger auf Lazarus, als auf den Unglauben der Menschen.

Das erscheint uns heute seltsam. Wenn so etwas heute passieren würde, dann stände ganz selbstverständlich – auch in frommen Kreisen – das Wunder selbst im Mittelpunkt. Jesus hat einen Toten wieder lebendig gemacht! Was für ein großartiger Beweis für die Macht Gottes! Was für ein Anreiz, um Jesu nachzufolgen! Johannes macht dagegen durch seine Darstellung deutlich: Es geht letztendlich nicht darum, ob Lazarus noch einmal ein paar Jahre länger leben durfte (und dann doch irgendwann gestorben ist). Nein, es geht darum, dem Leben und der Auferstehung in Person zu vertrauen. Es geht nicht um das hinauszögern des vergänglichen Lebens, sondern um das Erlangen des ewigen Lebens. Der höchste Wert ist nicht ein möglichst langes irdisches Leben, sondern der ewige Friede mit Gott.

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Christoph Schlingesief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

Schlingensief war ein deutscher Allround-Künstler, der unter anderem als Film-, Theater- und Opernregisseur tätig war. 2008 wird bei ihm, im Alter von 47 Jahre Lungenkrebs festgestellt. Es folgen Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Das hektische Leben des aktiven Künstlers steht plötzlich still und es kommen jede Menge Fragen und Ängste hoch. Schlingensief versucht das alles zu verarbeiten, indem er – vor allem in der Anfangszeit nach der Diagnose und der Operation – immer wieder seine Gedanken und Gefühle auf ein Diktiergerät spricht. Das Buch ist die Verschriftlichung dieser Aufzeichnungen. Es ist so etwas wie das Tagebuch eines Krebserkrankten (der dann 2010 an seiner Krankheit stirbt).

Als jemand, der selbst eine Operation wegen eines Gehirntumors hinter sich hat und regelmäßig zur Nachuntersuchung muss, hat mich das Buch besonders berührt. Jede Krebserkrankung ist wieder anders und jeder Betroffene geht damit wieder anders um. Bewegend bei Schlingesief ist, mit welcher Offenheit und Radikalität er sich seinen Fragen und Gefühlen stellt. In den Aufzeichnungen erlebt man mit ihm den rasanten Wechsel zwischen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung auf der einen Seite und immer wieder Hoffnung und zur Besinnung kommen auf der anderen Seite.

Der Autor sucht nach Antworten, er ringt mit sich selbst und mit Gott. Immer wieder beschäftigt ihn auch die Auseinandersetzung mit seinem vor kurzem verstorbenen Vater. Interessant für mich war vor allem die Beschäftigung mit Gott. Schlingensief stammt aus katholischen Hintergrund und er spricht immer wieder von Gott, Jesus und Maria. Manchmal will er gar nichts mehr mit Gott zu tun haben und Gott erscheint ihm weit entfernt und höhnisch. Manchmal fühlt er sich auch getröstet und der Glaube gibt ihm Halt. Spannend auch wie er realisiert, dass er sein Lebenstempo ändern muss, dass er langsamer leben muss und nicht mehr für alles Zeit haben muss.

Worin ich ihm unbedingt zustimme ist, dass sich unsere Gesellschaft nicht ernsthaft mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzt. Das hat kein Platz bei uns. Natürlich haben wir alle Angst davor – aber ob wir mit dieser Angst besser zurecht kommen, wenn wir den Tod einfach verdrängen und nicht wahr haben wollen? Ich fürchte auch wir Christen tun uns oft damit schwer. Wie oft begegnet mir gerade bei Christen eine Verdrängung der Vergänglichkeit. Viele Christen leben genauso nach dem Motto: Hauptsache gesund. Leid und Schmerz hat keinen Platz. Was zählt ist Heilung, Glück und Frieden. Wie viele Berichte und Bücher gibt es über Menschen, die von Gott auf wunderbare Weise gerettet und geheilt wurden? Und wie viele Bücher gibt es darüber, wie Christen mit Würde in den Tod gegangen sind? Aber früher oder später trifft es uns alle! Im Mittelalter gab es noch Bücher über die Kunst des Sterbens (ars moriendi) – heute beschäftigen wir uns mehr mit der unmöglichen Kunst des Nicht-Sterbens.

Das Buch von Schlingensief ist ein guter Anlass, um über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken. Aber auch über das eigene Leben: was ist mir wichtig, womit lohnt es sich, meine kostbare Lebenszeit zu verbringen, was will ich für mich oder auch für andere in meinem Leben tun? Schlingensief hatte auch in seiner Krankheit noch einen unbändigen Hunger nach Leben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es noch etwas schöneres geben kann, als dieses irdische Leben. Ich lebe auch gern – aber ich seh das dann doch anders: wenn’s schon hier so schön ist – wie genial wird das erst im Himmel werden!

Zitate

  • „Aber Jesus ist trotzdem nicht da. Und Gott ist auch nicht da. […] Es ist alles ganz kalt. Es ist keiner mehr da. Alles ist tot.“ (S. 71)
  • „Es geht um dieses Gefühl, dass es in der Welt, direkt vor meiner Nase, so viele wunderschöne Sachen gibt. Das kann ein Baum sein, ein leckeres Essen, alles, was mir jetzt mehr bedeutet als jemals zuvor. Das Normalste ist das Schönste.“ (S. 103)
  • „Musik kommt jedenfalls aus einer anderen Sphäre, Musik ist wirklich göttlich. Das sagen die Indios, das sagen die Afrikaner, das sagen eigentlich alle. Nur wir glauben, sie kommt aus dem Radio.“ (S. 174)
  • „Das Gottesprinzip ist im Laufe der Jahrhunderte zu einem Prinzip der Schuld und des Leidens verkommen. Warum ist das Gottesprinzip kein Freudenprinzip?“ (S. 211)

(Amazon-Link: Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!)

Epheser 5, 15-20 Wein oder nicht Wein?

Am Sonntag hab ich über einen Text aus Prediger 9 gepredigt. Darin hieß es unter anderem: „So geh hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ Heute heißt es im Epheserbrief: „Sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“ (V.18) Das muss kein Gegensatz sein und das kann man auch wunderbar harmonisieren: Der Prediger ruft nicht dazu auf sich zu betrinken, sondern den Wein mit gutem Mut zu genießen und der Epheserbrief warnt vor zu viel des Guten (die Neue Genfer Übersetzung schreibt hier: „Und trinkt euch keinen Rausch an“). Also: Wein ja – aber nicht zuviel!

Trotzdem wird an diesen beiden Stellen ein unterschiedlicher Blickwinkel deutlich. Für beide ist klar, dass unsere irdische Welt und Zeit vergeht. Der Prediger sagt, dass alles nichtig und vergänglich ist (Pred. 1,2; was Luther mit „eitel“ übersetzt kann man auch mit „Nichtigkeit, Vergänglichkeit oder Windhauch“ übersetzten). Paulus schreibt im Epheser: „Kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit.“ (V.16) Aber was ist die Konsequenz dieser Vergänglichkeit? Der Prediger meint: Genieße dein Leben und freu dich an den guten Seiten dieser vergänglichen Welt. Paulus meint: Nutzte die Zeit aus und lass dich nicht von den bösen Seiten dieser vergänglichen Welt vereinnahmen.

Natürlich brauchen wir beide Blickwinkel. Aber ganz ehrlich: Der Akzent des Predigers ist mir sehr viel sympathischer…

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Kohelet 1, 1-11 Alles ist Windhauch!

Ich liebe die Vielfalt der Bibel. Sie ist kein durch systematisiertes dogmatisches Lehrbuch, sondern sie ist in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit ein „Lebensbuch“, das der Vielfalt und Unterschiedlichkeit des Lebens entspricht. Das Buch Kohelet unterscheidet sich deutlich von vielen anderen biblischen Büchern  (Kohelet ist die hebräische Bezeichnung, sie wird im Deutschen üblicherweise mit „Prediger“ wieder gegeben; vom Wortstamm her [versammeln] meint es jemand, der eine Versammlung einberuft oder leitet).

Das Buch hat eine sehr skeptische und nüchterne Grundhaltung. Da ist nichts zu spüren vom Optimismus der Propheten, die damit rechnen, dass Gott einmal alles erneuern wird. Da ist nichts zu spüren von der üblichen Zuversicht der weisheitlichen Schriften der Bibel, dass Gott gutes Handeln auch mit einem guten Leben belohnen wird. Erst recht nicht taucht die neutestamentliche Hoffnung auf, dass Gott über den Tod hinaus Leben schenkt.

Gleich zu Beginn lesen wir das Fazit des Predigers: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ Hinter dem Wort „eitel“ steckt das hebräische Wort „häbäl“. Man kann es übersetzen mit: vergänglicher Hauch/Windhauch(!!!)/Nichtigkeit. Man könnte sagen: Wenn man die Welt anschaut, dann bleibt am Ende nichts Bleibendes, kein tieferer Sinn. Es vergeht alles wie ein Windhauch und am Ende bleibt nichts Greifbares. Auf die Spitze getrieben: Es ist sowieso alles egal!

Erstaunlich, dass es ein Buch mit solchen Aussagen geschafft hat, in den Kanon der Bibel zu kommen. Diese Einstellung klingt geradezu neuzeitlich und modern. Erstaunlich, dass man mit dieser Einstellung trotzdem noch an Gott festhalten kann. Wie das geht werden wir im Verlauf des Buches noch sehen.
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