Hebräer 2, 1-9 Getriebene

Die Formulierung in V.1 finde ich (in der Lutherübersetzung) sehr gelungen: „Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort, das wir hören, damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben.“ Das war wohl schon für manche Christen damals eine Gefahr: dass sie sich treiben lassen, dass sie sich nicht fest und entschieden genug an der Botschaft Jesu Christi festgehalten haben, sondern sich von anderen Dingen, von der Strömung der Zeit und der eigenen Bequemlichkeit treiben ließen.

Ich empfinde mich selbst oft auch als Getriebener. Da gibt es so viele Dinge und Gegebenheiten, die nicht ich im Griff habe, sondern die mich im Griff haben. Es kostet so viel Kraft gegen den Strom zu schwimmen anstatt sich einfach treiben zu lassen.

Warum ist das im Glauben so schwierig? Der Hebräerbrief formuliert es so: Weil wir jetzt noch nicht sehen, dass Jesus Christus alles untertan ist (V.8b). Noch ist es verborgen, wer Jesus Christus wirklich ist. Noch ist es nicht für alle offensichtlich, auch für uns Christen oft nicht. Es ist einfacher, sich von den sichtbaren Dingen treiben zu lassen, als sich am Unsichtbaren festzuhalten…

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Apostelgeschichte 10, 34-48 Kurskorrektur

Ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der jungen Christenheit. Hier wird Petrus eindrücklich deutlich gemacht, dass Gott in Jesus Christus alle Menschen erreichen möchte. Gott sieht die Person nicht an (V.34). Petrus erkennt, dass Menschen nicht erst Juden werden müssen, um an Jesus zu glauben und den Heiligen Geist zu empfangen. Allein durch seine Predigt des Evangeliums (V.37-43) kommen Menschen zum Glauben und Gott schenkt ihnen den Heiligen Geist (V.44). Für die Judenchristen war das ein Schock (V.45) – dieser Gedanke war für sie so ungewöhnlich und fremd! Für sie war es selbstverständlich, dass man nur als Jude an den Gott Israels und an den Messias Jesus glauben konnte.

Ich habe mich bei dem Text gefragt, warum Gott das so kompliziert gemacht hat. Warum braucht es dieses besondere Erlebnis? Warum hat Jesus nicht einfach seinen Jüngern erklärt, dass auch Heiden ihm nachfolgen dürfen? Das hätte er doch schon zu Lebzeiten klar stellen können, dann wäre das für Petrus und die anderen Jünger später nicht so schwer zu verstehen gewesen.

Obwohl ich schon lange Jahre Christ bin, bleibt dieser Gott der Bibel immer auch ein rätselhafter, überraschender, unverfügbarer und oft auch verborgener Gott. Ich habe ihn nicht in der Hand. Ich verstehe ihn nie völlig. Er bleibt immer anders. Meine Theologie bleibt Stückwerk. Meine Ansichten über Glaube, Gott und die Welt haben immer wieder Korrektur nötig. Das war selbst bei Petrus so. Obwohl er viel Zeit in Jesu leiblicher Nähe verbracht hatte, viel gesehen, erlebt und gehört hatte, war seine Theologie Stückwerk und seine Ansicht über Glaube, Gott und die Welt hatte Korrektur nötig.

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Daniel 1 Glück gehabt oder Gott gehabt?

Mir ist bei diesem Text aufgefallen, wie dezent Gott in das Leben von Daniel und seinen Freunden eingreift. Es geschehen keine großen und auffälligen Wunder, sondern wirkt eher im Verborgenen. Gott verhindert nicht die Eroberung Jerusalems und die Gefangennahme Daniels, aber gibt es, dass der oberste Kämmerer dem Daniel gnädig gesinnt ist (V.9) und er gibt den vier jungen Männern „Einsicht und Verstand“ (V.17). Ansonsten wird nichts von Gott in diesem Kapitel berichtet. Jemand, der nicht an Gott glaubt, würde das als Zufall oder Glück bezeichnen.

Gott wirkt oft im Kleinen und Verborgenen. Wer weiß, vielleicht hat Daniel um ein großes Wunder gebetet, vielleicht hat er um seine wunderbare Errettung und Befreiung aus Babylonien gebetet. Gott hätte ja die Macht dazu. Aber Gott hat anders gehandelt. Das Gute ist, dass Daniel das erkannt hat und sich auf diesen Weg Gottes mit ihm eingelassen hat. Vielleicht beten wir manchmal um die falschen Dinge. Vielleicht erwarten wir manchmal von Gott wunderbare Errettung und merken gar nicht, wie er im Verborgenen und Kleinen in unserem Leben wirkt…

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Kolosser 3, 12-17 Kleiderprobleme

Im vorigen Abschnitt ging es um die schlechten Eigenschaften und Handlungsweisen, die wir als Christen ablegen sollen. Jetzt geht es um das, was wir stattdessen anziehen sollen. Tja, wenn es nur so einfach wäre! Ein paar neue und saubere Kleider anzuziehen ist kein Problem – sich selbst aber ändern ist gar nicht so leicht. Kleider gehören ja nicht zu unserem Wesen, sind nicht mit uns verwachsen. Die können schnell gewechselt werden. Aber wie sieht es mit unseren Handlungen und unserem Wesen aus? Einzelne schlechte Handlungen zu vermeiden, kann schon herausfordernd sein, ist aber noch relativ einfach. Schlechte Angewohnheiten zu verändern wird schon schwieriger. Schlechte Eigenschaften und Wesenszüge zu verändern ist aber eine Herkulesaufgabe, an der wir ein Leben lang zu knabbern haben.

Auch hier ist es wieder ein untrennbares Ineinander von göttlichem Wirken und eine Aufforderung an uns Menschen. Es ist auch ein Ineinander von dem, was schon längst durch Christus geschehen ist und dem, was noch geschehen soll. In Kol.3,10 wird gesagt, dass der neue Mensch erneuert wird – das ist passiv formuliert: nicht wir tun das, sondern Gott tut es. Im heutigen Abschnitt sind aber ganz gezielt wir selbst angesprochen: zieht ihr den neuen Menschen an. In Kol. 3,9f wird gesagt, dass wir als Christen den alten Menschen schon ausgezogen haben und den neuen schon angezogen haben. Im heutigen Abschnitt werden wir aufgefordert, die Eigenschaften des neuen Menschen auch zu leben. Irgendwie ist beides richtig.

Ich muss ehrlich sagen: dieses ewige Kämpfen macht mich müde. Ich kann als Christ nie sagen: „So jetzt hab ich’s geschafft. Jetzt hab ich alles alte abgelegt und bin völlig erneuert.“ Ein Leben lang hab ich mit diesen Kleiderproblemen zu kämpfen: Altes ausziehen, Neues anziehen. Und dann immer wieder feststellen, dass das Alte gar nicht wirklich verschwunden ist, sondern immer wieder neu auftaucht. Auch das Ineinander von göttlichem und menschlichem Tun ist ermüdend. Da gibt es die einen, die mehr das göttlich Tun betonen und sagen: „Ja, du musst nur mehr beten und größeren Glauben haben, dann geschieht alles von selbst.“ Und die anderen sagen: „Du musst dich halt mehr anstrengen und radikaler das Gute tun, nur dann geschieht wirklich Veränderung.“ Aber beide Wege werden letztendlich Stückwerk bleiben. Das vollkommene neue Leben in Christus ist noch verborgen (Kol.3,3).

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Kolosser 3, 1-4 Die verborgene Vollendung

Zwei Kapitel lang wird im Kolosserbrief Jesus Christus und seine Tat für uns Menschen so groß gemacht, wie es nur geht. Man hat den Eindruck, dass Jesus Christus schon alles getan hat: in ihm wohnt alle Fülle, er hat alles mit Gott versöhnt, er hat Frieden gemacht durch sein Blut (1,19f), durch ihn sind wir den Mächten der Welt gestorben (2,20) und durch ihn sind wir auferstanden in der Kraft Gottes (2,12). Was soll da noch kommen? Es ist doch schon alles geschehen? Wer könnte sich anmaßen, diesem Heilswerk Jesu Christi noch etwas hinzufügen zu wollen?

Aber trotzdem folgen auch im Kolosserbrief nun Ermahnungen an die Leser. Auch wenn Christus eigentlich schon alles erledigt hat, haben wir es nötig, uns ermahnen zu lassen. Gerade weil Christus alles für uns getan hat, sollen wir uns an ihm allein ausrichten und orientieren. Sein allumfassendes Werk soll uns nicht in die Gleichgültigkeit führen, sondern anspornen, dass wir das was wir in Christus schon sind, auch zu leben.

Zusammenfassend formuliert: „Trachtet nach dem, droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.“ (V.3) Denn Jesus Christus hat zwar alles schon getan, aber noch ist unser neues Leben „verborgen mit Christus in Gott“ (V.3). Es ist alles schon vollbracht, aber es ist noch nicht offenbar. In der Zwischenzeit müssen auch wir uns immer wieder neu an diesem verborgenen neuen Leben ausrichten. Wir müssen immer wieder neu nach dem, was droben ist, trachten und uns nicht wieder gefangen nehmen lassen von irdischen Dingen.

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