Lukas 11, 1-4 Ein Mustergebet

Das Vaterunser das Lukas hier überliefert unterscheidet sich vor allem im Umfang deutlich von der bekannteren Version bei Matthäus. Kritiker könnten nun sagen: „Ist ja klar! Das ist ja sowieso alles erfunden. Die Evangelien geben keinen historisch zuverlässigen Bericht über Jesus.“ Aber gerade die Unterschiede sprechen dafür, dass die Christen ihre Berichte eben nicht erfunden haben. Wenn alles erfunden wäre, dann hätte man doch darauf geachtet, dass die verschiedenen Berichte genau miteinander übereinstimmen. Berichte die im Wesentlichen übereinstimmen und nur kleinere Unterschiede aufweisen sprechen eher für eine historische Zuverlässigkeit. Es ist ja auch heute bei einem Geschehen noch schwierig, von verschiedenen Zeugen zu erfahren, was tatsächlich passiert ist. Das erleben Gerichte jeden Tag. Jeder Zeuge hat eine gefärbte Wahrnehmung der Wirklichkeit und berichtet über das Geschehen aus seinem Blickwinkel. So ist es auch bei den Evangelien.

Beim Vaterunser wird aber vielleicht auch etwas anderes deutlich. Bei solch einem wichtigen Gebet könnte man ja davon ausgehen, dass es sich die Jünger auf besondere Weise gemerkt haben. Wenn nun bei Matthäus und Lukas unterschiedliche Versionen auftauchen, dann könnte das auch darauf hinweisen, dass es von Anfang an nicht das eine, im Wortlaut genau festgelegte Gebet gab. Nein, dieses Gebet ist eine Art Mustergebet, das je nach Situation und Anlass auch verändert werden konnte. Jesus wollte seinen Jüngern ein Gebets-Gerüst an die Hand geben, das ihnen beispielhaft zeigt, wie sie beten können.

Ich finde es trotzdem gut, dass wir heute unser fest formuliertes „Vaterunser“ haben. Die feste Formulierung hilft uns, es gemeinsam zu beten. Denn wie es bei Matthäus deutlich wird, ist es ein Gebet, das wir Christen gemeinsam zu unserem Vater sprechen. Daneben können wir von diesem Gebet auch grundsätzlich lernen, wofür und wie wir beten sollten. Unser Gebet ist nicht auf diese eine Formulierung beschränkt, sondern darf und soll auch davon abweichen.

| Bibeltext |

Bonhoeffer: Nachfolge (14) – Die Verborgenheit des Gebets

„Das rechte Gebet ist nicht ein Werk, eine Übung, eine fromme Haltung, sondern es ist die Bitte des Kindes zum Herzen des Vaters. Darum ist das Gebet niemals demonstrativ, weder vor Gott, noch vor uns selbst, noch vor anderen. Wüsste Gott nicht, was ich bedarf, dann müsste ich darüber reflektieren, wie ich es Gott sage, was ich ihm sage, ob ich es ihm sage. So schließt der Glaube, aus dem ich bete, jede Reflexion, jede Demonstration aus.“ (S.158) Damit ist eigentlich schon alles gesagt, damit ist deutlich, warum echtes Gebet verborgen ist. Im Gebet muss ich niemandem etwas demonstrieren – auch mir selbst nicht!

Das schließt die Gebetsgemeinschaft mit anderen nicht aus (S.159). Es macht aber deutlich, dass das Gebet allein auf Gott ausgerichtet ist (S.160). Das Gebet ist keine Aufführung auf einer Bühne (egal wer die Bühne beobachtet: Gott, Andere oder ich selbst), sondern es ist ein Bitten des Herzen. Es kommt nicht auf die äußere Form oder den Ort des Gebets an, sondern auf die Ausrichtung auf Gott.

Bonhoeffer schließt dann noch eine kurze und konventionelle Auslegung des Vaterunsers an, bei der er betont voranstellt, dass es kein Beispielgebet ist, sondern dass es in diesen Worten, die Jesus uns gelehrt hat, gebetet werden soll (S.160)

Was mich in diesem Kapitel angesprochen hat, ist der Gedanke, dass mein Beten auch für mich selbst eine Bühne werden kann, auf der ich versuche für mich eine gute Show abzuziehen. Geht es im Gebet um mich und auch um mein frommes Gefühl, damit etwas Gutes für mich zu tun, oder geht es um Gott?

Matthäus 6, 9-13 – Von der Freiheit des Bittens

Gäähn, das Vaterunser… So oft gehört und gebetet, dass man es auch ohne Nachdenken und im Halbschlaf hoch- und runterbeten kann. Vielleicht ist gerade das unser Problem und Missverständnis bei diesem Gebet. Klaus Douglass beobachtet sehr gut, dass Lukas uns eine etwas andere Version des Vaterunsers überliefert und er zieht daraus folgenden Schluss: „Die ersten Christen haben im Vaterunser offensichtlich nicht so sehr ein fertig formuliertes Gebet, sondern eine Anleitung zum eigenen Beten bzw. Bitten gesehen. ‚So sollt ihr beten‘ sagt Jesus – das heißt: auf diese Weise, in diese Richtung. Es heißt nicht unbedingt: mit diesen Worten.“ (S.237)

Sehr interessant dann auch der Hinweis auf Martin Luther, der das Vaterunser mehrmals täglich betete und sich manchmal dafür sehr lange Zeit nahm. Das heißt, dass er nicht einfach die Worte runtergebetet hat, sondern dass er auf Grundlage und durch Anregung des Vaterunsers mit eigenen Worten gebetet hat und seine eigenen Anliegen passend dazu formuliert hat.

Diese Gedanken gefallen mir sehr. Vielleicht ist es auch in anderen Bereichen so, dass wir biblische Aufforderungen zu engstirnig und ängstlich lesen. Um ja nichts falsch zu machen und um Jesus wörtlichen Gehorsam zu leisten, binden wir uns an den genauen Wortlaut des Vaterunsers, anstatt uns von ihm in die Freiheit des Bittens vor Gott führen zu lassen…

Matthäus 18, 21-35 – Wie auch wir vergeben…

Im wichtigsten Gebet für uns Christen heißt es: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Mich überkommt manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn ich diese Worte bete. Dieses selbstverständliche „wie auch wir vergeben“ macht mir Angst. Denn ich weiß, wie schwer wir uns damit tun. Selbst wenn wir es vom Kopf her wollen, sind unsere Herzen manchmal so verhärtet, dass wir es nicht wirklich schaffen.

Diese Geschichte aus Matthäus 18 macht für mich diese Vaterunser-Bitte verständlicher und einleuchtender. Ein König erlässt einem Knecht eine riesige Summe von Schulden. Dann geht der Knecht zu einem Kollegen und fordert mit Gewalt eine vergleichsweise kleine Summe zurück. Zur Übertragung auf heutige Verhältnisse: Die Summen in dem Gleichnis verhalten sich wie 30 Millionen zu 100! Also sagen wir mal dem einen Knecht wurden vom König 30 Millionen Euro erlassen und der geht dann hin und verprügelt einen anderen wegen 100 Euro. Total absurd und abwegig, oder?!

Genau so absurd und abwegig ist es, wenn wir einander nicht vergeben wollen. Auch wenn uns die Schuld noch so groß und schlimm erscheint – im Vergleich zu dem, was Gott uns vergibt, ist das alles Pipifax. Und wenn unser Herz das nicht schafft, dann sollten wir uns wenigstens vom Kopf her sagen: Ja, ich will vergeben, auch wenn ich mich überhaupt nicht danach fühle.

Matthäus 6, 9-15 – Das vertraut-fremde Gebet

Achja, das Vaterunser – kein anderer Bibeltext ist mir so vertraut wie dieser. Seit vielen Jahren bete ich das regelmäßig im Gottesdienst. Selbst für mich, der ich mich schwer tue beim Auswendiglernen, kommen diese Worte wie selbstverständlich und ohne großes Nachdenken über die Lippen. Diese Worte haben sich ins Herz eingebrannt.

Nur manchmal wundere ich mich, wie fremd mir dieses Gebet trotzdem noch ist. Mit der ersten Zeile: Unser Vater im Himmel – da verbinde ich ja noch was damit. Das spricht meine Seele an. Aber dann: Dein Name werde geheiligt. Was heißt denn das konkret? Ich weiß, es gibt viele schlaue Auslegungen und Gedanken dazu. Aber diese Worte sind mir nicht unmittelbar zugänglich, es bleibt seltsam schwammig, was damit im Alltag für mich heute gemeint ist. Bei manchen anderen folgenden Formulierungen geht es mir dann ähnlich.

Und dann auch noch die Begründung, die Jesus bei Matthäus zu diesem Gebet anfügt: Wenn wir den Menschen nicht vergeben, dann vergibt Gott uns auch nicht (V.15)! Ist das für Jesus die Kernaussage des Vaterunsers?!? Seltsam, seltsam! Wenn man erst mal anfängt, sich über so manches selbstverständliche Gedanken zu machen, dann kommt man schon ins Grübeln…

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