Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Ein schönes, zartes, liebevolles Buch, das aber doch nicht kitschig ist. Der Schriftsteller Arno Geiger schreibt über seinen Vater, der an Alzheimer erkrankt ist. Das klingt ziemlich deprimierend und es wird an vielen Stellen des Buches auch deutlich, wie schwierig es für Familienangehörige ist, mit dieser Krankheit zurecht zu kommen.

Aber es ist kein schwermütiges Buch, sondern es ist trotz allem Schweren auch ein hoffnungsvolles Buch. Denn der Autor lernt seinen Vater auf ganz neue Weise kennen, schätzen und lieben. Das alles stellt gut zu lesen dar und mich hat diese Vater-Sohn Geschichte sehr berührt.

Eine Stelle, die nicht direkt etwas mit dieser Beziehungsebene zu tun hat, fand ich besonders spannend: „Uns Gesunden öffnet die Alzheimerkrankheit die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es zahlreiche feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand.“ (S.58)

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Tim Parks: Stille

Schade, der Roman hat mich nicht überzeugt. Obwohl ich die Grundidee der Geschichte interessant finde und der Autor zweifellos gut und spannend schreiben kann. Es geht um einen übergewichtigen Topjournalisten, der sich in die Einsamkeit einer kleinen Berghütte in Südtirol zurück zieht. Der äußere Anlass ist ein Enthüllungsbuch seines Sohnes über ihn. Dabei kommt der Vater nicht gut weg und das kränkt ihn zutiefst.

In der Stille und Einsamkeit der Bergwelt und in Auseinandersetzung mit den wenigen Nachbarn, die er wegen des Dialektes kaum versteht, kommt seine tragische Familiengeschichte an die Oberfläche, mit welcher er sich im Getriebe seiner erfolgreichen Karriere kaum beschäftigt hatte.

Der Roman ist gut zu lesen und dafür, dass relativ wenig passiert, recht spannend geschrieben. Besonders gefallen haben mir die schnellen Wechsel zwischen den Beschreibungen der alltäglichen Begebenheiten in der einsamen Berghütte und der inneren Reflektion der Hauptperson. Da wird auch stilistisch etwas deutlich von der inneren Unruhe, die den Journalisten auch in der Stille noch umtreibt.

Allerdings hatte ich das ganze Buch hindurch nicht das Gefühl, dass die Hauptfigur eine reale Person sein könnte. Es scheint alles etwas konstruiert und übertrieben. Die Personen und die Geschichte wirkt auf mich nicht so richtig glaubwürdig. Vor allem das Ende, der große Showdown zwischen Vater und Sohn hat mich nicht überzeugt. Aber das ist ja das schöne an Literatur: anderen Lesern geht’s da vielleicht ganz anders…

Noch ein schönes Zitat, das mir wirklich gefallen hat: „Warum bin ich so erschöpft? Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend ist, allein zu sein? So laut.“ (S. 225) Klasse! Ja, diese Erfahrung wird wohl so mancher machen: dass in der äußeren Stille erst der innere Lärm so richtig an die Oberfläche kommt.

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