Galater 2, 3-10 Theologische Spannungen

An dieser Stelle wird deutlich, wie groß die theologischen Spannungen schon in der Urkirche waren. Da gab es auf der einen Seite Leute wie Paulus, die vor allem die Nichtjuden im Blick hatten und für Christus gewinnen wollten. Auf der anderen Seite gab es jüdische Christen, die davon ausgingen, dass man zuerst Jude werden müsste, bevor man ein vollwertiger Nachfolger Jesu werden konnte (Jesus und seine Jünger waren ja schließlich auch alle Juden). Paulus berichtet in diesem Abschnitt, dass man sich friedlich geeinigt hatte: Paulus soll das Evangelium den Heiden bringen und Petrus soll für die Juden zuständig sein (V.7). Mit Nachdruck betont Paulus, dass man ihm für die Heidenmission keine Auflagen gemacht habe (d.h. weder die Beschneidung noch die Befolgung anderer jüdischen Gesetze sei für nichtjüdische Christen notwendig).

Vergleicht man allerdings diese Stelle mit der Apostelgeschichte, dann wird deutlich, dass die Einigung doch nicht so klar und eindeutig war. Da wird auch von einem Treffen des Paulus und Barnabas ein Treffen mit den Aposteln und Ältesten in Jerusalem hatten. Dort werden dann allerdings einige Einschränkungen aufgezählt. Für die Heidenchristen werden keine weitere Lasten auferlegt, außer diesen: sie sollen kein Fleisch von Götzenopfern, kein Blut und kein nicht ausgeblutetes Fleisch essen und sich von Unzucht fernhalten (Apg. 15,28f). Entweder hat Paulus diese Zusatzbestimmungen in seinem Brief verschwiegen oder es gab danach noch mal ein Treffen, auf dem diese Ergänzungen gemacht wurden. Auch in 1. Kor. 8 wird deutlich, dass Paulus die Bestimmung zum Essen von Götzenopferfleisch theologisch anders beurteilt hat und nur aus Rücksicht auf die Schwachen im Glauben empfiehlt kein Götzenopferfleisch zu essen.

Wir sehen: schon früh gab es gewaltige theologische Unterschiede. Von Paulus wissen wir, dass er sich bei seiner Argumentation auf Jesus selbst, auf den Heiligen Geist und auf die Heilige Schrift bezogen hat. Bei seinen Gegnern wird das nicht anders gewesen sein… Erinnert mich fatal an so manche theologische Diskussion heute. Entscheidend damals war, dass man sich getroffen hat, diskutiert hat und dann einen groben Kompromiss gefunden hat, mit dem alle leben konnten (außer den Extremisten, die nach wie vor eine Beschneidung der Nichtjuden als Voraussetzung für echtes Christsein forderten). In Detailfragen gab es dann zwar weiterhin Unstimmigkeiten, aber von der Richtung her war klar: Paulus missioniert unter den Heiden und Petrus ist für die Judenchristen zuständig. Im Klartext heißt das doch: Die Einheit der Kirche wird festgehalten, aber jeder hat seinen eigenen Bereich für den er zuständig ist.

Apostelgeschichte 2, 42-47 – Ein Traum von Kirche

Hab zu dem Text am vergangenen Sonntag gepredigt. Was mich bei dem Text und den Erklärungen von Douglass besonders beschäftigt hat, war der enorme Kontrast „zwischen dem hier Beschriebenen und der real existierenden Kirche“ (S.299). Dieses Idealbild von Gemeinde, das Lukas hier zeichnet kann einen entweder in die Verzweiflung treiben oder aber zum hoffnungsvollen Träumen animieren. Das eine lähmt und zerstört, wogegen das andere motiviert und auferbaut.

1. Korinther 10, 14-22 – Schade eigentlich

Was war da nur los in Korinth? Da gab es die einen, die solche Angst vor den heidnischen Göttern hatten, dass sie es nicht wagten Fleisch von Götzenopferfeiern zu essen (vgl. Kap.8 ) und dann gab es anscheinend welche, die keine Probleme damit hatten, an solchen Götzenopferfeiern sogar teilzunehmen. Oder warum sonst schreibt Paulus hier eine Warnung, dass man nicht am Tisch der bösen Geister teilhaben soll? Da muss es ganz schön abgegangen sein in der Gemeinde in Korinth: Verschiedene Lager, die sich auf unterschiedliche christliche Leiter beriefen, Streit um moralische Richtlinien, Meinungsverschiedenheiten im Umgang mit heidnischen Göttern… Klingt alles nicht sehr harmonisch.

Wir entwerfen ja gerne ein heiles und idyllisches Bild der Urkirche. Wir meinen, dass ganz am Anfang noch alles okay war und noch nicht durch kirchliche Dogmen und Traditionen verdorben. Aber wenn man die Korintherbriefe anschaut, dann kommt man zu einem anderen Bild: Es gab von Anfang an heftige Streitigkeiten (zumindest in der Gemeinde in Korinth). Schon von Anfang an waren die Christen nicht immer „ein Herz und eine Seele“ (Apg.4,32). Schade eigentlich… Aber auch irgendwie tröstlich: Die hatten damals genauso Probleme und Kämpfe wie wir heute in den Gemeinden.

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