Apostelgeschichte 27, 1-12 Gemeinsam sind wir stark

In der Apostelgeschichte ist es auffällig, dass Lukas immer wieder in der Erzählperspektive wechselt. Manchmal erzählt er in der dritten Person über Paulus und seine Begleiter und manches mal in der ersten Person Plural. Ganz besonders auffällig ist der Wechsel in Apg.16,6-10. Mitten im Abschnitt wechselt Lukas ohne erkennbaren Grund vom „sie“ zum „wir“. Auch im heutigen Abschnitt ist mir dieses „wir“ aufgefallen. Paulus wird nicht allein auf die Reise nach Rom geschickt, sondern Lukas berichtet, dass „wir“ beschlossen, den Paulus auf der Reise nach Italien zu begleiten (V.1).

Über diese wechselnde Erzählperspektive ist schon viel spekuliert worden. Lukas ist kein moderner Schriftsteller, der in Fußnoten notiert, was seine Quellen sind. Er möchte einfach nur die Geschichte Jesu und die der ersten Christen erzählen. Dabei ist ihm dennoch wichtig, zuverlässige Quellen zu haben. Das betont er am Anfang des Lukasevangeliums (Lk.1,1-4). Er kann auf Augenzeugen zurückgreifen und hat alles von Anfang an sorgfältig erkundet. Wenn er nun in der Apostelgeschichte teilweise in der Wir-Form berichtet, kann das bedeuten, dass er entweder selbst als Augenzeuge dabei war oder dass er Augenzeugenberichte einfließen lässt.

Wie auch immer: es wird deutlich, dass Paulus auch in seiner schwierigen Situation nicht allein gelassen wird. Auch auf seinem Gefangenentransport nach Rom wird er begleitet von anderen Christen. Er muss sein Schicksal nicht alleine tragen, sondern es wird gemeinsam getragen.

Apostelgeschichte 15, 13-35 Konfliktlösung

Interessanterweise hat Jakobus das letzte Wort in diesem Konflikt. Er scheint schon früh für die Jerusalemer Urgemeinde wichtiger gewesen zu sein, als Petrus. Jakobus stellt sich auf die Seite von Paulus und Petrus. Er begründet dies mit dem Handeln Gottes, von welchem Simon Petrus berichtet hat (V.14): Gott handelt auch an den Heiden. Und als wichtige Bestätigung für diese Erfahrung stellt er fest, dass diese Sicht mit der Bibel übereinstimmt. In dem Zitat aus Amos wird deutlich, dass Gott nicht nur Israel ruft, sondern auch die Heiden. Das sind auch für uns heute noch wichtige Kriterien für Konfliktfragen: Wie erleben wir Gottes Handeln und was sagt die Schrift dazu?

Allerdings ist es Jakobus wichtig, einen Kompromiss zu finden für das Zusammenleben von Heidenchristen und Judenchristen. Damit sich die Judenchristen  im Umgang mit Heidenchristen nicht rituell verunreinigen, müssen die Heidenchristen vier mosaische Gebote zu rituellen Reinheit befolgen: 1. Sie sollen nicht an heidnischen Kulten teilnehmen oder Fleisch aus rituellen Schlachtungen für heidnische Götter essen („Götzen“). 2. Verzicht auf Eheschließungen innerhalb der von Mose vorgeschriebenen Verwandtschaftsgrade („Unzucht“). 3. Kein Fleisch von „Ersticktem“, d.h. von Tieren, die nicht nach den Vorschriften der Tora geschlachtet wurden. 4. Verzicht auf alle Speisen, in denen „Blut“ mitverarbeitet wurde.

Die Heidenchristen müssen also nicht erst Juden werden, um gerettet zu werden. Aber aus Rücksicht auf Mitchristen aus dem Judentum, sollen sie im Zusammenleben grundlegende Reinheitsvorschriften erfüllen. Damit ist der Konflikt nicht aus der Welt geschaffen. Es gab weiterhin Probleme zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Und auch Paulus berichtet anders von diesem Apostelkonzil: nach Gal. 2,6 hatte er gar keine Bedingungen für seine Mission unter Heiden (vielleicht wurde die Kompromissformel erst festgelegt, als Paulus schon wieder abgereist war?). Aber Lukas macht deutlich, dass die Christen trotz unterschiedlicher Meinung aufeinander Rücksicht nehmen und gemeinsam Lösungen suchen.

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Apostelgeschichte 11, 19-30 Strategische Kirchenpolitik

In diesem Abschnitt wird es nun sehr deutlich, dass die junge Christenheit mehr ist als eine innerjüdische Gruppierung. Einige Jünger und Jüngerinnen wurden wegen der Verfolgung in Jerusalem nach Antiochien zerstreut. Das war damals die drittgrößte Stadt des römischen Reiches – also ein wichtiger Ausgangspunkt für die weitere Verbreitung des Glaubens. In Antiochien wurden nicht nur die Juden angesprochen, sondern auch die Griechen (damit sind hier alle gemeint, die nicht dem jüdischen Glauben angehören). Wichtig ist auch, dass in Antiochien zum ersten mal die Bezeichnung „Christen“ auftaucht. Und zwar nicht von den Anhängern Jesu selbst, sondern von außerhalb. Auch für andere war es deutlich, dass es sich hier um eine neue Gruppierung von Juden und Griechen außerhalb des Judentums handelte.

Interessant finde ich auch, dass Kirchenpolitik schon damals eine Rolle spielte. Die neue Gemeinde in Antiochien wird nicht einfach sich selbst überlassen, sondern die Verantwortlichen in Jerusalem senden den Barnabas aus, um sich die Sache mal anzuschauen. Die Apostel in Jerusalem fühlten sich nicht nur für die Gemeinde zuhause verantwortlich, sondern auch für andere Gemeinden. Es bleibt nicht bei einem kurzen Antrittsbesuch des Barnabas, sondern zusammen mit Paulus bleibt er ein ganzes Jahr lang dort, um die junge Christenheit zu lehren und unterrichten. Da stecken durchaus strategische und kirchenpolitische Gedanken dahinter: Wie leiten wir die junge Bewegung in geordnete Bahnen?

Wir wünschen uns ja manchmal, dass Gemeinde auch ohne solch strategischen und kirchenpolitische Überlegungen funktionieren würde. Es wäre doch schön, wenn Gott selbst durch den Heiligen Geist Gemeinde und Kirche leiten würde. Das tut er auch. Aber wir sehen schon bei den ersten Christen, dass er dazu menschliche Strukturen und Hierarchien benutzt. Diese sind nicht an sich schlecht oder falsch, sondern es kommt darauf an, wie sie genutzt werden.

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Apostelgeschichte 6, 1-7 Keine heile Welt

Die ach so heile Welt der Urgemeinde in Jerusalem ist gar nicht so heil… Wie in jeder irdischen Gemeinde, in welcher Menschen zusammenleben, gibt es auch hier Konflikte und Spannungen. In der Gemeinde gab es einheimische Juden, die zu Christus gefunden haben. Witwen von dieser Gruppe wurden von ihren ortsansässigen Familien versorgt. Das war damals so üblich, weil es keine staatliche Altersvorsorge gab. Daneben gab es in der Gemeinde griechisch sprechende Christen, die von außerhalb nach Jerusalem gezogen waren. Diese hatten dann oft keine Familie in der Nähe. Wenn von ihnen eine Frau Witwe wurde, dann hatte sie niemand, der sie versorgte.

Eigentlich müsste man denken, dass diese Witwen ganz selbstverständlich von der Gemeinde mitversorgt wurden. Zumal Lukas zweimal ausdrücklich betont, dass die Christen alles gemeinsam hatten und es niemand unter ihnen gab, der Mangel hatte (2,44f; 4,34). Aber ganz so problemlos war es dann doch nicht… Schon die ersten Christen hatten sich mit ganz profanen Organisationsfragen zu beschäftigen. Das was uns heute in der Gemeindearbeit oft so lästig und nervenaufreibend vorkommt, gab es damals schon. Die alltäglichen Konflikte, die im Miteinander entstehen waren damals schon genauso da wie heute. Die Urgemeinde war keine perfekte Übergemeinde, sondern eine ganz normale Gemeinde.

Die Frage damals wie heute ist, wie man mit Konflikten und Problemen umgeht. Folgt auf den Konflikt Trennung und Unversöhnlichkeit – oder sucht man gemeinsam nach einer Lösung? Interessant finde ich, wie nüchtern und sachlich die Sache damals geklärt wurde. Da gab es kein göttliches Eingreifen oder eine göttliche Offenbarung durch den Heiligen Geist. Nein, die Apostel haben ihren gesunden Menschenverstand benutzt und eine vernünftige Lösung vorgeschlagen. Die Diakone wurden dann nicht auf göttlichen Fingerzeig hin eingesetzt, sondern demokratisch gewählt.

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Apostelgeschichte 2, 42-47 Wie ging das wohl weiter?

Wie lange das wohl auf so ideale Weise in der Urgemeinde in Jerusalem funktioniert hat? Wir kennen das ja auch heute noch: Es gibt geistliche Aufbrüche und neue Gemeinden entstehen. Am Anfang ist die Begeisterung groß, viele Menschen werden erreicht und viele bringen sich ein. Aber wie sehen diese Gemeinden einige Jahrzehnte später aus? Wie sah in Jerusalem das Gemeindeleben einige Jahrzehnte später aus, nachdem die erste Begeisterung verflogen ist? Ich geh davon aus, dass die Gemeinde später mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte, wie heutige Gemeinden, die sich über Jahrzehnte „etabliert“ haben. Später wird z.B. berichtet, dass andere Gemeinden für die armen Brüder in Jerusalem Geld sammeln mussten – seltsam für eine Gemeinde, die so groß ist und in der alle so bereitwillig geben (oder hatten sie gerade deswegen kein Geld mehr, weil sie alles verschenkt hatten?).

Wenn man neu im Glauben ist und voller Eifer bei der Sache ist, dann ist es relativ einfach sich täglich zu treffen, beständig miteinander zu beten und auch von seinem Geld abzugeben. Aber geschieht das Jahrzehnte später noch mit derselben Selbstverständlichkeit und Freude? Wenn man sich aneinander gewöhnt hat, wenn man die Macken des Anderen in- und auswendig kennt, wenn die Organisation des alltäglichen Gemeindelebens anfängt zu nerven (mit so profanen Fragen wie: Wer räumt nach dem Gottesdienst auf?),  wenn man die Lehre der Apostel schon x-mal gehört hat und es so langsam langweilig wird. Dann ist es für manche schon viel verlangt einmal in der Woche regelmäßig zum Gottesdienst zu kommen…

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1. Timotheus 3, 1-13 Frühchristliche Gemeindeämter

Es geht um zwei Ämter in der Gemeinde: um das Bischofsamt (griech.: episkopos) und das Diankonenamt (griech.: diakonos). Leider gibt es hier, wie auch an anderen Stellen, keine genaue Aufgabenbeschreibung. Wir wissen nicht so ganz genau, welche Tätigkeiten diese Personen ausgeübt haben. Episkopos kann man mit Aufseher übersetzen, es geht wohl um eine gemeindeleitende Funktion (kein Bischof in unserem Sinn mit übergemeindlichen Aufgaben). Zugleich scheinen sie auch Lehraufgaben wahrgenommen zu haben (vgl. V.2). Ein Diakon ist wörtlich ein „Diener“ und übernahm wohl verschiedene Dienste in der Gemeinde.

In dem Text geht es weniger um die Aufgaben, sondern um die Befähigungen, die man für solche Ämter mitbringen muss. Was mich erstaunt hat: Es geht vor allem um ethische Anforderungen an die Lebensführung und nicht um geistliche Voraussetzungen. Was hier aufgezählt wird entspricht im großen Ganzen den öffentlichen Moralvorstellungen. Offensichtlich gab es wohl in der angeschriebenen Gemeinde vor allem auf diesem Gebiet Probleme.

Was mir noch aufgefallen ist: Es werden unter anderem Dinge aufgezählt, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Wer kann sich schon ernsthaft einen Gemeindeleiter vorstellen, der ein Säufer ist, geldgierig ist und mit mehreren Frauen zusammen ist?! Aber anscheinend waren schon damals die selbstverständlichen Dinge nicht selbstverständlich! Sonst hätte man sie nicht extra anführen müssen.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie realistisch die Bibel uns Menschen einschätzt. Die Menschen damals in der Urgemeinde waren auch nicht anders als wir, sie hatten mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und waren – wie wir – alles andere als perfekt. Das soll keine faule Ausrede für uns heute sein, sondern eher ein Ansporn: auch damals haben sie nur mit Wasser gekocht und es ist aus dem kleinen Jüngerkreis trotzdem eine weltumspannende Gemeinde geworden!

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1. Petrus 5, 1-4 – Frühchristliche Gemeindeleitung

Ein paar interessante Sätze zum Thema Gemeindeleitung. Zunächst ist festzuhalten, dass Petrus die Ältesten der Gemeinde anspricht, also mehrere Personen. Nicht ein Pastor (lat. für Hirte) oder ein Gemeindeleiter, sondern ein Team von Presbytern (griech. für Älteste). Nun kann man nicht von einer Stelle aus ein ganzes System für Gemeindeleitung entwickeln – aber ich finde es doch sehr spannend, dass schon in der damaligen, antiken Welt christliche Gemeinden als Team geleitet werden konnten.

Die Ältesten werden dann mit Hirten verglichen, die sich um ihre Herde kümmern sollten. Ein ganz schön herausfordernder Vergleich. Denn eigentlich ist ja Gott selbst unser Hirte (Ps. 23) bzw. Jesus bezeichnet sich als der gute Hirte (Joh.10,11)!

Interessant fand ich auch, dass Petrus es für nötig hält, die Gemeindeleiter dazu aufzufordern, ihre Aufgabe nicht gezwungen, sondern freiwillig zu tun und dass sie es nicht tun sollen, um sich zu bereichern. Warum sagt er das? Doch nur deswegen, weil das wohl damals auch schon ein Problem und eine Gefahr war. Dieses Bild von der reinen und perfekten Urgemeinde, die alles besser gemacht hat als wir heutigen, ist eine romantische Verklärung.

Schließlich noch: Es geht nicht darum, über andere zu herrschen („nicht als Herren über die Gemeinde“), sondern es geht darum, Vorbilder zu sein (V.3). Also Gemeindeleitung durch Vorbild Sein!
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