Römer 7, 7-13: heilig, gerecht und gut

Bei aller Radikalität in seinem Denken ist Paulus kein einfacher Schwarz-Weiß Denker. In diesem Abschnitt versucht er den komplexen Zusammenhang zwischen Gesetz und Sünde zu verdeutlichen. Für die Realität der Sünde gibt es eben keine einfachen Erklärungen und auch keine platten Lösungen. Es gibt keine simple gesetzliche Lösung, nach der wir einfach nur die Gebote einhalten und dann vor Gott gerecht sind. Das hat Paulus bereits ausführlich dargelegt, dass kein Mensch durch Werke vor Gott gerecht werden kann. Aber es ist auch keine Lösung, wenn wir Gesetz und Sünde einfach gleichsetzen. Dann könnte man ja das Gesetz abschaffen und wäre damit auch die Sünde los. Das wäre dann sozusagen die absolute Freiheit, ganz ohne Gebote Gottes.

Paulus hält aber ganz klar daran fest, dass das Gesetz mit seinen Geboten „heilig, gerecht und gut“ (V.12) ist. Es ist Gottes gute Gabe an uns, es ist sinnvoll und richtig. Das Problem ist aber, dass diese gute Regeln unser Fehlverhalten erst aufdecken und sogar noch provozieren. Die Sünde benutzt Gottes gutes Gebot zu ihren Zwecken. Sie weckt Begierde. Sie reizt uns zum Ungehorsam. Paulus beschreibt das in diesem Abschnitt anhand eines exemplarischen menschlichen Ichs. Damit schließt er sich selbst ein, spielt aber zugleich auch auf die Geschichte des Sündenfalls an. Das ist ein Grunderfahrung von allen Menschen.

Das kann man schon an Kindern beobachten: Wenn man ihnen Grenzen setzt, dann werden sie garantiert ausprobieren wollen, was passiert, wenn sie die Grenzen übertreten. An diesem Beispiel kann man vielleicht diese komplizierte Wechselwirkung zwischen Gesetz und Sünde verdeutlichen. Dass Eltern ihren Kindern Grenzen setzen ist gut und richtig. Wenn diese Grenzen sinnvoll sind, dann dienen sie dem Leben. Aber zugleich provozieren gerade die Grenzen auch den Ungehorsam. Es gibt da keine einfache Lösung. Wenn Eltern keine Grenzen setzen würden, dann würden die Kinder zwar nicht ungehorsam sein können, aber sie könnten sich selbst und anderen schaden. Aber es ist auch nicht sinnvoll, die Kinder nur mit Gewalt zu einem Regelgehorsam zu zwingen, denn dann ist die Beziehung zwischen Eltern und Kind auch gestört. Bei Kinder ist es am besten, wenn sie irgendwann selbst einsehen, dass die Regeln für sie selbst gut sind. Es ist am besten, wenn sie aus eigenem inneren Antrieb heraus die Regeln befolgen.

Im übertragenen Sinn ist das durch Jesus Christus geschehen. Er beseitigt die Beziehungsstörung zwischen Gott und Mensch. Er vermittelt uns Gottes Geist, durch den wir befähigt werden, aus innerem Antrieb nach dem Willen Gottes zu leben. Wir sind nicht heilig, gerecht und gut weil wir äußerliche Regeln befolgen (die trotzdem nach wie vor gut und richtig sind), sondern weil wir im Einklang und Frieden mit Gott leben.

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Hesekiel 20 Die große Abrechnung

Dieses Kapitel ist eine große Abrechnung Gottes mit seinem Volk. Gott hat Israel auserwählt und sich ihm in besonderer Weise gezeigt (V.5). Doch schon in Ägypten hat Gottes Volk auf Gottes Werben mit Ungehorsam reagiert. Nach Hes. 20 zieht sich dieser Ungehorsam durch die ganze Geschichte hindurch. Immer wieder ist Gott zornig und erbarmt sich dann doch über sein Volk.

Das erstaunliche ist: Dieses Erbarmen wird nicht mit der großen Liebe Gottes oder mit seinem Mitleid begründet, sondern mit Gottes Heiligkeit. Immer wieder verschont Gott Israel, „um meines Namens willen, damit er nicht entheiligt würde vor den Heiden“ (V.9.14.22). Gerade Gottes Heiligkeit begründet immer wieder den gnädigen Neuanfang. Gegen Ende dieses Kapitels kommt aber dann doch das Gericht. Wobei es hier nicht um ewige Höllenqualen und endgültige Verwerfung geht. Für Hesekiel bedeutet Gericht, dass die „Abtrünnige“ (V.38) ausgesondert werden und nicht zurückkehren ins Land Israel. Also eine begrenzte Strafe und kein endgültiges Auslöschen.

Trotz der großen Abrechnung und trotz all dem Ungehorsam steht am Schluss des Kapitels ganz groß die Ehre Gottes, welche sich eben nicht in Vergeltung und ewiger Strafe zeigt, sondern in Gnade: „Ich will euch gnädig annehmen […] Und ihr werdet erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich so an euch handle zur Ehre meines Namens und nicht nach euren bösen Werken und verderblichen Taten, du Haus Israel, spricht Gott, der Herr.“ (V.41.44) Am Ende der großen Abrechnung streicht Gott die Schuld der bösen Taten einfach weg – und zwar zur Ehre seines Namens.

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Hesekiel 19 Ein Klagelied über die Schuldigen

Ein Klagelied über den Niedergang des israelitischen Königshauses. Aber typisch für Hesekiel sind auch seine Klagen nicht direkt formuliert, sondern verpackt in bildliche Vergleiche. Er vergleicht das Königshaus mit einer Löwenmutter, die zwei Junge verliert, weil sie gefangen genommen werden. Und als zweites Bild verwendet er das schon traditionelle Bild vom Weinstock. Dieser Weinstock wird aus dem Boden gerissen, in die Wüste verpflanzt und geht an einem Feuer zugrunde.

Faszinierend zum einen diese Bildersprache des Hesekiel. Da spricht kein trockener Theologe, sondern jemand mit sehr viel Fantasie und Kreativität. Zum anderen beeindruckt mich, dass Hesekiel bereit ist, über das Königshaus zu klagen. Er ist nicht derjenige der schadenfroh sagt: „Ja, hättet ihr mal gleich auf uns Propheten gehört, dann wäre das nicht passiert.“ Er ist nicht der Besserwisser, der anderen nur ihre Fehler vor Augen führt, sondern er leidet und klagt mit denen, die eigentlich schuld sind (die ungehorsamen Könige von Juda). Er ist nicht derjenige der überheblich mit dem Finger auf andere zeigt und sich dabei selbstgerecht zurücklehnt. Das bedeutet nicht, dass man seine Gerichtsbotschaft deswegen nicht ernst nehmen müsste. Im Gegenteil: gerade weil er selbst mitleidet, sind seine Worte um so ernster zu nehmen.

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Jeremia 44 Schlimmer geht’s immer

Wenn ich Jeremia so am Stück lese, da hab ich schon manchmal gedacht: Schlimmer geht’s nimmer! Und dann kommt doch noch immer wieder ein Tiefschlag für Jeremia. Bei diesem Kapitel find ich das richtig extrem. All diejenigen, die genau mitbekommen haben, wie die Prophezeiungen des Jeremia eingetroffen sind, die gesehen haben wie Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht wurde, und die dann nicht auf Jeremia hören wollten und gegen Gottes Willen nach Ägypten geflohen sind – genau die fangen jetzt in Ägypten an, die Himmelsgöttin anzubeten. Und sie begründen das auch noch mit ihrer eigenen Geschichtsdeutung: „Das ganze Unglück hat doch erst angefangen, als wir aufgehört haben, fremden Göttern zu opfern. Die Katastrophe ist keine Strafe Jahwes, sondern die Folge davon, dass wir der Himmelkönigin nicht mehr geopfert haben.“ (vgl. V.17)

Man spürt Gottes Schmerz über dieses bockige und halsstarrige Volk: „Warum tut ihr euch selbst ein so großes Unheil an…?“ (V.7) Selbst wenn Gott durch seine Propheten spricht und dieses Wort in der Geschichte bestätigt, so bleibt offensichtlich immer noch genug Raum für Missverständnisse. Oder vielleicht auch genug Raum für Ungehorsam und für ein Nicht-hören-wollen. Wer sich selbst eine Grube gräbt und tief genug ist, der kommt nicht mehr so schnell heraus. Das verrückte ist, dass Gott seinem Volk ein Seil in die Grube wirft, um es heraus zu ziehen. Aber sie bleiben lieber in ihrer selbst gebauten Grube sitzen und machen Gott für ihre Lage verantwortlich.
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Jeremia 25, 1-14 Erfolgloses Predigen

„Ich habe zu euch nun dreiundzwanzig Jahre lang immer wieder gepredigt, aber ihr habt nie hören wollen.“ (V3) An diesen Worten wird die ganze Tragik des Jeremiabuches und auch der Person des Jeremia deutlich. 23 Jahre lang gepredigt und keiner nimmt ihn ernst!

Ich bin jetzt seit ungefähr zehn Jahren Pastor und predige regelmäßig. Wenn es mir so ginge wie Jeremia, dann hätte ich schon längst aufgegeben. Was bringt das Predigen, wenn doch nichts passiert, wenn die Predigt keinen „Erfolg“ hat? Bewundernswert und erstaunlich diese Ausdauer des Jeremia. Und erstaunlich ist auch die Geduld, die Gott mit seinem Volk hat!Bibeltext

Jeremia 11, 1-14 Verstopfte Ohren

„Verflucht sei, wer nicht gehorcht“ (V.3). Ist das nicht ein wenig übertrieben? Muss Gott gleich so heftig reagieren, wenn man mal nicht auf ihn hört? Naja, wenn man Jeremia liest, dann stellt man fest, dass es bei diesem Ungehorsam nicht um einen kleinen Ausrutscher ging, sondern um eine ständige Haltung. Das Volk will nicht gehorchen, sie wollen ihre Ohren Gott nicht zuwenden.

In dem Textabschnitt wird auch gut deutlich, was dieser Fluch eigentlich bedeutet. Immer wieder ist in diesen Versen davon die Rede, dass Gottes Volk hören und gehorchen soll – es aber nicht tat: „Hört die Worte… Gehorcht meiner Stimme… Aber sie gehorchten nicht, kehrten auch ihre Ohren mir nicht zu.“ Das Hören und Gehorchen hängt ja im Deutschen auch sprachlich sehr schön zusammen.

Was ist nun die Folge davon? Was ist der Fluch? Ganz einfach. Gott sagt: Ihr wollt mich nicht hören? Okay, dann lass ich euch euren Willen und lass euch in Ruhe. Ich werde euch auch nicht hören. „Ich will sie nicht hören, wenn sie zu mir schreien in ihrer Not.“ (V.14) Hier geht es nicht um ein trotziges „Wie du mir, so ich dir“, sondern um eine logische Konsequenz: Wer Gott verlässt und wer ihn nicht hören will, den lässt Gott die Folgen dieser Abkehr spüren.
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Psalm 106 – Schwarzmalerei

Das ist ja schon interessant, wenn man die Psalmen so im Zusammenhang liest und sich nicht einzelne Aussagen oder Psalmen raussucht: Gestern kam mir der Psalm ja ziemlich „schönfärberisch“ vor. Und als ob die Leute, die die Psalmensammlung zusammengestellt haben das auch bemerkt hätten, setzen sie gleich dahinter einen Psalm, der genau in die andere Richtung geht.

In Psalm 106 geht es auch um einen Rückblick auf die Geschichte Israels – aber diesmal wird nicht Gottes wunderbare Führung betont, sondern der Unglaube und Ungehorsam des Volkes. Sehr, sehr selbstkritisch und ehrlich wird durch den ganzen Psalm hindurch immer wieder deutlich gemacht, wie Israel versagt hat. Immer wieder hat Gott eingegriffen und geholfen und doch haben die Israeliten immer wieder ihren Glauben und ihre Vertrauen verloren. „Er rettete sie oftmals; aber sie erzürnten ihn.“ (V.43) Es war eben nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen, so wie es sich in Psalm 105 anhört…

Aber das wundervolle ist: Auch wenn das Volk sein Teil für Friede und Freude nicht beigetragen hat, bleibt Gott doch treu und barmherzig. Immer wieder hat er sich erbarmt und seinen Leuten zugewandt. Immer wieder sieht er ihre Not und hört ihre Klage, immer wieder denkt er an seinen Bund mit Israel und er ringt sich zu Barmherzigkeit und Güte durch (V.44-46). Gut dass Gott jenseits aller menschlichen Schönfärberei oder Schwarzmalerei steht!
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Psalm 105 – Schönfärberei

Der Psalm betreibt ganz schön viel Schönfärberei! Es ist ein Dankpsalm in dem auf die Geschichte zurück geblickt wird und Gott für seine Wunder gelobt wird. Es beginnt mit dem Bundesschluss mit Abraham, geht über die Zeit des Volkes in Ägypten, bis zur Wüstenwanderung und der Gabe des versprochenen Landes in Kanaan.

All das wird in sehr positiven Licht geschildert. Kein Wort von Problemen, Schwierigkeiten, Zweifeln, Ungehorsam und Murren der Erzväter und des Volkes. Im Nachhinein scheint so manches rosiger zu leuchten, als es war… Aber das liegt natürlich auch am Thema und Ziel des Psalmes: Es geht darum Gottes wunderbares Eingreifen in die Geschichte zu feiern und zu loben. Es geht nicht darum, menschliche Unzulänglichkeiten darzustellen.

Wenn ich den Psalm so lese, dann bin ich froh, dass die Bibel an anderen Stellen auch ehrlich und offen über all die menschlichen Schwächen der Erzväter und des Volkes berichtet. Das spricht sehr für die Glaubwürdigkeit der Bibel und es hilft mir, mit meinen eigenen Unzulänglichkeiten zurecht zu kommen. Trotz all dieser Schwächen ist Gott zu seinem Volk gestanden und hat immer wieder eingegriffen. Gehn wir mal davon aus, dass er das auch bei mir tut…Bibeltext