Henderson/Casper: Jim and Casper go to Church

Ein hochinteressantes Buch. Eine ungewöhnliche und spannende Idee steht dahinter. Der Pastor Jim Henderson besucht zusammen mit einem Atheisten verschiedene Gemeinden und die beiden schreiben darüber, wie sie den Gottesdienst empfanden.

Zunächst mal zum Stil: Das Buch ist sehr gut zu lesen. Es ist spannend und unterhaltsam – nicht zu trocken! Die Eindrücke von den verschiedenen Gottesdiensten sind ganz bewusst sehr subjektiv gehalten. Es geht nicht um eine absolute Bewertung der einzelnen Gemeinden, sondern um die subjektiven und ganz persönlichen Eindrücke der beiden Autoren. In gewisser Weise ist das Buch eine gute Ergänzung zu dem Buch „unchristian„. Dort ging es anhand von Umfragen darum, wie Nichtchristen in Amerika die Christen wahrnehmen. Hier geht es um ganz persönliche Eindrücke.

Was dem Buch Frische und Authentizität verschafft ist die Grundidee: Wie sieht ein kirchlicher Außenseiter die Kirche? Natürlich gibt es dazu viele Bücher und Untersuchungen dazu, aber meistens sind es dann eben die Christen, die das ganze auswerten und die anderen Christen dann erklären wollen wie ein Außenseiter die Kirche sieht. Hier kommt der Außenseiter selbst zu Wort!

Die beiden haben Gottesdienste der unterschiedlichsten amerikanischen Gemeinden besucht, von ganz klein bis riesig groß. Natürlich waren auch Rick Warrens Saddleback und Willow Creek darunter (und die kamen nicht unbedingt am besten weg…). Neben der anderen Sichtweise auf einen ganz normale Gottesdienst ist das Buch auch ein tolle Einführung in die wichtigsten amerikanischen Kirchen.

Zwei Punkte die mir persönlich von dem Buch am meisten hängen blieben: Authentizität und Glaube, der in der Tat konkret wird. Das sind Gedanken, die immer wieder bei Casper auftauchten. Ihn schreckte oft die übertriebene Show ab (gerade in den Mega-Gemeinden). Da wird mit viel Technik, Aufwand, Geld, gestylten Musikern und geschliffenen Predigten die Botschaft des armen und einfachen Predigers Jesu weitergegeben. Was Casper am meisten beeindruckte waren dagegen Gemeinden, die nicht nur über Nächstenliebe sprachen, sondern die das auch ganz konkret lebten.

Mich überkam aber auch manchmal ein ungutes Gefühl beim Lesen des Buches. Die beiden klingen manchmal sehr überheblich, wenn sie die unterschiedlichen Bereiche des Gottesdienstes „bewerten“. Dieses über andere urteilen kann schnell in eine falsche Richtung führen. Ich finde dass das bei den beiden nicht ungut abdriftet, aber ich kann mir vorstellen, dass mancher Leser sich durchaus ermutigt fühlt, im Urteilen über andere Kirchen, die ihm nicht so passen. Dazu passt, dass im Zuge des Buches eine Homepage eingerichtet wurde, auf der man unterschiedliche Gemeinden bewerten konnte – inzwischen ist diese Bewertung wieder geschlossen, weil es wohl viel unangemessene Beiträge gab (sowohl in Richtung Eigenerbung der eigenen Gemeinde als auch böses Herunterziehen anderer Gemeinden… 🙁 )

Aber trotzdem: ein sehr anregendes Buch, um auch mal den Blickwinkel auf die eigene Gemeinde zu erweitern.

Matthäus 6, 5-8 – Zeitgebundenheit der Bibel

Noch zwei Anweisungen Jesu, die ich gut und gerne befolgen kann: Wir sollen nicht in der Öffentlichkeit beten und wir sollen nicht viele Worte beim beten machen. Das kommt mir beides sehr entgegen: In der Öffentlichkeit beten ist ja sowieso peinlich, da kann ich gern drauf verzichten und ewig viel herumplappern beim beten ist auch nicht mein Ding, ich bin nicht so der geschwätzige Typ…

Tja, diese zwei Gebote sind schöne Beispiele dafür wie irreführend es sein kann, wenn man biblische Anweisungen aus ihrem zeitgeschichtlichen Kontext herauslöst und sie in einem vermeintlich buchstäblichen Gehorsam umsetzen will. Wenn ich diese Anweisungen einfach direkt in unsere heutige Zeit und Kultur übertrage, dann sind sie kein Problem. Aber wenn ich den zeitgeschichtlichen und kulturellen Hintergrund betrachte und auf die Aussageabsicht schaue, dann wird es schon schwieriger.

Es geht Jesus um die Heuchelei. Frommer ausschauen, als man ist und vor den anderen damit auch noch angeben. Im Buch „unchristian“ von Kinnaman und Lyons wird genau diese Scheinheiligkeit und Heuchelei auch als ein zentrales Problem des heutigen Christseins gesehen. Nur äußert sich das heute anders. Heute erhält niemand einen Ansehensgewinn, wenn er in der Öffentlichkeit betet (wie es wohl damals bei den Pharisäern war: „Wow, seht mal wie viel der betet! Das ist ja super!“), im Gegenteil: Wer sich öffentlich als frommer Beter outet, wird eher schräg angeschaut und man lächelt müde über ihn. Die buchstäbliche Erfüllung von Jesu Anweisung ist deshalb kein Problem. Aber wenn man es in unsere heutige Zeit überträgt, dann gewinnt dieses Gebot eine ganz neue Dimension: Denn es wird auch heute noch geheuchelt. Wir Christen geben viel zu oft vor, besser zu sein, als wir es tatsächlich sind.

Ich weiß, wie leicht man mit einer zeit- und kulturgebundenen Auslegung auch biblische Gebote aushebeln und relativieren kann. Vom Prinzip her lässt sich damit jede etwas anspruchsvolle und kritische Bibelstelle auf die Seite schieben. Aber wenn man’s nicht tut, dann kann man genauso gegen den eigentlichen Sinn der Gebote verstoßen und ihn beiseite schieben. Wir kommen nicht darum herum, uns über den damaligen Zusammenhang Gedanken zu machen und uns dann zu überlegen, was das heute heißen könnte.

1. Korinther 9 – Grenzen der Chamäleonmission

In diesem Kapitel stellt Paulus unter anderem seine Missionsstrategie dar:

„Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne…“ (1. Kor. 9,19-20; in den folgenden Versen wendet Paulus diesen Grundsatz auch auf diejenigen, die unter dem Gesetz sind an, auf die diejenigen ohne Gesetz und auch die Schwachen). Dann folgt als Abschluss: “ Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.“ (1. Kor. 9,22b)

Ein genialer Grundsatz, der bis heute zutrifft und an dem wir viel zu oft scheitern. Wer ist denn allen Ernstes bereit, sich für andere wirklich (und nicht nur in Worten oder ein paar symbolischen Handlungen) zum Knecht zu machen? Allen alles werden – das erinnert mich an ein Chamäleon. Das passt sich auch an seine Umgebung an. Je nachdem von welchen Farben es umgeben ist, passt es sein Aussehen an.

Der Vergleich macht aber auch eine Grenze deutlich: Auch wenn das Chamäleon seine Farbe ändert, wenn es äußerlich anders aussieht, so bleibt es doch ein Chamäleon. Auch Paulus ist sich dieser Einschränkung bewusst: Er schreibt, dass er denen mit Gesetz wie einer mit Gesetz wird und schränkt dann ein: „obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin“ (V.20). Und da liegt dann eine Gefahr: Die Gefahr, dass wir zu Heuchlern werden. Die Gefahr, dass wir nur so tun, als ob uns die Menschen wichtig wären. Dass wir nur so tun, als ob es uns interessiert, wie sie leben, welche Freuden sie haben und welches Leid sie tragen. Und je nach Situation passen wir unser Äußeres an, bleiben aber im Inneren eigentlich unbeteiligt. Dann trifft der Vorwurf, dass viele Nichtchristen uns als Heuchler sehen, uns zurecht (vgl. Artikel „Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 2) – heuchlerisch“).

Für mich ergibt sich daraus zweierlei: Zum einen ist es wichtig, dass wir uns zwar in die Welt von Kirchenfernen hinein begeben, dass wir zugleich aber offen und ehrlich mit unserem „Andersein“ umgehen und dazu auch stehen. Zum anderen heißt das, dass wir wirkliches Interesse für die Persönlichkeit, die Geschichte und die Welt von Anderen entwickeln. Die Menschen merken sehr schnell, ob es uns wirklich um sie geht oder ob wir nur versuchen eine „Missionsstrategie“ umzusetzen.

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Bild: pixelio.de | khcamozzi

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 8) – Schlussbemerkungen

Zum Abschluss dieser Reihe über das Buch „unchristian“ von Kinnaman und Lyons jetzt noch eine Zusammenfassung der Schlussbemerkungen von Kinnaman und dem Nachwort von Lyons. (Die Seitenangaben bei Zitaten beziehen sich jeweils auf die englische Originalausgabe. Die Zitate sind keine offizielle deutsche Übersetzung, sondern wurden von mir übersetzt.)

Auch wenn es uns nicht gefällt, aber es ist so: Das Christentum wird zunehmend kritisch betrachtet. Wie sollen wir darauf reagieren. Kinnaman fasst es scheinbar lapidar zusammen: „Nachfolger Christi müssen lernen auf Leute so zu reagieren, wie Jesus es tat.“ (S. 206) Nach dem Motto: Was würde Jesus tun? Dazu gibt er dann noch ein paar konkretere Hinweise:

  • Mit der richtigen Perspektive auf Kritik reagieren: Zunächst einmal ist es ganz normal, dass die Botschaft vom Kreuz nicht vestanden wird und dass wir deswegen auf Kritik stoßen. Deswegen sollten wir unpopuläre biblische Botschaften nicht einfach unter den Tisch kehren. Darüber hinaus kann man bei Streitgesprächen Jesu beobachten, dass Jesus sich nicht von der Kritik bestimmen ließ; er reagierte nicht nur, sondern er lenkte Gespräche aktiv auf Themen, die ihm wichtig waren. Zum dritten konnte Jesus sehr genau die Motive hinter der Kritik einschätzen. Kommt die Kritik aus feindlicher Absicht, oder weil sich ein Mensch verletzt fühlte? Wenn wir nur defensiv und ärgerlich reagieren verpassen wir viel zu oft die Möglichkeit zur eigenen spirituellen Veränderung.
  • Beziehungen und Freundschaften pflegen: Jesus beeinflusste seine Jünger vor allem durch Beziehungen und Freundschaft. Er hat ihnen kein Handbuch für den richtigen Glauben mitgegeben, sondern er hat ganz einfach Leben mit ihnen geteilt. Dazu gehört auch, dass wir einander lieben. Genau das hat Jesus über seine Nachfolger gesagt: An ihrer Liebe zueinander wird man sie erkennen.
  • Kreativ sein: Jesus war ein Meister der kreativen Kommunikation. Er verstand es die unterschiedlichsten Menschen auf immer neue Weise anzusprechen und zu faszinieren. Gerade junge Menschen unserer heutige Zeit sehen sich nach kreativen Übersetzungen und Verdeutlichungen der scheinbar altbekannten Botschaft.
  • Anderen Menschen dienen: Wir brauchen das, was Jesus selbst hatte: tiefgehendes Interesse und Verständnis für Außenstehende. Das heißt nicht, dass wir perfekt sein müssen – das ist keiner. Aber auf praktischer Ebene heißt das vor allem anderen, dass wir lernen müssen anderen zuzuhören. Für das alles gibt es keine magische Formel, sondern es ist harte, geistliche Arbeit.

Wenn wir Andere erreichen wollen, dann müssen wir unsere eigene selbst-zentrierte und abgenutzte Spiritualität überprüfen und lernen, echte Liebe und Interesse für Andere zu zeigen.

In ähnlicher Weise betont Lyons in seinem Nachwort, dass viele moderne Christen den Kontakt zu dem allumfassenden Evangelium verloren haben, welches weiter reicht, als bis zur persönlichen Errettung. Es geht nicht nur um die Bekehrung, sondern es geht um ganzheitliche Nachfolge. Zum Kern des christlichen Lebens gehört für ihn, dass das wahrhaftigste Erkennen im Tun geschieht.

Zum Schluss des Buches folgen noch einige visionäre Ausblicke von verschiedenen Christen, wie denn das Christentum in 30 Jahren aussehen könnte. Dieser Teil hat mich nicht so besonders angesprochen, weil die meisten als Vision einfach nur das genaue Gegenteil all der kritisch wahrgenommenen Punkte anführen. Das ist ja schön, aber da wird nicht mehr viel Neues gesagt. Nur ein Zitat von Rick Warren habe ich mir als besonders treffend markiert: „Seit einiger Zeit sind nun die Hände und Füße des Leibes Christi amputiert und wir beschränken uns auf einen großen Mund. Wir reden viel mehr als wir tun. Es ist Zeit, dass wir diese Glieder an den Rumpf anfügen…“ (S. 245)

Für mich ist dieses Buch provozierend und motivierend. Es provoziert, weil uns bequemen und egoistischen Wohlstands- und Wohlfühlchristen ein Spiegel vorgehalten wird. Mit unserer Art den Glauben zu leben haben wir uns in vielen Punkten von Jesus selbst entfernt und wir leben einen „unchristlichen“ Glauben. An manchen Stellen fühlte ich mich auch überfordert, denn wirklich so selbstlos zu leben wie es Jesus tat, überfordert jeden. Aber in dem Buch wird ja unter anderem auch gefordert, dass wir auch in unserem Versagen und unserer Unfähigkeit authentisch bleiben sollen. Das Buch motiviert, weil nicht nur über Missstände gejammert wird, sondern immer auch konkrete Hinweise für Veränderung gegeben werden. Und es motiviert, weil immer wieder deutlich wird, dass viele Menschen durchaus offen für die wirkliche Botschaft Jesu sind.

Durch die Reformation und Martin Luther haben wir das Wort Gottes wieder ganz neu entdeckt: Gott spricht uns frei, er spricht uns gerecht und das ganz unabhängig von all unserer Leistung. Das ist richtig und wichtig, aber es ist nicht alles. Als gerechtfertigte Menschen, die Frieden mit Gott gefunden haben, stehen wir immer wieder neu vor der Herausforderung diesen Frieden in unserm Alltag mit Leben zu füllen. Nicht deswegen, weil wir uns damit vor Gott etwas verdienen könnten, sondern deswegen weil wir als Leib Christi nicht nur von Christus reden sollen, sondern sein Handeln in die Welt tragen sollen.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 7) – verurteilend

In den Interviews und Umfragen, die dem Buch zu Grunde liegen wurde deutlich, dass die Christen zwar übereinstimmend sagen, dass es wichtig ist die Sünde zu hassen und den Sünder zu lieben, aber viele Außenstehende haben nicht das Gefühl dass es ihnen gelingt. Ein 25-jähriger Mann sagte: „Sie hassen die Sünde und den Sünder.“ 87 Prozent der jungen Außenstehenden sagen, dass die Beschreibung „verurteilend“ genau das gegenwärtige Christentum charakterisiert (selbst 53 Prozent der jungen Christen sehen das so). Das sagt wie immer nichts direkt darüber aus, ob wir es wirklich sind, aber so werden Christen auf jeden Fall wahrgenommen.

Im Hintergrund stehen natürlich Moralvorstellungen in der westlichen Kultur, die sich immer mehr von christlichen Wertmaßstäben entfernen. Wenn wir Christen dazu Stellung beziehen (und das sollen wir – das ist auch Kinnaman wichtig: dass wir Gottes Erwartungen an uns auch nicht verändern oder abschwächen sollen), dann wird das von anderen schnell als verurteilend gesehen. Wirklich bedenklich ist aber, dass die Menschen dabei das Gefühl haben, dass wir uns zu sehr darauf konzentrieren, Recht zu haben und Leute zu verurteilen, als darauf den Menschen wirklich zu helfen, Jesus ähnlicher zu werden (Tja, ist ja auch viel leichter, jemandem verurteilend zu sagen: „Das macht man nicht!“, als jemandem ernsthaft zu helfen, sein falsches Verhalten zu verändern). Aber wenn wir Leute nur veruteilen, dann drängen wir sie eher weiter weg von Gott, anstatt ihnen Gott nahe zu bringen.

Nur 20 Prozent der befragten jungen Menschen außerhalb von Gemeinden beurteilen die Atmosphäre in Kirchen als liebevoll und andere akzeptierend. Wir sind nicht für unsere Liebe bekannt! (Vgl. Joh. 13,35: Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.)

Was genau machen wir falsch, so dass uns andere als „verurteilend“ sehen?

  • Aufgrund von Vorurteilen und Stereotypen (z.B. gegenüber Tattoos) sprechen wir oft ein falschen Urteil
  • Aber auch das richtige Urteil zur falschen Zeit kann voll daneben sein (das Timing ist wichtig)
  • Auch ein richtiges Urteil das aus falscher Motivation gesprochen wird ist schwierig (Unser Motiv sollte Liebe sein und nicht Hass: Viele Außenstehende, die zerbrochenen Menschen, die Jesus am meisten brauchen, nehmen Christen als haßerfüllt wahr)
  • Das Gegenstück zur Verurteilung bestimmter Personen ist die Begünstigung anderer Personen (wir haben so manche Vorstellungen in uns, welche Menschen am ehesten das Potential haben Christen zu werden und welche am besten in unsere Gemeinden passen würden)

Zum biblischen Hintergrund: Gericht ist eine ganz zentrale biblische Botschaft. ABER: Die Bibel warnt klar davor, dass wir Menschen verurteilend sein sollen. Gott urteilt – nicht wir Menschen. Gericht ist die Sache Gottes, da sollten wir uns heraus halten.

Wie können wir anderen Respekt zeigen?

  • Zuhören
  • Andere nicht in Schubladen stecken
  • Zugeben, dass wir nicht auf alle Fragen eine Antwort haben
  • Versuchen sich in den anderen hinein zu denken
  • Ehrliche Gespräche führen, ohne durch Tricks zu versuchen, bei jeder Gelegenheit den Missionarischen raushängen zu lassen
  • Freundschaften pflegen um der Freundschaft willen (und nicht weil der andere eine Missionsobjekt ist)

Margaret Feinberg meint zu diesem Thema: „Ich möchte, dass Christen dafür bekannt sind, die liebevollsten Menschen zu sein – die Art von Menschen, die lieben bis es weh tut. Aber bis jetzt scheint es eher so zu sein, dass wir anderen eher noch mehr weh tun, anstatt ihnen Heilung zu bringen.“ (S. 199) Mark Foster schreibt: „Ich bin mir nicht sicher, wie das genau passiert ist, aber es scheint so als ob Gnade, welches doch das zentrale Hauptanliegen des Christentums ist, darum kämpft zu überleben.“ (S.201)

Ich selbst bin ein ziemlich zurückhaltender Mensch, ich mag es nicht, wenn über andere getuschelt, geredet und gerichtet wird. Ich sage wahrscheinlich oft zu wenig als zu viel. Aber ich merke wie mich dieses Kapitel auch betrifft. Es sind weniger die Worte die ich spreche, als vielmehr mein Handeln (oder eben auch Nicht-Handeln), meine Schubladen in die ich Menschen stecke und mein Aus-dem-Weg gehen von Menschen, die mir nichts sympatisch sind. Auch das sind alles Verurteilungen. Lieben bis es weh tut – da bin ich weit weg davon.

Wenn ich mir im Geist Jesus und unser gegenwärtiges Christentum gegenüberstelle, dann beschämt mich das. Jesus hat auch geurteilt, er konnte knallhart sein – aber er war es vor allem den Frommen gegenüber, denjenigen gegenüber, die meinten bei ihnen sei alles in Ordnung, denjenigen gegenüber die andere verurteilt haben. Gegenüber den Zerbrochenen, den Huren, den Zöllnern, den Sündern zeigte er eine ganz große Offenheit. Nicht indem er die Sünde verharmlost hätte – die hat er immer ganz deutlich angesprochen und kritisiert – aber Jesus hat es wirklich geschafft, den Sünder zu lieben, ihn anzunehmen, ihn zu akzeptieren. Er wollte Menschen nicht verurteilen und sie abschreiben, sondern er wollte ihnen helfen und sie in Gottes Nähe bringen.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 6) – zu politisch

Ein Kapitel, das mich jetzt nicht so angesprochen hat. Ich denke dass im Bereich der Politik die Situation hier in Deutschland doch beträchtlich anders ist als in den USA. Dort haben Evangelikale einen relativ großen politischen Einfluss – hier in Deutschland sind bekennende Christen in der Politik eher eine Seltenheit. Bei uns wird zwischen Politik und Glaube stärker getrennt.

In den USA werden Christen von Außenseitern als zu stark verbunden gesehen mit politischen Zielen und einer rechtsgerichteten Politik. Kinnaman plädiert aber nicht für eine Abkehr der Christen aus der Politik, denn Politik sei ein wichtiger Faktor um Kultur zu beeinflussen und ein wichtiger Bereich um christliche Ansichten deutlich zu machen. Wichtig ist aber, dass Christen wahrnehmen und anerkennen, dass die Thematik sehr komplex ist – man kann Christen und Nichtchristen nicht so einfach politischen Lager zurechnen. Zugleich müssen sich Christen in politischer Verantwortung bewusst sein, dass sie zu ganz unterschiedlichen Zielgruppen sprechen: Es hören nicht nur die evangelikalen Christen zu, sondern auch andere Christen und Nichtchristen. Die Weltsicht, die jeweil dahinter steht ist total unterschiedlich und so werden Aussagen auch ganz unterschiedlich wahrgenommen. Politische Aussagen müssen also sehr gut überlegt sein.

Gerade weil sich unter jungen Leuten das Weltbild stark verändert ist es wichtig, dass Christen ein biblisches Weltbild vertreten. Aber sie müssen darauf achten, mit welchen Methoden und Ansätzen sie diese Ansichten vertreten. Denn gerade an der Art und Weise wie viele Christen ihre Politik vertreten entzündet sich die Kritik. Viele haben den Eindruck, dass Christen eine Politik vertreten, die nur ihnen selbst nützt, anstatt auch für andere das Beste zu wollen.

Als Anregungen gibt Kinnaman folgende Hinweise:

  • Es ist wichtig die richtige Balance zwischen zu politisch und zu wenig politisch zu suchen (es gibt auch andere Möglichkeiten um Ansichten von Menschen zu beeinflussen: Filme, Fernsehen, Bücher, Magazine, Internet, Musik u.a.).
  • Um politische Ziele zu erreichen, darf man nicht seine Integrität auf’s Spiel setzen.
  • DIe Meinung von anderen darf nicht dämonisiert werden.
  • Die politischen Gegner sollten mit Respekt behandelt werden.
  • Scheinheiligkeit im Politischen ist fatal („Christen leben selbst nicht das, was in der Bibel steht, warum wollen sie allen anderen erzählen, wie sie zu leben haben?“).

Mir wurde in diesem Kapitel eher deutlich, dass ich mich zu wenig auf politische Zusammenhänge einlasse. Für sind Politik und Glaube zwei unterschiedliche Welten. Für manche deutsche Christen ist wohl eher die Privatisierung des Glaubens ein Problem. Die Einstellung, dass es nur um mich und meinen Herrn geht ist eine Verengung des Evangeliums.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 5) – abgeschottet

Das 6. Kapitel dieses Buches ist im Englischen Original mit „sheltered“ überschrieben. Das was damit gemeint ist, ist eigentlich kaum ins Deutsche zu übersetzen. In der deutschen Ausgabe des Buches ist es mit „abgeschottet“ übersetzt. Vom Inhalt der in diesem Kapitel entfaltet wird könnte man auch sagen: weltfremd oder altmodisch. Die Grundbedeutung von „sheltered“ ist „beschützt; geschützt“. Das ist ja eigentlich etwas positives, wenn man sich als Christ beschützt fühlt. Das Problem ist, wenn wir selbst versuchen uns vor der bösen Welt da draußen zu schützen, indem wir uns von ihr abschotten und am liebsten nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.

Junge Nichtchristen nehmen Christen als „out of tune“ mit der wirklichen Welt wahr. Christen vermitteln das Bild, dass sie nicht am Puls der Zeit sind. Das könnte ja durchaus auch positiv sein, wenn wir nicht versuchen jedem Modetrend hinterher zu springen. Viel schwerwiegender aber ist, dass man das Gefühl hat, dass Christen keine Verbindung zur wirklichen spirituellen Lebendigkeit und zum Geheimnis des Glaubens haben. Das Christentum gilt als eine Religion, die aus Regeln und Normen besteht und die nicht wirklich mit dem Übernatürlichen in Verbindung steht. Das trifft ins Herz! Genau das wofür wir stehen, wird nicht an uns wahrgenommen! Im Anschluss an diese Einschätzung sagen zwei Drittel der jungen Nichtchristen, dass Glaube langweilig sei. Zwei weitere Dinge, wie Christen charakterisiert werden sind: Sie sind isolliert von der intellektuellen Welt und sie leben insgesamt in ihrer eigenen christlichen Welt und Gemeinschaft (abgeschottet von anderen).

Wenn man nun das Image des Christentums vergleicht mit der Weltsicht vieler junger Menschen, dann tut sich ein riesiger Graben auf: Junge Menschen heute sind genau das Gegenteil von abgeschottet, vorsichtig, über-behütet und altmodisch. Sie wollen das Unerwartete, Neue, Geheimnisvolle und sie wollen keine simplizistischen Antworten auf die Komplexität unserer Welt.

Ein weiterer Punkt der uns Christen von der jungen Generation trennt ist das fehlende Verständnis für die Zerbrochenheit ihrer Welt. Viel stärker als ihre Eltern und Großeltern wachsen sie in einer Welt der Gewalt, des sexuellen Durcheinanders, der Drogen und der zerbrochenen Beziehungen und Bindungen auf. Sie werden ständig mit Herausforderungen konfrontiert auf die traditionelle Christen keine wirklichen Antworten haben. Aber gerade in dieser Zerbrochenheit liegt eigentlich eine große Chance: Viele Menschen brauchen Hilfe. Die Frage ist nur, ob wir Christen es schaffen wirklich eine Hilfe für die Lebensprobleme der jungen Generation zu sein.

In einem Interview sagte ein 28-jähriger Christ: „So viele Christen sind gefangen in ihrer christlichen Subkultur und sie leben komplett getrennt von der Welt. Wir gehen Mittwochs, Sonntags und manchmal auch Samstags in die Kirche… Wir leben getrennt von der Welt. Selbst wenn wir Nichtchristen erreichen wollten – wir haben dafür keine Zeit und wir wissen auch nicht, wie wir das tun sollten. Der einzige Weg wie wir nach außen wirken können ist, dass wir Leute in unseren christlichen Kreis einladen.“ (S.130; Übersetzung von mir)

Wie können wir das ändern? Dazu bringen die Autoren folgende Vorschläge:

  • die Verantwortung akzeptieren (Es ist unsere Pflicht einer zerbrochenen Welt zu helfen. Wir müssen diese Aufgabe mit Demut und Kraft angehen, ohne dass wir erwarten, dass die Welt von sich aus an unsere Kirchentüren anklopft.)
  • keine Angst haben (Zu oft verbarrikadieren wir uns aus Angst in unserer eigenen kleinen und heilen Welt.)
  • nicht beleidigt und verletzt reagieren (Wenn uns Taten und Haltungen von Außenseitern schockieren, dann neigen wir entweder zur Isolation oder zu überheblichen Kreuzzügen – aber beide Extreme haben keinen großen Einfluss auf Außenseiter.)
  • den Verzweifelten helfen (Gott will uns an den dunklen und verzweifelten Stellen im Leben anderer haben)
  • vorbereitet sein (So wie Daniel seine Spiritualität gepflegt hat, um in einer gottfeindlichen Welt zu bestehen.)
  • das Gleichgewicht halten (In der Welt leben ohne von der Welt zu sein.)

Zum Schluss sprechen die Autoren noch zwei Subkulturen der Gesellschaft an, um die wir Christen uns bemühen sollten: Die Intellektuellen und diejenigen, die von der Gesellschaft übersehen werden. Lange Zeit waren Christentum und Intellekt kein Gegensatz: im Gegenteil sie waren eng miteinander verbunden und sorgten für viele fortschrittliche Entwicklungen in der Welt. Auch heute sollten wir nicht ignorant und uniformiert durch die Welt gehen. Auch bei den Randgruppen der Gesellschaft, den Vergessenen haben wir unsere Aufgabe: bei den Vereinsamten (die keine wirklichen Beziehungen zu anderen haben), bei den Menschen, die sich selbst Verletzungen zufügen und bei den Vaterlosen.

Eine interessante Anregung zum Thema kommt von Mark Baterson. Er möchte dass wir nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns in die Kirche kommen, sondern dass wir zu ihnen gehen. Mit seiner Gemeinde hat er deswegen keine neue Kirche gebaut, sondern ein Kaffeehaus. „Weil Jesus auch nicht in den Synagogen herumgehängt ist.“ (S.146) Er war draußen an den Brunnen. Dort wo sich Menschen begegnet sind, dort wo sich das Leben abgespielt hat.

Ich merke wie sehr mich dieses Kapitel anspricht. Aber ich merke auch, wie schwer uns das fällt. Da muss man nur mal anfangen bei der eigenen Gemeinde nachzudenken, welche Veranstaltung man streichen könnte, damit die Leute mehr Zeit für den Kontakt zur Welt haben. Da denkt man dann schnell: Aber das ist doch alles gut und wichtig! Vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Was ist noch wichtiger? Und vielleicht müssen wir uns fragen: Warum sind uns unsere Kuschel-Clubs wichtiger als der Auftrag, in die Welt zu gehen?

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 4) – antihomosexuell

Wenn Christen vor allem für das bekannt sind wogegen sie sind (vgl. Teil 1), dann ist ganz logisch dass dazu auch das Stichwort Homosexualität zählt. In den USA ist die Diskussion darüber ganz sicher schärfer und verbitterter, aber auch in Deutschland bekommen Christen zunehmend Gegenwind zu spüren, wenn sie sich gegen Homosexualität aussprechen. So gab es z.B. scharfe Kritik gegen ein geplantes Seminar auf dem Christival 2008 über Homosexualität (vgl. u.a. einen Artikel dazu auf jesus.de).

Kinnaman möchte nicht an der biblischen Haltung gegenüber Homosexualität herumbasteln, aber er möchte dass wir Christen anders mit den betroffenen Personen umgehen. Für viele Nichtchristen ist die „Feindschaft“ (hostility) der Christen gegenüber Homosexuellen geradezu zu einem Synonym für den christlichen Glauben selbst geworden. Wenn es um dieses Thema geht, dann erscheinen wir Christen als arrogant, selbstgerecht und gefühllos – genau das Gegenteil von dem, wie sich Jesus gegenüber Außenseitern verhalten hat.

Für die Beurteilung der Homosexualität ist wichtig, dass von der Bibel her Homosexualität nicht als Sünde angesehen wird, die anders gewertet wird, als andere Sünden. Sünde ist im Kern Rebellion gegen Gott. Und da macht es keinen Unterschied, ob Homosexuelle vom gleichen Geschlecht angezogen werden, oder Heterosexuelle vom anderen Geschlecht angezogen werden. Kinnman geht es also zunächst einmal um die richige Gewichtung: Homosexualität wird von vielen Christen als die eine große Sünde angesehen, die man auf besondere Weise bekämpfen muss. Ist sie aber nicht: Sie ist nur eine Sünde unter vielen. Und jeder von uns ist Sünder. Nur wird um Dinge wie Stolz, Egoismus, Geldgier oder Lästern kein solch ein Trara gemacht wie um die Homosexualität.

Daneben betont der Autor, dass es ein entscheidender Unterschied ist, ob man gegen Homosexualität ist oder gegen Homosexuelle. Gerade bei diesem Thema scheint es uns besonders schwer zu fallen zwischen Sünde und Sünder zu unterscheiden. Des weiteren wird in dem Buch ausgeführt, dass sich die Haltung der Gesellschaft zur Homosexualität verändert. Unter jüngeren Menschen wird sie zunehmend als ganz normaler Lebensstil akzeptiert. Das ändert nichts an der biblischen Beurteilung, aber es macht deutlich, dass unter jüngeren Menschen noch sehr viel genauer darauf geachtet wird, ob Christen herablassend und überheblich mit Homosexuellen umgehen, oder ob sie sich ihnen liebevoll zuwenden.

Wie sieht eine biblische Antwort aus? Dazu werden einige Punkte angeführt:

  • Die Komplexität des Themas anerkennen (jeder hat mit sexuellen Problemen zu kämpfen und auch in Beziehung auf Homosexuelle gibt es nicht ein einfaches gut oder böse Schema)
  • Durch Gespräche Türen öffnen (viele Christen haben eine Scheu vor Beziehungen mit Homosexuellen, aber nur durch Gespräche und Begegnungen kann der Respekt füreinander wachsen)
  • Andere Christen mit Respekt behandeln (es kommt nicht so sehr darauf an, unsere Rechtgläubigkeit dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass wir gegen Homosexualität sind, sondern es ist viel wichtiger, dass Menschen erreicht werden, die Jesus brauchen)
  • Die richtige Perspektive gewinnen (wirkliche Veränderung kann man nicht mit Politik und staatlichen Gesetzen bewirken, sondern nur wenn man die Herzen von Menschen verändert)
  • Sich um Kinder kümmern (bei der Frage, ob Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen, sollte unser wichtigstes Anliegen sein, wie Kinder Christus begegnen können und nicht wie sie aufwachsen)
  • Mitgefühl haben (wir müssen lernen die Menschen nicht im Licht dessen zu sehen, was sie tun oder nicht tun, sondern im Licht dessen, was sie erleiden)

Shayne Wheeler meint zu dem Thema, dass Christen vielleicht sagen, dass sie die Sünder lieben und die Sünde hassen, aber bei den Homosexuellen kommt durch unser Verhalten an: „Gott hasst Schwule!“ Dabei sollten wir bedenken, dass bei jedem Menschen die Linie zwischen Gut und Böse direkt durch sein Herz verläuft (nach einem Zitat von Solzhenitsyn). Chris Seay betont, dass wir uns zu sehr auf Moral konzentrieren anstatt auf das was Christsein wirklich ausmacht. Und auch wenn es um Moral geht, so können wir Moral nicht verändern, wenn die Menschen nicht zuvor Jesus kennen gelernt haben. Alfred Ells sieht Homosexualität als nur eine Facette einer sexuell zerbrochenen Gesellschaft. Auch wenn wir Homosexualität nicht akzeptieren, so müssen wir doch freundlich, mitfühlend, umsorgend und hilfbereit mit allen sein, die mit ihrer Sexualität zu kämpfen haben. Und er ergänzt dass er in der Seelsorge viel mehr mit sexuellen Problemen von Heterosexuellen zu tun hat (vom Ehebruch bis zur Abhängigkeit von Pornographie) als mit Homosexuellen.

Mir ist bei diesem Kapitel deutlich geworden, dass ein einfaches „Homosexualität ist schlecht“ viel zu platt ist. Der Satz dass man die Sünde hassen soll und den Sünder lieben, den lassen wir oft nur in der Theorie stehen und schaffen es nicht, ihn wirklich umzusetzen. Ich musste auch immer wieder an Jesus selbst denken, wie er mit Leuten umgegangen ist, die von der religiösen Elite gemieden wurde. Er hatte keinerlei Berührungsängste mit Huren, Zöllnern und Ehebrechern. Er hat wirklich den Menschen gesehen, er hat ihre Wunden, Verletzungen und Sehnsüchte gesehen und ihnen geholfen, Frieden zu finden. Dabei hat er Sünde nicht verschwiegen, sondern sie oft direkt angesprochen. Aber er hat mit seinem Verhalten die Liebe zum Sünder immer ganz deutlich gemacht. Gegenüber den „Rechtgläubigen“ war er da sehr viel härter.

Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 3) – Bekehre dich!

Christen sind zu beschäftigt damit, andere Leute zu bekehren anstatt sich wirklich um sie zu kümmern – das ist ein weiterer Punkt wie Christen (in den USA) von Außenseitern wahrgenommen werden. Viele haben das Gefühl, dass sie – noch bevor ein Wort gesprochen wurde – bei Begegnungen mit Christen schon wissen, was sie wollen: Sie wollen bekehren! Christen vermitteln den Eindruck, dass sie nicht wirklich am Gegenüber als individueller Person interessiert sind, sondern es nur als Missionsobjekt betrachten.

DIe Autoren sprechen einige falsche Vorstellungen an, wenn es um Evagelisation geht. Eine falsche Vorstellung ist z.B. dass man mit logischen Argumenten Menschen vom Glauben überzeugen kann. Das stimmt aber nicht: der wichtigste Faktor, um Christ zu werden ist, dass es „sich richtig anfühlt“ – d.h. also dass das Gefühl viel wichtiger ist, als der Verstand. Für die Situation in den USA gilt auch, dass die meisten jungen Menschen keine völligen Außenseiter sind, sondern sie sind ent-kirchlichte Menschen. Fast jeder hat Erfahrungen (oft sogar eine Bekehrungs-Erfahrung) mit dem Glauben gemacht und hat sich dann im Lauf der Jahre wieder innerlich vom Christentum entfernt. Es gibt in Amerika ein breites Interesse am Christentum, aber es geht nicht sehr tief. Gerade solche Menschen sind sehr sensibel gegenüber platten Missionsgesprächen.

Schuld an dieser Sicht der Christen ist auch, dass der Zugang zum Glauben oft zu einseitig und einfach auf die Bekehrung reduziert wurde. Wenn der Weg in die Nachfolge Christi nur auf eine einfache und wenig fordernde Entscheidung fokusiert wird, dann wird daraus ein Glaube folgen, der nicht sehr lange hält. Der Startpunkt der Nachfolge darf aber kein Ersatz für die Nachfolge selbst sein! Gegen diesen Trend ist es wichtig Glaube nicht allein an der Bekehrungserfahrung fest zu machen, sondern Glaube als eine spirituelle Transformation anzusehen, die tiefer geht und die das ganze Leben durchzieht.

„If outsiders stop listening, we cannot just turn up the volume.“ (S. 84; „Wenn Außenstehende aufhören zu zuhören, dann bringt es nichts einfach nur die Lautstärke hoch zu drehen). Wir müssen nicht lauter schreien, sondern tiefer gehen. D.h. dass wir Beziehungen zu Menschen suchen und pflegen müssen und dass wir ein Umfeld schaffen müssen, in welchem tiefe spirituelle Transformation stattfinden kann.

Wie bei jedem Kapitel folgen auch in diesem 4. Kapitel des Buches verschiedene Stimmen von christlichen Leitern und Persönlichkeiten. Rick McKinley meint zu diesem Thema, dass wir das Evangelium nicht reduzieren sollten auf eine „Was-ist-für-mich-drin“-Botschaft, die Leute denken lässt, dass Jesus nur dazu existiert ihr Wohlbefinden zu steigern. Ich verstehe das so, dass wir von Anfang an klar machen, dass Nachfolge etwas kostet, dass sie nicht nur ein kleines Puzzleteilchen für ein angenehmes Leben ist, sondern dass es dabei um’s Ganze geht. Chuck Colson meint, dass das Christentum am Anfang gewachsen ist, weil Christen das Evangelium getan haben (und nicht nur davon geredet haben) und weil sie eine Gemeinschaft hatten, in welcher die Menschen einander wirklich liebten.

Wahrscheinlich ist die Situation hier bei uns in Deutschland noch einmal ein bisschen anders und nicht alles so einfach übertragbar. Ich glaube nicht dass ein Großteil der Christen hier durch zu agressive und oberflächliche Mission auffällt. Ich beobachte da eher eine zu große Vorsicht. Aber auch für uns gilt, dass es wichtig ist die Menschen zu sehen und nicht die Missionsobjekte. Und auch die Versuchung die Kosten der Nachfolge herunter zu spielen ist eine universelle Versuchung, unabhängig von Zeit und Kultur. Mir wurde bei diesem Kapitel wieder neu deutlich, was wir eigentlich schon lange wissen: Die Beziehungen zu Menschen sind wichtig, viel wichtiger als alle Großveranstaltungen und alle Evangelisationsprogramme.

Jesaja 58 – fromme Heuchler

Tja, heuchlerisch Gläubige gibt’s nicht nur heute (vgl. meinen zweiten Artikel zum Buch unChristian von Kinnaman und Lyons), die gab’s wohl schon immer… In Jesaja 58 knüpft sich der Prophet Menschen vor, die zwar äußerlich fasten, deren sonstige Handlungen und innere Einstellung aber ganz und gar nicht zur frommen Fassade passen: „Wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.“ (Jes.58,4) Allerdings geht’s Jesaja nicht darum, wie das jetzt auf Außenstehende wirkt und ob das einen guten missionarischen Eindruck macht. Es geht ihm darum, dass diese Heuchelei Gott selbst ankotzt, dass ihm das ganz und gar nicht gefällt. Wer so seinen Glauben lebt, braucht sich nicht wundern, dass Gott nicht nahe ist!

…ups! Mit dem letzten Satz hab ich mir jetzt selbst einen Kinnhaken verpasst! Denn genau darüber jammer ich ja immer wieder: dass Gott so fern scheint, dass ich ihn so wenig erlebe. Und ich geb zu, dass ich selbst viel zu oft so ein Heuchler bin: Ich lebe in meinem frommen Elfenbeinturm, mache meine frommen Pflichtübungen, aber mein konkretes Handeln und Leben spiegelt oft so wenig von Gott wieder.