Kohelet 9, 11-18 Lohnt sich Weisheit?

Bei diesem Abschnitt ist es gut, verschiedene Übersetzungen zu vergleichen. In V.11 stellt Kohelet die Frage, ob sich die Bemühungen und Begabungen des Menschen lohnen, oder ob das Glück nur Zufall ist. Kurz gesagt: Lohnt sich Leistung oder ist alles nur Glückssache? In einer leistungsorientierten Gesellschaft wie unseren ja durchaus eine aktuelle und interessante Frage. Luther übersetzt den Schluss von V.11 sehr extrem: „Alles liegt an Zeit und Glück.“ Andere übersetzen vorsichtiger, so z.B. die Gute Nachricht: „Denn schlechte Tage und schlimmes Geschick überfallen jeden.“

Wie so oft hilft die Elberfelder Übersetzung dem Hebräischen am Nächsten zu kommen: „Zeit und Geschick trifft sie alle.“ Also durchaus verallgemeinernd: alle sind von Glück und Zufall abhängig, aber doch nicht so extrem wie Luther es ausdrückt, dass „alles“ nur an Zeit und Glück liegt. Ich denke, diese Richtung liegt durchaus im Sinn des ganzen Abschnittes. Der Prediger macht deutlich, dass es sehr gut ist weise zu sein, sich anzustrengen ein gutes Leben zu führen. Aber er stellt auch nüchtern fest, dass dies keine Garantie für ein glückliches Leben ist.

Lohnt sich also Weisheit? Lohnt es sich, ein gutes und weises Leben zu führen, lohnt es sich, ein Leben zu führen, das Gott gefällt? Lohnt es sich auch heute in einer Welt, die nicht nach Gott fragt, trotzdem am Glauben festzuhalten? Ein klares „Jein“! Es ist auf jeden Fall gut und richtig, aber es führt nicht automatisch zum Erfolg. Dieser Meinung von Kohelet kann ich mich durchaus anschließen, wobei ich froh bin, dass wir durch Jesus Christus auch in dieser Frage noch einmal einen tieferen und weiteren Blick bekommen (und man auch anfragen kann, was denn ein „erfolgreiches“ und „glückliches“ Leben ausmacht).

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Jeremia 7, 1-15 Wortklaubereien

In V. 3 ist eine der wenigen Stellen, an der unterschiedliche Bibelübersetzungen aufgrund unterschiedlicher Handschriften auch unterschiedlich übersetzen. Wir haben ja heute nicht mehr die Originalhandschriften von Jeremia vorliegen (bzw. von seinem Schreiber Baruch), sondern wir haben Abschriften von Abschriften von Abschriften… und wir haben Abschriften von früheren Übersetzungen der Texte. Da schleichen sich natürlich immer wieder auch Fehler beim Abschreiben ein. Erstaunlich ist bei diesem ganzen Abgeschreibsel, dass es nur so wenige Stellen in der Bibel gibt, an denen man sich tatsächlich nicht ganz sicher ist, wie das Original lautete.

Hier in V.3 folgt Luther und auch die Einheitsübersetzung einer alten griechischen sowie der lateinischen Übersetzung des Textes. Dort steht, dass Gott an diesem Ort (dem Tempel in Jerusalem) wohnen wird, wenn die Israeliten ihr Leben und Tun verändern. Die meisten anderen Übersetzungen folgen den hebräischen Handschriften, die hier schreiben, dass Israel an diesem Ort (Jerusalem) wohnen bleiben darf, wenn sie sich verändern. Macht jetzt aber keinen großen Unterschied, denn das wichtigste ist ja die Aufforderung, dass die Zuhörer ihr Leben und Handeln verändern sollen.

Das zeigt mir mal wieder, dass es Gott nicht um den äußeren Buchstaben geht, denn sonst hätte er irgendwie für einen einheitlichen Text gesorgt. Es geht um die Bedeutung der Texte und darum diesen Sinn der Bibel im Leben auch umzusetzen (und nicht um irgendwelche Wortklaubereien). So wie es zur Zeit Jeremias auch nicht um den äußerlich sichtbaren Tempel ging (und einer falschen Selbstverständlichkeit von Gottes Gegenwart im Tempel), sondern um ein Leben, das der Gegenwart Gottes auch entspricht. Wenn das praktische Leben nicht stimmt, dann nützt der schönste Tempel nichts…
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1. Petr. 1, 13-15 – Die Lenden der Gesinnung gürten

Wohl dem, der neben einer gut verständlichen modernen Übersetzung auch noch ab und zu in eine eher wörtliche Übersetzung schaut. Der Anfang von V.13 lautet in der Guten Nachricht: „Darum seid wach und haltet euch bereit!“ Das ist nicht schlecht übersetzt und trifft im Wesentlichen den Sinn des Textes. Aber es ist so glatt, dass man leicht darüber hinweg liest. Bei Luther bin ich über dieselbe Stelle gestolpert, hängengeblieben und ins Überlegen gekommen: „Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts.“ Was für ein ungewöhnliches Bild! Petrus scheint es richtig darauf angelegt zu haben, dass man an dieser Stelle innehält und sich erst mal über die Formulierung wundert. Was soll das bedeuten, die Lenden des Gemüts zu gürten?

Für die damaligen Leser war diese Metapher besser zugänglich: Um zügig gehen zu können oder ungehindert arbeiten zu können, band man sich damals das knöchellange Gewand mit einem Gürtel an den Lenden hoch. So störte es beim gehen nicht so sehr. Das überträgt Petrus jetzt auf unser Gemüt. Hier müsste man vielleicht besser übersetzten: „Denkart“ oder „Gesinnung“. Das griechische Wort hat etwas mit unserem Denken und Verstand zu tun, mit der grundsätzlichen Ausrichtung unseres Denkens. Wir sollen also von unserer Gesinnung her wachsam sein und nicht träge werden. Wir sollen unser Denken ausrichten an der Gnade, die uns gebracht wird (hier übersetzt Luther zu schwach mit „angeboten“) in der Offenbarung Jesu Christi (auf diesem Hoffen auf die Gnade Christi liegt übrigens der Ton dieses Satzes: alle anderen Verben in 1,13 sind als Partizipien formuliert und damit dem Verb „hoffen“ untergeordnet). Mit wachem Verstand ganz auf die Gnade Christi hoffen!

Die Lenden der Gesinnung gürten – was nehm ich daraus für mich mit? Ich weiß, dass ich mich als Kind Gottes ganz in die Gnade und Liebe Gottes fallen lassen darf. Nicht ich muss mir was verdienen, sondern es wird mir alles von Gott geschenkt. Petrus macht aber in diesem Abschnitt deutlich, dass dies nicht heißt, dass wir müde und träge werden sollen. Auch wenn uns alles geschenkt ist, sollen wir mit unser Leben – angefangen bei unserem Denken und unserer Gesinnung – dieser geschenkten Gnade antworten. Es geht nicht um den seligen Schlaf eines laschen Wohlfühlchristentums, sondern es geht um gehorsame Kinder, die in ihrem ganzen Leben die Heiligkeit Gottes widerspiegeln wollen und die sich daher die Mühe machen die Lenden ihrer Gesinnung zu gürten.
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1. Petrus 1, 3-12 – Vorfreude

Nach dem (schon sehr gehaltvollen) Briefeingang folgt zuerst einmal ein großer Lobpreis. Vor allem anderen steht das Lob Gottes für alles, was er uns schenkt. Was mich in diesem Abschnitt besonders angesprochen hat war V.8b:  „Ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude.“ Für mich ist das eine tolle Um- und Beschreibung des Himmels: Unaussprechliche und herrliche Freude. Wir können uns nicht genau vorstellen, wie das sein wird. Wir können uns mit unseren irdischen Erfahrungen und Bildern nicht ausmalen, wie das wirklich sein wird in Gottes unmittelbaren Gegenwart – aber es wird auf jeden Fall eine unbeschreiblich schöne und gigantische Freude sein!

Interessant ist, dass dieser Vers unterschiedlich übersetzt wird. Luther hat in im Futur übersetzt – andere übersetzen in der Gegenwart: „schon jetzt seid ihr erfüllt von herrlicher, unaussprechlicher Freude.“ (Neues Leben) Auch die recht wörtlich übersetzende Elberfelder Bibel hat hier den Präsens. Und tatsächlich! Im Urtext steht hier das Verb auch im Präsens. Ich weiß nicht aus welchem Grund Luther hier anders übersetzt. Entweder weil es manche Handschriften gibt, die hier das Verb in der Gegenwart haben oder weil er inhaltlich betonen möchte, dass die völlige Freude erst in der Zukunft liegt.

Ich find’s toll, dass hier eigentlich ein Präsens steht, dass wir jetzt schon mit dieser gigantischen Freude jubeln dürfen. Natürlich ist klar, dass die völlige Freude erst im Himmel da sein wird, aber jetzt schon fängt im Glauben der Himmel an. Es geht im Zusammenhang ja auch um den Trost in mancherlei Anfechtung. Petrus will über diese Anfechtung nicht hinwegtrösten indem er sagt: Irgendwann in der Zukunft werdet ihr auch wieder freuen, sondern er sagt: Jetzt schon – mitten drin in der Anfechtung – dürft ihr euch freuen. Und erst recht, wenn ihr mal das Ziel eures Glaubens erreicht habt.

Die Neue Genfer Übersetzung formuliert hier sehr schön differenziert: „Daher erfüllt euch ´schon jetzt` eine überwältigende, jubelnde Freude, eine Freude, die die künftige Herrlichkeit widerspiegelt.“ Der Grund der Freude liegt in der Zukunft, erst in Gottes himmlischer Welt wird einmal alles in Ordnung sein und alles leuchtende Herrlichkeit sein. Aber diese Aussicht kann uns schon jetzt mit Freude erfüllen. Auch die Vorfreude ist eine echte, überwältigende und jubelnde Freude.
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Psalm 126 – Das langsame Wachsen der Freude

Bei diesem Psalm ist die Luther-Übersetzung nicht so besonders geglückt. Die ersten drei Verse sind wohl besser in der Vergangenheit zu übersetzen und in V.4 ist es angemessener statt „bringe zurück unsere Gefangenen“ zu übersetzten: „wende unser Geschick“. Richtig übersetzt erinnern sich die Beter an Gottes große Befreiungstat (die Befreiung aus dem babylonischen Exil) und bitten Gott in ihrer jetzigen Situation auf ähnliche Weise einzugreifen.

Das ist bis heute eine gute Art und Weise zu beten: Wenn’s einem dreckig geht und man sich nach Gottes Eingreifen sehnt, dann sollte man sich zurück erinnern an Erfahrungen, wo Gott geholfen hat. Oft verblassen diese Erfahrungen und es ist einem gar nicht mehr bewusst, dass unser Mund einmal voll Lachen war und unsere Zunge voll Rühmens. Oft sieht man nur die gegenwärtigen Tränen und rechnet gar nicht damit, dass man irgendwann auch wieder mit Freuden ernten darf (Der Freitod von Robert Enke, der gerade in den Medien aufgebauscht und genüsslich ausgeschlachtet wird, zeigt uns wie verzweifelt man in den gegenwärtigen Tränen gefangen sein kann…).

Wobei ich bei diesem Bild sehr den Realismus schätze: Denn zwischen dem tränenvollen säen und dem Ernten liegt eine lange Zeit des Wachsens. Es dauert. Es braucht Zeit. Echte, tiefe Freude ist keine schnell angerührte Instant-Freude, sondern eine langsam wachsende Frucht. Auch Gottes Eingreifen kann dauern und sich hinziehen.

Psalm 124 – Das Netz ist zerrissen

Eigentlich muss man die ersten fünf Verse dieses Psalms in der Vergangenheit übersetzen. Ein Beter berichtet, wie Gott das Volk aus einer Notlage befreit hat. Luther übersetzt aber in der Gegenwart. Warum? Wahrscheinlich will er betonen, dass das nicht nur vergangene Erfahrungen sind, sondern dass Gott auch heute noch in unser Leben eingreift und hilft.

Normalerweise mag ich Luther ja, aber an dieser Stelle fände ich die wörtliche Übersetzung in der Vergangenheit besser. Denn so macht Luther daraus eine grundsätzliche, verallgemeinerbare Aussage. Aber es ist ein Unterschied, ob ich sage, dass Gott mir geholfen hat oder ob ich sage, dass Gott immer rettend eingreift. Diese Erfahrung hat Israel ja oft genug gemacht: dass Gott nicht immer automatisch den Sieg schenkt, dass der Feind manchmal auch stärker ist und dass eben nicht für alle immer jede Notsituation gut aus geht.

Toll find ich dagegen die Übersetzung von V.7: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen und wir sind frei.“ Ja, so soll es sein: das Netz, das uns einengen will, dass uns fesseln will, das uns gefangen nimmt ist zerrissen – und wir sind frei! Ich wünsch mir dieses frei sein von so manchen Dingen, die mich innerlich fesseln. So manches mal fühlt sich meine Seele an, als ob sie wie ein Vogel im Netz gefangen ist. Und je mehr sie flattert und strampelt, um so enger legt sich das Netz um sie. Wäre doch der Herr bei mir und zerrisse immer wieder neu dieses Netz!
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Psalm 120 – Es wird meiner Seele lang

„Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.“ (V.6) Was für eine geniale Formulierung! Es scheint bei mir ja immer wieder durch, dass ich die Luther-Übersetzung mag – auch wenn sie manchmal etwas schwerer verständlich ist. Aber hier wird mal wieder deutlich wie viel mehr Kraft und Poesie in dieser Übersetzung steckt, als in vielen modernen Übersetzungen (Neues Leben: „Schon zu lange wohne ich bei denen, die den Frieden hassen.“ Gute Nachricht: „Schon viel zu lange wohne ich hier, unter Menschen, die den Frieden hassen!“). Da steckt bei Luther viel mehr Ausdruck und Tiefe drin: „Es wird meiner Seele lang.“

Inhaltlich kann ich den Beter gut verstehen: Es entzieht dem Leben und der Seele die Kraft, wenn man selbst im Frieden mit anderen zu leben versucht, es aber nicht gelingt, weil die anderen es gar nicht wollen. Immer wieder interessant, dass die Menschen vor tausenden von Jahren genau die gleichen Probleme hatten wie wir heute. Wie wenig sich doch der Mensch ändert!
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Psalm 118 – Die Freundlichkeit Gottes

Zwei Gedanken zu diesem Psalm. Das eine betrifft die Luther-Übersetzung von V.1: „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Das ist einfach toll übersetzt. Besonders gefällt mir das „freundlich“. Im Hebr. steht hier „tob“, was man eigentlich am einfachsten mit „gut“ übersetzt. Ich kann nicht genau sagen warum, aber mir gefällt Luthers Übersetzung hier richtig gut. Es klingt besser. Und irgendwie mag ich die Vorstellung von der Freundlichkeit Gottes. Ich denke da automatisch an ein freundlich lächelndes Gesicht, das mich liebevoll anblickt…

Das andere was mich an diesem Psalm besonders angesprochen hat, waren die Verse 24-25: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O Herr, hilf! O Herr, lass wohlgelingen!“ Faszinierend finde ich hier das Ineinander von Freude und klagender Bitte. Die Freude in Gott schließt den Blick auf so manches Beklagenswertes nicht aus! Im Gegenteil: Wer „fröhlich an ihm“ ist, wird um so intensiver Gott bitten in das Leid dieser Welt einzugreifen. Und andererseits muss mich aber das Leid dieser Welt nicht davon abhalten, mich über Gottes Güte und Freundlichkeit zu freuen.
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Psalm 107 – Durst

Komisch, spannend, interessant, überraschend und faszinierend, wie einen manchmal ein einzelner Vers aus der Bibel ganz tief in’s Herz trifft. Psalm 107 ist ein schönes, langes Danklied, das vielleicht ursprünglich bei großen Dankfesten in Israel gesungen wurde. Mich hat der V.9 getroffen. Hört sich vielleicht für andere nach nichts besonderem an, aber mich hat er angesprochen: „Dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.“

Bei diesem Vers ist es ganz gut Luther oder eine andere eher wörtliche Übersetzung zu lesen. Moderne Übersetzung verflachen an dieser Stelle den Text: Gute Nachricht, Hoffnung für alle und auch Neues Leben sprechen nicht von der Seele, sondern reduzieren den Vers auf den leiblichen Hunger und Durst. Es ist ja richtig, dass im Hebräischen mit der Seele (anders als bei uns heute) auch die leibliche Seite des Menschen gemeint ist. Aber eben auch und nicht ausschließlich. Es geht um Hunger und Durst des Menschen in seiner „leiblich-seelischen Ganzheit“ (so die Stuttgarter Erklärungsbibel dazu).

Ich bin ja jetzt schon ein paar Jahre Christ, aber ich habe immer noch diese durstige Seele. Manchmal kommt es mir so vor, als ob der Durst eher noch zunimmt anstatt weniger zu werden. „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ (Ps. 42,3) So schön das Leben hier ist – ich hab Durst auf mehr! Ich hab immer noch diese gierige Sehnsucht nach mehr Leben, nach mehr Fülle, nach mehr Gott! In meiner Seele gibt es immer noch irgendwo diese kleine schwarze Lücke, die sich mit nichts füllen lässt, die sich nicht übertünchen lässt und die immer wieder zum Vorschein kommt und fragt: War das alles?
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Psalm 58 – Wie gehen wir mit Racheaussagen um?

Kein einfacher Psalm! Das fängt schon mit der Übersetzung an. Das zweite Wort in V.2 bedeutet nach dem hebräischen Text eigentlich „verstummen“. Wenn man das sprachlich ein bisschen hin biegt, müsste man eigentlich übersetzen: „Sprecht ihr wirklich Verstummen des Rechts?“ Hört sich irgendwie komisch an, kann man aber durchaus so verstehen (Schlachter übersetzt z.B.: „Seid ihr den wirklich stumm, wo ihr Recht sprechen … sollt?“).

Die meisten anderen Ausleger und Übersetzungen entscheiden sich für eine andere Möglichkeit: Ursprünglich wurde der hebräische Bibeltext ohne Vokale geschrieben, die wurden erst viele Jahrhunderte später zur besseren Lesbarkeit von jüdischen Gelehrten hinzugefügt. Mit einer anderen Vokalisierung steht hier nicht „Verstummen“, sondern Götter. Ähnlich wie in Ps. 82,1 könnte man dabei an himmlische Mächte denken, die Gott untergeordnet sind und die Recht auf Erden sprechen sollen (die Elberfelder lässt ganz wörtlich „Götter“ stehen). Man kann aber auch an irdische Machthaber denken, die als Götter angesprochen werden. Die meisten deutschen Übersetzungen übersetzen deswegen mit „Mächtige“ (Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, Hoffnung für alle, Neues Leben). Bei dieser Übersetzung bleibt es dann theoretisch offen, ob man an irdische Mächtige denkt oder an himmlische Mächtige (wobei man beim ganz normalen Lesen des Textes wohl nicht so schnell auf die Idee kommt hier an irgendwelche Himmelsmächt zu denken).

Klar ist auf jeden Fall, dass es spätestens ab V.4 um irdische Menschen geht: Hier wird davon gesprochen, dass die Gottlosen vom „Mutterschoß“ an abtrünnig sind. Seltsame Vorstellung, dass die Gottlosen schon als neugeborenes Baby böse sein sollen und Feinde Gottes!? Ist das eine rhetorische Übertreibung der Bosheit der Feinde Gottes, oder ist das wirklich wörtlich so gemeint?

Auch der restliche Psalm bleibt mir ziemlich fremd, v.a. V.11: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gotteslosen Blut.“ Freudig durch das Blut der Gottlosen stapfen?!? Heftig!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten mit solchen Psalmen und ihren blutrünstigen Wünschen nach dem Ende der Gottlosen umzugehen. wir können dem Ganzen einfach Jesus Christus entgegensetzen und sagen: „Liebet eure Feinde!“ Selbst für diejenigen, die Gottes Sohn ans Kreuz bringen, bittet Jesus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Wir können argumentieren: Auf dem Hintergrund des Neuen Testaments können wir solche Psalmen nicht mehr beten. Jesus Christus hat uns hier einen anderen Umgang mit Feinden aufgezeigt. Rein praktisch geschieht das auch so in den meisten Kirchen: Solche Psalmen tauchen nicht in den Gesangbüchern auf und werden auch freien Gemeinden nicht im Gottesdienst gelesen oder gebetet.

Wir können solche Aussagen auch als rhetorische Übertreibungen sehen, die halt damals in diesem Kulturkreis so üblich waren, die aber eigentlich nicht so hart gemeint waren und in unsere heutige Zeit nicht mehr hinein passen. So können wir die Aussagen einerseits stehen lassen, vermeiden aber andererseits ihren Gebrauch in unserer heutigen Zeit.

Man könnte solche Psalmen auch als ein psychologisch gutes und notwendiges Mittel sehen, um mit Aggressionen und der eigenen Ohnmacht umzugehen. Anstatt sich selbst zu rächen und den Feinden Gewalt anzutun, wird Gott gebeten Gerechtigkeit herzustellen und die Rache auszuüben (vgl. dazu Ps.11).

Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir versuchen, tiefer gehende Intentionen und Absichten in solchen Psalmen zu entdecken. Prof. Dr. Schwendemann sagt zu diesem Psalm z.B.: „Eigentlich ist das Ziel der metaphorischen Redeweise in Psalm 58 die Umkehr des Frevlers, indem seine mögliche Vernichtung vor Augen gemalt wird.“ Und: „Der Psalm 58 lässt sich durchaus als Schrei eines Menschen nach Gerechtigkeit sehen, der gerecht leben will und deshalb in einer ungerechten Welt an Leib und Seele verletzt wird. Es geht also gerade nicht um verzweifelte Omnipotenzgefühle eines Zukurzgekommenen, sondern vor allem um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit.“

Ich finde keine dieser Möglichkeiten so richtig befriedigend. Da sind sicher manch gute Gedanken dabei, aber bei mir bleibt bei solchen „Racheaussagen“ in den Psalmen ein ungutes Gefühl. Vor allem deswegen, weil in diesem Psalm nicht unterschieden wird, zwischen dem Bösen an sich und der Person, die böses tut. Über die die Vernichtung des Bösen kann ich mich freuen und darüber jubeln. Aber über die Vernichtung von bösen Personen kann ich mich nicht uneingeschränkt freuen.
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