Römer 12, 9-21: Überforderung

Ich möchte den Christen und die Gemeinde sehen, die es wirklich schafft, all diese Ermahnungen auch wirklich zu befolgen. Geht Paulus wirklich davon aus, dass wir all das erfüllen können? Das fängt ja schon mit der ersten Ermahnung an: „Die Liebe sei ohne Falsch.“ (V.9) Ich denke schon, dass es Christen gibt, denen man eine besondere Liebe abspürt. Das war für mich ein Grund, um mich überhaupt ernsthaft mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen: Ich habe Christen kennengelernt, die anders waren, als die meisten anderen Menschen. Sie hatten eine besondere Ausstrahlung, eine besondere Liebe.

Aber eine „Liebe ohne Falsch“? Das erscheint mir übermenschlich. Das hatten diese Christen sicher auch nicht. Wenn wir Christen auch nur annähernd all diese Ermahnungen und Forderungen umsetzen würden, dann würden uns die Massen am Sonntag die Türen einrennen, dann wären wir solch eine attraktive Gemeinschaft, dass wir uns vor dem Ansturm kaum retten könnten. Aber so ist es offensichtlich nicht.

Ich muss ehrlich sagen, mich überfordern solche Ermahnungen eher, als dass sie mich motivieren. Ja, das sind tolle Zielvorstellungen, aber wenn ich mir meine Realität und die Realität unserer Gemeinden anschaue, dann bleibt das alles Utopia. Dann verzweifle ich entweder an solchen Forderungen oder ich versuche mir zumindest einen dünnen christlichen Anstrich zu verpassen, so dass es im ersten Augenblick schön aussieht. Und genau das geschieht ja in den meisten Gemeinden. Die einen sind desillusioniert und enttäuscht. Sie geben sich mit einem netten Vereinsleben zufrieden und denken, dass sie auch nicht anders und besser sind als andere Menschen. Und  andere Gemeinden verpassen sich einen mehr oder minder dicken christlichen Anstrich, um nach außen schön fromm auszusehen. Aber unter der Oberfläche sieht es häufig ganz anders aus.

| Bibeltext |

Johannes 13, 31-38 Das neue Gebot

Da ist sie wieder, diese Überforderung, vor die Jesus seine Jünger stellt. Er gibt ihnen eine „neues“ Gebot: sie sollen einander lieben, so wie er sie geliebt hat. Das neue an diesem Gebot ist nicht, dass wir andere lieben sollen (das sagt auch schon das Alte Testament), das Neue ist der Maßstab: „so wie ich euch geliebt habe“. Und gerade das ist die große Herausforderung und ich denke auch Überforderung des christlichen Glaubens. So zu lieben, wie Jesus geliebt hat, das schafft kein Mensch!

Wenn der christliche Glaube alleine eine menschliche Religion wäre, dann müsste man an diesem Anspruch verzweifeln. Wir sollen alle solche eine perfekte und göttliche Liebe haben, wie sie uns Gott selbst in seinem Sohn vorlebt – unmöglich! Das ist nur möglich, wenn nicht wir selbst versuchen, göttlich zu werden, sondern wenn wir versuchen möglichst durchlässig und offen für Gottes Liebe zu werden. Wir können Gottes Licht nicht imitieren, aber wir können möglichst transparent für Gottes Licht werden. Gerade dieses neue Gebot zeigt mir nicht, dass ich mich mehr anstrengen muss, um Jesus ähnlicher zu werden, sondern es zeigt mir meine Angewiesenheit auf Jesus Christus: Ohne dass er seine Liebe in mir und durch mich wirken lässt, funktioniert das alles nicht.

| Bibeltext |

Johannes 13, 12-20 Überforderung

Das überfordert mich! Jesus wäschst seinen Jünger die Füße und deutet damit seine eigene Lebenshingabe für sie an. Jetzt fordert er seine Jünger auf, sich auch gegenseitig die Füße zu waschen. Natürlich müssen wir unterscheiden zwischen Jesu Sühnetod für uns und dem, was wir für andere tun können. Wir brauchen für andere keine Erlösung zu erwirken, das hat Jesus am Kreuz getan. Aber Jesus fordert uns nachdrücklich zum Dienst am anderen auf – und dabei sollen wir uns Jesus selbst als Beispiel und Vorbild nehmen.

Wie soll das gehen? Wie sollen wir uns den, der von keiner Sünde wusste, zum Vorbild nehmen? Wie sollen wir je so perfekt, liebend und hingegeben werden wie Jesus? Wenn wir das wirklich ernst nehmen, dann kann man verstehen, dass so manche Christen an diesem Anspruch von vornherein scheitern und sich dauernd als Versager fühlen. Wer kann das schon erreichen? Je länger ich Christ bin, desto deutlicher spüre ich mein Unvermögen. Diesen Anforderungen kann ich nicht gerecht werden. Ich brauche selbst diesen Jesus, der mir immer wieder die Füße wäscht – wie sollte ich dann für andere ein Jesus werden? Ich kann nur hoffen und beten, dass Jesus gerade in meiner Schwachheit selbst durch mich wirkt.

| Bibeltext |

Leo Tolstoi: Auferstehung

Tolstoi: AuferstehungSchon vor einiger Zeit habe ich dieses Buch von Tolstoi gelesen. Nachdem ich von „Krieg und Frieden“ begeistert war, hatte ich mich auf diesen Roman gefreut. Tolstoi hat drei große Romane geschrieben. Auferstehung ist nach „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ der zeitlich letzte davon. Es ist das Alterswerk des großen russischen Schriftstellers. In dem Roman spürt man deutlich seine Hinwendung zu einem moralisch verstandenen Christentum, das sich vor allem an der Feindesliebe der Bergpredigt orientiert.

Bei der „Auferstehung“ geht es Tolstoi nicht um die leibliche Auferstehung Jesu Christi oder um die biblische Auferstehungshoffnung am Ende der Zeiten. Es geht um eine moralische Auferstehung, es geht um die Läuterung zu einem besseren Menschen. Der biblische Jesus ist für Tolstoi ein Lehrer der Nächstenliebe. Er hat für ihn keine göttliche Erlösungsmacht, sondern ist eher ein Vorbild. Leo Tolstoi: Auferstehung weiterlesen

Lukas 6, 43-46 Ein guter Mensch

In meiner Bibel streiche ich mir wichtige Bibelverse mit unterschiedlichen Farben an. Bei V.45a bin ich mir nicht sicher, wie ich das anstreichen soll: „Ein guter Mensch bringt gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens.“ Ist das eher ein Gebot und eine Aufforderung, oder ist das eher eine Verheißung? Soll ich mich anstrengen ein guter Mensch zu sein, oder kommt es gar nicht auf mein Bemühen an, sondern nur darauf, ob ich ein guter oder böser Mensch bin? Ist das Gut-Sein ein Geschenk, welches dann auch automatisch Früchte trägt, oder muss ich daran arbeiten?

Ich denke irgendwie ist beides richtig. Es ist auf jeden Fall eine Verheißung. Wo Gott die Herzen nicht verändert, da kann nichts Gutes entstehen. Das macht die Bibel ja immer wieder deutlich: wir Menschen können uns nicht selbst von unserer Bosheit und Sünde befreien. Nur Gott kann Erlösung und Erneuerung schenken. Aber es ist auch eine Aufforderung: Lebe auch dementsprechend. Im Losungstext gestern hieß es: „Lernt Gutes tun!“ (Jes.1,17) Gutes tun muss demnach aus eingeübt werden. Lernen geschieht über Wiederholung. Je öfter ich etwas wiederhole, desto besser kann ich es.

Also beides: Verheißung und Aufforderung. Die Verheißung entlastet mich vor Überforderung. Es hängt nicht alles von meiner Kraft und meinem Willen ab. Gott wirkt in mir. Die Aufforderung bewahrt mich vor falscher Bequemlichkeit und Trägheit. Gott traut mir zu, dass ich das Gute, das er mir schenkt auch ausnütze und umsetze.

| Bibeltext |

Hermann Hesse: Unterm Rad

Hermann Hesses zweiter Roman „Unterm Rad“ erzählt die Geschichte des begabten Jungen Hans Giebenrath der unter das Rad einer ehrgeizigen Erziehung gerät. Hans wächst in einem „kleinen Schwarzwaldnest“ als einziges Kind des verwitweten Vaters auf. Vorbild für den Ort ist offensichtlich Hesses Heimatstadt (und meine Geburtsstadt 😉 ) Calw. Die Begabung des Jungen wird von seinem nicht besonders einfühlsamen Vater, vom Schulmeister, vom liberalen Stadtpfarrer und von pietistischen Stundenbruder Flaig gefördert. Und tatsächlich wird Hans als einziger aus seinem Heimatort für das Landesexamen der angehenden Theologiestudenten des Maulbronner Stifts auserwählt. In den Genuss dieses Stipendiums, an das sich eine lebenslange Versorgung als Pfarrer anschließt, kommen nur die besten Schüler. Hermann Hesse: Unterm Rad weiterlesen

Bonhoeffer: Nachfolge (18) – Die Boten

In diesem Abschnitt beschäftigt sich Bonhoeffer mit der Sendung der Jünger. Es geht um den Abschluss von Matthäus 9 und das ganze 10. Kapitel. Relativ zügig geht Bonhoeffer an diesem Text entlang und schreibt zu den einzelnen Textabschnitten jeweils einige Gedanken.

Ich muss zugeben, dass mich dieses Kapitel nicht so besonders angesprochen hat. Es ist im Wesentlichen eine Nacherzählung und kurze Entfaltung des Matthäustextes. Keine große Überraschungen. Anstatt zu erklären spitzt Bonhoeffer wie gewohnt die Herausforderungen des Textes eher noch zu.

Bisher war ich ja recht angetan von dieser Zuspitzung. Sie macht den Text unbequem und herausfordernd. Man liest nicht so leicht darüber hinweg. Allerdings merke ich auch, dass die ständige Provokation mit der Zeit nicht mehr so wirksam ist (und in diesem Kapitel auch nicht so spitzt herausgearbeitet ist) – man stumpft gegenüber diesen Zuspitzungen ab. Es ist ja gut, wenn uns der Bibeltext herausfordert. Aber für für mein Leben als Christ wäre es auch ganz hilfreich zu erfahren, wie ich mit all diese steilen Anforderungen umgehen soll? Wenn ich Bonhoeffer ernst nehme, dann lebe ich in einer ständigen Überforderung. Dann erlebe ich ständig nur Scheitern, weil mein Leben bei weitem nicht dem entspricht, wie Bonhoeffer die Nachfolge darstellt.

Hier macht sich der Hintergrund von Bonhoeffers Theologie bemerkbar: Er steht in der Tradition der dialektischen Theologie von Karl Barth. Barth betont die Andersartigkeit Gottes, sein Wort kommt unvermittelt, senkrecht von oben in unsere Welt hinein. Wir sollen dementsprechend Gottes Wort nicht menschlich erklären und verständlicher machen, sondern gerade in seiner Andersartigkeit stehen lassen. Barth hat damit einen berechtigten Gegenentwurf zur liberalen Theologie des 19. Jh. geliefert, in welcher nur noch der Mensch und seine Erfahrungen und Möglichkeiten im Zentrum stand.

Aber auch das andere Extrem (die dialektische Theologie) hat so ihre Probleme und die werden mir so langsam bei Bonhoeffers Nachfolge deutlich: die Kluft zwischen Gott und Mensch wird groß und größer. Das Evangelium wird ziemlich abstrakt und es wird nicht recht deutlich, wie wir diese Evangelium auch in unserem Alltag leben können. Die menschliche Wirklichkeit gerät aus dem Blickfeld.

Ein Beispiel: Bonhoeffer schreibt: „Die Botschaft und die Wirksamkeit der Boten ist von der Jesu Christi selbst in nichts unterschieden.“ (S. 199) Das mag als theologisches Postulat richtig sein – aber deckt sich nicht mit meiner Lebensrealität, nicht mit meiner Erfahrung. Mein Leben als Nachfolger ist bruchstückhaft und bei weitem nicht so perfekt, wie Christus es gelebt hat. Man kann natürlich sagen, dass das eine Verheißung ist, die unabhängig von meiner Einschätzung wahr ist – aber wenn Gottes Verheißungen gar nichts mehr mit meinem wirklichen Leben zu tun haben, dann wird das Evangelium lebensfremd und unwirklich, dann wird Nachfolge kalt und abstrakt.

Wie gesagt: das ist eine Gefahr und wir sehen ja bei Bonhoeffer selbst, wie er in eindrucksvoller Weise seinen Glauben auch im Alltag gelebt hat. Es wäre interessant zu erfahren, wie er selbst in seinem Glauben diese zugespitzten Forderungen der Nachfolge auf der einen Seite und die Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Gebrochenheit miteinander in in Verbindung gebracht hat. Ich denke Theologie hat nicht nur die Aufgabe uns die Andersartigkeit Gottes und die ungeheuren Ansprüche, die Jesus an seine Nachfolger stellt, vor Augen zu führen, sondern sie sollte auch deutlich machen, wie Jesus Mensch wurde, wie er schwach wurde, wie er gerade die Zerbrochenen und Müden mit Gott in Verbindung gebracht hat.

1. Petrus 1, 16-21 – Den Glanz Gottes widerspiegeln

Der vorherige Abschnitt wird hier fortgesetzt. Es geht um ein „heiliges“ Leben und dies wird mit einem alttestamentlichen Zitat begründet: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ (3. Mo. 19,2) Puuh! Was für eine Aufforderung! Was für eine Überforderung! Die Wuppertaler Studienbibel schreibt dazu treffend: „Nicht bürgerliche Anständigkeit, nicht edles Menschentum kann Maßstab für das neue Leben sein, nicht einmal die Gerechtigkeit aus dem Gesetz (Phil 3,6), sondern der heilige Gott selbst!“ Es geht nicht um ein einigermaßen anständiges Leben, sondern um Heiligkeit!

Ich kann verstehen, wenn da manche sagen: „Vergiss es, das geht doch eh nicht!“ Mir geht es ja selbst so. Hoffnungslos überfordert! Aber mir kam beim Lesen der Gedanke, dass sich dieser Satz „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ nicht nur als Aufforderung lesen lässt, sondern auch als Zusage und Verheißung. Wenn es nur eine Forderung an mich und meine Kraft wäre, dann wäre ich tatsächlich hoffnungslos überfordert. Aber es ist auch eine Zusage Gottes: „Ich bin heilig, absolut perfekt und wenn du zu mir gehörst, wenn du mir vertraust, wenn du mir mit Ehrfurcht begegnest, dann wird auch dein Leben heilig sein, dann wird sich in deinem Leben etwas vom Glanz Gottes widerspiegeln.“
Bibeltext