Römer 1, 8-15: Gegenseitiger Trost und Ermutigung

In diesem Abschnitt klingt der Zweck des Römerbriefes an: Paulus will nach Rom kommen, „damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter anderen Heiden.“ (V.13) Er sieht sich als Apostel und Missionar, der den römischen Christen etwas zu geben hat und der von Rom aus auch als Missionar unter den Heiden das Evangelium verkündigen will.

Um so schöner finde ich es, dass er die römischen Christen nicht nur als Objekte seiner Aposteltätigkeit sieht oder als Mittel zum Zweck, nein es geht ihm auch um echte Gemeinschaft und gegenseitige Stärkung: „damit ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.“ (V.12) Das Wort, das Luther hier mit getröstet übersetzt kann man auch mit „ermutigen“ übersetzen. Darum geht es Paulus: gegenseitiger Trost und Ermutigung.

Das ist bis heute nicht selbstverständlich, dass wir es in Gemeinden schaffen, dass wir uns gegenseitig trösten und ermutigen. Ganz egal welche Stellung wir in einer Gemeinde haben: darum geht es! Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, auch wenn wir nicht alle in der Gemeinde gleich sympathisch finden. Selbst ein Paulus, der ja in seinen Briefen manchmal auch wortgewaltig seine Position verteidigen kann, hat das begriffen.

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Johannes 11, 17-27 Bei Jesus im Leben und Sterben

Was für ein Anspruch! Jesus sieht sich als die Auferstehung und das Leben in Person! Das ist wohl das provozierendste und weitgehendste Ich-bin-Wort des Johannesevangeliums. Jesu ist mehr als ein Wegweiser oder eine Hilfe zum Heil, er ist das Heil selbst. Er vermittelt nicht nur Leben, sondern ist das Leben in Person. Es ist verständlich, dass die junge Christenheit bei solchen Ansprüchen in Konflikt mit der jüdischen Gemeinde geraten ist. Diese Aussagen sind noch einmal von einer anderen Qualität, wie wenn ein Prophet von sich sagt, im Namen Gottes zu reden.

Ist die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod aber wirklich ein Trost angesichts des Verlustes eines irdischen Menschenlebens? Manche tun das als billige Jenseitsvertröstung ab. Mit selbst kommt es auch manchmal so vor. Der Schmerz und die Verzweiflung über Leid und Tod in dieser Welt ist trotzdem noch da. Aber dann gibt es auch Zeiten, in denen mich solche Hoffnungsaussagen tragen, halten und trösten. Wer in der Gewissheit leben und sterben kann, dass Jesus das Leben und die Auferstehung ist, und wer diesem Jesus vertrauen kann, der lebt und stirbt leichter.

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Johannes 1, 1-14 Alles gesagt

Diesen Anfang des Johannesevangeliums habe ich schon oft gelesen. Schon im Studium haben wir uns ein ganzes Semester lang in einem Seminar mit diesem Prolog beschäftigt. Und trotzdem bin ich auch beim heutigen Lesen wieder ins Stauen gekommen über diesen gewagten und gewaltigen Anfang den Johannes hier an den Beginn seines Berichtes über Jesus setzt. Größer und umfassender kann man nicht beginnen. „Im Anfang war das Wort…“ – allein in dieser Aussage liegt ein ungeheurer Anspruch. Es ist Anklang an den Beginn der hebräischen Bibel, an die Schöpfungsgeschichte. In Jesus Christus wird nicht nur Geschichte geschrieben, sondern in ihm geschieht Neuschöpfung!

In diesen wenigen Versen wird eigentlich schon alles ausgesagt. In und durch Jesus Christus wurde alles erschaffen und in und durch ihn geschieht Erlösung. In ihm wohnt alle Fülle. In ihm und durch ihn können wir Gott begegnen und Gottes Kinder werden. Er wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut, um uns die Herrlichkeit Gottes zu zeigen. Und trotz allem nehmen ihn viele nicht auf, bleiben lieber in der Dunkelheit. Zentrale Schlüsselbegriffe des ganzen Evangeliums tauchen hier schon auf: Leben, Licht (und dazu der Gegensatz der Finsternis), Herrlichkeit, Wahrheit…

Für mich sind diese Verse immer wieder neu tröstlich. Vor allem anderen ist Jesus schon da. Auch wenn wir uns manchmal in der Schöpfung verloren vorkommen und so manches nicht verstehen – Jesus Christus ist viel größer und umfassender als unsere Fragen, Zweifel und Anfechtungen. Es geht nicht um ein menschliches Vorbild, dem ich mit aller Kraft und menschlichen Bemühungen nacheifern muss, um irgendwie vor Gott gut dazustehen oder ein gelingendes Leben zu haben. Nein, Jesus ist viel mehr. Er umfasst und trägt mich in all meinen Begrenzungen.

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Lukas 20, 9-19 Provozierend, gewagt und tröstlich

Ein provozierendes Gleichnis: Jesus provoziert die religiöse Führungselite. Sie werden als verantwortungslos und gierig dargestellt. Anstatt für den Weinberg Gottes zu sorgen (im Alten Testament ist der Weinberg ein beliebtes Symbol für das Volk Gottes), töten sie Gottes Boten und wollen ihre eigene Macht vergrößern. Wie sieht das bei mir aus: Lasse ich mich von dem Gleichnis auch provozieren, oder gilt das mir gar nicht, weil ich ja nicht zu den Bösen gehöre?

Ein gewagtes Gleichnis: Jesus wagt es, sich in diesem Gleichnis als Sohn des Königs darzustellen, also als den Sohn Gottes. Für damalige Ohren war das mehr als gewagt. Wie kann ein Mensch sich herausnehmen, sich selbst nicht nur als göttlicher Prophet, sondern sogar als der Sohn Gottes selbst auszugeben? Wie sieht das bei mir aus: Nehme ich diesen ungeheuerlichen Anspruch Jesu überhaupt noch war, oder ist das für mich längst schon selbstverständlich geworden?

Ein tröstliches Gleichnis: Der Sohn wird getötet – aber das ist nicht das Ende. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.“ (V.17) Menschlicher Hass und menschliches Handeln kann Gottes Handeln nicht zunichte machen. Am Ende wird Jesus als Sieger dastehen. Aus dem verworfenen Stein wird der Eckstein einer neuen Welt. Wie sieht das bei mir aus: Lasse ich mich von dieser Botschaft trösten, oder habe ich die Hoffnung auf ein gutes Ende aufgegeben?

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2. Timotheus 1, 1-5 Ich denk an dich!

Für mich wieder mal eine notwendige Erinnerung an die Bedeutung des Gebets. Paulus schreibt, dass er ohne Unterlass im Gebet an Timotheus denkt, Tag und Nacht (V.3). Klar, das wissen wir alle: Gebet ist wichtig. Das sagen wir auch immer wieder. Aber wer lebt wirklich danach?

Selbst wenn man nicht an Gott glauben würde, dann wäre es doch schon etwas Besonderes und Tröstliches, wenn man wüsste, dass es da jemand gibt, dem man wichtig ist, der an einen denkt. Nicht nur ab und zu, sondern ständig und ausdauernd. Wie viel mehr Kraft steckt dann erst im Gebet, wenn wir darauf vertrauen, dass diese Gebete vom Schöpfer und Herr dieser Welt gehört werden!

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Jeremia 31, 1-14 Getröstet und geleitet

In diesem Abschnitt hat mich ein Vers besonders angesprochen. Nein, es ist nicht der bekannteste aus diesem Kapitel (V.3): „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (So übersetzt nicht ganz richtig Luther. Wörtlich müsste die zweite Hälfte, so wie in der Elberfelder Übersetzung heißen: „…darum habe ich dir <meine> Güte bewahrt.“) Egal in welcher Übersetzung: das ist auch ein schöner und tröstlicher Vers.

Aber der Vers, der mich heute berührt hat war V.9: „Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten.“ Weinen, Enttäuschung, Versagen, … das alles gehört zu unserem Leben hier. Wir können versuchen, es zu überspielen, oder versuchen, es zu verdrängen, aber es wird immer wieder an die Oberfläche kommen. Dann ist es gut, wenn wir in solchen Situationen nicht ins Leere laufen, sondern in die Arme unseres Vaters, der uns tröstet und der uns leitet. D.h. dass er uns nicht nur in unserm Schmerz versteht und tröstet, sondern dass er uns auch wieder aufrichtet und hilft, den richtigen Weg weiter zu gehen.
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Die Welt überwunden

Noch ein paar Tage bis zur Operation meines Gehirntumors (am 16. April). Ich lebe in einer seltsamen Mischung von Angst und Zuversicht. Ich halte es für falsch, wenn wir sagen, dass wir als Christen keine Angst zu haben brauchen. Wenn manche sogar sagen, wir dürfen keine Angst haben, dann halt ich das für gefährlich. Natürlich haben wir auch als Christen Angst. Das ist etwas ganz Natürliches und Normales. Das hat uns Gott als Schutzfunktion mit in die Wiege gelegt. Wenn wir in Gefahr sind, dann ist Angst die ganz normale Reaktion. Wenn wir am Abgrund stehen, dann ist es ganz gut, wenn wir Angst davor haben, hinunter zu fallen.

Jesus sagt das auch ganz nüchtern: „In der Welt habt ihr Angst.“ (Joh. 16,33) Da gibt es nichts zu beschönigen, das ist einfach so. Auch vor meiner OP hab ich Angst. Je näher der Termin rückt, desto mehr tauchen Ängste und ein mulmiges Gefühl aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche auf. Ich halte nichts davon, diese Ängste einfach zu verdrängen. Womöglich noch im christlichen Gewand: „Du bist doch Gottes Kind, dir kann gar nichts passieren!“ Doch! Auch als Gottes Kind kann ich sterben – alle Kinder Gottes sterben früher oder später… Nur eine rosarote Brille aufzusetzen und zu sagen: „Als Christ ist immer alles ganz toll und prima“, das ist letztendlich kein echter Trost und kein echter Halt.

Es geht nicht um ein Verdrängen oder ein Übertünchen der Angst, es geht nicht darum, die Angst weg zu lächeln, sondern es geht darum, an dem fest zu halten, der stärker ist als alle Angst. Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh. 16,33) Als Mensch lebe ich in der Welt und folglich auch immer wieder in der Angst. Nicht ich selbst habe die Welt überwunden, sondern Jesus. Meine eigene Angst kann ich nur in der Verbindung mit Jesus überwinden. Als Christ werde ich nicht frei von Angst, aber ich bin gehalten und getröstet in dem, der die Welt überwunden hat. Wo es mir gelingt auf diesen Jesus zu schauen, da werde ich durch die Angst hindurch gehalten. Aber es gelingt eben nicht immer und ständig, sondern oft nur ansatzweise.

Am letzten Sonntag haben wir mit unserer Band im Gottesdienst die Musik gemacht. Als letztes Lied haben wir gespielt: „Halleluja, der Herr regiert.“ Trotz aller Angst halte ich daran fest: Der Herr regiert. Egal wie die OP ausgeht. Ich sage das nicht blauäugig oder leichtfertig. Während des Liedes blieb mir an einer Stelle selbst der Atem weg und die Worte blieben im Hals stecken. Aber auch meine Angst und mein Erschrecken ändert nichts daran. Es bleibt dabei: Halleluja, der Herr regiert! Er hat die Welt überwunden.

Jeremia 15, 10-21 Leiden an Gott

Dieser Realismus und diese Ehrlichkeit tun mir gut. Jeremia kämpft mit Gott. Er klagt und jammert. Er ist frustriert und deprimiert. Er leidet unter einem massiven Burn-out und wäre am liebsten nie geboren worden. Ein heutiger Psychiater würde ihn wahrscheinlich mit Anti-Depressiva voll pumpen. Die Bibel schweigt darüber nicht. Sie versucht nicht, diese schweren Erfahrungen schön zu reden.

So ist das Leben nun mal – auch als Christ. Es läuft nicht alles glatt. Gott schickt nicht immer ein Wunder vom Himmel, so dass man glücklich, zufrieden und ohne Probleme vor sich hin leben kann. Jeremia erlebt im Gegenteil Gott als denjenigen, der ihn einsam macht und der ihn nieder beugt (V.17). Daneben darf er immer wieder auch die Erfahrung machen, dass Gott ihn stärkt, dass er ihm Freude und Trost schenkt. Beides steht nebeneinander: Die Klage über einen Gott, der „ein trügerischer Born“ geworden ist, „der nicht mehr quellen will“ (V.18) und die Freude über den Gott, der durch sein Wort satt macht (V.16). In diesem Spannungsfeld spielt sich auch mein Leben als Christ ab.

Gott löst die Verzweiflung des Jeremia nicht einfach auf, indem er ein Wunder zelebriert, das endlich die störrischen Israeliten überzeugt und das Leiden des Jeremia beendet. Er gibt ihm einfach nur die Zusage, dass er sich zu Jeremia halten will (V.19). Wenn Jeremia weiterhin ein treuer Prediger Gottes bleibt, dann wird er ihn beschützen, ihm helfen, ihn erretten.
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Psalm 102 – Von ganz unten nach ganz oben

Wieder mal ein Gebet von einem der am Ende ist und der zu Gott schreit. Er scheint schwer krank zu sein und dem Tod nahe. In eindrücklichen Bilder beschreibt er seine Lage: „Ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen.“ (V.10) Er fühlt sich von Gott nicht geborgen und getröstet, sondern „hochgehoben und zu Boden geworfen“ (V.11) Also: Ganz unten, ganz dunkel, ganz aussichtslos…

Was tun? Der Beter blickt ins andere Extrem. Nach oben, ins Licht, ins Unvergängliche. Was für ein Kontrast! Überdeutlich stellt der Beter den Gegensatz zwischen seiner Vergänglichkeit und der Ewigkeit Gottes heraus. Gott hat vorzeiten die Erde erschaffen und auch die Erde wird einmal vergehen. Gott wird Himmel und Erde wechseln, wie wir Menschen die Kleidung wechseln (V.27). Aber Gott selbst wird bleiben (V.27f).

Tröstet das wirklich? Oder ist das nicht erst so richtig deprimierend? Man sitzt selbst im Dunkeln und Kalten und weiß nur: irgendwo, weit weg von mir, ist es schön hell und warm…
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Psalm 91 – Getragen trotz Fußschmerzen

„Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (V.11-12) Bei solchen Aussagen bin ich immer hin- und hergerissen zwischen Freude und Getröstet-Sein auf der einen Seite und stirnrunzelnder Skepsis auf der anderen Seite.

Diese Verse klingen ja toll, aber wenn ich mein Leben und das Leben anderer Christen anschaue, dann kann ich eigentlich nur den Kopf schütteln und sagen: „Das ist doch Quatsch! Ich werd nicht ständig von Engeln auf Händen getragen, so dass ich nicht einmal meinen Fuß an einem Stein stoße! Natürlich haut’s auch uns Christen immer wieder in den Dreck – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Diese Aussagen sind doch ziemlich übertrieben!“

Andererseits merke ich doch auch immer wieder, dass Gott mir tatsächlich Halt und Trost gibt, dass seine Engel mich tatsächlich tragen. Nicht in dem Sinn, dass mir gar nichts Schlimmes mehr zustößt und ich nicht auch mal mit meinem Fuß kräftig gegen einen Stein knalle – aber doch so, dass ich auf einer tiefen und existentiellen Ebene spüre, dass ich getragen bin.
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