Johannes 16, 16-33 Wir wissen nicht, was er redet

„Wir wissen nicht, was er redet.“ (V.18b) Das finde ich mich in den Jüngern wieder. So geht es mir mit diesen Text auch. Da gibt es so manches, was ich nicht richtig verstehe. Jesus redet davon, dass es noch „eine kleine Weile“ dauert, dann werden sie ihn nicht mehr sehen (V.17). Dann wird es wieder „eine kleine Weile“ dauern und sie werden ihn wieder sehen. Das erste scheint in der damaligen Situation ganz offensichtlich auf Jesu Kreuzestod anzuspielen. Nur noch wenige Stunden, dann wird Jesus nicht mehr unter seinen Jüngern sein.

Aber was ist mit dem zweiten gemeint? Jesu Auferstehung oder Jesu endgültige Wiederkunft, nach seiner Rückkehr zum Vater? Für die erste Möglichkeit spricht der Ausdruck „eine kleine Weile“. Jesus verwendet ihn sowohl für die Zeit bis zu seinem Tod, als auch für die Zeit, bis die Jünger ihn wiedersehen werden. Das macht mehr Sinn, wenn damit die Auferstehung gemeint ist. Andererseits spricht Jesus in V.28b von seinem Weggang zum Vater – damit ist wohl nicht die kurze Zeit zwischen Kreuz und Auferstehung gemeint, sondern sein endgültiger Weggang nach der Auferstehung. Wiedersehen würden wir Jesus dann erst bei seinem endgültigen und zweiten Kommen in die Welt.

Leben wir jetzt in der Zeit der Traurigkeit, weil Jesus nicht mehr leibhaftig auf der Welt ist, sondern bei seinem Vater? Oder leben wir in der Zeit der Freude, weil er aus dem Tode auferstanden ist und damit eigentlich alle Fragen beantwortet sind? „Wir wissen nicht, was er redet.“ Vielleicht weil beides irgendwie zutrifft. Zwischen Jesu Auferstehung und seinem zweiten Kommen leben wir in einer Zwischenzeit. Eigentlich ist schon alles geschehen und alles klar. Andererseits leben wir noch immer in einer vergänglichen Welt und wir spüren am eigenen Leib, dass Angst, Fragen und Traurigkeit noch nicht endgültig aus der Welt verschwunden sind. Jesus fasst es so zusammen: „In der Wellt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (V.33)

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Lukas 21, 29-38 Das Herz nicht beschweren

Bei diesem Abschnitt hat mich besonders V.34 angesprochen: „Hütet euch aber, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit täglichen Sorgen…“ Herrlich direkt und ohne falsche Zurückhaltung! Wenn wir fressen und saufen, dann ist das ja eigentlich der Versuch, die Sorgen zu ersticken. Dann wollen wir uns ja eigentlich ablenken und den Frust vergessen. Aber in Wahrheit geschieht dabei genau das Gegenteil: Wir beschweren unsere Herzen! Wir laden uns letztendlich zusätzliche Sorgen auf. Die Sorgen werden nur verdrängt, aber nicht überwunden.

Sorgen wirklich abgeben zu können, ist aber gar nicht so einfach. Es ist leichter, sie mit Ersatzbefriedigungen zu verdecken und eine Zeit lang zu vergessen. Mir geht es auf jeden Fall so. Ich weiß natürlich vom Verstand her, dass ich mir als Christ keine Sorgen machen brauche, bzw. dass ich meine Sorgen bei Gott abgeben darf. Aber die Gedanken, die um die Sorgen kreisen und immer weiterkreisen abzustellen, ist eine große Kunst. Das muss mir immer wieder neu von Gott geschenkt werden.

Mir ist dazu heute folgender Liedvers begegnet, der mich sehr angesprochen hat: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“

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Siegfried Lenz: Schweigeminute

Ein schönes und melancholisches kleines Büchlein. Hat mir gut gefallen. Lenz lese ich immer wieder gerne. Er ist kein spektakulärer Erzähler, keine ausgefallenen und abgedrehten Geschichten und Figuren. Aber er ist ein Erzähler, ein guter Erzähler. In der heutigen Literatur wollen ja viele durch ungewöhnliche Geschichten, Personen oder einen spektakulären Schreibstil auffallen (zumindest wenn es nicht gerade seichter Kitsch sein soll oder ein Fließbandkrimi). Lenz erzählt einfach nur. Auf ruhige, aber gekonnte Art. Das mag ich.

In dieser Novelle geht es um einen Gymnasiasten, der sich in seine Englisch-Lehrerin Stella verliebt. Lenz arbeitet sehr schön die Hoffnungen und Träume, aber auch die Ängste und Schwierigkeiten heraus, die diese Liebe mit sich bringt. Das ganze endet natürlich tragisch: Stella kommt durch einen Unfall ums Leben. Der traurige Schüler, Christian, erzählt angesichts der Schweigeminute auf der schulischen Trauerfeier der Verstorbenen, dem Leser von ihrer Liebe. Wobei er beim erzählen zwischen Bericht und direkter Anrede an seine tote Liebe wechselt. Auch zeitlich wird immer wieder zwischen der Trauerfeier und der erzählten Geschichte gewechselt.

Dass man als Leser von Anfang an weiß, wie es enden wird, nimmt der Erzählung nichts von ihrer Spannung. Im Gegenteil, dadurch wird die Geschichte zwischen Christian und Stella nur noch intensiver. Wobei ich auch zugeben muss, dass mir die Figur der Stella letztendlich doch etwas zu perfekt und glatt erscheint. Von Anfang an liegt auf ihr der verklärte Blick, mit dem man bei der Trauerfeier das Leben eines Verstorbenen anschaut. Aber es geht ja auch nicht in erster Linie um sie, sondern um Christian und sein Trauer.

Erstaunlicherweise bemerkte ich in dem Buch keine Wut, keine verzweifelte Frage nach dem Warum. Es wird vor allem eines deutlich: Traurigkeit. Es wird nicht Gott angeklagt, wie er so etwas zulassen konnte, sondern es wird einfach nur die Trauer und der Schmerz des Verlustes deutlich. Man ahnt, dass diese Erlebnisse Christian nicht aus der Bahn werfen werden, aber der Verlust wird sein Leben prägen und ihn verändern.

Ich finde das einen guten Umgang mit Trauer und Schmerz. Diese Themen werden in unserer heutigen Welt all zu oft ausgeblendet. Schmerz und Tod darf nicht sein. Und wenn es doch vorkommt, dann finden wir oft gar keine angemessene Weise damit umzugehen. Richtiges Trauern ist gar nicht so einfach. Wir verdrängen viel lieber und wundern uns dann, dass uns das krank macht.

Philipper 2, 25-30 Gott erbarmt sich

Ich mag diese Nüchternheit. Epaphroditus, ein Abgesandter der Gemeinde von Philippi, war wohl schwer erkrankt und wieder gesund geworden. Paulus sagt dazu ganz schlicht: „Und er war todkrank, aber Gott hat sich über ihn erbarmt.“ (V.27) Ich kann mir vorstellen, wie in so mancher Gemeinde aus diesem Geschehen ein Riesenereignis gemacht worden wäre. Man hätte es als großartige und wunderbare Heilung aufbauschen können. Man hätte damit Werbung machen können für die nächsten zehn Heilungsgottesdienste: „Seht her, unser Gott heilt sogar Todkranke!“

Paulus sagt nur lapidar: „Gott hat sich über ihn erbarmt.“ Dabei kann Paulus an anderen Stellen durchaus überschwänglich und begeistert formulieren. Wie kein anderer kann er die Gnade und Liebe Gottes groß machen. Aber ins Schwärmen gerät er eben v.a. dann, wenn es um Gott geht, nicht wenn es um den Menschen geht. Nicht das menschliche Glück und die menschliche Heilung steht im Zentrum, sondern Gott.

Paulus weiß nur zu gut, dass Gott nicht alle Traurigkeit einfach weg nimmt. Auch das wird in V.27 deutlich: „Gott hat sich über ihn erbarmt; nicht allein aber über ihn, sondern auch über mich, damit ich nicht eine Traurigkeit zu der anderen hätte.“ Das heißt doch nichts anderes, als dass die andere Traurigkeit noch da ist und Gott sich (noch) nicht darüber erbarmt hat. Wirklich alle Tränen der Traurigkeit werden erst in Gottes ewiger Welt abgewischt werden (Offb. 21,4).
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Psalm 126 – Das langsame Wachsen der Freude

Bei diesem Psalm ist die Luther-Übersetzung nicht so besonders geglückt. Die ersten drei Verse sind wohl besser in der Vergangenheit zu übersetzen und in V.4 ist es angemessener statt „bringe zurück unsere Gefangenen“ zu übersetzten: „wende unser Geschick“. Richtig übersetzt erinnern sich die Beter an Gottes große Befreiungstat (die Befreiung aus dem babylonischen Exil) und bitten Gott in ihrer jetzigen Situation auf ähnliche Weise einzugreifen.

Das ist bis heute eine gute Art und Weise zu beten: Wenn’s einem dreckig geht und man sich nach Gottes Eingreifen sehnt, dann sollte man sich zurück erinnern an Erfahrungen, wo Gott geholfen hat. Oft verblassen diese Erfahrungen und es ist einem gar nicht mehr bewusst, dass unser Mund einmal voll Lachen war und unsere Zunge voll Rühmens. Oft sieht man nur die gegenwärtigen Tränen und rechnet gar nicht damit, dass man irgendwann auch wieder mit Freuden ernten darf (Der Freitod von Robert Enke, der gerade in den Medien aufgebauscht und genüsslich ausgeschlachtet wird, zeigt uns wie verzweifelt man in den gegenwärtigen Tränen gefangen sein kann…).

Wobei ich bei diesem Bild sehr den Realismus schätze: Denn zwischen dem tränenvollen säen und dem Ernten liegt eine lange Zeit des Wachsens. Es dauert. Es braucht Zeit. Echte, tiefe Freude ist keine schnell angerührte Instant-Freude, sondern eine langsam wachsende Frucht. Auch Gottes Eingreifen kann dauern und sich hinziehen.

2. Korinther 7, 5-16 – Gute Traurigkeit

Wir wollen nicht traurig sein, nein! Wir wollen Spaß, Glück, Zufriedenheit… Traurig sein ist schwach und uncool. Paulus schreibt dagegen hier von einer Traurigkeit, die uns erlösen kann. Natürlich nicht die Traurigkeit selbst. Gott kann Traurigkeit in unserem Leben benutzen, um uns zur Umkehr zu bewegen. Aber Paulus warnt auch: Ohne Umkehr führt die Traurigkeit in den Tod.

Paulus hatte die Korinther durch den sogenannten „Tränenbrief“ betrübt. Der Brief ist nicht mehr erhalten und wir wissen nicht genau, was er geschrieben hat. Aber seine Worte müssen die Korinther geschmerzt und wachgerüttelt haben. Sie sind nun wieder bereit zur Versöhnung mit Paulus. Die Traurigkeit hat sie zur Umkehr gebracht – und Paulus freut sich darüber.

Vielleicht wollen wir heute die Traurigkeit und den Schmerz viel zu schnell wegwischen. Wir wollen es gar nicht zulassen, dass andere oder wir selbst traurig werden. Wir haben Angst vor den tödlichen Folgen der Traurigkeit, die ja auch Paulus anspricht. Aber dabei nehmen wir uns auch eine große Chance: Gott kann die Traurigkeit benutzen, um uns wachzurütteln und um uns zur Umkehr zu bringen. Wenn etwas Neues entstehen soll, dann muss ich zunächst einmal dem Alten ins Auge blicken – auch wenn mich das schmerzt und mich traurig macht.

William P. Young: The Shack

Noch ein Buch, das ich im Urlaub verschlungen habe: The Shack von William P. Young. Es ist ein Buch in welchem in Romanform versucht wird, Antworten auf die Theodizee-Frage (die Frage, warum Gott das Leid zulässt) zu finden. Ein ziemlich hoher Anspruch und eigentlich eine unlösbare Aufgabe. Aber gemessen an diesem Anspruch ist das dem Autor erstaunlich gut und unterhaltsam gelungen.

Die Geschichte dreht sich um Mack, ein Familienvater im mittleren Alter. Sein Leben ist von einer großen Traurigkeit durchdrungen seit seine sechsjährige Tochter bei einem Campingurlaub entführt und ermordet wurde. Eines Tages bekommt er einen seltsamen Brief: Jemand will ihn in der abgelegenen Hütte treffen, in welcher die letzten Spuren seiner vermissten Tochter und ihres Mörders gefunden wurden. Unterschrieben ist die Nachricht mit „Papa“. Die Frau von Mack nennt Gott als ihren liebenden Vater gerne „Papa“…

Mack lässt sich auf diese Einladung ein und begegnet dort tatsächlich Gott. Allerdings ist Gott ganz anders, als man sich das landläufig so vorstellt. Gott erscheint ihm in Form einer großen und liebevollen schwarzen Frau, eines entspannten Schreiners aus dem mittleren Osten und einer einsichtsvollen und flüchtig wirkenden Frau aus Asien. An der Stelle dachte ich zunächst: Moment! Was soll der Humbug!?! Aber der Autor macht auf charmante Weise deutlich, dass er natürlich nicht Gott an sich beschreibt, sondern dass Gott sich Mack auf diese Weise zeigt, damit er von ihm akzeptiert und verstanden wird. Durch diese Verfremdung gewinnt man einen erfrischend anderen Blick auf Gott.

Mack bleibt ein Wochende in der Hütte und hat viele Gespräche mit den drei göttlichen Personen. Stück für Stück werden seine Gefühle, Zweifel und Fragen bearbeitet und er gewinnt wieder Vertrauen in die Liebe und Güte Gottes.

Die Konzeption des Buches (dass Gott selbst mit einem Betroffenen die große Frage nach dem Leid in der Welt durcharbeit) ist zum einen sehr interessant und herausfordernd, zugleich ist es eine große Gefahr: Für Gott selbst gibt es natürlich keine ungelösten Fragen, für ihn ist das Leid kein Problem, für ihn ist das Problem eher, dass Mack eben diese göttlichen Einsichten noch nicht hat. Dadurch dass Gott selbst auf die Theodizee antwortet, verflachen meines Erachtens die Antwortversuche und auch das Leid selbst wird letzten Endes heruntergespielt. Ich denke wir haben keine völlig befriedigende Antworten auf diese Fragen (zumindest in dieser irdischen Welt) und wenn der Autor versucht, aus der Sicht Gottes diese Fragen zu beantworten, dann übernimmt er sich zwangsläufig.

Eine Tendenz des Buches ist, dass sehr stark die liebevolle und freundliche Seite Gottes betont wird. Er ist der gute Kumpel, der eigentlich nur unser Bestes will, der aber oft durch die äußeren Umstände dieser eigenwilligen Welt seine guten Absichten nicht so ohne weiteres durchsetzen kann. Dass Gott zornig sein kann über die Sünde, dass er allmächtig ist und dass sein Wesen unser Verstehen weit übersteigt, bleiben Seiten Gottes, die kaum beleuchtet werden.

Aber wie gesagt: Angesichts der Herausforderung, der sich der Autor gestellt hat, ist ihm ein erstaunlich gutes Buch gelungen. Natürlich kann auch er keine letzten Antworten geben. Und man darf seinen Roman auch nicht all zu hart auf theologische Richtigkeiten abklopfen. Wenn man das Buch als Anlass nimmt, einmal einen neuen, erfrischend anderen Blick auf Gott und die Frage nach dem Leid zu wagen, dann ist es sehr inspirierend und bewegend.