Apostelgeschichte 7, 17-43

In seiner Beschreibung der Mosegeschichte hebt Stephanus vor allem hervor, wie das Volk damals Mose – und damit Gottes Rettungsangebot – mehrfach abgelehnt haben. Der Punkt auf den Stephanus damit abzielt ist klar: Mit Jesus hat es das Volk nun ebenso gemacht. In Jesus sieht Stephanus die Verheißung erfüllt, dass Gott einen Propheten wie Mose senden wird (V.37).

Gottes Rettungsangebot zu erkennen, scheint nicht immer einfach zu sein. So manches mal kann dabei die eigene Frömmigkeit im Weg stehen. Denn der Hohe Rat, vor dem sich Stephanus zu verantworten hat, sieht sich ja gerade in der Treue zu Mose. Sie wollen Mose nicht so einfach aufgeben, um einem anderen Retter hinterher zu laufen. Sie wollen Mose und dem Gesetz, das er ihnen gegeben hat, treu sein. Aber gerade dieses blinde Festhalten an vergangenen Rettungstaten Gottes verschließt ihre Augen für das neue Handeln Gottes in Jesus Christus.

Stephanus hält beides fest: er sieht sich in der Tradition von Abraham, Mose und anderen. Aber er hat auch offene Augen für Gottes neues Handeln in Jesus Christus. Gott schenke mir die offenen Augen, das offene Herz und die nötige Weisheit, um das auch zu tun: Gottes Handeln in Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen zu erkennen.

| Bibeltext |

Apostelgeschichte 7, 1-16 Unsere jüdischen Wurzeln

In seiner Rede vor dem Hohen Rat macht Stephanus von Anfang an klar, wie sehr sein Glaube an Jesus Christus im jüdischen Glauben verwurzelt und verankert ist. Das ist vor einem jüdischen Gericht sicher auch ein taktisch kluges Vorgehen. Aber die Verwurzelung des christlichen Glaubens in der jüdischen Geschichte und Tradition ist auch eine theologische Grundwahrheit des Neuen Testamentes, welche auch noch für uns heute gilt. Wir stehen auch heute als Christen noch in der Tradition des alttestamentlichen Gottesvolkes. Alle Versuche unseren Glauben von seinen jüdischen Wurzeln „zu reinigen“ sind zu recht gescheitert. Abraham, Isaak, Jakob und seine zwölf Söhne sind auch meine Glaubensväter.

| Bibeltext |

Richter 2 Die zweite Generation

Ja, das Problem der zweiten Generation. Die Generation nach Josua hat keine Wüstenerfahrung mehr, der Einzug ins verheißene Land liegt lange zurück, man hat sich an den status quo gewöhnt, die großen Glaubenserlebnisse der Väter kennt man nur noch aus der Erzählung. Nach der Generation um Josu kam „ein anderes Geschlecht auf, das den Herrn nicht kannte noch die Werke, die er an Israel getan hatte. Da taten die Israeliten, was dem Herrn missfiel, und dienten den Baalen.“ (V.10f)

Das ist bis heute z.B. bei Gemeindegründungen zu beobachten. Die Gründergeneration startet mit großem Elan, Begeisterung und Hingabe. In der zweiten und dritten Generation diese Lebendigkeit zu erhalten, ist ungemein schwierig. Das Erreichte scheint so selbstverständlich und die Glaubenserfahrungen der Vorgänger können nicht so einfach zu eigenen Glaubenserfahrungen werden. Jede Generation muss neu zu Gott finden, muss ihren eigenen Weg mit Gott gehen. Tradition alleine reicht nicht, das kann schnell wegbrechen.

| Bibeltext |

Kohelet 7, 1-14 Einerseits und Andererseits

Es ist gar nicht so einfach den Prediger richtig zu verstehen. Er setzt sich immer wieder mit traditioneller Weisheit auseinander, d.h. er zitiert bekannte Sprüche oder gibt sie in abgewandelter Form wieder. Dann nimmt er oft auch kritisch dazu Stellung. Schwierig ist nun: Was ist Zitat und was ist seine eigene Meinung? Damals gab es keine Satzzeichen, man konnte nicht so einfach und deutlich markieren, was Zitat ist und was eigene Meinung. Das macht das Lesen und Verstehen schwierig.

Ein Beispiel aus diesem Textabschnitt: in V.11-12 sagt Kohelet, dass Weisheit Leben erhält und beschirmt. Dann kommt aber in den V.13-14 die Kritik und Einschränkung an dieser optimistischen Sicht der Weisheit: Wer kann das gerade machen, das Gott krümmt? Gott hat nicht nur die guten Tage geschaffen, sondern auch die bösen Tage kommen von Gott. Auch Weisheit kann an diesen bösen Tagen nichts ändern. Kohelet schließt sich hier durchaus einer traditionellen Weisheitsaussage an, aber er macht auch die Beobachtung, dass das nicht immer automatisch stimmt. Auch das Leben des Weisen wird nicht immer nur erhalten und beschirmt, auch er muss die Erfahrung von bösen Tagen machen.

Manche nervt vielleicht dieses Ja-Aber. Manche hätten lieber klare Aussagen, die unter allen Umständen gelten und nicht dieses ewige Einerseits-Andererseits. Aber ich finde es dem Leben angemessen. Unsere menschliche Weisheit ist immer Stückwerk, auch wenn sie auf biblischer Wahrheit basiert. Absolut ist alleine Gott, unsere Weisheit ist immer bruchstückhaft. Wirklich weise ist, wer dies erkennt und seine Einsichten und Lebensweisheiten dementsprechend demütig und vorsichtig formuliert.

| Bibeltext |

Jeremia 1, 1-3 Religiöses Establishment

So, nach den Petrusbriefen nun wieder etwas längeres und alttestamentliches: Jeremia. Einer der drei sogenannten „großen Propheten“ des Alten Testaments (Jesaja, Jeremia und Hesekiel – groß nicht als Werturteil, sondern wegen dem Umfang ihrer Bücher). In den ersten Versen wird kurz seine Herkunft erwähnt und die Zeit in der er gelebt hat.

Jeremia stammt aus einer Priesterfamilie und ist in Anatot, einem kleinen Ort etwas fünf Kilometer nördlich von Jerusalem aufgewachsen. Er kommt also aus dem religiösen Establishment und ist ganz nah am religiösen Zentrum Israels (dem Tempel in Jerusalem) aufgewachsen. Ich find’s schön, dass Gott ganz unterschiedliche Menschen beruft und gebraucht. Da ist z.B. der Prophet Amos, der Schafhirte war und den Gott für einige Zeit als Prophet gebraucht. Aber da ist auf der anderen Seite eben auch jemand wie Jeremia, für den Glaube schon längst Tradition ist und dessen Familie hauptamtlich für Religion zuständig ist.

Wir stehen ja alle in der Gefahr, Leute von ihrer Herkunft und ihrem Umfeld her zu beurteilen. Manchen ist es vielleicht suspekt, wenn jemand aus religiöser Tradition kommt und Glaube sozusagen zum „Geschäft“ gehört. Andere sind wiederum vorsichtig, wenn jemand ganz ohne theologische Bildung und dann noch als einfacher Schafhirte den Anspruch hat Gottes Wort weiter zu geben. Aber Gott ist das alles ziemlich schnurz. Er braucht nur ein Herz, das offen ist, um ihn zu hören und zu gehorchen.
Bibeltext

Psalm 122 – Von Außen nach Innen

Dieser Psalm ist ein Wallfahrtslied. Die frommen Juden sollten nach Möglichkeit drei mal im Jahr zum Tempel in Jerusalem pilgern. In dem Psalm wird etwas von der Freude deutlich, die die Pilger bei der Ankunft in Jerusalem empfinden.

Ich hab noch nie eine Pilgerreise gemacht. Ich hab keinen großen Drang, irgendwo besondere heilige Orte aufzusuchen. Wie für viele evangelische Christen ist für mich der Glaube eine Sache des Herzens und nicht eine Sache des äußeren Ortes. Und doch bringt mich dieser Psalm ins Nachdenken: Haben wir da nicht auch etwas verloren? Konzentrieren wir uns zu sehr auf die Innerlichkeit und haben so manche äußeren Ausdrucksmöglichkeiten und Hilfsmittel des Glaubens verloren?

Ich glaube nicht umsonst sind viele (auch nichtgläubige) Menschen von solchen Pilgerwegen wie dem Jakobusweg begeistert. Ich glaube schon dass so eine Pilgerreise auch die innere Einstellung verändern kann. Diese Erfahrung – tagelang unterwegs zu sein, das Ziel vor Augen zu haben und dann endlich am Tempel, dem Symbol von Gottes Gegenwart anzukommen – diese Erfahrung kann ich durch reine Innerlichkeit nicht so leicht herstellen. Wir verweisen gerne auf die Gefahr, dass solche äußeren Traditionen leicht zum reinen äußeren Schrein verkommen können. Aber schütten wir da nicht manchmal auch das Kind mit dem Bade aus? Kann der Glaube nicht auch manchmal von außen nach innen wachsen?
Bibeltext

Psalm 50 – Was steht dahinter?

John WesleyHab mich in letzter Zeit ein wenig mit John Wesley, dem Begründer der methodistischen Bewegung, beschäftigt. Der Mann ist irgendwie echt krass. Wie jeder Mensch hat er seine Schwachpunkte und problematische Seiten. Nüchtern betrachtet war er wahrscheinlich ein Workaholic – ständig in Action. Das faszinierende an ihm, ist sein Hingabe und die Konsequenz, mit der er sein ganzes Leben versucht hat auf Christus auszurichten.

Bei diesem Psalm musste ich an ihn denken. In dem Psalm geht es darum, dass es Gott nicht auf die Opfer selbst ankommt, sondern auf das, was dahinter steht. Übertragen könnte man sagen: Es kommt Gott nicht auf irgendwelche kirchlichen Traditionen an (wobei die nicht an sich schlecht sind; V. 8: „Nicht deiner Opfer wegen klage ich dich an“), sondern auf das, was in den Traditionen deutlich werden soll. Manche Israeliten haben die Opfer missverstanden, so als ob der Mensch Gott mit Tieren „füttern“ muss, damit er zufrieden ist. Aber Gott kommt es auf den Dank an, der beim Menschen dahinter stehen sollte. Der andere Punkt in dem Psalm ist, dass wir nicht nur schön von Gott und seinen Geboten reden sollen, sondern dass wir konkret danach leben sollen.

Beide Anliegen finde ich auch bei John Wesley wieder: Es ging ihm nicht um äußerliche Traditionen, die waren ihm nicht so wichtig. Er hat da nicht viel Neues erfunden, sondern blieb von der Gottesdienstform her einfach beim anglikanischen Gottesdienst. Wichtig war ihm, dass mit diesen Traditionen und äußerlichen Formen auch tatsächlich Menschen erreicht und angesprochen wurden. Und wenn man dazu vor den Fabriken im Freien predigen musste, dann tat er das halt einfach (auch wenn das bis jetzt keine anerkannte kirchliche Tradition war). Zugleich war er in seinem Leben richtig besessen davon, dass wir nicht nur schöne Reden halten, sondern dass wir der Glaube sich im Leben auswirkt, dass wir konsequent und zielstrebig die Liebe zu Gott und zum Nächsten in unserem Leben umsetzen (auch und gerade dann, wenn wir uns eigentlich gar nicht so liebevoll fühlen).
Bibeltext
___
Foto: wikimedia

Psalm 21 – Vom ehrlichen Gebet zur Heuchelei

Noch einmal ein Psalm, in dem es um den (irdischen) König geht. Man nimmt an, dass dieser Psalm bei der Königskrönung vorgetragen wurde oder bei der jährlichen Erinnerung. In überschwänglicher Weise wird beschrieben, wie Gott den König segnet. Der König ist fröhlich in Gott und vertraut auf ihn.

Nun frag ich mich: Das mag ja für manche Könige, wie z.B. David, zugetroffen haben. Aber wie war das bei anderen Königen? Wahrscheinlich wurde dieser Psalm nicht nur bei einem König vorgetragen, sondern er wurde aufgeschrieben, ging in die Tradition über und wurde auch für andere Könige verwendet. Aus der Bibel wissen wir, dass ein Großteil der Könige, vor allem im Nordreich Israel, aus Sicht des Glaubens sehr negativ bewertet wurden. Viele kümmerten sich nicht groß um den Gott Israels, sondern liefen anderen Göttern nach.

Und schwups: So schnell kann aus einem vielleicht anfänglich ehrlich gemeinten Gebet die reine Heuchelei werden. Mir fallen dabei manchen Lobpreislieder ein, die ja auch oft eine etwas übertriebene und überschwängliche Sprache haben: Meinen wir das wirklich immer, was wir da singen? Mir stockt da manchmal der Atem. Nur ein Beispiel: „Das höchste meines Lebens ist, dich lieben, Herr.“ Eigentlich kann ich das nur als Wunsch singen und nicht als Feststellung. Wo fängt da die Heuchelei an? Müssten wir nicht manchmal lieber schweigen?Bibeltext

Matthäus 15, 1-20 – Kleinkarierte Traditionalisten

Köstlich, wie Jesus hier mit seinen Kritikern umgeht. Da sind ein paar besonders fromme Leute, denen es nicht passt, dass die Jünger Jesu die traditionellen Reinheitsvorschriften nicht genau genug befolgen. Jesus geht gar nicht auf die Kritik ein, sondern hält den Kritikern den Spiegel vor: Bei euch ist es noch viel schlimmer! Ihr übertretet zwar nicht irgendwelche tradtionellen Vorschriften, aber ihr übertretet Gottes Gebote selbst. Und dann führt er aus, dass man Reinheit vor Gott nicht mit äußerlichen Handlungen herstellen kann, sondern dass dafür ein reines Herz notwendig ist.

Ich könnt jetzt wunderbar über die viele kleinkarierten Traditionalisten schimpfen, die es auch heute noch bei den besonders Frommen gibt. Leute, die so sehr in ihren Traditionen gefangen sind, dass sie die lebendige Quelle längst verloren haben. Aber das ist immer das einfachste und bequemste: Einen Bibeltext auf die anderen abschieben und sich selbst aus der Schusslinie nehmen. Wie sieht’s denn bei mir aus? Gibt’s in meinem Glauben nicht auch manches Eingefahrene, über das ich gar nicht mehr nachdenke? Gibt’s da nicht auch viele Bereiche, wo ich weit weg von der lebendigen Quelle bin?

Auch übrigens: Manchmal kann die Ablehnung aller Tradition auch zu einer Tradition werden, die nur noch aus Prinzip geschieht und nicht mehr danach fragt, was Gott eigentlich will. Manchmal kann das Bedürfnis alles anders zum machen als die Glaubenväter und -mütter auch zu einem unhinterfragbaren Postulat werden, durch das auch viele gute Tradtionen einfach aus Prinzip über Bord geworfen wird… Jesus sagt ja nicht, dass alle Tradition schlecht ist, sondern nur wenn sie Gottes ursprünglichem Willen widerspricht. Und oft bilden sich gerade an den Stellen, wo man unüberlegt alle Traditionen über Bord wirft, sehr schnell neue fragwürdige Traditionen.