Römer 5, 6-11: Der gottlose Paulus

Ich finde es beeindruckend, wie Paulus seine Theologie der Rechtfertigung allein aus Gnaden auch auf seine eigene Person anwendet. Er spricht hier in diesem Abschnitt betont von „wir“ und „uns“, d.h. er schließt sich selbst mit ein. Auch für ihn gilt: Ohne Christus war er „schwach“, ja sogar „gottlos“ (V.6). Wenn wir den Lebenslauf des Paulus anschauen, dann könnte man ja mit einigem Recht sagen, dass er als strenggläubiger und gesetzestreuer Pharisäer alles andere als gottlos war. Er wollte eigentlich mit aller Konsequenz dem Gott der Bibel dienen.

Aber im Rückblick, von der Erfahrung aus, in Christus angenommen und gerechtfertigt zu sein, bezeichnet Paulus diesen Zustand als gottlos. Ganz schön gewagt! Und ganz schön demütig! Das ist das besondere an der Theologie des Paulus: er hat sie selbst in seinem Leben durchbuchstabiert. Sie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern er hat sie erlebt und erfahren. Christus nimmt denjenigen, der ihn und die Gemeinde fanatisch verfolgt, aus reiner Gnade an.

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Römer 1, 1-7 Wer bin ich?

Der Römerbrief ist ein Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom, in dem er sich selbst und vor allem seine Theologie vorstellen möchte. Er hat die Gemeinde nicht selbst gegründet und war auch noch nie dort. Aber er will seine Missionsbemühungen nach Westeuropa ausdehnen und hofft dabei auf die Unterstützung der römischen Gemeinde. Zum Glück haben wir diesen Brief, den nirgendwo anders stellt Paulus seine Theologie so ausführlich und systematisch dar. Das liegt natürlich daran, dass er in den anderen Briefen auf konkrete Fragen und Probleme der Gemeinden eingeht und darum auch konkreter und spezieller schreibt. Hier im Römerbrief nimmt er sich Zeit für unbekannte Leser seine Ansicht des Evangeliums ausführlich darzustellen.

Bei damaligen Briefen gab es keinen Briefumschlag mit Absender und Adressangabe. Das geschieht in den ersten Sätzen des Briefes selbst – so auch hier im Römerbrief. Paulus stellt sich vor als „ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes.“ (V.2) Das ist interessant, wie er mit wenigen Worten das seiner Meinung nach wichtigste über seine Person sagt. Er sieht sich als Knecht Christi. Das klingt in unseren Ohren erst einmal sehr demütig. Ist es natürlich einerseits auch. Aber andererseits stellt er sich damit in die Linie so mancher alttestamentlicher Figuren, die auch den Ehrentitel Knecht Gottes erhielten: Mose, Josua, David und die Propheten. Dahinter steckt also auch ein gewisser Anspruch.

Auch stellt Paulus gleich fest, dass er sich selbst als Apostel sieht – das war ja wohl damals in manchen Kreisen durchaus umstritten. Denn Paulus war dem leibhaftigen Jesus nie begegnet, sondern ist erst durch den auferstandenen Christus zum Glauben gekommen. Trotzdem sieht er sich als einen der Apostel – der maßgeblichen Augenzeugen von Jesus Christus. Er weiss auch ganz genau, was seine persönliche Aufgabe von Gott her ist: Gott hat ihn ausgesondert das Evangelium zu predigen. Dass das für ihn klar und unumstösslich war, das sieht man auch seinem Lebenslauf an.

Wie würde ich mich in einem Brief an unbekannte Menschen vorstellen? Könnte ich das auch so klar benennen? Wer bin ich in Gottes Augen? Was ist meine Aufgabe? Habe ich das wirklich erkannt und folge dieser Bestimmung? Ob sich da auch Paulus immer so klar und sicher war, wie es in diesen wenigen Worten anklingt?

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N. T. Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes

Wright: Das Neue TestamentWas für eine Mammutaufgabe, die sie N.T. Wright hier vorgenommen hat. Unter dem Übertitel „Ursprünge des Christentums und die Frage nach Gott“ will er ein Gesamtwerk zur neutestamentlichen Theologie vorlegen. Es geht ihm schon vom Anspruch her nicht um irgendwelche Detailfragen, sondern er will einen Gesamtentwurf und Gesamtblick für das Neue Testament entwickeln. Nicht nur einen zusammenfassenden Überblick, sondern einen theologisch stringenten Gesamtentwurf des ganzen Neuen Testaments. Sein Werk ist auf sechs Bände angelegt und das vorliegende knapp 700-seitige Buch „Das Neue Testament und das Volk Gottes“ ist nur das erste Buch dieser Reihe.

In diesem ersten Band geht es um die Grundlagen: Erkenntnistheoretische Fragen und der weltanschauliche Hintergrund von Juden und Christen im ersten Jahrhundert. Im Jahr 1992 erschien das Original auf Englisch: „The New Testament and the People of God“ (auf deutsch erschien es 2011 bei Francke). Im zweiten Band geht es dann um die Frage, wer Jesus war und was er wollte („Jesus and the Victory of God“, 1996; „Jesus und der Sieg Gottes“, 2013). Der dritte Band beschäftigt sich mit dem Thema Auferstehung – allgemein und im besonderen mit der Auferstehung Jesus („The Resurrection of the Son of God.“, 2003; „Die Auferstehung des Sohnes Gottes“, 2014). Der aktuell neuste Band ist der vierte, in dem Wright seine Paulusinterpretation entfaltet („Paul and the Faithfullness of God“, 2013). Parallel zu diesem vierten Band ist auch ein Buch zur Forschungsgeschichte erschienen („Paul and his Recent Interpreters“,2014). Im fünften Band soll es dann um die Theologie der Evangelien gehen und der sechste Band wird eine zusammenfassende Synthese bieten. Man sieht: ein anspruchsvolles Programm! N. T. Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes weiterlesen

Johannes 9, 8-23 …und niemand freut sich

Eine seltsame Heilsungsgeschichte. Anstatt dass sich die Menschen freuen, dass ein Blinder wieder sehend wurde und Gott dafür loben, wird der Geheilte ausgefragt wie ein Verbrecher. Wie ist das geschehen? Wer hat das getan? Als dann noch heraus kommt, dass die Heilung an einem Sabbat geschah, rückt nicht nur Jesus selbst, sondern auch der Geheilte und seine ganze Familie noch mehr ins Zwielicht.

In der Art wie diese Begebenheit erzählt wird, spiegelt sich sicher auch die Situation zwischen der christlichen Gemeinde und der jüdischen Gemeinde zur Zeit der ersten Leser wieder. In dem Abschnitt hier taucht Jesus selbst nicht auf, es ist nur ein Gespräch zwischen einem von Jesus Geheilten und seinem Umfeld. Viele sind misstrauisch und wollen genau wissen, was geschehen ist. Die Eltern des Geheilten haben Angst davor, mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden. Zur Zeit der Abfassung des Johannesevangeliums gab es wohl solche Spannungen zwischen jüdischer und christlicher Gemeinde. Zu dieser Zeit wurden auch Christen aus der Synagoge ausgestoßen (V.22). Immerhin wird in dem Abschnitt auch deutlich, dass sich die Pharisäer untereinander nicht einig waren (V.16). Manche sahen in Jesus durchaus jemand, der von Gott kam, andere lehnten ihn ganz ab.

Auf jeden Fall ist es traurig, wenn ein solch positives Ereignis wie eine Heilung durch verschiedene theologische oder glaubenspolitische Standpunkte zerredet wird. So geht es, wenn Theologie und Dogma wichtiger werden als Gottes Liebe zu den Menschen. Das heißt nicht, dass Theologie und Dogma unnötig sind, aber dass sie im richtigen Verhältnis eingeordnet werden müssen.

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Apostelgeschichte 22, 22-30 Rom sei Dank?!

Das Werben und die Argumente des Paulus überzeugen seine Zuhörer nicht. Im Gegenteil, sie sind umso fester entschlossen, Paulus aus dem Weg zu räumen. In dieser brenzligen Situation rettet Paulus ausgerechnet sein römisches Bürgerrecht. Wie wir an dem römischen Oberste sehen, war das damals ein ziemliches Privileg und hat einem so manche Vorteile verschafft. Auf dem Hintergrund von solchen Erfahrungen ist es verständlich, wenn Paulus im Römerbrief (13,1-7) dazu auffordert, sich der stattlichen Obrigkeit unterzuordnen, weil sie von Gott eingesetzt sei.

Andere biblische Schreiber haben nicht so positive Erfahrungen mit dem römischen Reich gemacht. Johannes, der Schreiber der Offenbarung z.B., lebt in einer Zeit, in welcher der römische Kaiser versucht, seine göttliche Verehrung durch zu setzen. Die Christen, die ihm das verweigerten, mussten mit Verfolgung rechnen. Für ihn ist Rom die große Hure Babylon (Offb.17), welche sich schwer gegen Gott versündigt und einmal gerichtet wird.

Wir sehen hier, wie schon in der Bibel Theologie auch von persönlicher Erfahrung geprägt ist. Das kann auch gar nicht anders sein. Wir nehmen Gottes Reden immer nur gefärbt durch unser persönliches Erleben war. So ist es auch schon in der Bibel. Es gibt keine neutrale und unpersönliche Offenbarung Gottes, sondern er redet zu bestimmten Personen in bestimmten Zeiten. Wir sehen auch, wie sich Gottes Urteil über eine Weltmacht wie Rom im Lauf der Zeit ändern kann. Offenbarung ist immer auch geschichtlich. Sie ist in eine bestimmte Situation hinein gesprochen. Von daher ist es beim Bibellesen immer wichtig zu überlegen, in welche Zeit und zu welchen Personen Gott damals gesprochen hat, wie unsere Zeit heute aussieht und was Gottes Reden dann für uns heute und für mich persönlich zu bedeuten hat.

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Apostelgeschichte 10, 34-48 Kurskorrektur

Ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der jungen Christenheit. Hier wird Petrus eindrücklich deutlich gemacht, dass Gott in Jesus Christus alle Menschen erreichen möchte. Gott sieht die Person nicht an (V.34). Petrus erkennt, dass Menschen nicht erst Juden werden müssen, um an Jesus zu glauben und den Heiligen Geist zu empfangen. Allein durch seine Predigt des Evangeliums (V.37-43) kommen Menschen zum Glauben und Gott schenkt ihnen den Heiligen Geist (V.44). Für die Judenchristen war das ein Schock (V.45) – dieser Gedanke war für sie so ungewöhnlich und fremd! Für sie war es selbstverständlich, dass man nur als Jude an den Gott Israels und an den Messias Jesus glauben konnte.

Ich habe mich bei dem Text gefragt, warum Gott das so kompliziert gemacht hat. Warum braucht es dieses besondere Erlebnis? Warum hat Jesus nicht einfach seinen Jüngern erklärt, dass auch Heiden ihm nachfolgen dürfen? Das hätte er doch schon zu Lebzeiten klar stellen können, dann wäre das für Petrus und die anderen Jünger später nicht so schwer zu verstehen gewesen.

Obwohl ich schon lange Jahre Christ bin, bleibt dieser Gott der Bibel immer auch ein rätselhafter, überraschender, unverfügbarer und oft auch verborgener Gott. Ich habe ihn nicht in der Hand. Ich verstehe ihn nie völlig. Er bleibt immer anders. Meine Theologie bleibt Stückwerk. Meine Ansichten über Glaube, Gott und die Welt haben immer wieder Korrektur nötig. Das war selbst bei Petrus so. Obwohl er viel Zeit in Jesu leiblicher Nähe verbracht hatte, viel gesehen, erlebt und gehört hatte, war seine Theologie Stückwerk und seine Ansicht über Glaube, Gott und die Welt hatte Korrektur nötig.

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Kolosser 2, 8-15 Menschenweisheit und göttliche Offenbarung

Ja, das schreibt sich so leicht, dass man seinen Glauben nicht auf Philosophie und Menschenlehre bauen soll, sondern auf Christus (V.8). Bei manchen Philosophien ist das unmittelbar einsichtig, dass sie sich nicht auf Christus gründen. Aber das gefährliche sind doch die christlichen Irrlehren, die sich ganz bewusst auf Christus beziehen wollen, dabei aber so manches verdrehen. Da ist die Unterscheidung dann nicht mehr so einfach.

Man kann es sich natürlich einfach machen und ganz strikt sagen: alle menschliche Weisheit und alles menschliche Denken ist böse, allein die göttliche Offenbarung ist gut. Deswegen sind manche Christen auch kritisch gegenüber der Theologie eingestellt – weil da mit menschlicher Weisheit über die göttliche Offenbarung nachgedacht wird. Manche wollen es sich einfach machen und nur beim wortwörtlichen Verständnis der Schrift bleiben, alles Nachdenken über die Schrift ist für sie schon vom Teufel.

Aber das ist natürlich nur eine scheinbare Lösung. Um die Schrift und um Gottes Offenbarung zu verstehen, brauchen wir ganz einfach unseren menschlichen Verstand. Die Bibel besteht aus menschlichen Worten, die gedeutet und im Zusammenhang verstanden werden müssen. Es geht gar nicht anders. Wir brauchen menschliche Weisheit um die göttliche Offenbarung zu verstehen. Ansonsten bräuchten wir die Schrift gar nicht und brauchten nur darauf zu vertrauen, dass Gott ganz direkt jedem Christen die Wahrheit ins Herz und ins Denken hinein gießt. Aber Gott hat offensichtlich einen anderen Weg gewählt. Darum bleibt es bis heute schwierig und herausfordernd, zwischen Menschenweisheit und göttlicher Offenbarung zu unterscheiden. Wobei das ja nicht immer ein Gegensatz sein muss…

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Peter Rollins: How (not) to speak of God

Rollins: How to (not) speak of GodPeter Rollins ist in Belfast geboren und aufgewachsen. Seine frühen Glaubenserfahrungen waren charismatisch geprägt. Am der Queen’s University von Belfast studierte er Philosophie, seinen Master machte er auf dem Gebiet der politischen Theorie und für seinen Doktor beschäftigte er sich mit poststrukturellem Denken. Wie so viele aus der Bewegung der „emerging church“ arbeitet er kritisch seine charismatisch-evangelikalen Wurzeln aus postmoderner Perspektive auf.

„How to (not) speak of God“ ist sein erstes Buch. Es ist im Jahr 2006 erschienen. Das Vorwort schreibt eine Gallionsfigur der ermergenten Bewegung: Brian McLaren. Rollins unterteilt sein Buch in zwei Teile. Im ersten Teil entfaltet er theoretische Grundlagen und im zweiten Teil wird gezeigt, wie das praktisch dann in Gottesdiensten aussehen kann.

Sein Grundgedanke ist eine Paradoxie: Zum einen stellt er fest, dass wir als Menschen gar nicht angemessen von Gott reden können, weil er der völlig Andere ist. Zugleich hält er fest, dass Gott das eine Subjekt ist, von dem und zu dem wir nicht aufhören dürfen zu reden. Deswegen auch der Doppeltitel: von Gott reden, obwohl wir es eigentlich nicht können.

Gegenüber einem Evangelikalismus, der glaubt man könne sehr deutliche Aussagen darüber machen, wer Gott ist und an welche theologischen Doktrine wir glauben müssen, betont Rollins die Andersartigkeit Gottes. Gott ist größer als unser menschliches Denken, wir können ihn immer nur bruchstückhaft und auf dem Hintergrund unserer kulturellen Prägung erahnen. Er bleibt ein Mysterium. Gegenüber einem liberalem Relativismus hält er daran fest, dass Gott als das Absolute existiert und dass wir mit unserem Reden und Denken diesem Mysterium näher kommen können. Allerdings wird nach meinem Empfinden die Argumentation gegen ein evangelikales Besserwissen stärker betont als die Vorbehalte gegen einen postmodernen Relativismus.

Für Rollins geht es nicht darum, den „richtigen Glauben“ zu haben (d.h. die an die richtigen dogmatischen Erkenntnisse zu glauben), sondern darum auf „richtige Weise zu glauben“ (d.h. den Glauben richtig zu leben). Im Bild ausgedrückt: Wichtig ist nicht, dass ein Baby intellektuell erfassen kann, wer seine Mutter ist, sondern dass es spürt, wie es von ihr gehalten wird. Die Wahrheit des christlichen Glaubens können wir nicht beschreiben, sondern nur erfahren. Es geht nicht darum, dass jeder die Wahrheit auf dieselbe Weise interpretiert, sondern dass wir alle die Wahrheit lieben und von ihr verändert werden.

Wenn wir meinen, Gott mit unseren theologischen Erkenntnissen in der Hand zu haben, dann wir unser Verständnis von Gott zu einem Götzen. Wir verehren nicht mehr Gott selbst, sondern unser Gottesbild. Wir können deshalb nicht von Gott an sich reden, sondern nur von unserem Verständnis von Gott. Schon die Bibel lehnt es deshalb ab, sich ein Bild von Gott zu machen. Gott kann nicht in Bildern – auch nicht in theologisch-intellektuellen Gottesbildern – erfasst werden.

Trotzdem ist für ihn der Inhalt dieses Gottesbildes nicht völlig beliebig. Rollins vergleicht es mit einem Kunstwerk. Bei einem Kunstwerk gibt es nicht die eine, all für allemal richtige und ewig gültige Interpretation. Jeder Betrachter kann etwas anderes in dem Kunstwerk entdecken. Die Interpretation eines jeden ist geprägt von seinen Erfahrungen, seiner Persönlichkeit, seiner Kultur und vielen anderen Dingen. Aber zugleich gibt es Interpretationen, die eindeutig der Absicht eines Kunstwerkes widersprechen können. Ein harmonisches, friedvolles Bild kann man z.B. nicht als Aufforderung zur Gewalt interpretieren. Es gibt also Grenzen der legitimen Interpretation.

Im zweiten Teil werden 10 „Veranstaltungen“ der „Ikon-Community“ dargestellt. Diese gottesdienstliche Events fanden tatsächlich in einem kleinen Pup in Nordirland statt. Auf kreative Art und Weise werden dort traditionelle Gottes- und Glaubensvorstellungen hinterfragt und die Teilnehmer zum Nachdenken und Diskutieren über Gott angeregt.

Rollins bezieht sich theologisch auf Karl Barth, der ja auch immer wieder die Andersartigkeit Gottes betont. Aber Barth zieht daraus andere Konsequenzen: Er lässt Gott nicht als dunkles Mysterium stehen, sondern schreibt in seiner Kirchlichen Dogmatik tausende von Seiten, wie er sich Gott vorstellt.

Ein anderer theologischer Anknüpfungspunkt sind für Rollins einige Gedanken von Bonhoeffer zu einem „religionslosen Christentum“. Rollins sieht seine Ausführungen als Fortführung dieser bruchstückhaften Ansätze. Das ist interessant, denn auch Bonhoeffer hat im Grunde eine postmoderne Erfahrung gemacht: alte Gewissheiten, wie seine gutbürgerliche Staatstreue, die Kirche als Organisation oder überhaupt das Christentum als Religion, sind für ihn angesichts des dritten Reiches und des Krieges zerbrochen. Auch seine eigene Identität hat er in der Gefangenschaft hinterfragt (im Gedicht „Wer bin ich?“) und er sieht sich am Ende nur gehalten von der Erfahrung, dass er in allen Fragen von Gott gehalten ist („Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“) Aber es ist müßig, darüber zu spekulieren, in welche Richtung sich Bonhoeffer weiterentwickelt hätte. Er wird ja heute von allen möglichen Richtungen (von liberal bis evangelikal) gerne vereinnahmt. Ich glaube, er war ein solch radikaler und eigenständiger theologischer Denker, dass er seinen ganz eigenen Weg gegangen wäre.

Was nehme ich für mich aus diesem Buch mit? Bei mir bleiben gemischte Gefühle und Gedanken zurück. Zunächst einmal ist Rollins ein scharfer Denker, der sich mit dem Thema Postmoderne auskennt und seine Gedanken dann auch noch interessant, anschaulich und mit überraschenden Sprachschöpfungen darstellen kann. Er arbeitet viel mit Bildern und Parabeln. Er schreibt engagiert und herausfordernd.

In seiner kritischen Analyse unserer selbstgemachten Gottesbilder stimme ich ihm zu. Er weist zurecht auf die Gefahr hin, dass wir unser eigenes Gottesbild zur Wahrheit selbst umfunktionieren. Die Dekonstruktion, das Auseinandernehmen von traditionellen Vorstellungen gelingt ihm sehr gut.

Allerdings bleibt für mich das, was er an die nun entstandene Leerstelle stellt, schwammig. Das ist wahrscheinlich gewollt, weil wir ja keine absoluten Aussagen machen können. Es bleibt ein bisschen Nächstenliebe, Toleranz und Mysterium. Es bleibt am Ende mehr Form als Inhalt. Auch die zehn Gottesdienste fand ich spannend, interessant und herausfordernd. Aber wenn ich mir vorstelle, nur noch so Gottesdienst zu feiern und ständig nur alles in Frage zu stellen, dann fände ich das ziemlich deprimierend.

Gegen alle postmoderne Skepsis müssen wir doch festhalten, dass der Sohn Gottes Fleisch geworden ist. Er hat sich greifbar und erlebbar gemacht. In Jesus Christus ist der ganz andere Gott, den wir nie völlig verstehen und begreifen können, in Fleisch und Blut sichtbar geworden. Er hat uns Menschen sein Gottesbild sehen lassen. Natürlich haben wir auch in Jesus Christus die Wahrheit nicht als Besitz. Aber auch in der Postmoderne müssen wir überlegen, welche Interpretation angemessen ist und wo Grenzen überschritten sind, die Gottes Offenbarung in Jesus Christus widersprechen. Klar: die Form in der wir glauben und Theologie betreiben ist wichtig („beliefing the right way“) – aber darüber den Inhalt („right belief“) völlig aus den Augen zu verlieren ist keine Lösung.

(Amazon Link: Peter Rollins: How (not) to Speak of God)

Mary Glazener: Der Kelch des Zorns

Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte. Wir alle haben schon von Dietrich Bonhoeffer gehört, jeder Schüler begegnet ihm im Religions- oder Konfirmandenunterricht. Aber die trockenen Eckdaten seines Lebens können nicht ersetzen, was uns die Autorin hier auf gut fünfhundert Seiten eindrucksvoll ausbreitet.

Das Buch erzählt die letzten gut zehn Jahre im Leben des Dietrich Bonhoeffer in Romanform. Es ist ein packender Bericht über die Kämpfe Bonhoeffers: mit seiner Kirche, mit den politischen Geschehnissen, aber auch mit sich selbst und mit Gott. Es ist keine trockene Biographie, sondern eine dramatische Nacherzählung der Geschehnisse. Soweit ich es beurteilen kann, ist es trotzdem gut und zuverlässig recherchiert.

Der Roman ist sprachlich gesehen keine Besonderheit, aber er erzählt spannend und mit fesselnder Dramaturgie aus dem Leben Bonhoeffers. Ohnehin gewinnt der Roman aus seinem Gegenstand seine besondere Kraft. Es ist einfach immer wieder beeindruckend und für uns lasche Christen heute oft beschämend, mit welcher Kraft und Hingabe Bonhoeffer seinen Glauben gelebt hat. Natürlich war auch er nur ein Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er wäre der letzte, der sich gerne als makelloser Heiliger verehren ließe. Aber gerade in seiner Schwachheit beeindruckt die Konsequenz seiner Nachfolge.

Ich habe auch den Film über Bonhoeffer gesehen, in welchem auch seine letzten Lebensjahre beschrieben werden. Im Buch wird naturgemäß alles breiter und deutlicher erzählt. Auch das Innenleben Bonhoeffens wird deutlicher. Was mir im Vergleich zum Film besonders aufgefallen ist: wie tief Bonhoeffer auch aktiv in die Widerstandsbewegung verwickelt war. Bonhoeffer war nicht nur am Rand des politischen Widerstandes, sondern gehörte zum innersten Zirkel. Das ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet ein lutherischer Theologe, der sich von seinem Hintergrund her bequem aus dem Reich des Staates heraus halten hätte können und sich stattdessen auf die geistlichen Dinge, auf das Reich der Kirche hätte konzentrieren können, dass ausgerechnet solch ein Theologe sich so tief in die Niederungen der Politik herab gelassen hat! Aber Bonhoeffer hat als einer der wenigen in der damaligen Kirche ganz klar erkannt, dass sich Glaube nicht auf schöne und beschwichtigende Worte beschränkt, sondern dass Glaube auch der Mut zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt beinhaltet.

Auch das wird in dem Roman schön deutlich: Er hätte sicher einen bequemen Ausweg finden können. Er hätte den Krieg überleben können und er hätte sicher noch bis heute bedeutsame theologische Arbeit leisten können. Aber es war für ihn eine Gewissensfrage: er sah seinen Platz in Deutschland, um dort selbst gegen den Unrechtsstaat kämpfen zu können. Was hat er und seine Familie alles ertragen müssen, wegen dieser mutigen Entscheidung!

Eine Begebenheit, welche im Roman erzählt wird und welche nichts mit Politik zu tun hatte, hat mich besonders beeindruckt. In seinem Predigerseminar hat Bonhoeffer die Wichtigkeit der persönlichen Beichte hervorgehoben. Als Lutheraner der damaligen Zeit hatten weder er noch seine Schüler praktische Erfahrungen mit der Beichte. Aber aus seiner Beschäftigung mit der Schrift ist Bonhoeffer klar geworden, dass es wichtig ist, seine Sünden nicht nur Gott zu beichten, sondern auch konkret einem Bruder. Das hat er dann auch konkret von seinen Seminaristen gefordert. Das erstaunliche war, dass auch er selbst die Beichte erst einüben musste. Und zwar nicht bei einem älteren und erfahrenen Geistlichen, sondern er hat sich seinen Schüler Eberhard Bethge als „Beichtvater“ heraus gesucht. Er hat ihm nicht nur einige oberflächliche Sünden erzählt, sondern ihm von seinen inneren Kämpfen und Nöten erzählt. Ein Theologieprofessor beichtet seinem Schüler! Einem Schüler, dem er auch danach täglich begegnet ist und der einer seiner besten Freunde wurde. Wie viel Demut gehört zu solch einer Handlung! Diese kleine Begebenheit zeigt, wie ernst Bonhoeffer nicht nur über die Nachfolge gelehrt und geschrieben hat, sondern sie auch selbst praktiziert hat.

Wer meint, er hat in seinem Leben und Glauben mit schwierigen Problemen zu kämpfen, wer meint, er verstehe Gottes Wege nicht, wer meint, dass Gott oder die Umstände sein Leben besonders schwer machen, der sollte dieses Buch lesen – das wird einiges zurecht rücken. Und alle anderen sollten es auch lesen, um aus einem selbstzentrierten und bequemen Christsein aufgerüttelt zu werden.

(Amazon-Link: Glazener: Der Kelch des Zorns)

Johannes Reimer: Gott in der Welt feiern

Dieses Buch lag schon längere Zeit auf meinem Schreibtisch und ich habe mich gefreut, in den letzten Tagen Zeit zu haben, es durch zu lesen. Ich hatte recht große Erwartungen. Der Autor, Dr. Johannes Reimer, ist auf der einen Seite Wissenschaftler – er unterrichtet als Professor für Missionswissenschaften – und zugleich hat er Praxiserfahrung in der Gemeindearbeit. Ideale Voraussetzungen um ein fundiertes Buch über Gemeindeaufbau im Bereich des Gottesdienstes zu schreiben. Leider bin ich mit dem Buch nicht so richtig warm geworden. Mich hat es nicht wirklich angesprochen, begeistert und überzeugt. Vielleicht hatte ich auch zu hohe Erwartungen.

Es ist trotzdem ein lesenswertes Buch mit vielen guten Gedanken und Beobachtungen. Gut gefallen hat mir seine grundsätzliche Einstellung zum Gottesdienst: es geht in erster Linie um Gott und nicht um den Menschen. Gottesdienste werden zuallererst gefeiert, um Gott die Ehre zu geben und nicht um die Bedürfnisse der Besucher zu befriedigen. Reimer beklagt zurecht, dass es in vielen Gottesdiensten eine passive Konsumhaltung gibt und dass dies dem Gottesdienst schadet.

Ein Schwerpunkt des Buches ist neben der Ausrichtung des Gottesdienstes auf Gott zugleich auch seine Ausrichtung auf die Menschen. Das hört sich paradox an, ist es aber nicht: es geht nicht um religiöse Dienstleistung, sondern um das, was Gott selbst am Herzen liegt: dass Menschen zum Glauben finden. Das ist die Missio Dei: Gott will Menschen durch den Gottesdienst erreichen und zu einem Leben mit ihm einladen. Es geht darum, um einen missionalen Gottesdienst. D.h. ein Gottesdienst, der nicht nur diejenigen im Blick hat, die schon seit Jahrzehnten kommen, sondern diejenigen, die noch nicht kommen. Reimer gebraucht hier bewusst das Stichwort „missional“ weil es ihm in Abgrenzung zu einem rein missionarich-evangelistischen Gottesdienst auch um die gesellschaftliche Relevanz von Gemeinde und Gottesdienst ankommt. Gemeinde und damit auch ihr Gottesdienst, soll kulturell relevant sein für die Menschen in ihrer Nähe.

Positiv sehe ich auch seine Unterscheidung zwischen Inhalt und Form des Gottesdienstes (obwohl wir heute ja alle wissen, dass wir Form und Inhalt nie sauber trennen können, dass beides unauflöslich miteinander verknüpft ist). Reimer betont die Vorrangstellung des Inhaltes: zu jedem Gottesdienst gehören von der Bibel her bestimmte Inhalte. Das macht aber die Form nicht unwichtig. Im Gegenteil sie ist sehr wichtig – aber sie ist veränderbar. Für Reimer muss sie in unserer heutigen multikulturellen und schnelllebigen Zeit sogar extrem wandelbar sein. Die Form des Gottesdienstes muss sich dem jeweiligen Kontext anpassen, sonst erreicht sie die Menschen nicht. Theologisch begründet wird das mit der Inkarnation Jesu Christi. Auch hier hat sich der der Inhalt (der Sohn Gottes) an die Form (die Kultur der damaligen Welt) angepasst und konnte so die Menschen erreichen.

In diesem Zusammenhang betont der Autor auch, dass es nicht die eine richtige Form des Gottesdienstes gibt. Er geht verschiedene Gottesdienstformen durch (von liturgischen Gottesdiensten bis zu virtuellen Gottesdiensten im Internet) und stellt fest, dass alle ihre Vor- und Nachteile haben. Entscheidend ist, für wen der Gottesdienst gedacht ist: Wer soll erreicht werden und was ist die beste Form dafür. Kritisch anfragen kann man hier, ob mit einer radikal kontextuellen Form des Gottesdienstes nicht auch Inhalte verloren gehen. Eine weitere Frage ist für mich, ob man hier nur von einer kontextuellen Anpassung an die Kultur und den Zeitgeist ausgehen sollte oder man nicht auch bewusst im Gottesdienst das Andersartige und die Abgrenzung zur Welt deutlich machen sollte. Gerade das Andersartige und Neue kann ja auch für Menschen wieder attraktiv sein!

Was mich beim Lesen sehr gestört hat, ist der Stil des Buches (anderen Lesern mag es da anders gehen). Ich habe mich geärgert über manch platte Verallgemeinerungen, populistische Zuspitzungen und suggestive Fragen, die ich von einem Theologieprofessor nicht erwartet hätte. Ich habe mich gewundert, dass auf der einen Seite oft theologische Fremdwörter benutzt werden (teilweise, ohne sie richtig zu erklären) und andererseits an vielen Stellen theologisch nur sehr oberflächlich argumentiert wird. Gestört haben mich die vielen Vokabeln aus dem Managementbereich („hoch effektive Leitung“, „wie funktioniert effektive Gottesdienstleitung“, „Erfolg oder Misserfolg des Gottesdienstes“; allein diese Beispiele sind auf einer Seite zu finden! S. 135). So als ob man nur die richtigen Schrauben drehen muss, damit Gottesdienst erfolgreich und effektiv wird! Sehr oft spricht er auch davon, „Räume zu schaffen“ im Gottesdienst – das bleibt aber eine leere Floskel, die wenig Konkretes aussagt.

Insgesamt bleibt bei mir der Eindruck, dass die große Stärke des Buches auch zugleich seine große Schwäche ist: es will auf der einen Seite theologisch fundiert und stringent sein, auf der anderen Seite aber zugleich auch praxisorientiert und konkret. Es will biblisch-theologische Grundlagen legen, aber zugleich auch praktische Erfahrungsweisheiten eines Gemeindegründers weitergeben. Auf der einen Seite stellt Reimer richtig fest, dass es von der Bibel her gesehen keine einheitliche Sicht dessen gibt, „was die Bibel unter Gottesdienst versteht, vor allem unter der einen ‚richtigen‘ Form“ (S.27). Auf der anderen Seite möchte er möglichst konkrete Punkte, Vorgehensweisen und Schemata an die Hand geben, wie man erfolgreiche und effektive Gottesdienste feiert.

(Amazon-Link: Johannes Reimer: Gott in der Welt feiern)