Johannes 9, 1-7 Die Frage nach dem Leid

Wenn jemand krank ist, dann muss das doch einen Grund haben. Nach damaligem Verständnis hat entweder der Kranke selbst oder seine Eltern Schuld auf sich geladen. Die Krankheit ist dann die Strafe für diese Schuld. Dieser Gedanke ist uns auch heute nicht ganz fremd. Noch heute fragen Menschen, wenn ihnen etwas zustößt: „Warum gerade ich? Womit habe ich das verdient?“ Noch heute wollen wir für die Frage nach dem Leid gerne Erklärungen haben.

Jesus heilt in dieser Geschichte den Blindgeborenen. Er verneint ganz klar die Schuldfrage. Dieser Mann ist nicht blind, weil seine Eltern oder gar er selbst gesündigt hat (V.3). An ihm soll Gottes Macht offenbar werden, an ihm zeigt Jesus selbst seine Macht. Nun ist dies aber keine allgemeine Erklärung für die Frage nach Krankheit und Leid. Es ist nur eine Erklärung für diesen einen Blindgeborenen. Jesus lässt diese Frage also offen. Er gibt uns keine allgemeine Antwort auf die Frage nach Leid und Krankheit. Das bleibt auch für Christen eine drängende und unbeantwortete Frage.

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Philip Yancey: Disappointment with God

Yancey: Disappointment with GodEin Ausschnitt aus dem Buch hat mich neugierig gemacht und großer Erwartungen in mir geweckt. In einer Predigt habe ich ein längeres Zitat aus dem Buch gelesen und war von der offenen und schonungslosen Art, wie hier jemand von enttäuschtem Glauben redet getroffen. Anhand dieses Ausschnittes schien es mir, dass sich der Autor auf ebenso offene und schonungslose Art im ganzen Buch mit dem Thema beschäftigt. Schon während des Lesens musste ich feststellen, dass meine Erwartungen sich nicht so richtig erfüllt haben, bzw. dass ich die falschen Erwartungen hatte. Aber trotzdem ist es ein gutes und empfehlenswertes Buch.

Ausgangspunkt ist für Yancey die Erfahrung eines Freundes, welcher den Glauben an Gott verloren hatte. Anhand von dieser Infragestellung Gottes geht Yancey im Buch drei großen Fragen nach: Ist Gott unfair? Schweigt Gott? Ist Gott verborgen? Diese drei Fragen behandelt er in zwei großen Teilen: im ersten Teil des Buches geht er die ganze Bibel durch und versucht aus Gottes Perspektive auf menschliche Enttäuschung einzugehen. In einem zweiten Teil beleuchtet er die Fragen vom Buch Hiob aus. Philip Yancey: Disappointment with God weiterlesen

Daniel 5 Er hält die ganze Welt in seinen Händen

Wenn Gott so mächtig ist, dass er schnell mal den babylonischen König um die Ecke bringen kann, weil dieser die Tempelgefäße des Jerusalemer Tempels für ein heidnisches Gelage missbraucht, warum hat er dann nicht gleich von Anfang an verhindert, dass solch ein König an die Macht kommt? Dieser Gedanke ist mir beim Lesen dieses Textes gekommen. Ähnliche Fragen könnte man quer durch die Bibel stellen. Immer wieder wird geschildert, wie Gott mächtig ist und die menschliche Geschichte eingreift. Aber warum immer nur nachträglich eingreifen, wenn er doch die Macht hätte schon vorher zu handeln?

Gottes Handeln in der Welt können wir offensichtlich mit unserem einfachen Menschenverstand nicht so leicht nachvollziehen. Er hält die ganze Welt in seiner Hand und doch lässt er es zu, dass die Welt aus seiner Hand herausspringt. Er lässt es immer wieder neu zu, dass Menschen sich von ihm abwenden und lässt sie ihre eigene Wege gehen. Er zwingt seine Schöpfung nicht in feste Bahnen, sondern greift immer wieder zeichenhaft in unsere Welt ein, um auf sich aufmerksam zu machen.

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Hesekiel 18 Wer ist schuld?

Das Kapitel heute lässt bei mir eine Reihe von Fragen aufkommen. Hesekiel betont darin, dass jeder für seine eigene Schuld verantwortlich ist und dafür von Gott bestraft wird. In früheren Texten des AT, z.B. in 2.Mo.20,5 (das gehört zu den 10 Geboten, ist also ein sehr zentraler und wichtiger Text!), wird gesagt, dass Gott die Schuld der Väter heimsucht bis in die dritte oder vierte Generation. Warum einmal so und jetzt anders? Hat sich Gott etwas geändert? Beurteilt er Schuld bei Hesekiel anders als im 2. Mosebuch?

Hesekiel sagt, dass derjenige der ungerecht und gottlos lebt sterben soll, derjenige der gerecht und gläubig ist leben soll. Schön gesagt, aber stimmt das mit der Wirklichkeit überein? Warum trifft z.B. Hesekiel das Schicksal der Deportation obwohl er doch offensichtlich zu denjenigen gehört, die Gott vertrauen? Unsere Wirklichkeit bestätigt das nicht so simpel, wie Hesekiel es darstellt – es gibt genügend Gerechte die leiden müssen und genügend Ungerechte, denen es gut geht. Das ist ja gerade das Bedrückende für die Israeliten in Babylon: Sie haben das Gefühl, dass sie für die Sünden ihrer Väter bezahlen müssen (V.2). Hesekiel sagt ihnen zwar, dass es nicht so ist, aber ihre Erfahrung spricht nach wie vor dagegen.

Letztendlich aber bringen diese Fragen nichts – weder mir noch den damals Deportierten. Letztendlich ist für jeden nur das eine wichtig, was Hesekiel am Ende sagt: „Bekehrt euch, so werdet ihr leben.“ (V.32) Das ist eine Verheißung, die uns Gott gibt. Wir können vielleicht nicht immer erkennen, wie sie sich erfüllt – aber wir sollen sie ernst nehmen und darauf vertrauen, dass Gott sein Wort hält.

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Philipper 1, 12-14 Gott benützt das Leid

Sehr schön und differenziert ausgedrückt von Paulus. Er sitzt im Gefängnis und sagt dazu: „Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten.“ (V.12) Er sagt nicht, dass Gott es so geführt hat, dass Paulus ins Gefängnis muss, damit das Evangelium gefördert wird. Nein, er sagt, dass Gott diesen Gefängnisaufenthalt benützt, um das Evangelium zu fördern. Das ist ein Unterschied, ein wichtiger Unterschied. Nicht alles was geschieht, ist von Gott so gewollt und geplant. Aber Gott kann auch das Ungewollte und Ungeplante benutzen, um etwas Gutes daraus zu machen.

Diese Unterscheidung ist wichtig für unseren Umgang mit Leiderfahrungen. Manche sagen etwas verkürzt: „Gott wird sich schon was dabei gedacht haben. Er hat das alles so kommen lassen, damit…“ Aber das ist gefährlich, weil wir damit Gott selbst direkt für die Leiderfahrung verantwortlich machen. Das gibt ein schiefes Bild von Gott. Paulus macht sich keine Gedanken, warum er ins Gefängnis musste und wer dafür verantwortlich ist. Aber er sagt, dass Gott diese Umstände benutzt, um etwas Gutes daraus zu machen.

Ich mache da ähnliche Erfahrungen. Es ist müßig sich zu überlegen, wer für meinen Gehirntumor verantwortlich war (das Böse, meine Sünde, Gott selbst?). Das bringt letztendlich nichts. Aber ich durfte erleben, dass Gott diese Situation genutzt hat, um das Evangelium zu fördern – bei mir selbst und bei anderen. Und das ist viel wichtiger als die Frage nach dem Warum und Woher.
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Jeremia 27 Nehmt auf euch mein Joch

Nein, das kann doch nicht sein, dass uns Gott ein Joch auferlegt! Das kann doch nicht sein, dass wir uns einem fremden König unterwerfen sollen, der an falsche Götter glaubt! Das kann doch nicht sein, dass Gott uns wieder neu versklaven will und uns den Ochsen gleichstellen will, die ihr schweres Joch zu ziehen haben!

Gott hat uns doch aus der Sklaverei befreit, er hat uns doch mit starker Hand aus Ägypten befreit – warum sollte uns nun erneut zu Sklaven machen. Er ist doch ein Gott der Freiheit, der Liebe und der Gnade! Er hat uns doch erwählt zu seinem Volk! Wer ist schon dieser widerliche Nebukadnezar aus Babylonien? Unser Gott ist tausendmal stärker als alle weltlichen Könige und als alle teuflische Mächte. Er wird es nicht zulassen dass wir leiden, er wird es nicht zulassen, dass uns auch nur ein Haar gekrümmt wird.

Nein, das was Jeremia hier behauptet kann doch nicht wahr sein. Das stimmt nicht mit der biblischen Botschaft von Gott überein. Wenn uns Leid zustößt, dann kann dafür nicht Gott verantwortlich sein, das kann nur das Wirken von Gottes Feinden sein. Jeremia ist ein Lügner und falscher Prophet. Er verdunkelt Gott Gnade und Liebe. Er verkennt Gottes Güte und seine Treue. Nein, so etwas können wir nicht glauben!“
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Jeremia 8, 4-13 Die Anthropodizee-Frage

Wir Menschen sind ja schnell dabei, Gott die Warum-Frage zu stellen: „Gott, warum lässt du das zu? Warum gibt es so viel Leid in dieser Welt? Warum hast du das nicht verhindert?“ Das ist dann die sogenannte Theodizee-Frage. Jeremia dreht hier den Spieß herum. Er lässt Gott fragen: „Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für?“ (V.5) Gott als derjenige, der einfach nicht verstehen kann, warum sich der Mensch von ihm abwendet.

Jeremia verstärkt dieses Bild des Unverständnisses über uns Menschen mit einem Vergleich zum Tierreich. Die Tiere sind schlauer als das Volk zur damaligen Zeit. Der Storch, die Turteltaube, der Kranich und die Schwalben wissen instinktiv, wann es Zeit ist umzukehren. Nur der Mensch läuft ungebremst, voller Elan und ohne schlechtes Gewissen dem Untergang entgegen. Warum nur? Die „Anthropodizee-Frage“ (Anthropos=Mensch) ist genau so berechtigt wie die Theodizee-Frage (Theos=Gott).
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Jeremia 5, 15-19 – „Gott ist schuld“

Traurig, aber wahr – bis heute: Sobald im Leben was schief läuft, sind auch diejenigen, die sonst nie was von Gott wissen wollen, schnell dabei Gott dafür verantwortlich zu machen. Ganz klassisch sehen wir das hier bei Jeremia: „Und wenn sie sagen: Warum tut uns der Herr, unser Gott, dies alles?, sollst du ihnen antworten: Wie ihr mich verlasst und fremden Göttern dient in eurem eigenen Lande, so sollt ihr auch Fremden dienen in einem Lande, das nicht euer ist.“ (V.19)

Typisch Mensch, oder?! Ganz deutlich sagt ihnen Jeremia, dass es böse enden wird, wenn sie nicht zu Gott umkehren, aber keinen kümmert es. Wenn es dann soweit ist und die große Katastrophe kommt, dann wird Gott dafür verantwortlich gemacht. Dann sind alle ganz entsetzt und fragen sich, wie Gott nur so was zulassen kann… Das ist bis heute so: Wenn es uns gut geht und alles glatt läuft, fragt keiner nach Gott – sobald aber ein Unglück geschieht fragen alle: „Wo warst du Gott?“

Natürlich ist diese Warum-Frage durchaus berechtigt – aber was ist denn das für eine scheinheilige Heuchelei, wenn man sich einen Dreck um Gott kümmert und dann nur in der Not anklagend vor Gott tritt und fragt: Warum tut uns der Herr, unser Gott, dies alles?
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Psalm 93 – Größer als die Wasserwogen

In der Bibel lesen wir: „Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt.“ (V.1b) In den Nachrichten lesen wir: „Ein Tsunami hat nach dem heftigen Erdbeben vor den Samoa-Inseln im Südwestpazifik wahrscheinlich mehr als 120 Menschenleben gefordert.“ (Netzzeitung) In der Bibel lesen wir: „HERR, die Wasserströme erheben sich, die Wasserströme erheben ihr Brausen, die Wasserströme heben empor die Wellen; die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig; der HERR aber ist noch größer in der Höhe.“ (V.4-5) In den Nachrichten lesen wir: „Bis zu vier Meter hohe Wellen haben nach einem Erdbeben mit voller Wucht die Inselgruppe Samoa im Pazifik heimgesucht.“ (Netzzeitung)

Mhmmm… *grübel*…
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Psalm 82 – Sich Gott in die Arme werfen

Die letzten vier Psalmen machen auf mich den Eindruck, als ob sie alle mehr oder weniger um dieselbe Frage kreisen: Warum geht es dem Volk Gottes so schlecht? Warum lässt Gott sein Volk leiden? Die Psalmen sind Gebete und sie sind nicht theologische Lehrbücher. Aber doch wird in diesen Gebeten auch ein Stück weit die Theologie deutlich, die beim jeweiligen Beter im Hintergrund steht. In den Psalmen 79-82 werden grundsätzliche Antwortmöglichkeiten für diese Frage „durchgebetet“:

1. Gottes Zorn führt zum Leid: „Herr, wie lange willst du so sehr zürnen und deinen Eifer brennen lassen wie Feuer?“ (Ps.79,5) Oder: „Herr, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen, während dein Volk zu dir betet?“ (Ps. 80,5) Wobei hier im Hintergrund auch die Schuld der Väter (Ps.79,8) und die eigenen Sünden (Ps. 79,9) als Ursache für diesen Zorn Gottes gesehen werden.

2. Die Gottlosigkeit und Schuld der Menschen führt zum Leid: „Aber mein Volk gehorcht nicht meiner Stimme, und Israel will mich nicht.“ (Ps. 81,12) Das Volk ist selbst Schuld am Leid: Es hat sich von Gott abgewendet und muss die Folgen dafür tragen. Wenn es treu geblieben wäre, hätte Gott schon längst eingegriffen („Wenn doch mein Volk mir gehorsam wäre… Dann wollte ich seine Feinde bald demütigen“ Ps. 81,14-15).

3. Widergöttliche Mächte führen die Menschen ins Leid: Diese Denkmöglichkeit wird in Psalm 82 nur vorsichtig angedeutet. In einer Vision wird Gott als oberster Richter unter den Göttern dargestellt. Nach dieser Vorstellung gibt es eine Art „Götterrat“, in welchem Gott der Chef ist und er seine Macht an andere, ihm untergebene Götter delegiert hat. Das Leid kommt zustande, weil diese Untergötter ihre Arbeit nicht richtig erledigen. Wenn wir diese Linien weiter ziehen kommen wir zur Vorstellung des Satans als ein gefallener Engel, der seine Macht missbraucht und sich gegen Gott stellt.

Spannend, dass hier in den Psalmen all diese Möglichkeiten durchgedacht und durchgebetet werden. Rein logisch betrachtet sind das wohl die drei Richtungen, in die man die Frage nach dem Leid versuchen kann zu beantworten: Gott selbst steckt dahinter, der Mensch selbst ist schuld oder der Satan ist verantwortlich.

Wichtig bei all diesen Psalmen ist aber letztendlich nicht woher das Leid kommt, sondern an wen ich mich im Leid wende. Die Psalmen versuchen nicht die Ursache des Leids zu erklären, sondern sie schreien und beten mitten im Leid zu Gott. All diesen Betern ist klar: Es ist wichtig, dass wir uns Gott zuwenden, dass wir seine Nähe suchen, dass wir uns ihm in die Arme werfen. Und es ist ihnen klar: Der einzige der wirklich die Macht hat etwas zu verändern ist Gott selbst. Die Antwort auf die Frage nach dem Leid ist nicht die eine oder andere theologische Denkmöglichkeit, sondern das Gebet.
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