Hesekiel 42 Die heilige Priesterschaft

An manchen Stellen klingt Hesekiel recht neutestamentlich. Z.B. wenn er vom neuen Herz und neuen Geist redet, den Gott schenkt (Hes. 36,26f). Hier in dieser Tempelvision bleibt er allerdings seinem alttestamentlich-priesterlichen Gottes- und Weltbild treu. Am Ende des Kapitels schreibt er über die Tempelmauern. Sie sind dazu da, damit das Heilige vom dem Unheiligen geschieden sei (V.20). Davor berichtet er über die Kammern der Priester. Nur in diesen besonderen Kammern dürfen sie die heiligen Opfer verzehren. Danach müssen sie sogar ihre Kleider wechseln, bevor sie hinausgehen unter das Volk (V.14). Durch den Kontakt mit dem Heiligen sind selbst die Kleider heilig geworden und müssen vom profanen Volk getrennt bleiben.

In Jesus Christus zeigt sich der heilige Gott von einer ganz anderen Seite. Er hält sich in seiner Heiligkeit nicht getrennt vom profanen Volk, sondern wird selbst Mensch. Er wird selbst ein Teil der profanen Welt. Er trennt sich nicht durch hohe Tempelmauern ab vom Volk, sondern durch Jesus Christus baut er sich einen neuen, einen lebendigen Tempel. Nach 1. Kor. 3,16 sind wir selbst Gottes Tempel, weil Gottes Geist in uns wohnt. Wer zu Christus gehört ist selbst Teil der heiligen Priesterschaft, die nicht mehr Tieropfer schlachtet, sondern geistliche Opfer bringt (1. Petr. 2,5). Gott bleibt der Heilige, der ganz andere. Aber über Jesus Christus darf jeder Zugang zu ihm haben. Jeder kann Teil des lebendigen Tempels werden und jeder kann eintreten in die heilige Priesterschaft.

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Hesekiel 41 Bescheidene Wohnung

In diesem Kapitel wird in der Vision des zukünftigen Tempels auch das Allerheiligste beschrieben. Also der Ort, an dem Gott in besonderer Weise gegenwärtig ist. Was auffällig ist: es wird gar nicht viel dazu gesagt. Es wird nur gesagt, wie groß es ist: zwanzig auf zwanzig Ellen groß (ca. zehn mal zehn Meter). Für den Schöpfer der ganzen Welt sind das recht bescheidene Ausmaße. Es wird auch nicht beschrieben, was sich im Allerheiligsten befindet.

Schon an der Tempelarchitektur wird deutlich, dass es hier nicht um ein Heiligtum im religiösen Sinn geht. Es ist keine Statue oder Darstellung Gottes zu sehen, die von den Massen angebetet werden kann. Es ist keine menschlich-religiöse Stätte, an welcher der Mensch über Gottes Gegenwart verfügen kann. Gott bleibt auch im Tempel verborgen, unbegreifbar und unvorstellbar. Ein recht kleiner leerer Raum als Symbol für die Gegenwart Gottes. Selbst in der Vision darf dieser Raum nur vom Engel betreten werden und nicht von Hesekiel. Im tatsächlichen Tempel war es auch so, dass das Allerheiligste nur vom Hohenpriester einmal im Jahr betreten werden durfte. Gott bleibt auch im Tempel der ganz Andere und Heilige. Er ist viel größer und herrlicher, als dass er sich in einem irdischen Bauwerk einsperren ließe…

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Hesekiel 40 Tempelvision

In den folgenden Kapiteln finden wir die ausführlichste Vision des Hesekiel. Gott zeigt ihm die Vision des zukünftigen Tempels. Nicht mal nur so kurz im Überblick, sondern bis ins kleinste Detail und mit genauen Maßangaben beschreibt Hesekiel nun den Tempelbezirk. In Kapitel 40 geht es los mit den Außenmauern um den äußeren Vorhof und um den inneren Vorhof.

Für uns heute ist das alles ziemlich fremd. Warum ist es wichtig, wie dick die Mauern dieses visionären Tempelbezirks sind und wie die Tore aufgebaut sind? Aber ich kann mir vorstellen, dass dem Hesekiel bei dieser Vision das Herz aufgegangen ist. Sein Vater war Priester, er selbst war Priester. Seine Lebensaufgabe war eigentlich im Tempel in Jerusalem Gott zu dienen. Und jetzt ist er seit 25 Jahren im Exil im Babylon, weit entfernt von Jerusalem. Der Tempel in Jerusalem ist seit 14 Jahren zerstört. Diese Vision muss ihn tief im Innersten berührt haben. Die genaue Ordnung des Tempelaufbaus mit den Maßangaben war Balsam für seine Seele. Ein Gegenstück zu dem Chaos, das er seit 25 Jahren erlebt.

Für Hesekiel damals also eine durchaus angebrachte Vision von einer geordneten und heilen Zukunft mit Gott. Für uns heute müssten die Visionen wohl anders aussehen…

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Hesekiel 10 Gottes Thron ist nicht fest geschraubt

In seiner Vision vom Tempel in Jerusalem sieht Hesekiel wieder die göttliche Herrlichkeit. Er sieht den Thronwagen Gottes, der von vier Engelsgestalten getragen wird. Genauso wie zu Beginn des Buches, als er die Vision am Fluss Kebar in Babylonien hat. Schon das macht deutlich, dass Gottes Gegenwart nicht an einen bestimmten Ort (wie z.B. den Tempel in Jerusalem) gebunden ist. Er ist in Babylonien genauso gegenwärtig, wie in Jerusalem. Der Thronwagen macht auch deutlich, dass Gottes Herrlichkeit beweglich ist. Der Thron Gottes ist nicht im Tempel fest geschraubt.

Das tragische an dieser zweiten Vision ist, dass Gottes Herrlichkeit sich aufmacht, den Tempel zu verlassen. Trotz all dem Götzendienst im Tempel war er auch in Jerusalem gegenwärtig. Aber wenn sich die Menschen dauerhaft von ihm abwenden, dann wendet er sich auch von ihnen ab. Hier in der Vision wird auf andere Weise verdeutlicht, dass Gott sein Angesicht abwendet. Es geht nicht um willkürliche Strafe eines beleidigten Gottes, sondern um die Konsequenzen des menschlichen Unglaubens. Wenn der Mensch ohne Gott leben will, dann darf er das.

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Exodus 25 Wo ist mein Heiligtum?

Es folgen für uns heute schwer zugängliche Kapitel. Ganz genau wird beschrieben, wie die Israeliten sich ein mobiles Heiligtum für die Wüstenwanderung machen sollen (die sogenannte Stiftshütte). Diese Angaben sind auch Grundlage für den späteren Tempel. „Sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne.“ (V.8) Wozu das bitte?! Wie soll ein irdisches Heiligtum Gottes Herrlichkeit fassen? Wozu braucht Gott ein Heiligtum, um seinem Volk zu begegnen? Aus neutestamentlicher Sicht ist sowieso klar, dass Jesus der Ort ist an dem Gott uns begegnet (vgl. Mk.14,58b; Joh.2,21).

Gott braucht das nicht. Aber vielleicht brauchen wir Menschen das: Orte, an denen wir in besonderer Weise Gott begegnen können. Vielleicht konnten sich Menschen in der damaligen Kultur Glaube ohne solch ein Heiligtum gar nicht vorstellen. Gott macht sich klein, „begreifbar“ – in einem irdischen Heiligtum und später in Jesus von Nazareth. Wo sind meine Orte, an denen ich Gott begegnen kann? Wo ist mein Heiligtum, an dem ich mich in besonderer Weise auf Gottes Gegenwart einstelle? Das schließt nicht aus, dass Gott auch woanders begegnet, aber es könnte mir helfen, mich auf ihn auszurichten.

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Jeremia 39 Endlich die große Katastrophe

Seit 40 Jahren (!) predigt Jeremia auf immer neue Weise dasselbe: „Wenn ihr nicht umkehrt zu Gott, dann wird es eine große Katastrophe geben.“ Er wurde nur von wenigen gehört. Jetzt (endlich?!) tritt die große Katastrophe ein: Jerusalem wird von den Babyloniern eingenommen, zerstört (nach 2.Kön.25,9 auch der Tempel) und die Ober- und Mittelschicht nach Babylonien deportiert.

Wie sich Jeremia wohl gefühlt hat? Ich glaube er wurde von ganz unterschiedlichen Gefühlen zerrissen: Auf der einen Seite leidet er mit seinem Volk (immer wieder wird das im Jeremiabuch deutlich). Die Zerstörung seiner Heimat muss auch für ihn schrecklich gewesen sein. Vielleicht hatte er bis zum Schluss die Hoffnung, dass sein Volk umkehrt oder dass Gott Gnade vor Recht ergehen lässt. Andererseits war er vielleicht auch erleichtert: Endlich macht Gott seine Drohungen wahr. Endlich können alle sehen, dass ich die letzten 40 Jahre keinen Blödsinn erzählt habe, sondern Gottes Wort weiter gegeben habe.

Vielleicht hatte er auch damals schon die Hoffnung, dass jetzt endlich – nach der großen Katastrophe – auch die Zeit für einen Neuanfang zwischen Gott und seinem Volk gekommen ist. Man sagt das ja auch von manchen Suchtkrankheiten: Ab einem gewissen Punkt kann Heilung nur noch nach dem großen Zusammenbruch geschehen. Erst wenn der Süchtige am Boden zerstört ist und wirklich mit aller Konsequenz den Karren an die Wand gefahren hat, wird er auch innerlich bereit, für einen Neuanfang. Vielleicht ist es im Glauben manchmal ähnlich: Solange man sich durch eigenes Strampeln noch über Wasser halten kann, verzichten viele auf die rettende Hand Gottes…
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Psalm 132 – Überraschende Gnade

In diesem Psalm geht es um die Bundeslade, die David nach Jerusalem brachte und die später im Allerheiligsten des salomonischen Tempels stand. Wieder einmal geht es um die besondere Bedeutung eines bestimmten Ortes für den Glauben: “Denn der Herr hat Zion erwählt, und es gefällt ihm, dort zu wohnen.” (V.13)

Seltsamer Gott! Warum ist ausgerechnet dieser Kasten der Bundeslade der Schemel seiner Füße (V.7)? Warum wählt er sich ausgerechnet Zion als “Wohnort”? Nüchtern betrachtet ist das kein außergewöhnlicher oder besonders beeindruckender Ort. Die Liste ließe sich fortsetzen: Warum erwählt Gott sich dieses kleine unbedeutende Volk Israel auf besondere Weise? Warum David, der jüngste und kleinste der Familie? Warum Maria und Joseph, warum ausgerechnet Petrus, warum Paulus? Was zeichnet diese Orte und Personen gegenüber anderen aus?

Keine Ahnung! Gott scheint einerseits eine gewisse Liebe zum Schwachen und Unscheinbaren zu haben. Aber er kann genau so gut das Großmaul Petrus und den Christenhasser Paulus für besondere Aufgaben erwählen. Gott ist unberechenbar, großzügig und überraschend in seiner Gnade.
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Psalm 122 – Von Außen nach Innen

Dieser Psalm ist ein Wallfahrtslied. Die frommen Juden sollten nach Möglichkeit drei mal im Jahr zum Tempel in Jerusalem pilgern. In dem Psalm wird etwas von der Freude deutlich, die die Pilger bei der Ankunft in Jerusalem empfinden.

Ich hab noch nie eine Pilgerreise gemacht. Ich hab keinen großen Drang, irgendwo besondere heilige Orte aufzusuchen. Wie für viele evangelische Christen ist für mich der Glaube eine Sache des Herzens und nicht eine Sache des äußeren Ortes. Und doch bringt mich dieser Psalm ins Nachdenken: Haben wir da nicht auch etwas verloren? Konzentrieren wir uns zu sehr auf die Innerlichkeit und haben so manche äußeren Ausdrucksmöglichkeiten und Hilfsmittel des Glaubens verloren?

Ich glaube nicht umsonst sind viele (auch nichtgläubige) Menschen von solchen Pilgerwegen wie dem Jakobusweg begeistert. Ich glaube schon dass so eine Pilgerreise auch die innere Einstellung verändern kann. Diese Erfahrung – tagelang unterwegs zu sein, das Ziel vor Augen zu haben und dann endlich am Tempel, dem Symbol von Gottes Gegenwart anzukommen – diese Erfahrung kann ich durch reine Innerlichkeit nicht so leicht herstellen. Wir verweisen gerne auf die Gefahr, dass solche äußeren Traditionen leicht zum reinen äußeren Schrein verkommen können. Aber schütten wir da nicht manchmal auch das Kind mit dem Bade aus? Kann der Glaube nicht auch manchmal von außen nach innen wachsen?
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Psalm 87 – Die Stadt Gottes

Hmpf – also mit diesem Psalm kann ich wenig anfangen. Er scheint auch von der Auslegung her nicht ganz einfach zu sein, manche Aussagen bleiben rätselhaft. Es geht auf jeden Fall um Jerusalem, das als Stadt Gottes bezeichnet wird und das von Gott besonders geliebt wird. Evtl. wird in den V.4-5 gesagt, dass alle die zu Gott gehören in Jerusalem „geboren“ sind, also so etwas wie ein Bürgerrecht in Jerusalem haben.

Sicher spielt Jerusalem in der Bibel ein große Rolle. Und noch im Neuen Testament wird in der Johannesoffenbarung Gottes endzeitliche Neuschöpfung im Bild vom neuen Jerusalem (Offb. 21,2.10) beschrieben. Aber für mich ist das mehr ein Symbol als ein handfester geographischer Ort. Oder gibt es tatsächlich Orte an denen Gott näher ist, als an anderen Orten? Manche christliche Israel-Fans sind ja heute noch auf ähnliche Weise von der besonderen „Heiligkeit“ Israels und Jerusalems überzeugt.

Schon im Alten Testament wurde diese Ansicht auch kritisch gesehen. Jes. 66,1: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße! Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, oder welches ist die Stätte, da ich ruhen sollte?“ Und Jesus sagt uns in Joh. 4,20-24 dass für die Anbetung Gottes nicht ein bestimmter Ort wichtig ist, sondern dass die Anbetung im Geist und in der Wahrheit geschehen soll. Gott sollte nicht in Jerusalem im Tempel wohnen, sondern in unserem Herzen. Wir selbst sind der Tempel Gottes (1. Kor. 3,16).
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Psalm 84 – Tausend zu eins

„Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.“ (V.11) Naja, ich weiß nicht. Ich könnt mir schon 1000 Tage vorstellen, an denen ich viele schöne Dinge machen könnte, anstatt einen Tag in den Vorhöfen des Jerusalemer Tempels herum zu hängen… Ist diese Aussage wirklich ernst gemeint und kann der Beter das von Herzen sagen? Ich hab bei den Psalmen immer wieder das Gefühl, dass da manchmal doch etwas übertrieben wird. Dass da im Überschwang des Lobpreises, so manches mal die Bodenhaftung verloren geht.

Wie ist das, wenn man etwas selbstkritischer, vorsichtiger und bodenständiger ist – kann man dann überhaupt so richtig Beten? Muss man vielleicht im Gebet alles etwas übertreiben, weil wir solch einen großartigen Gott haben, der alle menschlichen Möglichkeiten übersteigt? Liegt es an der hebräischen Mentalität, in der die Gefühle stärker noch oben und nach unten ausschlagen als bei mir unterkühltem Westeuropäer? Oder hab ich einfach zu wenig Leidenschaft im Glauben und zu wenig echte Sehnsucht nach Gott?
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