Römer 10, 5-13: Zusammen, was zusammen gehört

Paulus bindet hier sehr schön zusammen, was zusammen gehört: mit dem Herzen glauben und mit dem Mund bekennen. Innerliche Herzensfrömmigkeit und äußerliches Bezeugen des Glaubens gehören zusammen. Wie so oft stehen wir Menschen in der Gefahr, die eine oder andere Seite zu sehr zu betonen. So manchem genügt sein kleiner privater Glaube, die innige Beziehung zwischen Gott und ihm. Einem anderen genügt es offiziell Christ zu sein, ab und zu im Gottesdienst zu sein und ein anständiges Leben zu führen. Aber beides für sich genommen ist zu wenig. Beides muss zusammenkommen: der Glaube des Herzens und das sichtbare Leben als Christ. Da dürfen wir auch nicht eines gegen das andere ausspielen oder herabsetzen.

Verdeutlichten kann man sich das z.B. an den Sakramenten. Taufe und Abendmahl sind äußerlich sichtbare Zeichen. Aber zugleich sind sie eben äußerliche Zeichen, die auf einen tieferen Vorgang verweisen. Beides ist wichtig. Das äußerliche Zeichen, das konkret, sichtbar und erlebbar ist. Aber genauso das, was dabei im Herzen eines Menschen geschieht. Das eine widerspricht dem anderen nicht, sondern es unterstützt sich gegenseitig.

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Johannes 19, 31-42 Blut und Wasser

Johannes liebt es durch sein ganzes Evangelium hindurch hinter der Erzählebene tiefere Botschaften zu verstecken. Manchmal sind seine Anspielungen leicht zugänglich, manchmal bleibt offen, was er eigentlich genau damit meint. In dem heutigen Abschnitt fällt vor allem die Betonung auf, mit der er erzählt, dass nach Jesu Tod durch einen Lanzenstich Blut und Wasser aus der Seite Jesu kamen. Das ist auf der reinen Erzählebene ein deutlicher Hinweis, dass Jesus tatsächlich tot ist. Er war nicht scheintot und wurde dann wiederbelebt, sondern er ging tatsächlich ins Totenreich und ist dann auferstanden.

Aber wenn es nur um die Tatsache des Todes gegangen wäre, dann hätte ein Hinweis auf das Blut Jesu gereicht. Außerdem wird gerade diese Beobachtung durch den nachfolgenden Vers 35 in besonderer Weise hervorgehoben. Aber es ist nicht ganz eindeutig, worauf Johannes mit Blut und Wasser anspielen will. In der Alten Kirche wurde es meist als Anspielung auf die Sakramente von Abendmahl und Taufe gedeutet. Das macht von den Symbolen her durchaus Sinn. Allerdings scheint Taufe und Abendmahl im Johannesevangelium insgesamt keine besonders große Rolle zu spielen (es ist z.B. das einzige Evangelium, das die Einsetzungsworte des Abendmahles nicht überliefert).

In 1. Joh. 5,6 gibt es eine interessante Parallelstelle: Dort wird festgehalten, dass Jesus durch Wasser und Blut gekommen ist. Dies scheint im Zusammenhang eine Anspielung auf Jesu eigene Taufe und sein Kreuzestod zu sein. Allerdings scheint eine Anspielung auf Jesu Taufe bei Jesu Tod wenig Sinn zu machen. Was auch immer Johannes genau gemeint hat: Blut spielt sicherlich auf die erlösende Kraft von Jesu Tod an (an welche ja beim Abendmahl erinnert wird) und das Wasser könnte ganz allgemein auf den Geist anspielen (der ja im Neuen Testament eng mit der Taufe verbunden ist – sowohl bei Jesu Taufe, als auch bei der späteren Taufe von Gläubigen). Dann würde der Hinweis deutlich machen, dass wir in Jesus Christus Erlösung und neues Leben durch den Heiligen Geist haben.

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Johannes 3, 22-30 Er muss wachsen

Die Aussagen des Johannes, ob Jesus selbst auch getauft hat oder nicht, scheinen widersprüchlich. Hier sagt Johannes, dass Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa kam und dort taufte (V.22). Dann wird aber in Joh. 4,2 ausdrücklich betont, dass nicht er, sondern nur seine Jünger tauften. Am leichtesten lässt sich diese Spannung lösen, indem wir davon ausgehen, dass Jesus zwar nicht selbst getauft hat, aber seine Jünger in seinem Auftrag. Auf jeden Fall gab es eine Zeit lang ein Nebeneinander einer Jesustaufe und einer Johannestaufe. Diese Taufe durch die Jesusjünger war damals noch keine christliche Taufe, das konnte erst nach Kreuz und Auferstehung geschehen. Sie war wohl ähnlich wie die Johannestaufe eine Bußtaufe, ein Zeichen der Umkehr zu Gott.

Worauf es dem Johannesevangelium ankommt ist hier, dass die Aufgabe von Johannes dem Täufer zu Ende geht und nun Jesus seine Wirksamkeit beginnt. Die Johannestaufe war nur vorübergehend wichtig, Jesu Wirken ist bleibend wichtig. Der Täufer selbst drückt es so aus: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (V.30) Diese Aussage wird von uns heute sehr schnell individuell missverstanden: mein Ich muss kleiner werden, damit Jesus Platz hat zum wachsen. Bei Johannes ist es zunächst einmal nur eine heilsgeschichtliche Aussage. Die Zeit des Täufers geht zu Ende, die Zeit Jesu beginnt. Johannes der Täufer sieht sich nur als Freund des Bräutigams – der Bräutigam selbst ist Jesus. Auch das ist ein heilsgeschichtliches Bild. Im Alten Testament wird das Heil der Endzeit oft als Hochzeitsfest beschrieben. Mit Jesus als Bräutigam beginnt dieses Fest.

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Johannes 3, 1-12 Neugeburt

Interessant dass im Johannesevangelium gleich nach der Tempelreinigung Nikodemus zu Jesus kommt. Die Tempelreinigung ist ein Affront gegen die Vertreter der offiziellen und geregelten Religion. Und Nikodemus ist ein Vertreter dieses religiösen Establishments. Er ist Mitglied des Hohen Rates und damit einer der höchsten Vertreter des jüdischen Glaubens. Allerdings wird schon hier deutlich, dass er sich gerade in dieser Rolle nicht in aller Offenheit an Jesus wenden kann, sondern er kommt im Schutz der Nacht.

Er wählt einen unverfänglichen Gesprächseinstieg und signalisiert damit seine Offenheit gegenüber Jesus. Aber wie so oft im Johannesevangelium hält sich Jesus nicht mit Äußerlichkeiten auf, sondern kommt gleich zum Zentrum. Er antwortet auf eine Frage, die Nikodemus noch gar nicht gestellt hat: Wer Gottes Reich sehen will, der muss von neuem geboren werden (V.3). Das ist für das ganze Evangelium eine zentrale Aussage. Es geht Jesus nicht um menschliche Anstrengungen, sei es im moralischen oder im religiösen Bereich, um Gott näher zu kommen. Nein, das Zentrale ist, dass wir neu geboren werden. Das ist ein uns unverfügbares Geschehen, das widerfährt uns, das können wir nicht erzwingen, es ist ein Geschenk Gottes.

Natürlich taucht auch in diesem Gespräch ein typisch johanneisches Missverständnis auf. Nikodemus versteht Jesus auf der Wortebene und fragt sich, wie ein alter Mensch neu geboren werden kann (V.4). Aber Jesus geht es nicht um eine Neugeburt im Kreissaal, sondern eine Neugeburt aus „Wasser und Geist“ (V.5). Mit diesen Stichworten ist wohl auf die Taufe angespielt. Jesus macht mit diesen Begriffen „Wasser und Geist“ deutlich, dass es nicht allein auf den äußerlichen Ritus des Wassers ankommt, sondern dass Gottes Geist wirken muss. Und dieser Geist ist uns unverfügbar, er weht wo er will (V.8). Nicht die Taufe als sakramentale Handlung ist wirksam, sondern Gottes Geist, der in ihr wirkt. Neu geboren werde ich nicht weil ich mich für Jesus entscheide und dies durch die Taufe bekenne – das gehört als Voraussetzung mit dazu. Neu geboren werde ich allein, weil Gottes Geist in mir wirkt.

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Apostelgeschichte 18, 23 – 19, 7 Verschiedene Taufverständnisse

Das was Lukas hier berichtet spielt sich zu Beginn der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts ab. Das heißt, die christliche Bewegung ist schon ca. 20 Jahre alt. Ich finde es erstaunlich, dass selbst zu dieser Zeit die Taufe des Johannes noch eine solch große Rolle spielte. Es gab offensichtlich noch lange auch Anhänger des Täufers Johannes, welche die Johannestaufe praktizierten und sich wohl teilweise auch als Jünger Jesu sahen. Da schien es lange Zeit ein Neben- und Durcheinander gegeben zu haben. Erstaunlich auch, dass es da Jünger gab, die noch nie vom Heiligen Geist gehört haben (19,2). Wie ist denn das möglich? Kann man so überhaupt ein Jünger Jesu sein?

Aquila, Priszilla und Paulus korrigieren diese falsche, bzw. unvollständige Vorstellungen von Taufe. Sie tun das, indem sie „den Weg Gottes noch genauer“ auslegen (18,26) bzw. die Botschaft von Johannes dem Täufer erklären (19,4). Sie überzeugen also durch Information. Zum Anderen bestätigt Gott die Taufe auf den Namen Jesu durch die erkennbare Gabe des Heiligen Geistes (19,6). Trotzdem gibt es bis heute unter Christen verschiedene Verständnisse von Taufe. Die biblischen Informationen können eben unterschiedlich ausgelegt werden und verschiedene Menschen machen verschiedene geistliche Erfahrungen mit Taufe. Aber worin wir uns mit Paulus einig sind: Wer zu Jesus gehören will, muss auf den Namen Jesu getauft sein.

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Apostelgeschichte 8, 26-40 So sollte es sein

Was für ein Traum! So sollte es sein! So etwas wünsche ich mir auch für heute: dass Menschen von sich aus nach Gott fragen und ihn suchen. Dass sie Interesse an der Bibel haben und nur darauf warten, dass ihnen jemand auf ihre Fragen antwortet. Dass Menschen freudig auf ein Leben mit Jesus eingehen. Die Realität heute sieht leider anders aus: Viele Gemeinden versuchen alles mögliche, um auch nur eine Funken Interesse für den Glauben zu wecken. Wir bieten alles mögliche an (und oft genug biedern wir uns auch an), von gästeorientierten Gottesdiensten, über kulturelle Events bis hin zu sozialen Projekten,… und kaum einer will was davon wissen.

Machen wir etwas falsch? Hören wir zu wenig auf die Stimme des Geistes? Gibt es heute einfach nicht mehr so viel Hunger nach Gott? War die Neugierde des Kämmerers damals schon eine Ausnahme? Müssen wir uns mehr anstrengen?

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Apostelgeschichte 8, 4-25 Ein Halbbekehrter?

Eine seltsame Figur, dieser Simon. Er war ein heidnischer Zauberer, der die Menschen mit seinen Künsten in den Bann zog. Dann wird berichtet, dass er gläubig wurde und sich taufen ließ (V.13a). Allerdings schien er mehr von den Zeichen und Wunder angesprochen zu sein als von der Verkündigung des Philippus (V.13b). Kurz darauf wird er von Petrus verdammt und von der Gemeinschaft der Christen ausgeschlossen (V.20f), weil er sich die Gaben der Apostel mit Geld erkaufen wollte.

War er von Anfang an nicht „richtig“ gläubig? Dann wäre V.13a eine falsche Aussage. Oder hat er den Glauben so schnell wieder verloren? Aber wie kann das sein, dass jemand der ganz frisch sein Leben Jesus gegeben hat, gleich wieder auf Abwege kommt? Am Ende bleibt auch offen, ob er auf das Angebot der Buße wirklich eingeht. Seine Antwort darauf ist nicht eindeutig (V.24). War er nur ein Halbbekehrter, der noch nicht wirklich alles verstanden und erfahren hatte? Aber kann es ein halbe Bekehrung überhaupt geben? War die Taufe auf den Namen Jesu Christi keine gültige Taufe, weil dabei der Heilige Geist nicht vermittelt wurde (vgl. V.16)? Aber kann es „ungültige“ Taufen geben? Wenn ich mir der Zusage Gottes bei der Taufe nicht mehr sicher sein kann, dann gerät doch der ganze Glaube ins Wanken?!

Ich habe bei diesem Text mehr Fragen als Antworten. Er macht mir auf jeden Fall deutlich, dass unsere Erkenntnisse über Bekehrung, Wiedergeburt, Taufe und Gabe des Heiligen Geistes begrenzt sind. Wir können aus der Apostelgeschichte und dem Neuen Testament manche Zusammenhäge erkennen. Aber diese Geschichte von Simon macht deutlich, dass wir nicht immer alles in unser Raster passt.

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Apostelgeschichte 2, 37-41 Buße, Taufe und Heiliger Geist

„Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ (V.38) Mhm, hätte Petrus das nicht ein wenig genauer ausdrücken können? Das würde uns heute manch theologische Streitigkeiten ersparen. Wie hängen genau hängen Umkehr, Taufe und Geistesempfang zusammen? Was genau heißt Buße tun? Ist das eine einmalige Umkehr? Kann das prozesshaft geschehen oder ist das ein einmaliger Zeitpunkt der Bekehrung? Brauchen wir Buße nicht immer wieder neu? Geht das mit oder ohne Bußsakrament? Dann zu Taufe: Ist Säuglingstaufe und Kindertaufe okay? Wenn ja, wird die Taufe dann ungültig, wenn der Getaufte später nicht glaubt? Wenn nein, ab welchem Alter ist eine Taufe gültig? Wie sieht das mit Behinderten aus, die sich nicht selbst entscheiden können? Wie geschieht das mit dem Geistempfang? Geschieht das automatisch bei der Taufe, auch wenn wir nichts davon merken? Müssen dabei immer ähnliche Phänomene auftauchen, wie beim ersten Pfingstfest? Muss man die Wassertaufe von der Geistestaufe unterscheiden? Schließlich: Wie ist der zeitliche Zusammenhang zwischen Umkehr, Taufe und Geistestaufe? Gehört das alles zeitlich eng zusammen oder kann das auch zeitlich auseinanderliegen?

Unterschiedliche Kirchen und theologische Strömungen beantworten diese Fragen unterschiedlich. Häufig haben Differenzen bei diesen Fragen zu Kirchenspaltungen geführt und noch heute verlassen manche Christen ihre Gemeinden, weil sie in solchen Fragen anderer Meinung sind. Und gar nicht so selten sprechen sich die unterschiedlichen Strömungen gegenseitig das wahre Christsein ab. Solche Probleme hatte Petrus wohl noch nicht, sonst hätte er und die frühe Christenheit sich hier präziser ausgedrückt. Ihm war allein wichtig: zum Christsein gehört Buße, Taufe und der Heilige Geist. Wie all die genaueren Fragen zu beantworten sind (und ob sie überhaupt so eindeutig geklärt werden können), war ihm wohl nicht so wichtig.

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Bonhoeffer: Nachfolge (20) – Der Leib Christi

Auf extrem zugespitzte Weise (wieder einmal) betont Bonhoeffer in diesem Kapitel die Realität des Leibes Christi – auch heute. Der „Leib Christi“ ist für ihn kein Sprachbild oder Symbol, um etwas tieferes und dahinter liegendes auszusagen, sondern er ist ganz realistisch (wenn auch nicht stofflich-materiell) der Leib des Auferstandenen Christus. „Wir leben in der vollen Gemeinschaft der leiblichen Gegenwart des verklärten Herrn.“ (S.227) Der Auferstandene ist nicht nur im Geist oder im Glauben oder auf übertragene Weise gegenwärtig, nein er ist – wie zur Zeit der ersten Jünger – leiblich gegenwärtig!

Grundlage für diese Aussagen ist die Fleischwerdung des Sohnes Gottes in Jesus Christus. Gott hat hier nicht nur einen einzelnen besonderen Menschen auserwählt, sondern er hat die menschliche Natur angenommen. „Das heißt: Gott nahm die ganze kranke, sündige menschliche Natur an…“ (S228) Gott benützt eben nicht nur einen besonderen Menschen, um durch ihn sein ewiges Wort hörbar werden zu lassen, sondern wird wirklich ein Teil der menschlichen Natur. Nur so kann er die menschliche Natur erlösen, indem in ihm all unsere Krankheit und Sünde stirbt. Diese Verleiblichung Gottes hört für Bonhoeffer mit Pfingsten nicht auf!

Schon für die ersten Jünger war die Gemeinschaft mit Christus nicht nur eine gedankliche, eine gemeinsame Überzeugung, ein gemeinsamer Glaube, sondern eine leibliche Gemeinschaft. Von Anfang an haben Jesu Nachfolger mit ihm gegessen und gelitten, sie sind ganz konkret mit ihm durch die Lande gezogen. Heute werden wir ein Teil dieses Leibes Christi durch die Sakramente von Taufe und Abendmahl. Auch hier geht es Bonhoeffer nicht um eine symbolische Teilhabe an Christus, sondern eine ganz reale Eingliederung am Leib Christi. „Die Gemeinschaft der Getauften wird zu dem einen Leib, der Christi eigener Leib ist.“ (S. 231) Die Rede vom Leib Christi ist kein Symbol für unsere Gemeinschaft mit Christus und untereinander, sondern sie ist eine reale Gegebenheit.

Bonhoeffer treibt diese reale Vorstellung vom Leib Christi dann noch weiter: die real sichtbare Gemeinschaft der Gemeinde, ja sogar die Kirche ist die Gestalt des Auferstandenen. „Wir sind gewohnt, von der Kirche als von einer Institution zu denken. Es soll aber von der Kirche gedacht werden als von einer leibhaften Person.“ (S. 232) Wobei an dieser Stelle – wohl bewusst – offen bleibt, inwieweit man die sichtbare Institution der Kirche mit der Kirche als Leib Christi gleichsetzen kann.

Auf jeden Fall ist für den Christen die reale und leiblich geteilte Gemeinschaft mit anderen Nachfolgern essentiell. Ohne diese Gemeinschaft geht es nicht: „Es wird keiner ein neuer Mensch, es sei denn in der Gemeinde, durch den Leib Christi. Wer allein ein neuer Mensch werden will, bleibt beim alten. Ein neuer Mensch werden heißt in die Gemeinde kommen, Glied am Leibe Christi werden.“ (S.233) In unserer individualistisch geprägten postmodernen Frömmigkeit sind das ganz schön herausfordernde Worte. Vor allem weil sich Bonhoeffer diese Gemeinschaft sehr konkret und leibhaft vorstellt und nicht nur an ein gemeinsames Bekenntnis von Gleichgesinnten denkt.

In konsequenter Fortführung der Identität von Jesu irdischen Leib und dem Leib der Gemeinde ist es für uns die größte Ehre, wenn wir auch an Jesu Leiden und Verklärung teilhaben dürfen. „Keine größere Herrlichkeit konnte er den Seinen schenken, keine unbegreiflichere Würde kann es für den Christen geben, das dass er ‚für Christus‘ leiden darf.“ (S.236) Das passt so gar nicht in unser bequemes heile Welt Christentum: Bete nicht dass du nicht Verfolgung, Krankheit oder Schmerz leidest, sondern freue dich, wenn du mit Christi leiden darfst! Gerade darin bist du ein Teil seines Leibes!

Ich merke bei diesem Kapitel, wie sehr ich im Denken von der griechischen Philosophie geprägt bin, die streng zwischen Geist und Materie unterscheidet. Alles Materielle ist von vornherein schlecht und das eigentlich göttliche ist das Geistige. Bonhoeffer betont gegen solch eine Vergeistigung des Glaubens seine „Verleiblichung“.

Bonhoeffer: Nachfolge (19) – Die Taufe

Im ersten Hauptteil seines Buches untersucht Bonhoeffer das Thema Nachfolge ausgehend von synoptischen Texten, die sich mit dem irdischen Jesus und der ganz konkreten Nachfolge der ersten Jünger beschäftigen. Im zweiten Hauptteil stellt Bonhoeffer die Frage, wie die Nachfolge nach Tod und Auferstehung Jesu Christi aussieht: „Wie erreicht uns heute sein Ruf in die Nachfolge? Jesus geht nicht mehr leiblich an mir vorüber…“ (S.215). Muss man nicht unterscheiden zwischen der Nachfolge beim irdischen Jesus und dem Glauben an den auferstandenen Christus? Für Bonhoeffer ist die Antwort klar und zweifellos: Nein, es ist derselbe Jesus Christus, der uns auch heute noch in die Nachfolge ruft. Er ist nicht tot, „sondern heute lebendig“ (S.215) und spricht durch das Zeugnis der Schrift zu uns. „Der Ruf Jesu Christi ergeht in der Kirche durch sein Wort und Sakrament.“ (S.215)

Schon für die ersten Nachfolger war der Ruf nicht eindeutig, sondern vieldeutig. Schon damals wurde Christus „allein im Glauben erkannt“ (S.216). Zwar trifft der Ruf heute auf andere Personen in anderen Zeiten, aber Bonhoeffer betont „die Gleichheit Jesu Christi und seines Rufes damals und heute“ (S.217). Damit wendet er sich deutlich gegen Rudolf Bultmann und seine Trennung von irdischem Jesus und kerygmatischen Jesus (vgl. Fußnote 3, S.219). Für Bonhoeffer gibt es nur einen Jesus Christus, dessen Ruf derselbe ist – vor und nach der Auferstehung.

Exegetisch macht er das an der Einheit der Schrift fest: Paulus und die Synoptiker sprechen zwar in unterschiedlichen Begriffen von Jesus Christus und der Nachfolge, von der Sache her bezeichnen sie jedoch dasselbe. „Der synoptische Christus ist uns nicht ferner und nicht näher als der paulinische Christus.“ (S.220)

Die erste Entsprechung von der Sache her sieht Bonhoeffer bei der Taufe: „Ruf und Eintritt in die Nachfolge haben bei Paulus ihre Entsprechung in der Taufe.“ (S.221) An verschiedenen Punkten macht Bonhoeffer diese Entsprechung deutlich: die Taufe ist (wie der Ruf des irdischen Jesus in die Nachfolge) ein Angebot Jesu Christi und sie führt zu einem Bruch mit dem bisherigen Leben (S.221). „Der Bruch mit der Welt ist ein vollkommener. Er fordert und bewirkt den Tod des Menschen.“ (S.222) Dabei geht es nicht darum, dass der Mensch sich selbst abtötet, sondern dass er Teil hat am Tod Jesu Christi. „Schon Jesus hat seinen Tod eine Taufe genannt und seinen Jünger diese Taufe des Todes verheißen (Mk.10,39; Lk. 12,50).“ (S.222)

Weitere Ebenen der Entsprechung sind für Bonhoeffer der Tod in der Taufe als Rechtfertigung von der Sünde und die Verbindung von Taufe und Geist (den Heiligen Geist sieht er als nichts anderes als die Gegenwart Christi selbst). Des weiteren ist die Taufe (wie die Nachfolge gegenüber dem irdischen Jesus) ein sichtbarer Gehorsamsakt, ein öffentliches Geschehen. Wie der Eintritt in die Nachfolge, so ist auch die Taufe ein einmaliges Geschehen, welches sich aber immer wieder neu im täglichen Leben auswirkt.

Am Schluss stellt sich schließlich auch für Bonhoeffer die Frage nach der Kindertaufe. Er stellt sie nicht grundsätzlich in Frage, betont aber die Wichtigkeit der Einbettung „in einer lebendigen Gemeinde“ (S.226). Sie kann „nur dort erteilt werden […], wo die erinnernde Wiederholung des Glaubens an die ein für alle mal vollbrachte Heilstat gewährleistet werden kann.“ (S.225/226) An dieser Stelle könnte man zurecht kritisch nachfragen: im ersten Teil betont Bonhoeffer im Kapitel „Die Nachfolge und der Einzelne“ dass der Ruf Jesu in die Nachfolge den Jünger zum Einzelnen macht. „Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden.“ (S.87) Wäre da nicht die logische Entsprechung, dass auch bei der Taufe der Einzelne allein entscheiden muss und nicht andere (Eltern oder Gemeinde) an seiner Stelle?

Grundsätzlich finde ich die Betonung der Einheit von irdischen und auferstandenen Jesus Christus gut, richtig und wichtig. Genauso wie damals ruft Christus auch heute noch Menschen in seine Nachfolge. Ich denke, dass es damals genauso schwierig war, hinter dem Ruf dieses irdischen Menschen Jesus von Nazareth die Stimme Gottes zu hören, wie für uns heute schwierig ist, wirklich den Ruf des Auferstandenen zu hören. Wir können uns da nicht rausreden und sagen, dass die Jünger damals es viel einfacher gehabt haben diesen Ruf zu hören und Jesus nachzufolgen. Sie wussten ja damals auch nicht, ob sich in diesem Menschen Jesus wirklich Gottes Sohn offenbart.

Auf der theologischen Ebene leuchtet mir auch die Entsprechung von Taufe und Ruf bzw. Eintritt in die Nachfolge ein. Das lässt sich für mich sogar auch mit der Kindertaufe vereinbaren, solange die Kindertaufe nicht als abgeschlossenes Geschehen gesehen wird, sondern als Ruf Gottes auf welchen dann irgendwann die Antwort des Menschen folgen muss. Aber empirisch gesehen, von meiner Erfahrung her gesehen, habe ich eben den Ruf Christi nicht in meiner Kindertaufe gehört (auch nicht im Rückblick), sondern völlig unabhängig davon durch andere Christen und durch die Bibel. Diese Diskrepanz (nicht nur an dieser Stelle) zwischen klaren, scharfen und richtigen theologischen Aussagen und meiner konkret erlebten Glaubenswirklichkeit finde bei Bonhoeffer zunehmend schwierig.

Kritisch anfragen könnte man auch die Selbstverständlichkeit und Ausschließlichkeit, mit der Bonhoeffer davon ausgeht, dass wir heute den Ruf Jesu in Wort und Sakrament hören. Das übernimmt er einfach aus seiner lutherischen Tradition ohne direkte biblische Begründung. Gibt es darüber hinaus nicht auch noch andere Möglichkeiten, durch die uns Jesu Ruf heute erreichen kann?