Römer 7, 14-25: Wollen habe ich wohl…

In eindringlichen Worten beschreibt Paulus in diesem Abschnitt, dass ein Mensch durch das Gesetz keine Erlösung finden kann. Er beschreibt, wie man zwar durch das Gesetz das Gute erkennen kann, aber eben nicht automatisch auch das Gute vollbringen kann. Seine Aussagen „wollen habe ich wohl…“ (V.18b) sind heute geradezu sprichwortlich geworden für diesen Zwiespalt zwischen gutem Willen und Unvermögen.

Die entscheidende Frage bei der Auslegung ist, von welchem Ich Paulus hier spricht. Spricht er von dem Menschen, der ohne Christus unter dem Gesetz lebt, oder spiegeln sich hier auch Erfahrungen und der Zwiespalt wider, in denen sich ein Christ befinden kann? Für die zweite Variante gibt es prominente Vertreter in der Auslegungsgeschichte: für Calvin, Luther und Karl Barth sind diese Ausführungen auch die Erfahrungen eines Christen. Auch als Christ sind wir immer noch Sünder und leiden an dem Zwiespalt zwischen Wollen und Können. Für die Reformatoren ist auch ein Christ immer noch „simul iustus et peccator“ (Gerechtfertigt und Sünder zugleich).

In der heutigen Auslegung gehen die meisten davon aus, dass Paulus hier die Erfahrung eines Menschen ohne Christus beschreibt, allerdings aus der Sicht eines Menschen, der erlöst ist. Der unerlöste Mensch unter dem Gesetz erlebt diesen Zwiespalt vielleicht gar nicht so extrem (so wie sich z.B. auch Paulus selbst vor seiner Christusbegegnung für einen guten und gerechten Gläubigen hielt), aber in der rückschauenden Analyse beschreibt es Paulus so. Für diese Auslegung spricht der Zusammenhang und sonstige Aussagen, welche Paulus über das Leben als Christ macht. Es ist unvorstellbar, dass Paulus ein erlöstes Leben mit den Worten „ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (V.14) beschreibt. Das ist ja gerade das entscheidende: dass Christus uns vom Fluch der Sünde loskauft.

Trotzdem bleibt diese Erfahrung des Zwiespalts zwischen Wollen und Vollbringen auch für mich als Christ eine gegenwärtige und nicht zu leugnende Erfahrung. Auch als Christ bin ich immer noch von der Macht der Sünde bedroht. Nicht weil Christus mich nicht richtig erlöst hat, sondern weil ich mich selbst immer wieder aus dem Wirkungsbereich Christi entferne. Auch wenn ich theologisch gesehen weiß, dass ich vor dem Richterstuhl Gottes gerecht gesprochen bin, so bin ich doch in meinem Erfahrungsbereich immer noch von der Macht der Sünde bedroht.

Als Christ mache ich nicht immer alles automatisch richtig, sondern erlebe noch immer diesen Gegensatz, dass ich Dinge tue, die ich eigentlich nicht will. Diese Gefahr wird ja auch gerade immer wieder in den Paulusbriefen deutlich: Dort geht es oft um Menschen, die schon erlöst sind und die sich dennoch immer wieder zurück fallen lassen in den Machtbereich der Sünde – wenn es anders wäre, hätte Paulus in seinen Briefen nicht so viel ermahnen müssen. Darum ist es auch als Christ wichtig, sich immer wieder neu auf Christus und ein Leben im Geist auszurichten.

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Johannes 7,53 – 8,11 Jesus liebt den Sünder, aber hasst die Sünde

Ein wundervolles Beispiel dafür, wie Jesus mit Sünde und Sündern umgeht. Die Frau ist beim Ehebruch ertappt worden (wobei wir heute zurecht fragen: Wo bleibt dann der Mann? Warum wird nur die Frau des Ehebruchs angeklagt?). Jesus zieht sich geschickt aus der Affäre: Er verharmlost nicht die Sünde (V.11: „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr“), aber zugleich verurteilt er die Frau auch nicht (V.11: „So verurteile ich dich auch nicht“). Wir bringen das heute oft auf die einfache Formel: „Jesus liebt den Sünder, aber hasst die Sünde“.

Soweit so gut. Aber was passiert, wenn die Frau ein zweites mal beim Ehebruch erwischt wird? Vergibt Jesus dann genauso wie beim ersten mal? Oder gibt es dann keine Vergebung mehr? Wie sieht es aus beim dritten, vierten, fünften mal? Muss nicht auch Jesus irgendwann mal sagen: Jetzt ist Schluss! Gibt es irgendwann einen Punkt, an dem keine Vergebung mehr möglich ist?

Wie ist das mit unseren „Lieblingssünden“, mit Fehlern, die wir immer wieder neu machen und einfach nicht davon loskommen? Fallen wir irgendwann aus der Gnade Gottes heraus, auch wenn wir unsere Fehler immer wieder aufrichtig bedauern und darunter leiden? Oder können wir auf der anderen Seite gedankenlos und bequem immer wieder die gleichen Fehler machen, weil wir ja aus der Vergebung leben? Was bedeutet in solchen Fällen die einfache Formel „Jesus liebt den Sünder, aber hasst die Sünde“?

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Hebräer 12, 25-29 Kein Kuschelgott

Auch hier wieder: Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite lockt der Hebräerbrief die müden Christen damit, dass sie ein unerschütterliches Reich empfangen werden (V.29) wenn sie im Glauben treu bleiben. Andererseits droht er mit der Heiligkeit Gottes: „Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ (V.29)

Wie schon vorher, stellt der Hebräerbrief Gott nicht als harmlosen Kuschelgott dar. Er ist ein verzehrendes Feuer. In Hebr. 10,31 wird gesagt: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Ich beschäftige mich gerade mit biblischen Aussagen zum Thema Hölle. Auch die Hölle wird häufig mit dem Bildwort vom Feuer verbunden. Feuer ist gefährlich, es kann schmerzhaft und qualvoll sein. Der Hebräerbrief warnt uns eindringlich davor, Gott und seine Heiligkeit zu verharmlosen.

Allerdings kann berechtigte Ehrfurcht vor diesem Gott der so anders, so viel größer und heiliger ist, als wir uns das vorstellen können, auch schnell umschlagen in Angst. Ich denke nicht, dass echter Glaube und tiefes Vertrauen in Gott, auf Angst basieren kann. Mir selbst ist als sinnvolle biblische Ergänzung und Korrektur dieser Aussagen des Hebräerbriefes das Gleichnis vom verlorenen Sohn eingefallen. Auch Jesus stellt Gott nicht als Kuschelgott dar. Auch er spricht von Gottes Heiligkeit und seinem Zorn gegenüber der Sünde. Aber er zeigt ihn auch als den liebenden Vater, der den Sünder nicht in heiligem Feuer vernichten will, sondern der sehnsüchtig, mit offenen Armen und mit einem offenen Vaterherz auf die Umkehr des Verlorenen wartet. Dieses Bild ermutigt mich sehr viel mehr, Gott treu zu bleiben, als das Bild vom verzehrenden Feuer.

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Lukas 22, 54-62 Felsenfest

Zu der Verleugnung des Petrus habe ich am letzten Sonntag gepredigt. Ein wichtiger Gedanke für mich war, dass gerade das Versagen der Verleugnung und die spätere Erfahrung, dass Jesus Christus ihn dennoch annimmt, den Petrus zum Fels der Gemeinde gemacht haben. Jesus hat dem Simon ja den neuen Namen Petrus (griechisch für „Fels“) gegeben und verheißen, dass er auf diesen Fels seine Gemeinde bauen will. Petrus hat durch sein Versagen in der Verleugnung nun ganz deutlich gemerkt und bitter lernen müssen, dass er dieser Fels der Gemeinde nicht aus eigener Kraft sein kann. Dieser Fels kann er nur als begnadigter Sünder sein.

Das gilt auch für andere Christen: Stark im Glauben macht uns nicht unsere eigene Kraft und Glaubensstärke, sondern die bittere Erfahrung unseres Scheiterns und die Erfahrung von Gottes vergebender Liebe. Felsenfest auf Jesus stehen wir nur, wenn unsere eigene Selbstsicherheit gründlich erschüttert wurde und wir ganz existentiell merken, wie tief wir von Gottes Gnade und Kraft abhängig sind.

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Lukas 22, 7-23 Mit dem Verräter am Tisch

Anders als bei Markus, weist Jesus erst am Ende des Mahles auf Judas als seinen Verräter hin. Damit wird bei ihm noch deutlicher als bei Markus, dass Judas beim letzten Abendmahl noch mit dabei war! Erst vor kurzem ist mir diese Ansicht begegnet, dass selbst Judas beim Abendmahl dabei sein durfte. Da dachte ich noch: „Komisch, das hab ich noch nie gehört. Ob das wirklich stimmt?“ Aber so wie Lukas das hier erzählt, muss es wohl so gewesen sein (zumindest nach der Ansicht des Lukas).

In so manchen Kirchen und Gemeinden ist das Verständnis vom Abendmahl ja recht eng. Nur die wahren Gläubigen, die bewusst eine Entscheidung für Jesus getroffen haben und vor Gott ein reines Gewissen haben, dürfen am Abendmahl teilnehmen. Eine Eliteveranstaltung. Jesus selbst trank damals sogar mit seinem Verräter aus demselben Kelch! Damit heißt Jesus die Tat des Judas keineswegs gut. Er verurteilt sie ausdrücklich in V.22. Aber er macht deutlich: „Auch die schlimmsten Sünder dürfen mit mir Mahlgemeinschaft haben. Es gibt keine Barrieren, die zuerst überwunden werden müssen, um an meinem Sterben für euch Anteil haben zu dürfen. Alle dürfen in meine Gemeinschaft kommen.“

Die Frage ist nicht, ob wir uns vorher verändern müssen, um Gemeinschaft mit Jesus haben zu dürfen. Sondern die Frage ist, ob wir uns durch die Gemeinschaft mit Jesus im Abendmahl verändern lassen. Bei Judas ist das leider nicht geschehen. Aber vielleicht geschieht es bei manch anderem, der in unseren Augen nicht würdig ist, das Abendmahl zu empfangen…

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