Römer 14, 13-23: Alles ist rein

Nun nimmt Paulus doch noch eindeutig zu den inhaltlichen Fragen der Meinungsverschiedenheiten in Rom. Er positioniert sich ganz klar auf der Seite derer, für die es keine Unterscheidung mehr gibt in reine und unreine Speisen. Aber noch immer betont er, dass es in dieser Sache nicht in erster Linie um Recht haben geht, sondern darum, in Liebe miteinander umzugehen. Unterschiedliche Meinungen in nicht so zentralen Glaubensfragen dürfen nicht dazu führen, Gottes Wirken unter uns – Gerechtigkeit, Friede, Freude – zu beschädigen. Selbst wenn ich mich von der Sache her im Recht fühle, ist es wichtiger mich um das zu bemühen, was dem Frieden dient und dem anderen hilft.

Sehr spannend finde ich in diesem Abschnitt, dass Paulus Sünde hier nicht durch eine klare inhaltliche Grenzziehung definiert, sondern dass er Sünde individuell vom Gewissen des Einzelnen abhängig macht. Sündig wird nicht der, der eine von Gott festgesetzte und unverrückbare Grenze übertritt, sondern sündig wird der, der etwas mit schlechtem Gewissen gegenüber Gott tut. Das ist ein gewaltiger Schritt! Sünde wird damit relativ! Was für den einen kein Problem ist, kann für den anderen schon Sünde sein. Das klingt fast schon postmodern. Soll doch jeder tun, was er will, solange er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Alles ist rein, solange ich es mit gutem Gewissen vor Gott verantworten kann.

Aber wie gesagt: Wichtiger als diese inhaltliche Stellungnahme des Paulus ist es, so zu handeln und leben, dass wir einander erbauen und dass mein Handeln der Liebe dient. Gerade wer unsere Freiheit in Christus erkannt hat, muss bereit sein, seine Freiheit um der Liebe willen auch einzuschränken.

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Römer 7, 14-25: Wollen habe ich wohl…

In eindringlichen Worten beschreibt Paulus in diesem Abschnitt, dass ein Mensch durch das Gesetz keine Erlösung finden kann. Er beschreibt, wie man zwar durch das Gesetz das Gute erkennen kann, aber eben nicht automatisch auch das Gute vollbringen kann. Seine Aussagen „wollen habe ich wohl…“ (V.18b) sind heute geradezu sprichwortlich geworden für diesen Zwiespalt zwischen gutem Willen und Unvermögen.

Die entscheidende Frage bei der Auslegung ist, von welchem Ich Paulus hier spricht. Spricht er von dem Menschen, der ohne Christus unter dem Gesetz lebt, oder spiegeln sich hier auch Erfahrungen und der Zwiespalt wider, in denen sich ein Christ befinden kann? Für die zweite Variante gibt es prominente Vertreter in der Auslegungsgeschichte: für Calvin, Luther und Karl Barth sind diese Ausführungen auch die Erfahrungen eines Christen. Auch als Christ sind wir immer noch Sünder und leiden an dem Zwiespalt zwischen Wollen und Können. Für die Reformatoren ist auch ein Christ immer noch „simul iustus et peccator“ (Gerechtfertigt und Sünder zugleich).

In der heutigen Auslegung gehen die meisten davon aus, dass Paulus hier die Erfahrung eines Menschen ohne Christus beschreibt, allerdings aus der Sicht eines Menschen, der erlöst ist. Der unerlöste Mensch unter dem Gesetz erlebt diesen Zwiespalt vielleicht gar nicht so extrem (so wie sich z.B. auch Paulus selbst vor seiner Christusbegegnung für einen guten und gerechten Gläubigen hielt), aber in der rückschauenden Analyse beschreibt es Paulus so. Für diese Auslegung spricht der Zusammenhang und sonstige Aussagen, welche Paulus über das Leben als Christ macht. Es ist unvorstellbar, dass Paulus ein erlöstes Leben mit den Worten „ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (V.14) beschreibt. Das ist ja gerade das entscheidende: dass Christus uns vom Fluch der Sünde loskauft.

Trotzdem bleibt diese Erfahrung des Zwiespalts zwischen Wollen und Vollbringen auch für mich als Christ eine gegenwärtige und nicht zu leugnende Erfahrung. Auch als Christ bin ich immer noch von der Macht der Sünde bedroht. Nicht weil Christus mich nicht richtig erlöst hat, sondern weil ich mich selbst immer wieder aus dem Wirkungsbereich Christi entferne. Auch wenn ich theologisch gesehen weiß, dass ich vor dem Richterstuhl Gottes gerecht gesprochen bin, so bin ich doch in meinem Erfahrungsbereich immer noch von der Macht der Sünde bedroht.

Als Christ mache ich nicht immer alles automatisch richtig, sondern erlebe noch immer diesen Gegensatz, dass ich Dinge tue, die ich eigentlich nicht will. Diese Gefahr wird ja auch gerade immer wieder in den Paulusbriefen deutlich: Dort geht es oft um Menschen, die schon erlöst sind und die sich dennoch immer wieder zurück fallen lassen in den Machtbereich der Sünde – wenn es anders wäre, hätte Paulus in seinen Briefen nicht so viel ermahnen müssen. Darum ist es auch als Christ wichtig, sich immer wieder neu auf Christus und ein Leben im Geist auszurichten.

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Römer 7, 7-13: heilig, gerecht und gut

Bei aller Radikalität in seinem Denken ist Paulus kein einfacher Schwarz-Weiß Denker. In diesem Abschnitt versucht er den komplexen Zusammenhang zwischen Gesetz und Sünde zu verdeutlichen. Für die Realität der Sünde gibt es eben keine einfachen Erklärungen und auch keine platten Lösungen. Es gibt keine simple gesetzliche Lösung, nach der wir einfach nur die Gebote einhalten und dann vor Gott gerecht sind. Das hat Paulus bereits ausführlich dargelegt, dass kein Mensch durch Werke vor Gott gerecht werden kann. Aber es ist auch keine Lösung, wenn wir Gesetz und Sünde einfach gleichsetzen. Dann könnte man ja das Gesetz abschaffen und wäre damit auch die Sünde los. Das wäre dann sozusagen die absolute Freiheit, ganz ohne Gebote Gottes.

Paulus hält aber ganz klar daran fest, dass das Gesetz mit seinen Geboten „heilig, gerecht und gut“ (V.12) ist. Es ist Gottes gute Gabe an uns, es ist sinnvoll und richtig. Das Problem ist aber, dass diese gute Regeln unser Fehlverhalten erst aufdecken und sogar noch provozieren. Die Sünde benutzt Gottes gutes Gebot zu ihren Zwecken. Sie weckt Begierde. Sie reizt uns zum Ungehorsam. Paulus beschreibt das in diesem Abschnitt anhand eines exemplarischen menschlichen Ichs. Damit schließt er sich selbst ein, spielt aber zugleich auch auf die Geschichte des Sündenfalls an. Das ist ein Grunderfahrung von allen Menschen.

Das kann man schon an Kindern beobachten: Wenn man ihnen Grenzen setzt, dann werden sie garantiert ausprobieren wollen, was passiert, wenn sie die Grenzen übertreten. An diesem Beispiel kann man vielleicht diese komplizierte Wechselwirkung zwischen Gesetz und Sünde verdeutlichen. Dass Eltern ihren Kindern Grenzen setzen ist gut und richtig. Wenn diese Grenzen sinnvoll sind, dann dienen sie dem Leben. Aber zugleich provozieren gerade die Grenzen auch den Ungehorsam. Es gibt da keine einfache Lösung. Wenn Eltern keine Grenzen setzen würden, dann würden die Kinder zwar nicht ungehorsam sein können, aber sie könnten sich selbst und anderen schaden. Aber es ist auch nicht sinnvoll, die Kinder nur mit Gewalt zu einem Regelgehorsam zu zwingen, denn dann ist die Beziehung zwischen Eltern und Kind auch gestört. Bei Kinder ist es am besten, wenn sie irgendwann selbst einsehen, dass die Regeln für sie selbst gut sind. Es ist am besten, wenn sie aus eigenem inneren Antrieb heraus die Regeln befolgen.

Im übertragenen Sinn ist das durch Jesus Christus geschehen. Er beseitigt die Beziehungsstörung zwischen Gott und Mensch. Er vermittelt uns Gottes Geist, durch den wir befähigt werden, aus innerem Antrieb nach dem Willen Gottes zu leben. Wir sind nicht heilig, gerecht und gut weil wir äußerliche Regeln befolgen (die trotzdem nach wie vor gut und richtig sind), sondern weil wir im Einklang und Frieden mit Gott leben.

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Römer 6, 12-23: Geheiligt

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, diese Gedanken des Paulus nachzuvollziehen. Als abstrakte Theologie ist es für mich nachvollziehbar und logisch. Aber im praktischen Leben als Christ sehe ich diese Freiheit von der Herrschaft der Sünde bei mir selbst und bei andere Christen oft nicht. Es scheint als ob eine Lücke zwischen den theologischen Höhenflügen des Paulus und dem praktischen Leben als Christ klafft.

Beim Verständnis geholfen hat mir ein Vergleich aus dem Römerbrief-Kommentar von Walter Klaiber (W.Klaiber: Der Römerbrief, S.115). Er vergleicht Gottes Bund mit uns mit einer Ehe. Zwei Menschen sagen Ja zueinander. Sie sind damit verheiratet. Sie können sich nicht darum bemühen, noch mehr verheiratet zu sein, aber sie können und müssen ihre Zusammengehörigkeit „in großen und kleinen Herausforderungen des Lebens bewähren und vertiefen. Als Christen sind wir durch Christus geheiligt. Wir gehören zu Gott. Wir müssen nicht heiliger werden. Aber wir können und müssen unsere Gemeinschaft mit Gott in den Herausforderungen des Lebens bewähren und vertiefen.“

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Römer 6, 1-11: Christen und die Sünde

Paulus merkt, dass man aus seinen universalen Aussagen über die Gnade Gottes die falschen Schlüsse ziehen könnte. Und weil er nun ausführlich auf eventuelle Einwände eingeht, kann man davon ausgehen, dass er sich hier gegen tatsächlich Vorwürfe reagiert. Wenn Gottes Gnade so groß und universell ist, wo bleibt dann das menschliche Handeln? Spielt es dann überhaupt noch eine Rolle, wie wir Menschen leben? Ist es dann nicht sogar besser, wenn wir in der Sünde verharren, damit Gottes Gnade um so größer rauskommt?

Paulus weißt diesen Einwand scharf und deutlich zurück. Bei seiner Begründung merke ich, dass es mir schwer fällt, sie wirklich nachzuvollziehen. Soweit ich es verstanden habe, geht es Paulus darum, dass wir als Christen mit Christus für die Sünde gestorben sind. Das gilt nicht nur im Sinne der Rechtfertigung (so dass die Sünde uns nicht mehr vor Gott verklagen kann), als auch im Sinne einer Neuausrichtung des Lebens. Jemand der wirklich zu Christus gehört, kann gar nicht weiter in der Sünde leben wollen.

Das heißt nicht, dass Christen gar nicht mehr sündigen können. Das weiß auch Paulus. Aber es heißt, dass wir unser Leben nicht mehr an der Sünde ausrichten, sondern an Christus. Auch wenn uns das im Konkreten nicht immer gelingt, die grundsätzliche Ausrichtung eines Lebens mit Christus ist eine ganz andere, als ein Leben ohne Christus. Ein Christ kann gar nicht in der Sünde leben wollen, denn er richtet sich ja an Christus aus und nicht an der Sünde.

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Römer 5, 12-21: Die Universalität der Rechtfertigung

Ganz schön gewagt diese Gegenüberstellung, die Paulus hier macht. Adam ist der Repräsentant der gefallenen Menschheit, die in Sünde und Tod gefangen ist. Auch das Gesetz kann uns Menschen nicht davon befreien. Christus ist so etwas wie der Beginn einer neuen Schöpfung, die von der Gnade und der Rechtfertigung bestimmt ist. Gewagt ist vor allem die Universalität von Paulus Aussagen: „so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt.“ (V.18) Das hört sich so an, als ob durch Christus alle automatisch am Rechtfertigungsgeschehen teilhaben. So wie die Sünde universal die Menschen bestimmt hat, so bestimmt nun die Rechtfertigung universal die Menschen.

Allerdings muss man aufpassen, aus dieser Stelle all zu schnell eine Allversöhnung herauslesen zu wollen. Paulus geht es hier um die ganz große Linie und er will die Universalität des Christusgeschehen betonen. Christus kam nicht nur für ein paar besonders Auserwählte, sondern für alle. Die Frage nach der Aneignung des Heils behandelt Paulus hier nicht. An anderen Stellen betont Paulus ja ganz klar, dass es wichtig ist, dass wir auf Christus vertrauen, an ihn glauben, um auch Anteil an der Rechtfertigung zu haben. Trotz aller Universalität des Heils bleibt die Antwort des Einzelnen wichtig.

Aber trotz dieser Einschränkungen bleiben das gewaltige Aussagen. Paulus macht die Dimensionen der Rechtfertigung deutlich. So wie Adam für eine gefallene Schöpfung steht, so steht Christus für einen Neubeginn Gottes mit seiner gesamten Schöpfung. Mit Christus hat sich grundsätzlich etwas verändert zwischen Gott und der Welt. Über den einzelnen Glaubenden hinaus hat das Christusgeschehen Bedeutung für die ganze Schöpfung.

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Römer 3, 9-20: Wozu das Gesetz?

Mit Römer 3,20 ist ein erster Gedankengang des Paulus abgeschlossen: Weder Heiden noch Juden können durch Werke des Gesetzes vor Gott gerecht werden. Die Juden haben zwar durch die besondere Gesetzesoffenbarung einen Vorteil, aber Gottes Forderungen zu kennen, bedeutet noch nicht, auch danach zu leben. Das Gesetz, die Gebote der Bibel, sie zeigen Gottes Willen. Wenn wir nicht fähig sind, diesen Willen zu erfüllen, dann zeigt uns das Gesetz vor allem unser Ungenügen, unsere Sünde vor Gott. Weiter geht es dann ab V.21 mit der positiven Entfaltung: mit der Rechtfertigung durch Glauben.

Paulus spekuliert an dieser Stelle nicht darüber, warum Gott dann überhaupt das Gesetz gegeben hat. Er hätte es doch gleich wissen müssen, dass die Menschen es nicht erfüllen können. Und wenn wir Gottes Forderungen eh nie gut genug erfüllen können, dann brauchen wir uns doch erst gar nicht darum bemühen. Man muss an dieser Stelle unterscheiden: Um vor Gott gerecht zu sein, kann uns das Gesetz nichts nützen. Wir werden immer wieder daran scheitern.

Aber trotzdem können Gottes Gebote doch einen positiven Effekt für unseren Umgang miteinander und mit Gott haben. Jemand der z.B. versucht, nicht zu lügen und mit anderen ehrlich umzugehen, hat sicher einen positiveren Effekt auf seine Umwelt, als jemand, der sich darum von vornherein nicht bemüht. Auch wenn wir immer wieder daran scheitern, so hat schon der Versuch, mit anderen liebevoll umzugehen andere Auswirkungen, als wenn wir gar nicht nach Gottes Willen fragen. Wir dürfen uns nur nichts darauf einbilden und meinen, dass uns das dann vor Gott gerecht machen kann. Das ist der Punkt des Paulus: In der Frage unserer Rechtfertigung vor Gott können wir uns durch Gesetzeswerke nichts verdienen – „durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“

Römer 3, 1-8: Berechtigte Anfragen

Auch wenn der Römerbrief ein eher allgemeines Vorstellungsschreiben des Paulus ist, in welchem er seine Theologie darlegt, geht er doch in dialogischer Form auf Anfragen an seine Verkündigung ein. Wenn Paulus hier schon direkt auf mögliche Anfragen eingeht, dann kann man davon ausgehen, dass seine Botschaft regelmäßig auf Kritik und Ablehnung gestoßen ist. Die Theologie des Paulus ist pointiert und zugespitzt und reizt geradezu zur Auseinandersetzung.

Die Anfragen, auf die  er hier kurz eingeht betreffen die Vorzugsstellung des jüdischen Volkes (gilt das dann nicht mehr, wenn sie genauso wie die Heiden vor Gott schuldig sind?) und die Frage, ob die Betonung von Gottes Gnade nicht zu einem bequemen Verharren in der Sünde führt, weil Gott ja sowieso vergibt und durch diese Vergebung Gottes Gnade sogar noch mehr verherrlicht wird. Beides weist Paulus scharf zurück. Auf die Frage nach dem Volk Gottes geht er später in den Kapiteln 9-11 ausführlich ein. Auf die Frage nach dem neuen Leben in der Gnade geht er in Kapitel 6 ein.

Gerade den zweiten Einwand kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich trotz aller religiösen und moralischen Anstrengungen vor Gott sowieso schuldig bin und Gott trotzdem treu und gnädig ist, warum sollte ich mich dann überhaupt noch um ein gutes Leben bemühen? Ja, rein logisch gesehen bringt mir das nichts. Aber wer diesem gnädigen Gott vertraut, der will trotzdem versuchen, seinem Willen zu gehorchen. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Liebe zu Gott und unseren Nächsten.

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Römer 2, 1-16: Wie geschieht echte Umkehr?

Nach dem ersten Kapitel könnte man denken: Recht so, dass Paulus den Sünder sagt, was Sache ist! Aber genau gegen solch eine Haltung mit ausgestrecktem Zeigefinger auf andere, wendet sich Paulus jetzt scharf. Wenn wir über andere richten, verdammen wir uns selbst! (V.1) Das ist bis heute ein brandaktuelles Thema. Wie schnell sind wir dabei, die Fehler anderer aufzudecken, um von unseren eigenen Schwächen abzulenken.

Am eindrucksvollsten in diesem Abschnitt ist für mich die Aussage: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (V.4b) Nicht Gerichtsandrohung oder Gottes Zorn über die Sünde soll uns zur Umkehr bewegen, sondern Gottes Güte und Gnade! Allein dieser Satz kann so manches in unserem Gottesbild, aber auch in unserem Menschenbild durcheinander wirbeln.

Für Gott bedeutet dieser Satz: Er will unserer Gottlosigkeit und Sünde nicht mit Zorn und Verurteilung begegnen, sondern mit Güte. Das was ihn im Innersten antreibt, ist nicht ein heiliger Zorn, sondern eine brennende Liebe. Für Gottes Sicht von uns Menschen bedeutet das: Echte Umkehr und Veränderung schafft nicht die Angst vor Strafe, sondern das Erkennen von Gottes Güte. Ein Mensch, der die Tiefe von Gottes Liebe erahnt, verändert sich radikaler als ein Mensch, der sich vor Gottes Zorn fürchtet.

Im konkreten Leben von Christen und Gemeinden scheint das leider oft anders zu sein. Da geschieht an vielen Stellen mehr Veränderung durch Zwang, Angst und Druck, als durch echte innere Einsicht und Umkehr. Es ist klar, dass im konkreten Glaubensalltag so manches nur mit innerem oder äußerem Druck läuft. Aber das bleibt für mich dennoch das Ideal: Dass Menschen Gottes Güte erkennen und aus Dankbarkeit heraus, weil sie gar nicht anders können, Veränderung und Erneuerung geschieht.

Dabei darf die Rede von Gottes Liebe, Güte und Gnade nicht zu einer „billigen Gnade“ führen. Das wird bei Paulus in diesem Abschnitt ganz deutlich. Es kann nicht das Ziel sein, von vornherein mit Gottes Güte zu rechnen und sich nur bequem darin auszuruhen. Nach dem Motto: Ich kann ja tun und lassen, was ich will – Gott vergibt mir ja sowieso. Nein, wenn man so denkt, hat man Gottes Güte nicht wirklich verstanden. Das Ziel von Gottes Güte ist nicht das Schönreden der Sünde, sondern die Umkehr und die Erneuerung.

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Römer 1, 18-32: Paulus und die Homosexualität

Dieser Text ist heiß umstritten. Denn für viele ist er ein biblischer Schlüsseltext zum Thema Homosexualität. Das große Problem ist jedoch, dass sich Paulus hier gar nicht differenziert zu diesem Thema äußern will, sondern es nur streift. Daraus eine biblische Stellungnahme für die eine oder andere Richtung abzuleiten, ist ganz einfach schwierig.

Paulus Anliegen in diesem Abschnitt ist es, die menschliche Schuldverfallenheit aufzuzeigen. Auch ohne direkte göttliche Offenbarung könnte der Mensch zumindest eine Ahnung von Gott haben. Aus der Schöpfung kann man Rückschlüsse auf die Existenz eines Schöpfers ziehen (V.20). Das zentrale Problem ist, dass die Menschen diesen Schöpfergott ablehnen und sich andere Götter suchen. Das ist Sünde. Das ist das Grundproblem, um das es geht: dass Menschen Gott nicht erkennen oder ihn nicht anerkennen wollen. Darum geht es Paulus.

Dann stellt Paulus eine lange Liste von Dingen zusammen, welche Folge von dieser grundsätzlichen Verkennung Gottes folgen. Dazu zählen für ihn auch Dinge wie Treulosigkeit, Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit (V.33). Auch Homosexualität beurteilt Paulus als Folge dieser grundsätzlichen Ablehnung Gottes (V.26-27). Von seinem kulturellen, religiösen und zeitgeschichtlichen Hintergrund her steht für ihn gar nicht in Frage, dass Homosexualität ein genauso schlimmes Vergehen ist, wie Lieblosigkeit oder Unbarmherzigkeit.

Aber wie gesagt: Er geht hier nicht differenziert auf dieses Thema ein. Deutlich ist auf jeden Fall, dass es für ihn nicht Ursache für Gottlosigkeit ist, sondern eine Folge. Selbst für Paulus ist es also nicht das eigentliche Problem. Und selbst wenn wir Paulus kulturellen Hintergrund ungefragt auch heute übernehmen wollen, müssten wir mit Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit genauso scharf ins Gericht gehen, wie es manche es mit homosexuellen Menschen tun. Aber das ist eben die Frage: Können wir heute die Einstellung des Paulus gegenüber Homosexualität, die er hier nicht theologisch begründet, sondern die er ganz selbstverständlich aus seinem zeitgeschichtlichen und kulturellen Umfeld übernimmt, einfach so so übernehmen und daraus eine biblische Lehre machen?

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