Hermann Hesse: Siddhartha

Siddhartha ist für mich persönlich ein wichtiges Buch. Das erste mal habe ich es als Jugendlicher gelesen und damals war es eine wichtige Stufe auf meinem persönlichen Lebensweg. Wie so viele Jugendliche war ich auf der Suche – auf der Suche nach Halt, nach Sinn, nach Leben. Hesses Buch hat mich deswegen so bewegt, weil man in diesem Buch spürt, dass auch der Autor auf der Suche ist und er sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt. Hermann Hesse: Siddhartha weiterlesen

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Eine raffinierte Mischung hat Murakami da in seinem Roman zusammengestellt. Ein 15-jähriger Junge auf der Suche nach seiner Identität und Frieden mit seiner Vergangenheit; ein „heiliger Narr“, der durch seine Einfalt und Intuition fasziniert; eine Vermischung von realistischer Geschichte mit Elementen aus Fantasy und japanischer Mystik; und das Ganze spannend erzählt und gewürzt mit einigen detailreichen Sexszenen…

Es geht um den Jungen Kafka Tamura, der von zu Hause ausbricht. Seine Mutter und ältere Schwester haben die Familie verlassen, als er vier Jahre alt war. Von seinem Vater fühlt er sich ungeliebt. Außerdem belegt der Vater Kafka mit einem ödipalen Fluch: er wird ihn – seinen Vater – töten und mit seiner Mutter schlafen. Kafka versucht, vor diesem Fluch zu fliehen, er lässt ihn aber innerlich nicht los und scheint sich auch auf mystische Weise zu erfüllen.

Daneben gibt es parallel einen zweiten Handlungsstrang, in welchem es um den geistig behinderten Nakata geht, der seit einem seltsamen Zwischenfall in seiner Kindheit nach normalen Maßstäben als „dumm“ angesehen wird, der aber auch manche mystischen Fähigkeiten besitzt (wie z.B. dass er mit Katzen reden kann und dass er Makrelen vom Himmel regnen lassen kann).

Das interessante an dem Buch sind die fließenden Übergänge zwischen Realität und Fantasie, zwischen äußerlicher Geschichte und innerem Erleben. Das Buch spielt nicht allein auf einer realitätsunabhängige Fantasyebene, sondern es ist zugleich auch eine Geschichte in der realen Welt und zugleich drehte es sich auch um reale, innere psychische Vorgänge. Es bleibt offen, was sich nun genau auf welcher Ebene abspielt.

Das Buch ist gut geschrieben, es entwickelt sich eine erzählerischer Sog, der zumindest mich als Leser in die Geschichte hinein gezogen hat. Die Figuren, die Murakami erschaffen hat, sind zwar völlig überzeichnet, aber trotzdem irgendwie natürlich und sympathisch. Besonders gefallen hat mir der „heilige Narr“ Nakata. Gerade in seiner Einfalt wird eine große Lebensweisheit deutlich.

Zitate

  • „Ich bin frei. Ich schließe die Augen und denke eine Weile über diesen Umstand nach. Aber noch bin ich nicht imstande, wirklich zu begreifen, was es bedeutet, frei zu sein. Im Augenblick begreife ich nur, dass ich völlig allein bin. Allein in einem unbekannten Land, wie ein einsamer Entdecker ohne Kompass und Karten. Ist das Freisein? Nicht einmal das weiß ich. Ich gebe es auf, darüber nachzugrübeln.“ (S. 64)
  • „Irgendwie habe ich echt das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Die Frage, was ich überhaupt bin, spielt für mich gar keine Rolle, wenn ich mit Nakata zusammen bin. Der Vergleich ist vielleicht etwas übertrieben, aber irgendwie komme ich mir vor wie ein Jünger von Buddha oder Jesus. So muss es gewesen sein, Buddha zu folgen. Dabei geht es nicht um komplizierte Dinge wie eine Lehre oder die Wahrheit, sondern um dieses Gefühl.“ (S.440)

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Schade, seine frühen Romane habe ich regelrecht verschlungen und war begeistert von seinen skurrilen Figuren, von einfallsreichen Geschichten und seiner bizarren Fantasie. Die letzten paar Bücher von ihm fand ich nicht so prickelnd und auch bei diesem (wie üblich langen) Roman musste ich mich phasenweise durchkämpfen.

Trotzdem ein guter Roman, der mir letztendlich auch gefallen hat. Und mit dem urwüchsigen und eigensinnigen Holzfäller Ketchum ist Irving wieder einmal ein toller skurriler Charakter gelungen. Wer Irving kennt, wird sich freuen, dass auch in diesem Buch wieder einmal Bären auftauchen und es an einigen Stellen um das Ringen geht.

Die Hauptperson des Buches und zugleich der Erzähler ist ein Schriftsteller, der als Sohn eines Kochs in einem Holzfällercamp aufwächst. Der Roman erstreckt sich über einen Zeitraum von über 50 Jahren und erzählt fast die ganze Lebensgeschichte der Hauptperson. Auf Grund eines (wieder mal skurrilen) „Unfalls“ müssen der Erzähler und sein Vater aus dem Holzfällercamp fliehen und sie verbringen ihr restliches Leben in der Angst, aufgespürt und getötet zu werden. Immer wieder finden sie ein neues zu Hause und verbringen einige Jahre oder Jahrzehnte an einem Ort.

Der Holzfäller Ketchum ist im gleichen Alter wie der Vater und der beste Freund der beiden. Er begleitet ihr Leben aus der Ferne. Weil sie auf der Flucht sind wechseln sie öfters die Namen. Der Schriftsteller wird unter dem Pseudonym Danny Angel nach einiger Zeit recht erfolgreich, findet aber nie so richtig ein geordnetes Leben und privates Glück. Im Grunde ist das ganze Buch eine Beschreibung davon, wie einige Menschen trotz dunklen Schicksalsschlägen irgendwie durch’s Leben torkeln, ohne unter zu gehen.

Schwierig bei diesem Buch fand ich die Länge, die vielen verschiedenen Schauplätze und auch die vielen verschiedenen Personen, die auftauchen. Für meinen Geschmack ist das einfach zu viel des Guten und es verwirrt den Leser unnötig.

Gefallen hat mir wie gesagt die Figur des Ketchum, da leuchtet noch etwas auf von Irvings bissiger, übertriebener und doch liebevoller Erzählweise der frühen Romane. Gefallen hat mir auch der melancholische Grundton des Buches. Das Leben der Hauptperson ist geprägt von Verlustangst. Er hat mit zwei Jahren seine Mutter verloren und fürchtet nun ständig, die wenigen ihm nahestehenden Personen zu verlieren. Zur Dramatik des Buches gehört natürlich, dass er in diesem Bereich Schweres durchmachen muss. Er bleibt bis zum Ende auf der Suche nach einem Ort der Sicherheit und des Friedens, nach einem Engel, der ihn in die Arme nimmt und tröstet. Vielleicht ist es die Suche nach der verlorenen Mutter, in deren Armen er sich Geborgenheit und Sicherheit erhofft.

Ich glaube jeder Christ hat eine Ahnung von dieser Sehnsucht und Suche nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Friede. Biblisch gesprochen: Schalom. Wir sollten als Christen nicht so tun, als ob wir schon am Ziel sind und alle Fragen des Lebens beantworten können. Auch wir sind noch auf dem Weg, auf der Suche nach diesem umfassenden Schalom. Auch wir haben nur eine leise Ahnung von dieser Geborgenheit in Gottes Armen, die allen Schmerz verschwinden lassen wird. Aber ich glaube auch, dass wir Christen zumindest auch eine Ahnung davon haben, in welcher Richtung wir diesen Schalom suchen sollen…

Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was du nicht siehst

Ein wundervoll erzähltes kleines Buch. Ein ganz eigener Stil: Sehr schlicht, sehr klar, scheinbar naiv und doch tiefgründig. Die Erzählerin versteht es, dem Leser die Augen zu öffnen für die Absonderlichkeiten des Alltags. Ein bisschen erinnert diese Weise des Erzählens an François Lelord, allerdings mit etwas weniger Pathos als bei ihm – das tut dem Buch sehr gut.

Vom Inhalt her geht es um eine junge Frau und ihrem Sohn. Irgendwann beschließt sie aus ihrer bisheriger Welt auszubrechen und zieht nach Berlin. Doch sie merkt, dass sie für etwas wirklich anderes weiter weg gehen muss und sie zieht nach Frankreich. Herrlich unaufgeregt erzählt sie über ihre Erfahrungen, ihre Ängste und das Finden von Heimat. Sie erzählt über die kleinen und großen Unterschiede zwischen den Kulturen, wobei wir verklemmten Deutschen nicht sehr gut wegkommen…

Zitate:

„Man kann einfach weggehen, dachte ich. Entweder man geht ein bißchen weg, oder man geht richtig weg oder man bleibt… Man kann auch bleiben und, während man bleibt, denken, eines Tages gehe ich einfach weg, und während man das es denkt, bleibt man und wartet… und eines Tages ist man geblieben und gar nicht weggegangen, weder ein bißchen noch richtig. Und dann ist man traurig und sagt: wo ist das Leben bloß hin.“ (S. 7)

„Es ist sonderbar, sagte René am Abend, daß man Dinge sehen kann, ohne sie wahrzunehmen. Mal gespannt, was wir auf die Weise noch so entdecken.“ (S. 95)