Römer 14, 1-12: Meinungsverschiedenheiten sind normal

Aus den Ausführungen des Paulus wird nicht eindeutig klar, warum manche in der Gemeinde in Rom kein Fleisch essen (V.2) oder bestimmte Tage für höher achten als andere (V.5). Auf jeden Fall gibt es Meinungsunterschiede, wie Glaube konkret gelebt werden soll. Und beide Seiten sehen sich im Recht und argumentieren von ihrer Glaubensüberzeugung her. Spannend ist, dass Paulus diesen Streit nicht durch eine klare theologische Stellungnahme klärt. Wenn es um Grundlagen des Glaubens geht, um den Kern des Evangeliums, dann war Paulus da ja bekanntlich nicht zimperlich, da kann man scharfe und deftige Worte von ihm hören. An dieser Stelle im Römerbrief kann man nun klar erkennen: Wenn es nicht um grundlegende Fragen des Glaubens geht, dann kann Paulus unterschiedliche Meinungen stehen lassen und akzeptieren.

Sein Anliegen an dieser Stelle ist nicht, dass alle in allen Glaubensdingen eine Meinung haben müssen. Wichtig ist ihm hier, dass Christen sich bei unterschiedlicher Meinung nicht gegenseitig verachten oder richten. In manchen Dingen muss ich es aushalten, dass andere eine andere Meinung haben und sie dennoch als Brüder und Schwestern achten und lieben.

Dabei geht es Paulus hier nicht um Beliebigkeit, so nach dem Motto: Jeder kann glauben was er will. Nein, jeder muss sich ernsthaft vor Gott fragen, ob er seine Meinung vor dem Herrn, der für uns gestorben und wieder lebendig geworden ist (V.9) verantworten kann. Jeder muss sich vor Gott prüfen, ob seine Meinung dem Geist Jesu Christi entspricht. Aber Paulus geht davon aus, dass auch bei ernsthafter theologischer Prüfung und ernsthafter Gewissensprüfung vor Gott wir Christen nicht in allen Dingen zu einer Meinung kommen. Das Richten darüber, wer nun im Recht ist, dürfen wir getrost Gott überlassen.

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Apostelgeschichte 15, 36 – 16, 5 Konfliktlösung

Schon wieder eine Auseinandersetzung unter den ach so einmütigen ersten Christen: Paulus und Barnabas geraten „scharf aneinander“ (V.39). Es geht um die Frage, ob für eine weitere Missionreise wieder Johannes Markus mitreisen soll oder nicht. Barnabas will ihn dabei haben, Paulus nicht. Die Gründe dafür bleiben unklar, aber es könnte sein, dass es mit dem Streitthema zusammenhängt, um das es die ganze Zeit geht: Wie frei darf die Heidenmission sein, bzw. welche alttestamentlichen Gesetze müssen Heidenchristen erfüllen. Johannes Markus war hier wohl anderer Auffassung als Paulus.

Die Lösung dieses scharfen Konflikts liegt für Paulus und Barnabas nun nicht in einem Kompromiss, sondern in einer Trennung. Beide gehen künftig ihre eigene Wege und jeder sucht sich neue Mitarbeiter für seine Missionsarbeit. Ich finde das gut und ehrlich, dass die Bibel auch über solch offene Konflikte redet. Nicht immer kommen wir Christen zu einem Kompromiss, manchmal ist es besser, man geht sich aus dem Weg. Das sollte natürlich nicht die erste Wahl sein, aber als letzte Möglichkeit ist es besser, getrennte Wege zu gehen, als sich ständig in die Wolle zu kriegen.

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Apostelgeschichte 15, 1-12 Von wegen „ein Herz und eine Seele“

Da hat es ganz gewaltigen Zoff gegeben in der Urchristenheit. Es haben sich zwei Lager gebildet, die nicht nur unterschiedliche Meinungen haben, sondern einen handfesten Streit. Selbst Lukas, der ja gerne davon berichtet, wie die Christen einmütig und ein Herz und eine Seele sind (Apg.4,32), berichtet erstaunlich offen darüber. An mehreren Stellen spricht er es deutlich an: Es entstand „Zwietracht“ (V.2) und sie hatten einen „nicht geringen Streit“ (V.2). Wenige Verse später führt er noch einmal aus, dass man sich auch im höchsten Leitungsgremium der jungen Urchristenheit „lange gestritten hatte“ (V.7). Lukas möchte mit seiner Apostelgeschichte ja eigentlich Werbung für das Christentum machen – wenn er in diesen Worten von einem Konflikt spricht, dann muss der ganz schön heftig gewesen sein.

Wenn ich mir so manche Konflikte in der heutigen Christenheit und in unseren Gemeinden ansehe, dann kann ich feststellen: Auch die ersten Christen haben nur mit Wasser gekocht. Auch sie hatten heftige Auseinandersetzungen. Immerhin ging es nicht um persönliche Konflikte oder um finanzielle Streitigkeiten, sondern um eine grundlegende theologische Frage: Muss man um selig zu werden, zunächst ein Teil des Volkes Israel werden (d.h. konkret: Beschneidung und Befolgung des mosaischen Gesetzes)? Paulus sagt klipp und klar: Nein! Andere sagen klipp und klar: Ja! Petrus verweist auf das Handeln Gottes: Er hat auch unbeschnittenen Heiden als sie gläubig wurden, den Heiligen Geist geschenkt. Trotzdem ist es schwierig einen klaren Kompromiss zwischen den beiden Positionen zu finden.

Mir wird immer wieder deutlich, dass wir so manches mal ein verklärtes Bild von den ersten Christen haben: „Ja, damals war noch alles in Ordnung!“ Nach dem Motto: Früher war alles besser. Wir sehen die Konflikte und Probleme in unserer Zeit und sehnen uns zurück nach einem perfekten Urbild von Gemeinde. Wir meinen manchmal, dass das Ursprüngliche auch das Beste war. Aber das ist nicht unbedingt ein biblischer Gedanke, sondern eher eine Vorstellung aus der Zeit der Aufklärung. Die Gemeinden damals hatten genau so mit Konflikten und Problemen zu kämpfen, wie wir heute. Es waren andere Themen, aber es gab trotzdem heftigen Streit. Und trotzdem hat Gott in und durch all unsere menschlichen Unzulänglichkeiten gewirkt und gehandelt. Ich bete darum, dass er das auch heute noch tut…

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Apostelgeschichte 11, 1-18 Ein Herz und eine Seele

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele.“ (Apg.4,32) Mit diesen schönen Worten beschreibt Lukas die Einheit der ersten Christen. Im heutigen Abschnitt stellen wir fest, dass diese Einheit nicht bedeutet, dass die Urchristen sich nie gestritten hätten und immer einer Meinung waren. Als Petrus nach seiner Begegnung mit dem Hauptmann Kornelius wieder zurück kam, „stritten die gläubig gewordenen Juden mit ihm“ (V.2). Sie waren ganz und gar nicht einig mit dem, wie sich Petrus verhalten hatte.

Die Einheit zeigt sich nicht darin, dass die Urchristen immer einer Meinung waren, sondern darin, wie sie mit diesem Konflikt umgegangen sind. Petrus erzählt erst einmal in Ruhe, was passiert war und warum er so gehandelt hat. Die anderen lassen ihn reden und hören erst einmal zu. Sie beharren nicht auf ihrer Meinung, sondern lassen sich überzeugen: „Als sie das hörten, schwiegen sie still und lobten Gott…“ (V.18) Sie erkannten, dass Petrus nicht eigenmächtig gehandelt hat, sondern dass er sich von Gott leiten lies.

Solch eine Einheit wünsche ich uns auch heute. Wir brauchen nicht immer einer Meinung sein. Wir können auch streiten. Aber es ist wichtig, dem Anderen zuzuhören und seinen Weg mit Gott ernst zu nehmen. Die Christen damals konnten ihre Meinungsverschiedenheit beilegen und haben sich gemeinsam an Gott ausgerichtet. Wobei dann in Apg. 15 deutlich wird, dass das Thema der Heidenmission weiterhin für Differenzen sorgte. Das Streitthema wurde nicht einfach beiseite geräumt, sondern sorgte weiterhin für Diskussion. Trotz allen Differenzen waren sie aber eins vor Gott.

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Lukas 22, 24-30 Erschreckend realistisch

Ein erschreckend realistisches Bild von Jüngerschaft und Gemeinde. Jesus macht im Abendmahl deutlich, dass er sein Leib für die Jünger gibt und sein Blut für sie vergießt. Aber einer von ihnen ist ein Verräter und die anderen streiten kurz darauf, wer von ihnen der Größte sei. Ja geht’s denn noch?!

Aber leider ist das bis heute ein erschreckend realistisches Bild von Jüngerschaft und Gemeinde. Welcher Christ macht im Lauf seines Lebens nicht früher oder später in Gemeinden ähnliche Erfahrungen? In diesen Gefahren stehen wir bis heute: Dass wir das Wesentliche aus dem Blick verlieren und uns in Streitereien verwickeln. Dass wir nicht auf Jesus schauen, sondern auf uns selbst und auf Andere. Dass unser Ego sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, Anderen zu dienen.

Von daher bin ich froh über diesen ehrlichen Bericht des Lukas. Schon damals, in Jesu leiblicher Gegenwart, war es nicht viel anders. Und trotzdem konnte er seine Jünger gebrauchen, um sein Reich zu bauen…

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Richter 20 Zum Glück sind wir anders…

Anstatt die eigenen Fehler einzusehen und gemeinsam gegen das Böse zu kämpfen, fängt der Stamm Benjamin an gegen die anderen Stämme des Volkes Gottes zu kämpfen. Das führt zu hohen Verlusten auf beiden Seiten.

Zum Glück ist das eine alte Geschichte aus längst vergangenen Zeitenund wir Christen heute handeln natürlich völlig anders! Wenn wir Fehler gemacht haben, sehen wir sofort ein, dass wir im Unrecht sind. Wenn wir andere verletzt haben, dann tut es uns natürlich von Herzen leid, wir entschuldigen uns, sind zur Vergebung und Versöhnung bereit und sind schnell wieder ein Herz und eine Seele. Wir kämpfen nicht gegen Glaubensgeschwister, sondern wir dienen ihnen in Demut und oft unter großer Selbstverleugnung. Bei Streitigkeiten fragen wir uns zuerst, was wir selbst falsch gemacht haben und haben großes Verständnis für die Unzulänglichkeiten des Anderen. Ja, zum Glück hat dieser Text absolut nichts mit uns zu tun…

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Philipper 4, 1-3 Eines Sinnes

Wir merken immer wieder wenn wir Bibel lesen, dass die Gläubigen damals ähnliche Problem hatten wie wir. Paulus muss in seinem Brief ganz gezielt zwei Personen aufrufen, ihre Streitigkeiten beizulegen: „Evodia ermahen ich und Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien in dem Herrn.“ (V.2) Wenn man sich das praktisch vorstellt, muss das ganz schön peinlich gewesen sein. Denn ein Brief des Paulus wurde wahrscheinlich im Gottesdienst vorgelesen und hatte besonderes Gewicht. Und neben vielen allgemeinen Aussagen, Grüßen und Ermahnungen werden nun zwei Frauen namentlich aufgerufen, sich zu vertragen!

Was aber bedeutet „eines Sinnes“? Müssen wir Christen in allem gleicher Meinung sein? Bedeutet christliche Gemeinschaft Konformität und Gleichschaltung? Ich glaube es ist hier wichtig auch auf die Fortsetzung zu achten: „… in dem Herrn.“ Nicht in jeder Frage sollen sie eines Sinnes sein, sondern in ihrer Ausrichtung auf den den Herrn. Die Neue Genfer Übersetzung schreibt hier: „… ihre Unstimmigkeiten beizulegen und sich ganz auf das gemeinsame Ziel auszurichten.“ Es geht nicht darum, dass wir in jeder Kleinigkeit die gleich Meinung haben, sondern dass wir alle dasselbe große Ziel vor Augen haben. Der Weg dorthin kann unterschiedlich sein, aber die gemeinsame Blickrichtung ist entscheidend.
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Jeremia 1, 17-19 Wir machen den Weg frei?!

Naja, so richtig motivierend klingt das ja nicht unbedingt. Gott sagt dem Jeremia zwar, dass er bei ihm sein wird und dass er ihm Standhaftigkeit schenken wird, aber er bereitet ihn zugleich auf heftige Probleme und Widerstände vor. Jeremia soll seine Botschaft „wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes“ ausrichten. Sie alle werden gegen ihn streiten. Aber Jeremia soll davor nicht erschrecken, denn Gott ist ja bei ihm.

Mhm… ich kann mir angenehmere Aufgaben vorstellen. Wir denken ja doch eher, dass Gott so ein „Wir-machen-den-Weg-frei-Gott“ ist. Aber bei Jeremia scheint es so, als ob ihm besonders viele Hindernisse in den Weg legt…
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2. Petrus 3, 14-18 – Petrus vs. Paulus

Auch die Apostel waren nicht immer ein Herz und eine Seele. In Gal. 2,11-21 berichtet Paulus von einer Meinungsverschiedenheit mit Petrus und jetzt am Ende des zweiten Petrusbriefes stichelt Petrus gegen Paulus: Er bezeichnet Paulus zwar als einen „lieben Bruder“, aber er macht auch deutlich, dass er manches in seinen Briefen für schwer verständlich hielt und auch von „Unwissenden und Leichtfertigen“ leicht zu „verdrehen“. Paulus lehrt seiner Meinung nach also zu kompliziert und zu missverständlich!

Ich find’s beruhigend und auch irgendwie schön, dass wir in der Bibel solch eine Vielfalt von unterschiedlichen Sichtweisen auf das Evangelium haben. Wenn das nicht so wäre, dann müssten wir eigentlich an den vielen verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften die es heute gibt verzweifeln. Aber wir sehen ja, dass es da von Anfang an Unterschiede gab und dass selbst die Apostel nicht in allem so hundertprozentig einig waren. Auch Petrus und Paulus waren nur Menschen und trotzdem hat sie Gott auf großartige Weise gebrauchen können.
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Psalm 120 – Es wird meiner Seele lang

„Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.“ (V.6) Was für eine geniale Formulierung! Es scheint bei mir ja immer wieder durch, dass ich die Luther-Übersetzung mag – auch wenn sie manchmal etwas schwerer verständlich ist. Aber hier wird mal wieder deutlich wie viel mehr Kraft und Poesie in dieser Übersetzung steckt, als in vielen modernen Übersetzungen (Neues Leben: „Schon zu lange wohne ich bei denen, die den Frieden hassen.“ Gute Nachricht: „Schon viel zu lange wohne ich hier, unter Menschen, die den Frieden hassen!“). Da steckt bei Luther viel mehr Ausdruck und Tiefe drin: „Es wird meiner Seele lang.“

Inhaltlich kann ich den Beter gut verstehen: Es entzieht dem Leben und der Seele die Kraft, wenn man selbst im Frieden mit anderen zu leben versucht, es aber nicht gelingt, weil die anderen es gar nicht wollen. Immer wieder interessant, dass die Menschen vor tausenden von Jahren genau die gleichen Probleme hatten wie wir heute. Wie wenig sich doch der Mensch ändert!
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