Johannes 12, 20-36 Jesus sprengt Erwartungen

Komische Reaktion! Da wollen zwei Menschen Jesus sehen (d.h. sie wollen ihn kennen lernen) und Jesus antwortet mit einem nicht ganz einfachen Wort über das Sterben. Er deutet sein eigenes Sterben an und betont, dass dies nötig sei, damit Frucht wachsen kann. Aber auch seine Nachfolger sollen ihr irdisches Leben „hassen“, damit sie das ewige Leben erhalten (V.25). Klingt nicht gerade attraktiv und einladend für die beiden Menschen, die gerade ihr Interesse bekundet haben, Jesus näher kennen zu lernen!

Jesus entspricht nicht den üblichen Erwartungen. Das zeigt sich auch in V.34: Das Volk hat vom Messias ganz andere Vorstellungen. Sie gehen davon aus, dass der Messias nicht sterben wird, sondern in Ewigkeit herrschen will. Auf dem Hintergrund manch alttestamentlicher Stellen ist das auch gar nicht so abwegig (Jes. 9,5-6Hes. 37,25, Ps. 89,37). Aber auch hier antwortet Jesus nicht wie erwartet und klärt die Menschen über ihre falschen Vorstellungen auf, sondern fordert sie einfach auf, dem Licht zu vertrauen. Keine Erklärung, keine logischen Argumente,…

Das liegt wohl auch daran, dass man Jesus erst von Kreuz und Auferstehung her recht verstehen kann. Vorher muss es für die Menschen immer recht schwierig gewesen sein, Jesus wirklich zu verstehen. Aber es warnt auch uns davor, ein allzu genaues und festgelegtes Jesusbild zu haben. Jesus lässt sich nicht in unsere menschlichen und religiösen Schablonen pressen.

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Johannes 11, 17-27 Bei Jesus im Leben und Sterben

Was für ein Anspruch! Jesus sieht sich als die Auferstehung und das Leben in Person! Das ist wohl das provozierendste und weitgehendste Ich-bin-Wort des Johannesevangeliums. Jesu ist mehr als ein Wegweiser oder eine Hilfe zum Heil, er ist das Heil selbst. Er vermittelt nicht nur Leben, sondern ist das Leben in Person. Es ist verständlich, dass die junge Christenheit bei solchen Ansprüchen in Konflikt mit der jüdischen Gemeinde geraten ist. Diese Aussagen sind noch einmal von einer anderen Qualität, wie wenn ein Prophet von sich sagt, im Namen Gottes zu reden.

Ist die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod aber wirklich ein Trost angesichts des Verlustes eines irdischen Menschenlebens? Manche tun das als billige Jenseitsvertröstung ab. Mit selbst kommt es auch manchmal so vor. Der Schmerz und die Verzweiflung über Leid und Tod in dieser Welt ist trotzdem noch da. Aber dann gibt es auch Zeiten, in denen mich solche Hoffnungsaussagen tragen, halten und trösten. Wer in der Gewissheit leben und sterben kann, dass Jesus das Leben und die Auferstehung ist, und wer diesem Jesus vertrauen kann, der lebt und stirbt leichter.

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Johannes 11, 1-16 Offene Fragen

Diesen Text finde ich immer wieder auf’s Neue rätselhaft. Auf der einen Seite wird zwei mal betont, dass Jesus Lazarus und seine Schwestern lieb hat (V.3.5). Andererseits zögert er zwei Tage lang, bevor er seinem Freund hilft. Offensichtlich soll mit diesem Auferweckungswunder ein Exempel statuiert werden, um anderen den Glauben zu erleichtern (V.15). Jesus lässt Leid und Schmerz zu, nur um dann zu zeigen, dass er mächtig genug ist, um Leid und Schmerz zu überwinden und neues Leben zu schenken?

Das zweite rätselhafte, das ich bis heute nicht richtig verstehe, ist die Aussage des Thomas: „Lasst uns mit Jesus gehen, dass wir mit ihm sterben!“ (V.16) Meint er das ernst oder ist diese Aussage sarkastisch zu verstehen? Ich habe bis jetzt noch keine Auslegung gefunden, die mich entweder von dem einen oder dem anderen wirklich überzeugt hätte.

Klar kann ich mir für jeden Bibeltext auch Erklärungen zurechtlegen. Aber ich denke, es ist wichtig, dass wir an manchen Stellen auch ehrlich zugeben, dass wir nicht alles in der Bibel verstehen. Manches bleibt rätselhaft und offen. Das ist angemessener, als wenn wir so tun, als ob wir mit der Bibel in der Hand alle Fragen ein für alle mal beantworten könnten.

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Lukas 22, 7-23 Mit dem Verräter am Tisch

Anders als bei Markus, weist Jesus erst am Ende des Mahles auf Judas als seinen Verräter hin. Damit wird bei ihm noch deutlicher als bei Markus, dass Judas beim letzten Abendmahl noch mit dabei war! Erst vor kurzem ist mir diese Ansicht begegnet, dass selbst Judas beim Abendmahl dabei sein durfte. Da dachte ich noch: „Komisch, das hab ich noch nie gehört. Ob das wirklich stimmt?“ Aber so wie Lukas das hier erzählt, muss es wohl so gewesen sein (zumindest nach der Ansicht des Lukas).

In so manchen Kirchen und Gemeinden ist das Verständnis vom Abendmahl ja recht eng. Nur die wahren Gläubigen, die bewusst eine Entscheidung für Jesus getroffen haben und vor Gott ein reines Gewissen haben, dürfen am Abendmahl teilnehmen. Eine Eliteveranstaltung. Jesus selbst trank damals sogar mit seinem Verräter aus demselben Kelch! Damit heißt Jesus die Tat des Judas keineswegs gut. Er verurteilt sie ausdrücklich in V.22. Aber er macht deutlich: „Auch die schlimmsten Sünder dürfen mit mir Mahlgemeinschaft haben. Es gibt keine Barrieren, die zuerst überwunden werden müssen, um an meinem Sterben für euch Anteil haben zu dürfen. Alle dürfen in meine Gemeinschaft kommen.“

Die Frage ist nicht, ob wir uns vorher verändern müssen, um Gemeinschaft mit Jesus haben zu dürfen. Sondern die Frage ist, ob wir uns durch die Gemeinschaft mit Jesus im Abendmahl verändern lassen. Bei Judas ist das leider nicht geschehen. Aber vielleicht geschieht es bei manch anderem, der in unseren Augen nicht würdig ist, das Abendmahl zu empfangen…

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Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

Ein sehr weises und tiefgründiges Buch. Ein Buch, das mich bewegt hat. Ein Buch, das den Leser zum Nachdenken über die eigenen Prioritäten seines Lebens bringt.

Tiziano Terzani war Autor und Journalist. Er war lange Zeit Korrespondent des „Spiegels“ in Asien. Aus dieser Zeit ist ihm die asiatische Kultur und Religion sehr vertraut. Terzani erkrankt an Krebs und lässt sich nach konventionellen westlichen Methoden in den USA behandeln. Weil er verschiedene Krebsarten hat, wird er sowohl operiert, als auch bestrahlt und er erhält eine Chemotherapie. Die Behandlung verläuft zufriedenstellend, aber er wird durch sie aus seinem Alltag heraus gerissen und beginnt ganz neu sein Leben zu überdenken.

Er fängt an, auf der Suche nach äußerer und innerer Heilung durch die Welt zu reisen. Sein Weg führt ihn zu verschiedenen Gurus, alternativen Heilern und esoterischen Gesundheitsaposteln durch Indien, Thailand, Hongkong, die Philippinen und schließlich in die Abgeschiedenheit des Himalaja. Sehr differenziert setzt er sich in seinem umfangreichen Buch mit westlicher und östlicher Medizin auseinander. Er vermittelt auch einen sehr guten Einblick in östliche Spiritualität.

Auf der einen Seite ist er überzeugt, dass die westliche Medizin ihm am besten bei der Bekämpfung des Krebses helfen kann. Andererseits sieht er auch sehr klar die begrenzte Sichtweise der westlichen Medizin: der Mensch wird als Materie betrachtet und nicht als eine Einheit aus Leib, Seele und Geist – und dann auch dementsprechend behandelt. Dabei sieht er aber auch die Schwächen der östlichen Medizin und Religion. Vor allem deckt er die Flachheit und Scharlatanerie von nebulösen New-Age Vorstellungen auf, in welche östliche Elemente einfließen, um damit im Westen Geschäfte zu machen.

Faszinierend finde ich vor allem, mit welcher Schärfe und Präzision Terzani die materialistische Weltsicht unserer westlichen Hemisphäre kritisiert. Er legt den Finger auf die Wunde einer Welt, in der es viel zu sehr um Äußerlichkeiten geht. Im Lauf seiner Reise wird ihm immer klarer, dass das wichtigste nicht die äußere Heilung und Gesundheit ist, sondern zu erkennen, wer man ist. Am nächsten kommt er diesem Geheimnis in der Einsamkeit des Himalaja.

Als schließlich der Krebs doch wieder ausbricht und die Ärzte in New York nichts mehr für ihn tun können, reagiert er nicht mit Verbitterung und Verzweiflung, sondern er macht das beste aus der verbliebenen Zeit. Er kehrt noch einmal in seine abgelegen Hütte im Himalaja zurück und schreibt dieses Buch. Er fährt fort mit seiner Suche nach Weisheit, nach Frieden, nach einem Leben in Einklang mit sich und der Welt.
Es ist kein christliches Buch. So manches mal setzt er sich auch kritisch mit mit Christen auseinander (v.a. mit westlichen Evangelikalen, die in der asiatischen Welt missionieren wollen). Aber es ist ein sehr religiöses Buch, das sich offen mit der Frage nach dem Sinn auseinander setzt. Ich fand es auch für mich als Christ sehr inspirierend und bewegend.

Zitate

  • “Es ist doch seltsam, dass der moderne Mensch Tausende von Dingen erforscht, studiert, sich aneignet, aber übers Sterben nichts lernen will. Ganz im Gegenteil. Soweit nur irgend möglich, vermeidet er es, über den Tod zu sprechen (es gilt sogar als unschicklich, ähnlich wie früher die Erwähnung sexueller Dinge); er verdrängt ihn einfach, und wenn dann der vorhersehbare, völlig natürliche Zeitpunkt da ist, ist er nicht darauf vorbereitet und leidet entsetzlich, klammert sich ans Leben und leidet gerade darum noch mehr.” (S. 364)
  • Ich „wollte nur noch das sein, was mir immer schon am meisten entsprach: ein Forscher. Aber nicht, um die Welt draußen zu erforschen – die hatte ich einigermaßen kennengelernt -, sondern jene Welt, von der die Weisen aller Kulturen schon immer wussten, dass sie jeder Mensch in sich trägt. Der moderne Mensch denkt immer seltener an diese Welt. Dazu fehlt ihm die Zeit, meist auch die Gelegenheit. Besonders in den Städten denken wir immer weniger in größeren Zusammenhängen, sondern rennen ständig irgendwelchen Details, irgendwelchen Kleinigkeiten hinterher und verlieren zum darüber den Sinn für das Ganze.“ (S. 440)
  • Terzani erzählt ein Gleichnis von Tagore, einem bengalischen Dichter: „An einem Abend sitzt er bei Kerzenschein in seinem Hausboot auf dem Ganges und lies einen Essay von Benedetto Croce. Der Wind löscht die Kerze, und plötzlich ist der Raum vom Mondschein erfüllt. Und Tagore schreibt: ‚Umgeben war ich ganz von seiner Schönheit, doch der Kerze Schein trennte mich von ihr. Jenes kleine Licht versperrte dem schönen, großen Licht des Mondes den Weg zu mir.‘ In unserem täglichen Leben wimmelt es von solch kleinen Lichtern, die uns daran hindern, ein größeres zu sehen. Es ist beängstigend, welch enge Fesseln wir unserem Geist angelegt haben. Und ebenso unserer Freiheit. Eigentlich reagieren wir nur noch. Wir reagieren auf das, was uns passiert, auf das, was wir lesen, war wir im Fernsehen sehen, was uns gesagt wird. Wir reagieren entsprechen vorgefertigten gesellschaftlichen und kulturellen Handlungsmustern. Und immer öfter reagieren wir automatisch. Zu etwas anderem bleibt uns keine Zeit. Also nehmen wir den bereits gespurten Pfad.“ (S.442)
  • „Dass der Tisch immer reich gedeckt ist, versteht sich, zumindest im Westen, von selbst. Es ist kein Geschenk mehr, für das man irgendjemandem danken müsste. Und so essen wir dann auch: Roboterhaft stopfen wir die Nahrung in uns hinein, schauen dabei fern oder lesen in der ans Glas gelehnten Tageszeitung.“ (S. 472)
  • „Mir ging es vor allen Dingen auch um ein Prozess der Enthaltsamkeit, der Reinigung. Ich sehnte mich danach, all das wieder loszuwerden, mit dem man sich in der Welt unten im Tal so voll stopft und das einen nur ablenkt: Information, Wünsche, Hoffnungen, Unterhaltungen. Dort oben, ohne Strom, ohne Telefon, ohne Zeitungen, ohne irgendwen oder irgendwas, das einzuplanen war, fiel es leicht, ein bisschen auszumisten. Sobald man sich aus der Alltagsroutine löst, stellt man fest, wie wenig einem an innerer Freiheit im täglichen Leben bleibt und in welch hohem Maße das, was wir üblicherweise tun und denken, das Ergebnis eingefahrener Verhaltensmuster ist.“ (S.668)
  • „Schon lange predigte ich – denen, die es hören wollten – den Wert der Stille, als ich eines Tages auf eine antike indische Geschichte stieß, die mit einfachen Worten alles erklärt. Ein König sucht einen berühmten Rishi im Wald auf. ‚Was ist das Wesen des Selbst?‘, fragte er ihn. Der Greis blickt ihn an und schweigt. Der König wiederholt die Frage. Doch der Rishi schweigt. Der König fragt noch einmal, aber der Rishi bleibt stumm. Da gerät der König in Zorn und fährt ihn an: ‚Was ist nun? Willst du nicht endlich antworten?‘ ‚Drei Mal habe ich dir geantwortet, aber du hörst nicht zu‘, antwortete der Rishi ganz gelassen. ‚Das Wesen des Selbst ist die Stille.'“ (S.671)
  • Ein alter Weise gibt Terzani einen Rat, wie er sich auf seine letzte Reise vorbereiten soll: „Indem du dich erforschst und nach und nach allen Zierrat deiner Persönlichkeit und deines Wissens über Bord wirfst. Indem du zum Wesen deines Seins vorstößt. Dazu gehört Mut, denn es handelt sich darum, eine Sache nach der anderen wegzugeben, bis du nichts mehr hast, woran du dich festhalten kannst. Aber dann entdeckst du, dass es da etwas gibt, das dich festhält. Erst dann verstehst du, dass dieses Etwas all das in sich vereint, was du gesucht hast.“ (S.677)

(Amazon Link: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell)

Darüber spricht man nicht

Lese zur Zeit „Noch eine Runde auf dem Karusell“ von Titiano Terzani, einem ehemaligen Spiegel-Korrespondenten. Er ist an Krebs erkrankt und beschreibt in dem Buch seine Suche nach Heilung und Lebenssinn. Er beschäftigt sich intensiv mit Hinudismus und Buddhismus, und setzt sich dabei sehr kritisch mit unserer modernen materialistischen Weltsicht auseinander.

Ein Zitat: „Es ist doch seltsam, dass der moderne Mensch Tausende von Dingen erforscht, studiert, sich aneignet, aber übers Sterben nichts lernen will. Ganz im Gegenteil. Soweit nur irgend möglich, vermeidet er es, über den Tod zu sprechen (es gilt sogar als unschicklich, ähnlich wie früher die Erwähnung sexueller Dinge); er verdrängt ihn einfach, und wenn dann der vorhersehbare, völlig natürliche Zeitpunkt da ist, ist er nicht darauf vorbereitet und leidet entsetzlich, klammert sich ans Leben und leidet gerade darum noch mehr.“ (S. 364)

Peter Dyckhoff: Sonnenuntergänge

Der katholische Pfarrer Peter Dyckhoff berichtet in diesem Buch von seiner jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit Sterbenden und Trauernden. Er gibt keine direkten Ratschläge oder durchdringt das Themenfeld auf theologische Weise, sondern er erzählt von vielen unterschiedlichen Erlebnissen. An vielen Einzelbeispielen wird deutlich, was sterbende Menschen oder deren Angehörige beschäftigt.

Trotz des nicht gerade einfachen Themas ist es ein spannendes und gut zu lesendes Buch. Dyckhoff versteht es, lebendig zu erzählen. Was mir an dem Buch vor allem gefallen hat: dem Autor geht es darum, dass wir uns mit dem Tod und dem Sterben auseinander setzen. Jeden von uns wird es treffen. Aber niemand redet darüber oder macht sich darüber Gedanken. In unserer modernen Welt ist der Tod eines der letzten großen Tabuthemen. Heute zählt nur das Leben. Aber der Tod gehört dazu. Wenn wir ihn ein ganzes Leben lang ausblenden, dann wird es am Ende oft schwierig, dieser Realität ins Auge zu schauen und damit angemessen umzugehen.

Dyckhoff ist katholischer Theologe und das wird in seinen Erzählungen auch deutlich. Mit so manchen Vorstellungen habe ich meine Probleme. Er geht mit der katholischen Tradition ganz selbstverständlich davon aus, dass man für die Toten beten kann und dass es sogar „Kontaktmöglichkeiten“ zwischen Lebenden und Toten gibt. Da bin ich aus evangelischer Sicht sehr viel zurückhaltender.

Aber auch für evangelische Christen ist es ein bereichernder Erfahrungsschatz, den der Autor da mitteilt. Er regt an, sich selbst über den Tod und den eigenen Umgang mit dem Sterben zu machen. Durch seine oft sehr warmherzigen Erzählungen senkt er die Angstschwelle vor diesem Thema. Er hat mir wieder deutlich gemacht, dass es auch und gerade in heutiger Zeit wichtig ist, wieder von einer „ars moriendi“ (der Kunst des Sterbens) zu reden.

(Amazon Link: Peter Dyckhoff: Sonnenuntergänge)

Heute vor einem Jahr

Genau heute, genau zu der jetzigen Uhrzeit, lag ich in Tübingen auf dem Operationstisch und der Arzt hat einen Tumor aus meinem Gehirn heraus operiert (vgl. hier). Seltsam, wenn man so zurück denkt. Im Lehrtext von heute steht: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können.“ (Mt. 10,28) Ja, das stimmt. Natürlich hab ich immer noch Angst vor dem Tod und vor allem vor dem Sterben. Ich möchte meine Familie nicht alleine zurück lassen. Aber ich weiß auch: dieser Tumor kann vielleicht meinen Leib töten, aber nicht meine Seele. Die hält Gott, ganz treu und fest, in seinen Händen.

Christoph Schlingesief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

Schlingensief war ein deutscher Allround-Künstler, der unter anderem als Film-, Theater- und Opernregisseur tätig war. 2008 wird bei ihm, im Alter von 47 Jahre Lungenkrebs festgestellt. Es folgen Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Das hektische Leben des aktiven Künstlers steht plötzlich still und es kommen jede Menge Fragen und Ängste hoch. Schlingensief versucht das alles zu verarbeiten, indem er – vor allem in der Anfangszeit nach der Diagnose und der Operation – immer wieder seine Gedanken und Gefühle auf ein Diktiergerät spricht. Das Buch ist die Verschriftlichung dieser Aufzeichnungen. Es ist so etwas wie das Tagebuch eines Krebserkrankten (der dann 2010 an seiner Krankheit stirbt).

Als jemand, der selbst eine Operation wegen eines Gehirntumors hinter sich hat und regelmäßig zur Nachuntersuchung muss, hat mich das Buch besonders berührt. Jede Krebserkrankung ist wieder anders und jeder Betroffene geht damit wieder anders um. Bewegend bei Schlingesief ist, mit welcher Offenheit und Radikalität er sich seinen Fragen und Gefühlen stellt. In den Aufzeichnungen erlebt man mit ihm den rasanten Wechsel zwischen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung auf der einen Seite und immer wieder Hoffnung und zur Besinnung kommen auf der anderen Seite.

Der Autor sucht nach Antworten, er ringt mit sich selbst und mit Gott. Immer wieder beschäftigt ihn auch die Auseinandersetzung mit seinem vor kurzem verstorbenen Vater. Interessant für mich war vor allem die Beschäftigung mit Gott. Schlingensief stammt aus katholischen Hintergrund und er spricht immer wieder von Gott, Jesus und Maria. Manchmal will er gar nichts mehr mit Gott zu tun haben und Gott erscheint ihm weit entfernt und höhnisch. Manchmal fühlt er sich auch getröstet und der Glaube gibt ihm Halt. Spannend auch wie er realisiert, dass er sein Lebenstempo ändern muss, dass er langsamer leben muss und nicht mehr für alles Zeit haben muss.

Worin ich ihm unbedingt zustimme ist, dass sich unsere Gesellschaft nicht ernsthaft mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzt. Das hat kein Platz bei uns. Natürlich haben wir alle Angst davor – aber ob wir mit dieser Angst besser zurecht kommen, wenn wir den Tod einfach verdrängen und nicht wahr haben wollen? Ich fürchte auch wir Christen tun uns oft damit schwer. Wie oft begegnet mir gerade bei Christen eine Verdrängung der Vergänglichkeit. Viele Christen leben genauso nach dem Motto: Hauptsache gesund. Leid und Schmerz hat keinen Platz. Was zählt ist Heilung, Glück und Frieden. Wie viele Berichte und Bücher gibt es über Menschen, die von Gott auf wunderbare Weise gerettet und geheilt wurden? Und wie viele Bücher gibt es darüber, wie Christen mit Würde in den Tod gegangen sind? Aber früher oder später trifft es uns alle! Im Mittelalter gab es noch Bücher über die Kunst des Sterbens (ars moriendi) – heute beschäftigen wir uns mehr mit der unmöglichen Kunst des Nicht-Sterbens.

Das Buch von Schlingensief ist ein guter Anlass, um über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken. Aber auch über das eigene Leben: was ist mir wichtig, womit lohnt es sich, meine kostbare Lebenszeit zu verbringen, was will ich für mich oder auch für andere in meinem Leben tun? Schlingensief hatte auch in seiner Krankheit noch einen unbändigen Hunger nach Leben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es noch etwas schöneres geben kann, als dieses irdische Leben. Ich lebe auch gern – aber ich seh das dann doch anders: wenn’s schon hier so schön ist – wie genial wird das erst im Himmel werden!

Zitate

  • „Aber Jesus ist trotzdem nicht da. Und Gott ist auch nicht da. […] Es ist alles ganz kalt. Es ist keiner mehr da. Alles ist tot.“ (S. 71)
  • „Es geht um dieses Gefühl, dass es in der Welt, direkt vor meiner Nase, so viele wunderschöne Sachen gibt. Das kann ein Baum sein, ein leckeres Essen, alles, was mir jetzt mehr bedeutet als jemals zuvor. Das Normalste ist das Schönste.“ (S. 103)
  • „Musik kommt jedenfalls aus einer anderen Sphäre, Musik ist wirklich göttlich. Das sagen die Indios, das sagen die Afrikaner, das sagen eigentlich alle. Nur wir glauben, sie kommt aus dem Radio.“ (S. 174)
  • „Das Gottesprinzip ist im Laufe der Jahrhunderte zu einem Prinzip der Schuld und des Leidens verkommen. Warum ist das Gottesprinzip kein Freudenprinzip?“ (S. 211)

(Amazon-Link: Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!)

Philipper 1, 18b-26 Christus verherrlichen

Wenn wir in Schwierigkeiten stecken (seien es Krankheit, Leiderfahrungen, zwischenmenschliche Probleme, finanzielle Schwierigkeiten oder was auch immer…), dann beten wir normalerweise: „Gott, hol mich hier raus! Egal wie, aber hol mich hier raus!“ Anders Paulus. Er sitzt unschuldig im Gefängnis und weiß nicht, ob er lebend wieder heraus kommt. Er betet darum, dass „Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder Durch Tod.“ (V.20)

Wir wollen normalerweise um jeden Preis von Gott gerettet, geheilt und glücklich gemacht werden. Anders Paulus. Er würde am liebsten sterben, um bei Christus zu sein (V.23) und nur widerwillig will er sich von Gott retten und aus dem Gefängnis befreien lassen, weil er weiß, dass dadurch „Christus Jesus größer werde“ (V.26). Was für eine Einstellung! Da wird mir deutlich, dass vieles bei mir selbst im Vergleich dazu, nur fromm überkleisterte Selbstsucht ist. Bibeltext