Sprüche 31, 1-8 Zuhören, statt aburteilen

Keiner weiß, wer Lemuel, der König von Massa ist. Der Ortsname und auch manche Ausdrücke in diesem Abschnitt weißen auf einen arabischen Stamm hin. Ein jüdischer König dieses Namens ist auf jeden Fall nicht bekannt. Ich finde es klasse, dass die Bibel so offen für Traditionen von außerhalb ist. So manche Christen sind da heute engstirniger. Der jüdische Glauben erkennt nicht nur außerisraelitische Weisheit als wahr und gut an, er nimmt sie sogar in die Heilige Schrift auf!

Das steht in einer gewissen Spannung zum gestrigen Abschnitt, in dem betont wird, dass wahre Weisheit von Gott kommt. In Spr. 30,6 werden wir darauf hingewiesen, nichts zu Gottes Worten hinzuzufügen. Aber offensichtlich kann sich Gottes Weisheit auch in den Worten von nichtisraelitischen Königen zeigen. Und umgekehrt muss nicht alles wahr sein, was israelitische Propheten im Namen Gottes sagen. Es tut uns also gut, in Demut auch das anzuhören, was Menschen mit anderem Glauben Gutes zu sagen haben…

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Sprüche 30, 1-19 Genug haben

Agur warnt vor all zu großer Selbstsicherheit des Weisen. Menschliche Weisheit ist gut und richtig, aber wir dürfen dabei nie vergessen, dass wir nur Menschen sind und unser Wissen daher begrenzt ist. Wirkliche Weisheit finden wir nur bei Gott und dem was er uns offenbart. Agur stellt hier (V.4) ähnliche Fragen, wie Hiob sie von Gott gestellt bekommt (Hiob 38). Hiob kommt mit der Frage nach dem Leid an die Grenze der menschlichen Weisheit. Er bekommt auch letztendlich von Gott keine Antwort, sondern wird auf seine menschliche Begrenzung hingewiesen. Auf eben diese Grenze weist auch Agur hin.

Mir gefällt in dem Abschnitt besondert V.8f. Agur bittet darum, weder zu reich noch zu arm zu sein. Denn beides birgt Gefahren. Der Reiche wird schnell satt und vergisst Gott dabei. Der Arme steht in der Gefahr aus Verzweiflung gegen Gottes Gebote zu verstoßen. Jeder der genug, aber nicht zu viel zum Leben hat, sollte von Herzen dankbar sein. Ich habe genug zum Leben, nicht nur materiell gesehen. Und doch kenne auch ich diese Gier nach mehr, diese innere Unzufriedenheit. Agur hält mir hier den Spiegel vor: Es ist gar nicht erstrebenswert noch mehr zu haben. Sei zufrieden und freue dich an dem, was du hast!

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Sprüche 29, 1-18 Glaube und Politik

In diesen Sprüchen geht es vor allem um die politisch-soziale Dimension des Glaubens. Erstaunlich, wie ähnlich die Themen damals wie heute sind: Steuer, Armut, respektvolles Miteinander. Oder muss man sagen: das ist gar nicht erstaunlich, sondern die Probleme menschlichen Zusammenlebens sind heute die dieselben  wie damals? Trotz allen Fortschrittes, trotz aller neuen Erkenntnisse und Entdeckungen – der Mensch ist immer noch derselbe. Die Grundfragen menschlicher Gesellschaft sind heute noch dieselben: Wie kommt es zu einer gerechten Verteilung des Geldes und wie gehen wir in Respekt und Weisheit miteinander um?

Für die Sprüche ist klar, dass dazu ein offenes Ohr für die Weisungen Gottes gehört (V.18). Aber gerade in den Sprüchen wird auch deutlich, dass dazu nicht nur ein fester Glaube nötig ist, sondern auch nüchterner und sachlicher Menschenverstand. Gerade die Sprüche sind Sammlungen von Lebensweisheiten, die zwar mit Gott in Verbindung gebracht werden, die aber nicht als göttliche Offenbarung vom Himmel gefallen sind. Wichtig ist, dass sich menschliche Weisheit und Lebenserfahrung mit Gottesfurcht (oder anders übersetzt: Respekt vor Gott) verbindet. Glaube kann sich nicht nur auf innerliche und persönliche Erfahrungen zurück ziehen. Er hat Verantwortung auch für andere. Aber umgekehrt gilt auch: eine Politik ohne Respekt vor Gott, steht in der Gefahr, falsche Maßstäbe anzuwenden.

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Sprüche 28, 12-28 Habgier, Schuld und Vergebung

Wer aber eilt, reich zu werden, wird nicht ohne Schuld bleiben.“ (V.20b) Ja, das hat schon mancher erlebt, der um das große Geld gezockt hat und dann sein Geld auf schwarzen Konten verstecken wollte. Es gilt aber auch: „Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ (V.13) Die Habgier ist nicht nur ein Problem der Reichen, die steckt in jedem von uns. Natürlich zeigen wir gerne auf die großen Fische und versuchen damit, unsere eigene Schuld zu relativieren. Aber egal, ob große oder kleine Schuld – entscheidend ist, sie zu bekennen und zu lassen. Wer das tut, der darf – zumindest bei Gott – Barmherzigkeit erlangen.

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Sprüche 27, 1-7 Ratschläge, die wehtun und guttun

„Die Schläge des Freundes meinen es gut; aber die Küsse des Hasser sind trügerisch.“ (V.6) Was für eine tiefe Wahrheit! Aber es ist wie so oft: Diese Wahrheit einzusehen ist relativ leicht, aber sie zu leben ist unendlich schwer. Ich merke das bei mir selbst. Ich bin ein eher harmoniebedürftiger Mensch. Jemand zurecht zu weisen fällt mir schwer. Ich schweige lieber, um des lieben Friedens willen. Noch schwerer ist dies bei jemand, den man liebt. Denn wenn man einen Freund „schlägt“ (z.b. indem man ihm einen kritischen Ratschlag gibt), dann tut das einem selbst auch weh.

Schwierig finde ich auch zu beurteilen, was denn gut für den Anderen ist. Wann ist es besser zu reden und wann ist es besser schweigend zu unterstützen? Kann ich aus meiner Perspektive beurteilen, was besser für den Anderen ist? Und selbst wenn ich mir sicher bin: wie kann ich es sagen, so dass es beim Anderen auch ankommt und er es versteht? Keine leichte Sache…

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Sprüche 26, 1-12 Torheit und Weisheit

In diesen Sprüchen geht es um Toren, bzw. Narren. Das sind im biblischen Sinn nicht einfach Dummköpfe, sondern Menschen, die ihr Leben ganz bewusst ohne Gott gestalten wollen. Das biblische Gegenbild ist der Weise, der sein Leben klug und in Demut vor Gott gestaltet. Mir ging es beim Lesen so, dass ich schwankte zwischen Ablehnung und Zustimmung. Ablehnung, weil ich mich fragte: kann man so überheblich und herablassend von anderen sprechen? Müssen wir nicht Verständnis für alle Menschen zeigen? Und Zustimmung, weil ich das Gefühl hatte, da redet jemand mal Klartext – was in unserer heutigen Welt nicht mehr selbstverständlich ist, weil wir auf alle und jedes Rücksicht nehmen, für alles Verständnis zeigen, gegenüber allem tolerant geworden sind, ja niemand verletzen wollen, immer politisch korrekt sein müssen und uns ja kein falsches Wort über die Lippen kommen darf.

Schön fand ich, dass im V.12 auch diejenigen, die sich selbst für weise halten, zurecht gewiesen werden. Es geht also nicht um eine überhebliche Haltung. Wahre Weisheit hat immer auch mit Demut zu tun.

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Sprüche 25, 11-28 Das süße Leben

Wer Honig findet, der hat Glück (V.16). Für jemand im Alten Orient, der keinen Industriezucker und bergeweise Süßigkeiten im Küchenschrank hat, ist gefundener Honig eine seltene Köstlichkeit. Honig ist süß und macht glücklich. Aber in unserer Überflussgesellschaft merken wir das ganz genau: Dass sich das Glück mit der Menge des Honigs proportional erhöht ist ein Trugschluss. Wenn wir zu viel Gutes in uns hinein stopfen, dann schmeckt es uns am Ende nicht mehr und es wird uns schlecht davon. Weniger ist mehr – das ist wahre Lebenskunst.

„Ein Mann, der seinen Zorn nicht zurückhalten kann, ist wie eine offene Stadt ohne Mauern.“ (V.28) Aber ist nicht ein Mann, der dauernd seinen Zorn unterdrückt wie ein explosives Pulverfass? Was ist die richtige Balance, um mit unserem Zorn nicht entweder andere oder uns selbst zu schaden? Wie können wir mit Zorn konstruktiv umgehen?

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