Philipper 3, 12-16 Zwischen den Polen

Ich mag es nicht, wenn Christen selbstzufrieden und satt auf ihrer Kirchenbank sitzen und meinen, sie hätten alles schon erreicht, sie seien perfekte und vorbildliche Christen (und dabei verächtlich auf andere herunter schauen, die noch nicht so weit sind). Ich mag aber auch keine Christen, die sich ständig selbst bemitleiden, weil sie so schrecklich unperfekt sind und die gar keinen Antrieb haben an sich selbst etwas zu verändern. Auch ich selbst bin ein Wanderer zwischen diesen Polen.

Ich mag dagegen Paulus, der sich einerseits nicht einbildet, dass er schon vollkommen sei, der um seine eigene Schwäche und Unzulänglichkeit weiß und der das auch offen zugibt. Andererseits streckt er sich aus nach dem Ziel, er jagt dem Vollkommenen nach, er sieht sich selbst auf dem Weg und gibt alles, um auf diesem Weg vorwärts zu kommen. Paulus wandert nicht zwischen diesen Polen hin und her, sondern hält sie in einer guten Spannung.
Bibeltext

Ulrich Giesekus: Glaub‘ dich nicht krank

Heute mal ein Hinweis auf ein hilfreiches kleines Büchlein von einem Christen und ausgebildeten Psychologen. Ich hab den Autor, Ulrich Giesekus, vor einiger Zeit auf einer Tagung live erleben dürfen und fand ihn von seiner Art her sehr interessant. Er ist auf der einen Seite sehr differenziert und ausgewogen, aber zugleich auch sehr kraftvoll und deutlich. Manchmal führt die Ausgewogenheit ja auch zur Langeweile, weil alles auf ein uninteressantes Maß glatt gebügelt wird. Bei Giesekus ist das nicht so, er bleibt trotz differenzierter Sichtweise auch herausfordernd und inspirierend. Das gilt auch für das Buch „Glaub‘ dich nicht krank“.

Das Buch besteht aus drei Teilen: I. Gesund sein an Leib, Seele und Geist; II. Krank machende Normen; III. Gesunder Glaube im Alltag. Im ersten Teil beschreibt der Autor aus welcher Perspektive er schreibt (nämlich als Christ und Psychologe) und er betont, dass es auch für Christen wichtig ist, sich selbst ganzheitlich wahrzunehmen. Auch als Christ sollte man sich nicht nur um seine geistliche Gesundheit kümmern, sondern auch um die körperliche und psychische. Im zweiten Teil geht es um falsch verstandene christliche Normen, die dann wirklich auch krank machen können. Im dritten Teil wird aufgezeigt, wie biblische Aussagen zu einem gesunden und heilvollen Leben führen können (z.B. der Umgang mit Schuld und Vergebung).

Wie gesagt: Mir gefällt seine differenzierte Sichtweise. Immer wieder macht er deutlich, dass nicht alles, was biblisch klingt auch wirklich so ist. Immer wieder zeigt er Spannungen auf, die uns krank machen können. Aber zugleich macht er klar: Nicht der Glaube an sich macht krank, sondern wenn er falsch verstanden und gelebt wird. Natürlich können auch Christen psychisch krank werden. Und oft kann ein falsch verstandener Glaube sich hier verstärkend auswirken. Aber genau so gilt, dass statistisch gesehen die Christen psychisch und körperlich gesünder sind als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Zum Schluss noch ein Beispiel für seine trotz aller psychologisch-wissenschaftlichen Ausgewogenheit doch provozierende Art zu schreiben: „Auch wenn es vielen Leuten nicht passt: Es ist nicht die Hauptsache geistlichen Lebens, zu möglichst vielen spürbaren spirituellen Höhenflügen zu kommen – so sehr wir uns das auch wünschen mögen. In erster Linie geht es beim Glauben nicht um unsere subjektive Befindlichkeit, sondern um Erlösung, nicht um Heilung, sondern um Heil.“ (S.46)

Psalm 70 – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Auf sehr deutliche und pointierte Weise stellt der Beter dieses Psalms seinen Wunsch nach Veränderung und seine Klage über die Wirklichkeit gegenüber. In V.5 schreibt er: „Doch alle, die deine Nähe suchen, sollen über dich jubeln und glücklich sein! Alle, die deine Hilfe begehren, sollen immer wieder rufen: »Gott ist groß!«“ (Gute Nachricht) Im folgenden Vers beschreibt er dann seine eigene Lage: „Ich bin arm und wehrlos; Gott, komm bald zu mir! Du bist doch mein Helfer und Befreier, HERR, lass mich nicht länger warten!“ (Gute Nachricht) Er wünscht sich, glücklich zu sein und jubeln zu können. Aber er erlebt sich als arm und hilflos.

Ich find’s gut, dass das einfach so stehen bleibt. Der Psalm endet mit dieser Klage. Die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit wird nicht aufgelöst. Sie bleibt bestehen. Da gibt es keinen erklärenden Nachtrag, dass dann irgendwann das Gebet doch erhöhrt wurde und der Beter dann fröhlich Gott loben und preisen konnte. Da gibt es keine theologischen Erklärungsversuche, warum Gott (noch) nicht auf das Gebet geantwortet hat.

Wir brauchen im Glauben nicht alle Spannungen auflösen und weg erklären. Wir brauchen nicht immer auf alle Fragen eine Antwort und eine Erklärung. Und auch im Gebet darf ruhig einmal die Klage am Ende stehen. Glaube heißt, dass ich trotz und mit diesen Spannungen zu Gott komme.
Bibeltext